Gotland Schweden Slow Life

Von Safran, Schafen und der Lust am Singen

Der Fuchs steht mitten auf der Straße und sieht mich an. Rundherum verschmelzen die Konturen der Landschaft im Schneetreiben. Doch schon kurze Zeit später ist alles weg. Der Fuchs löst sich aus seiner Starre und verschwindet auf der anderen Straßenseite, das Weiß schmilzt, der Schnee geht in Regen über. Als wäre das alles nur ein Traum gewesen.

Was für ein schönes Tier so ein Fuchs doch ist. So nah habe ich noch nie in freier Natur erleben können. Gut, dass ich so langsam gefahren bin. Wie er mich angesehen hat! Aber konnte er mich überhaupt sehen, hinter der Scheibe? Oder nimmt er nur die Bewegung des Wagens war und kalkuliert das Risiko?

Ich bin im Süden Gotlands, eine Gegend im Winterschlaf. Die Nacht im Wald unweit des Ufers hätte ruhiger nicht sein können. „Das ist im Sommer ganz anders“, meint Charlotte Criwall, die gemeinsam mit ihrem Mann Lars das Hotel und Restaurant „Strandakar“ in Stånga erbaut hat. Viel davon haben sie mit ihren eigenen Händen gemacht.

Närshamn im Süden Gotlands

Man heizt mit Erdwärme, hat eine Solaranlage für Warmwasser installiert, setzt auf lokale Zutaten, verwertet Obstreste zum Marmeladekochen, hält sich eigene Bienen. Und der obligatorische Schnaps zum Julbord wurde mit Kräutern aus der Umgebung aufgesetzt.

Natürlich würde ich gerne einmal den Sommer auf Gotland erleben, doch diese Stille jetzt, die möchte ich ungern tauschen. Die beste Zeit, Gotländer näher kennenzulernen. Zeit für Gespräche. Zum Beispiel über Safrankuchen beziehungsweise saffranspannkaka – eine gotländische Erfindung.

Bedingt durch die zentrale Insellage in der Ostsee trieben die Gotländer schon früh Handel. Und so kamen Mandeln und Safran zu Wikingerzeiten auf die Insel, wesentlich früher als aufs Festland. Während Safranschnecken oder lussekatter nur in der Weihnachtszeit verzehrt werden, hat der Safrankuchen immerzu Saison.

Monica und Kerstin – Tochter und Mutter mit Backleidenschaft

Am Tag zuvor habe ich Kerstin und Monica Johansson getroffen, Mutter und Tochter, die von Mai bis September den mittelalterlichen Bauernhof Kattlunds als Eventlocation und Café vom Gotlands Museum pachten. Dort servieren sie natürlich auch saffranspannkaka. Da das Café im Winter geschlossen ist, wird mir die Ehre zuteil, mit den beiden gemeinsam in Monicas Küche zu backen. Auch deren Tochter schaut hin und wieder vorbei – drei Generationen vereint.

Zunächst beginnen wir mit einer fika, so ist es immer hier. Monica hat ein Blech Weißbrot gebacken, das Mehl stammt von der Insel. Schon auf meinem Weg von Visby in den Süden habe ich einige der alten Mühlen gesehen, die meisten sind nicht mehr in Betrieb.

Am Anfang war das Brot.

Wir trinken Kaffee, essen frisches Brot mit Butter und lokalem Käse und reden über den Süden. Es sei eine raue Gegend, meinen die Frauen. Steinige Böden, schwierig zu bewirtschaften. Viel Wind. Früher fischte man und ernährte sich von dem, was die Landwirtschaft abwarf. Man musste sich arrangieren.

Flexibilität ist auch heute noch gefragt, wenn die touristische Saison endet. Dann ist Catering und Fensterstreichen angesagt. Monica und Kerstin bauen auch Bio-Gemüse im Garten an, das sie mit einem Zaun vor den ganzen Wildkaninchen schützen. Gemeinsam mit den Nachbarinnen haben die beiden Frauen Rezepte gesammelt und sie im Buch „Favoritrecept fron södra Gotland“ herausgebracht.

Safrankuchen – ganzjährig beliebt

Die Formel für saffranspannkaka ist ein obligatorisch. Bei Monica wartet der Milchreis heute schon auf der Anrichte, früher wurden einfach die Reste vom Vortag verwendet. Die weiteren Zutaten sind schnell verrührt, siehe das Rezept für Safrankuchen inklusive Monicas Version. Eine halbe Stunde in den Ofen, Sahne und Salmbärsylt sind ebenfalls fertig, und wir lassen es uns schmecken.

Einen Tag später finde ich mich zu einer weiteren fika auf Gotland ein, dieses Mal in Östergarn. Eigentlich soll ich im Skolhuset, der ehemaligen Schule, gemeinsam mit den Frauen des Ortes handarbeiten. Doch wieder wird erst mal gemütlich Kaffee getrunken und Gebäck gegessen. Eine gute Gelegenheit, uns einander vorzustellen.

Das Gotland von früher: Stricken, sticken und ackern an der frischen Luft.

