Mamma mia, Sicilia!

In 2018 feiere ich ein Jubiläum: 20 Jahre Reisegeschichten. 1998 schrieb ich meine erste Story für die Zeitschrift JOY, sieht man mal von einer Art Glosse über die Abschlussfahrt nach Rom in der Abi-Zeitung ab. Ich habe Sizilien auf einer Diskette wiedergefunden. Dass die Dinger 20 Jahre halten, grenzt schon an Wunder. Dann durchforstete eine liebe alte Freundin ihre Fotoalben und fand die passenden Bilder. Grazie mille, Miriam!
Lasst euch also zurückversetzen in das Jahr 1998, in dem es noch italienische Lire gab. Bis auf ein paar inzwischen überholte Eszetts habe ich nichts am Originaltext geändert.

Ouvertüre mit Cappuccino

Ein freundliches Gesicht umrahmt von schwarzen Locken erscheint hinter Bergen von frisch gespülten Kaffeetassen. „Ciao, belle signorine!“ Der Kellner grinst charmant. Wir wollen unseren ersten Tag auf Sizilien italienisch beginnen und frühstücken im Stehen an der Bar. Unsere Frühstückshörnchen nehmen wir mit Pudding gefüllt, due cornetti con la crema. Der Morgen vor der Entdeckung Siziliens verlangt nach einem Kalorienschub.

Buongiorno, Sicilia!

Zufrieden mampfen wir unsere Hörnchen zum cremigen Cappuccino, während sich der Puderzucker von den Cornetti gleichmäßig auf Haut und Klamotten verteilt. Buongiorno! Tschüss, das wird bestimmt ein guter Tag. Weiß gepudert verlassen wir das Lokal mit dem grinsenden Giovanni, Guiseppe oder so ähnlich. Sein unverwechselbarer Charme, sein Cappuccino und die Cremehörnchen haben gesiegt: Morgen gehen wir dort wieder frühstücken.

Der Mann und das Meer

Letojanni ist ein kleiner Ort am Meer. An der schmalen Küstenstraße lungern ein paar Ragazzi auf ihren Vespas herum. Die Straßencafés der Piazza sind zu dieser Uhrzeit wie leergefegt; nur zwei Touri-Päarchen planen ihre Ausflugsroute vor der ausgebreiteten Sizilienkarte. Erstmal ans Meer, beschließen wir. Das Wasser schimmert und glitzert verführerisch in der warmen Frühlingssonne. Siziliens Freude ist das Meer? Ja, es ist klar und grün, aber noch ein bisschen frisch im Mai!

Isola Bella, Isola Bella! Ein kleiner Fischerkahn lädt die Sonnenanbeter zu einer Küstenfahrt ein. Für 10.000 Lire pro Nase nimmt er uns mit. Ziel ist das romantische Inselchen unterhalb von Taormina. Die Fahrt entlang der Küste lohnt sich: Sizilien ist vom Meer aus wunderschön, frisch und farbig wie der Frühling und imposant wie eine Theaterkulisse mit dem schneebetupften Vulkan im Hintergrund. Ugo, der Fischer, erzählt uns, dass man im Winter dort oben beim Skilaufen durch den Wolkenkranz fährt. Skilaufen auf dem Ätna – ein explosives Erlebnis? In unserer Fantasie stößt der Ätna schwarzen Ascheregen aus, während wir leichtfüßig über den weißen Schnee hinweggleiten. Ugo reißt uns aus unseren abenteuerlichen Träumen. Wir sind an einer Grotte angelangt und dürfen eine Runde im glasklaren Wasser schnorcheln.

