Basilikata Italien

Levi und die Höhlen von Matera

Matera, old

Das Land ist von herber, wilder Schönheit: halbkahle Hügel, senkrecht abfallende Schluchten, hier und da grüne Sprenkel mediterraner Macchia. Die Sonne brennt auf den ausgewaschenen, beigegrauen Boden. Kein Wölkchen am Himmel und kaum ein Fahrzeug auf der Straße mitten im Karstgebiet zwischen den süditalienischen Regionen Apulien und Basilikata.

Bald erreichen wir Matera, das zunächst wie eine ganz normale italienische Stadt wirkt. Fast ein wenig zu neu und geordnet. Doch nur ein Stückchen weiter zeigt die Stadt ihr anderes Gesicht. Eine gewundene, steil abfallende Straße führt übergangslos auf eine sandfarbene Steinlandschaft zu.

Sassi, das sind Steine

Türen, Fenster und Terrassen zeichnen sich unscharf vom lehmfarbenen Untergrund ab. Hier sind die Sassi, die Höhlenwohnungen des ursprünglichen Matera. Das Matera, das zunächst nicht da ist, unbemerkt, so wie in Carlo Levis Roman „Christus kam nur bis Eboli“.

Das Matera, dessen steinerne, bleiche Hautfarbe mit dem felsigen Untergrund verschmilzt.

Denn Sassi sind Steine. Hier ist es, doch man muss hinabsteigen. „In jenem Abgrund liegt Matera. (…) Diese umgedrehten Kegel, diese Trichter heißen Sassi: Sasso Caveoso und Sasso Barisano. Sie haben die Form, unter der wir uns, in der Schule, Dantes Inferno vorstellten.“ Der Arzt und Schriftsteller Carlo Levi wurde in den dreißiger Jahren wegen seiner politischen Aktivitäten ans „Ende der Welt“, in die Basilikata, verbannt. Hier lernte der Turiner das andere Italien kennen, den armen „Mezzogiorno“.

Oberhalb der tiefen Schlucht des Gravina-Wildbaches staffelt sich eine steinerne Landschaft im Einklang mit der Natur, farblich und stofflich damit verschmolzen. Eine der ältesten Besiedlungen der Welt. Siedlungsspuren von vier Jahrtausenden vor Christi Geburt lassen sich nachweisen. Im Mittelalter wuchs Matera zu einer Felsenstadt.

Die nationale Schande

„Es sind Höhlen, die man in die verhärtete Lehmwand der Schlucht gegraben hat: Jede von ihnen hat eine vorgelegte Fassade,“ so Levis Beschreibung der Tuffgrottenstadt. Im Gegensatz zu heute waren sämtliche Felsenwohnungen bewohnt. Ein mittelalterliches Szenario. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs erklärte man die Zustände in den Sassi zur „nationalen Schande“ und begann 1952 mit der Umsiedlung der dort lebenden Familien.

In Levis Roman wird die Tristesse der primitiven Lebensumstände jener Zeit in den Sassi anschaulich beschrieben: „In diesen schwarzen Löchern, Wände aus Erde, sah ich die Betten, die ärmliche Ausstattung, ausgebreitete Lumpen. Auf dem Fußboden lagen die Hunde, die Schafe, die Ziegen, die Schweine. Jede Familie hatte, im allgemeinen, eine einzige jener Höhlen als gesamte Wohnung, und sie schliefen alle zusammen, Männer, Frauen, Kinder und Tiere.“

Die Museumshöhle

Die Treppenstufen der Sassi sind mit grobem Stein geplastert und glänzen im Sonnenlicht, geschliffen von der jahrhundertelangen Nutzung. Im hinteren Teil eines Souvenirladens führen ein paar Stufen in eine „Museumshöhle“ hinab. Ein Tisch, ein Bett, ein paar Werkzeuge an der Wand, ein Nachttopf, ein Vogelkäfig. Wenig, was damals zum Leben reichen musste: Die ehemaligen Bewohner aßen aus einer großen Schüssel, lebten mit den Haustieren, die im Winter für Wärme sorgten, auf engstem Raum.

Chilischoten schmücken die Wände, Nachtwäsche liegt fein säuberlich auf dem einzigen Bett, in dem sämtliche Familienmitglieder gemeinsam genächtigt haben. So ordentlich wie hier ist es wohl nie gewesen. Ich stelle mir die Enge vor, den Raum vollgestopft mit Menschen und Tieren. Die Dunkelheit, denn nur wenig des gleißenden Mittagslichts dringt durch das einzige Fenster an der Außenfront.