Beachtime: Zeit zum Philosophieren

Am Strand von Letojanni wartet Fabio, der Bademeister. Ein italienischer Bagnino arbeitet nur in den warmen Monaten am Strand, rückt die Liegestühle zurecht, scherzt mit den Hotelgästen, hat immer ein Auge auf die Schwimmer im Wasser und mindestens zwei für die jungen weiblichen Urlauber. Aber Vorsicht vor dieser Spezies! Mit sicherem Instinkt spürt ein geübter Bagnino jede Solofrau sofort auf. Frauen ohne männliche Begleitung sind in seinen Augen einsame Frauen, die er mit seiner lebhaften Gegenwart beglücken will. Ganz uneigennützig, versteht sich. Das unvermeidbare Ende der Geschichte? Tausende von Frauen wurden durch die Jahrzehnte hinweg seit dem Erscheinen des Bagnino im italo-romanischen Sprachraum von seinen Amore-Pfeilen getroffen und sind alsdann gebrochenen Herzens wieder in ihre diversen Herkunftsländer zurückgekehrt.

Le signorine haben ein Boot gekapert.

Mit diesen trüben Gedanken lassen wir uns auf die von Fabio zurechtgerückten Liegen fallen und verschanzen uns hinter bunten Magazinen mit den ultimativen Umfragen zum Thema Sex. Kein Fabio der Welt kann uns von diesem spannenden Thema ablenken. Zumindest nicht in den nächsten zehn Minuten. Erst die Aufschreie einiger sonnender Strandnachbarn versetzen unsere Schaltzentrale kurz in Alarmstimmung. Zwei Meter über unseren Schirmen gleitet ein riesiger Schatten in Richtung Nachbarstrand. In Letojanni ist Paragliding möglich. Unser Bagnino-für-Alles weiß natürlich, wo, wann und wieviel. Für 120.000 Lire kann man sich Sizilien zehn Minuten lang aus der Luft ansehen. Ausrüstung und Lehrer inklusive. Bei klarem Wetter ist das ein spannendes Spektakel, und der Ätna wirkt aus dieser Perspektive noch bombastischer.

Der Vulkan ruft

Natürlich gibt es beim Aufsteigen auch die erdgebundene Variante. Der vulkanischen Faszination erlegen lassen wir uns per Bus die Südseite des Ätnas hinaufbringen. Die Fahrt führt vorbei an Orangen- und Limonenbäumen, Mandeln, Pistazien, Walnüssen, also einmal quer durch’s Schlaraffenland. Luigi, der Guide, erzählt, dass aus Lava nach gut 200 Jahren fruchtbare Erde wird. Vereinzelte schwarze Schneisen erstarrter Lava lassen auf jüngere Ausbrüche schließen.

Am Rifugio Sapienza, bei der Seilbahnstation des Ätna, weht in 1.900 Metern Höhe ein frisches Lüftchen. Sieben Grad plus, wir holen die Windjacken heraus. Andere Ausflügler frieren, aber die Souvenirshops am Rifugio sind für diese Fälle ausgerüstet und bieten hauchdünne Plastikfummel im Sonderangebot. Europas mächtigster Vulkan ist stolze 3.340 Meter hoch. Eine Besteigung ist bis auf 3.000 Meter möglich, doch weil sich der Gipfel heute in dichte Nebelschwaden hüllt, rät Luigi von einer Fahrt mit der Seilbahn ab.

Tanz auf dem Vulkan

Gut eingepackt wandern wir zu den umliegenden Nebenkratern. Während uns die Ohren abfrieren, tänzeln wir begeistert inmitten einer Mondlandschaft aus schwarzer Lavaerde. Ganz unten in der Ferne glitzert die Alegría, die Freude Siziliens, das Meer. Wir sind auf dem Mond und meilenweit von irdischen Genüssen entfernt. Bis wir erstes Leben entdecken: In den Ritzen der Lavabrocken hausen ganze Kolonien von Marienkäfern. Die sollen uns Glück bringen, sagt Luigi.

Eine echt sizilianische Stadt

Zweimal haben die Lavaströme des Ätna Catania unter sich begraben. Die Stadt zu Füßen des Vulkans ist jedesmal aus der brennenden Glut wieder auferstanden. Ein findiger Barockarchitekt hat sich nach einem Ausbruch im 18. Jahrhundert einen Traum wahrgemacht, den Traum einer schwarzen, aus Lava und Basalt errichteten Stadt. Da wir uns für Architektur, Shopping und Nightlife interessieren, führen alle Wege nach Catania.