Die Wiederauferstehung

Armut, Krankheiten, Gestank – das war Alltag in den Höhlenwohnungen. Im Sommer ist die Behausung unter der Erde angenehm kühl, im Winter schwer beheizbar. Alles Vergangenheit. Mit großem Aufwand wurden die Sassi modernisiert und ins Hier und Jetzt geholt. Die Höhlenwohnungen erhalten Gas, Licht und Strom. Seit 1967 restauriert der Staat die Altstadt von Matera. Allein der verwaltungstechnische Aufwand hat aus dem modernen Teil eine Beamtenstadt werden lassen.

1993 nimmt die Unesco die Sassi in die Liste des schützenswerten Weltkulturerbes auf.

Eine zu neuem Leben erweckte Geisterstadt: Es gibt heute zahlreiche Unterkünfte, Restaurants, Pubs, Andenken- und Kunsthandwerkerläden. Aber nicht nur. Viele der urigen Grotten werden aus privater Initiative restauriert. Die Sassi werden schick, und so eine Höhlen(zweit)wohnung mit ihrem rustikalen, minimalistischen Charme steht bei Kreativen hoch im Kurs. Von wegen Dantes Inferno.

Text und Foto: Elke Weiler

Aus der Reihe „Archivgeschichten“: Ich war Anfang der 2000er in Apulien unterwegs, als ich einen Abstecher in die Basilikata machte, um mir Matera anzuschauen. Damals habe ich als freie Reisejournalistin gearbeitet und analog fotografiert.

Matera hat sich seitdem verändert, es ist längst kein Geheimtipp mehr. In 2019 feiert es sich mit zahlreichen Events als eine der beiden europäischen Kulturhauptstädte. Die zweite, sicherlich genauso interessante, doch weniger bekannte City ist Plowdiw in Bulgarien. Darüber könnt ihr euch bei meinem Kollegen Oliver vom Weltreiseforum einlesen.

Und über die Sassi lest gerne weiter bei Claudia auf Pen and Sea. Sie war zuletzt 2016 dort und hat tolle Fotos sowie Infos zum Übernachten etc. mitgebracht.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern (siehe Footer).

8 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar Oli sagt:

    Vielen Dank für die Erwähnung und den tollen Text. Matera steht bei mir schon seit vielen Jahren weit oben auf der Bucket List – und bei der Lektüre bedaurte ich gleich wieder ein bisschen, dass ich nicht schon längst dort war,

    Interessant finde ich an Matera eigentlich, dass die Stadt es geschafft hat, bis heute zu überleben. Ich denke da zum Beispiel an die nicht ganz unähnlichen Höhlenstädte in Kappadokien, die ja teilweise auch bis in die 1950er Jahre bewohnt waren und irgendwann mal zwangsgeräumt wurden. Und heute sind das keine Museen.

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Sehr gerne, Oli! Danke dir! Was Kappadokien angeht, da gibt es ja auch teilweise Leute, die sich in so einer Höhle eingerichtet haben. Ich vermute, was dort aber fehlt, ist die Infrastruktur rundherum. Matera hat ja außerhalb der Altstadt noch die moderne Stadt, und die Höhlen sind nach und nach wiederbelebt worden, auch weil man deren touristisches Potential erkannte. Liebe Grüße von der Nordsee! Elke

      1. Avatar Oli sagt:

        Ja, du hast recht: In etwas städtischeren Gegenden wie Göreme konnten die Höhlen in Hotels umgewandelt werden. Andernorts, wo es keine moderne Infrastruktur gibt, verkamen die Orte zu Museen. Das ist vielleicht doch ähnlicher, als ich bisher immer dachte. Gibt es denn in der Umgebung noch andere Höhlenstädte, die aufgegeben wurden?

  2. Avatar Franziska sagt:

    Bonsoir Elke!

    Auf Matera stieß ich vor 2 Jahren, als ich mich mit dem Thema Mafia befaßte und eine Webseite fand (über Umwege, beim Stöbern findet man ja einiges).
    Matera hat mich auch sofort an Matmata in Tunesien erinnert. Die Reise dorthin ist zwar schon lange her, das war 1994, aber das Konzept, sich waagerecht in die Erde zu buddeln, war schon sehr beeindruckend.

    Vielen Dank also für diesen kleinen Kick!

    Liebe Grüße
    Franziska

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