Die zweitgrößte Stadt Siziliens ist eine Hochburg der Mafia. Zwar verdient auch die „ehrenwerte Gesellschaft“ am Tourismus, aber mit Kleinkriminalität ist in größeren Städten immer zu rechnen. Wir lassen die Handtaschen zu Hause. Ein letzter Blick in den Spiegel, Lippenstift-Kontrolle, Sonnenbrillen auf – wir sind bereit für das sizilianische Großstadtabenteuer.

Beim Warten auf den blauen Überlandbus geht es schon recht südländisch zu: Der Bus kommt nicht. Jedenfalls nicht fahrplanmäßig. Wir rufen die Agentur in Taormina an. Wird gestreikt? Nein, alles funktioniert normal. Wir bemühen uns, so gelassen wie die Italiener um uns herum zu wirken. Irgendwann kommt der Bus. Ein lebhaftes Gespräch entwickelt sich. Fahrer und Kontrolleur erzählen von der angespannten Verkehrslage, verfallen aber gleich wieder in ihren sizilianischen Dialekt. Und den verstehen nur die Sizilianer.

Winkewinke mit Einheimischen

In Catania hat man uns den Fischmarkt wärmstens empfohlen. Gleich hinter dem Dom, immer dem Geruch nach. Fischleiber in allen Formen glänzen silbrig in der Morgensonne. Frische Kräuter, Berge von Tomaten, Auberginen, Zucchini, alles was das Herz, scusi, der Magen, begehrt. Belle ragazze, kommt und seht! Kartoffeln! Das haben wir nicht gehört. Wir sind doch inkognito in Catania. Mit schwarzen Gucci-Brillen getarnt.

Über die Einkaufs- und Flanierstraße Via Etnea beginnen wir unsere Shopping-Tour. Schicke Boutiquen, italienische Schuhe, ein nie endendes Thema. Auf dem Markt hinter der Piazza Stesicoro kriege ich einen Espressokocher für schlappe 15.000 Lire. Auch Markendessous gibt es hier zu erschwinglichen Preisen.

Im Umkreis der Via Etnea entfaltet sich nach Sonnenuntergang ein reges Nachtleben. Abends noch draußen sitzen, Leute treffen. Wir trinken frische Mandelmilch, latte di mandorla, eine sizilianische Köstlichkeit. Es dauert nicht lang, bis wir uns neuen Gesprächspartnern gegenüber finden. Catania ist Universitätsstadt, hier ist einiges los. Auch die jungen Leute aus den Strandorten und aus Taormina fahren oft und gern nach Catania. Aber, o Schreck, beinah hätten wir den letzten Bus verpennt!

Ruhepäuschen auf der Piazza

Selbst in dem malerischen Vorzeige-Örtchen Taormina geht mehr ab als in unserem Letojanni. Mit Bus und Seilbahn ist man in einer Viertelstunde dort. Tagsüber strömen die Touristenmassen über die Flaniermeile Corso Umberto. Und abends auch. Vor dem berühmten Griechisch-Römischen Amphittheater von Taormina drängeln sich die Interessierten. Fast wie im Louvre. Aber das Theater ist ein Muss.

Un sogno

Und siehe da: Der Ausblick auf die Küste, das Meer und den Ätna, gerahmt zwischen antiken Säulen ist umwerfend. Hier kann man es schon eine Weile aushalten und die antiken Sitzplätze zum Sonnen nutzen. Leicht angerötet kehren wir zurück zum Corso Umberto. Es ist Zeit für ein Panino in der Sonne. Sozialer Mittelpunkt jedes italienischen Städtchens ist die Piazza. Hier spielen die Kinder, treffen sich die Verliebten, sitzen die Alten und beobachten die Fremden. Und wir essen hier unsere Panini.

Ohne Kultur kein Preis

Haben wir nun das wahre Sizilien erlebt? Am nächsten Tag mieten wir einen Fiat Panda mit Faltdach und folgen dem Ruf der Antike ins Landesinnere. Wir gönnen uns den Genuss römischer Fußbodenmosaike auf 3500 Quadratmetern Fläche. Die Ex-Inhaber der Villa Romana del Casale haben an nichts gespart. Von der Wildschweinjagd bis zum Liebespaar erfahren wir alles über die Sitten und Unsitten der alten Römer. Und lernen: Schon die alten Römerinnen trugen Bikinis! Wir fragen uns, was die Herren der Antike beim Baden kleidete. Vielleicht Tangas mit Wildschweinjagd-Motiven?

Mit dem Auto erreicht man die entlegeneren Dörfer. Sávoca steht noch auf unserer Wunschliste. Dort soll es nicht nur gruselige Mumien geben, ein Teil des „Paten“ mit Marlon Brando wurde in dem Ort gedreht. Sávoca ist ein kleines Nest in den Bergen zwischen Letojanni und Messina. Das Faltdach unserer Fiat-Limousine ist hochgeklappt, ländlicher Geruch durchströmt die Luft.

Die Bar Vitelli liegt zentral, Zeit für einen caffé. Das Interieur ist vollgestopft mit angestaubten Kuriositäten. Links hinter dem Eingang eine vergilbte Schwarz-Weiß-Photographie, ganz wie ein Familienbild von Anno dazumal. Der Mann in der Mitte hat verfluchte Ähnlichkeit mit Marlon Brando. Wir wissen, wir sind am richtigen Ort. In dem verqualmten Hinterraum spielen die Männer Karten.

Mamma mia!

Wir fragen die alte Dame hinter der Theke nach den Mumien. Mit wenigen Worten und knappen Gesten weist sie uns den Weg zum Kapuzinerkloster. Beim Verlassen der Bar fühlen wir die Blicke der Dorfbewohner im Rücken. Wieder an der frischen Luft, atmen wir tief durch. Bis zum düsteren Erlebnis in den Katakomben der Klosterkirche von Sávoca.

Der Aufseher erzählt uns, dass es sich um Mumien aus dem 18. Jahrhundert handelt. Sie wurden durch Salztrocknung haltbar gemacht und stecken in den originalen Gewändern. An Letzteren hat jedoch der Zahn der Zeit genagt. Für eine Spende zur Restaurierung des Grusels ist man im Kloster dankbar. Die fürchterlichen Grimassen der Mumien lassen Schlimmes vermuten. Angeblich sind sie alle eines natürlichen Todes gestorben. Einige aus der noblen Gesellschaft sind mit profaner giftgrüner Farbe besprenkelt. Ein Attentat, erzählt der Kapuziner.

Happy End

Wir steigen in unseren Panda und fahren zurück in Richtung Taormina. Tonino, der Rezeptionist, hat uns den Sonnenuntergang in Castelmola empfohlen. Durch die schmalen Gassen steigen wir hinauf zur Burgruine des rustikalen Bergdorfes. Wir lassen uns vom Panorama der sizilianischen Küstenlandschaft überwältigen.

Tonino ist ein Romantiker, wie alle Italiener. Kein Wunder, bei soviel alegría! Kein Gedanke an die Heimreise. Wir sehen uns noch ein bisschen in dem gemütlichen Nest um und entdecken die Bar Turrisi. Auf mehreren Etagen verblüfft die Einrichtung: Der Besitzer hat eine ungezügelte Vorliebe für Fallussymbole. Zweimal vino di mandorla, bitte! Der sizilianische Mandelwein wärmt von innen.

Wir haben Visionen: Beim nächsten Besuch in Sizilien müssen wir unbedingt nach Palermo fahren.
Wir haben keine Angst vor der Mafia.

Text: Elke Weiler
Fotos: Miriam D’Errico

  1. Hach, das ist so eine schöne Idee! Und ein tolles Jubiläum, gratuliere herzlichst!

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