Ursula kam vor 60 Jahren aus Stuttgart nach Gotland, wo sie Eva und Maja in die Welt setzte. Ulla stammt aus Stockholm, hält sich aber schon über 20 Jahre auf der Insel auf. Dann sind da noch Marie, Kajsa und Anna. „Man beginnt immer mit dem größten Teil“, klären mich die Frauen in Sachen fika auf. Von jeder Sorte isst man ein Stück, und von den Resten bekommt jeder eine kleine Tüte mit nach Hause.

Der Handarbeitsraum, der auch gleichzeitig Verkaufsraum ist, wird jeden Samstag zum Café und ist für Interessierte zugänglich: Für 50 Kronen kann man sich am Basteln beteiligen. „Wir recyceln gerne“, sagt Eva. „Alte T-Shirts und Baumwolltücher werden am Webstuhl zu Teppichen, Jeans zu Taschen, Kaviardosen zu Broschen oder Weihnachtsschmuck. Kerzenstummel werden wieder eingeschmolzen, das Material zu neuen Kerzen gezogen. Oder man nimmt Dinge aus der Natur, flicht Körbe aus den Wurzeln des Tannenbaums.

Eva stickt gerne und gut.

Auch zwei Männer sind Teil der Runde, einer fertigt Griffe und Haken aus duftendem Wacholderholz, der andere macht Tische aus Holz und Beton. Beide handwerken jedoch zu Hause. In der netten Frauenrunde hilft man sich gegenseitig und stimmt ab und zu ein Lied an. Rund um das Lucia-Fest fällt die Wahl auf „Staffan var en stalladräng“ – Stefan war ein Stallknecht.

Eva erzählt mir, dass es jederzeit möglich ist, zu Hause um den Weihnachtsbaum zu tanzen, auch dafür gäbe es spezielle Lieder. 20 Tage nach Weihnachten ist allerdings Schluss, wenn es wieder heißt „20 dag Knut“: Bäume wie Schmuck werden abgeräumt. Das Ende der Weihnachtszeit fällt in Schweden nämlich auf den Namenstag von Knut, den 13. Januar.

Auch ein Webstuhl hat seinen Platz im Skolhuset.

Ich hätte noch ewig mit den Frauen beisammen sitzen können, habe jedoch eine Verabredung im Westen von Gotland. Mit Schafen, einem pfiffigen Hund und der Familie Nobell. Marianne und Lars stammen aus dem Norden Schwedens und dachten sich, dass Gotland der ideale Ort für die Schafzucht sei.

Feuchtigkeit mögen die berühmten Gotland-Schafe mit ihrem famosen Fell nämlich nicht, mit Schnee oder Sommerhitze kämen sie hingegen klar. Um die Schafe zu erleben, gehen wir auf die Wiese unweit vom Haus der Nobells. Peggy, der 12-jährige Border Collie, begleitet uns gerne. Schafe hüten? Selbst im Rentenalter ist sie dabei, mit voller Konzentration und leichtfüßiger Eleganz.

Peggy weiß, wo der Hase lang läuft, beziehungsweise das Schaf.

Während Marianne ihren Hund dirigiert, führt Peggy eine Herde von 30 Gotlandschafen exakt gemäß der Befehle über das Gebiet. Zumindest sehe ich das so. Marianne lacht: „Ja, Peggy ist voll bei der Sache. Doch je älter sie wird, desto öfter ‚überhört‘ sie mal einen Befehl und agiert selbstständig.“

Über 100 Schafe bilden zur Zeit den Bestand der Schafzüchter. Für sie beginnt die Lammsaison schon im September, wenn sie entscheiden müssen, welcher Bock zu welcher Gruppe darf. Zur Zeit lebt der Männerclub getrennt von den Liebsten – hart genug für sie! „Es kommt immer mal wieder vor, dass einer entwischt, um zu den Mädels zu gelangen“, erklärt Lars. Sehnsucht verleiht Flügel, daher sind die Böcke von einem relativ hohen Zaun umgeben.

Die Mädels-Crew

Bis Anfang Dezember dürfen sie mit den Weibchen zusammensein. Mit neun Schafen hätten sie mal begonnen, erzählt Marianne. Eines davon war weiß, so dass sie neben der klassischen grauen auch immer diese weiße Linie fortgeführt haben. Die Tragzeit beträgt fünf Monate plus/minus fünf Tage. Anfang Februar werden die Schafe geschoren und Ende März, Anfang April kommen die Lämmer zur Welt.

„Aber alles kann passieren!“, wirft Lars ein. Etwa wenn mal ein liebestoller Bock ausbricht. Im Frühling herrscht dann Hochsaison für die Züchter. Zwar gehen die Lämmer früh nach draußen, müssen jedoch vor Fuchs und Adler geschützt werden. „Auch an Peggy müssen sie sich gewöhnen“, sagt Marianne.

Man versteht sich.

Verkauft werden irgendwann Wolle, Fleisch und Fell. Dabei beurteilen Experten die Qualität: Die Farbe ist nicht wichtig, sondern die Art der Locken, die nicht zu klein geringelt, seidig glänzend und dreidimensional sein sollten. Das liegt dann zur einen Hälfte an den Genen, zur anderen an Faktoren wie Futter und Natur.

Und ein Quäntchen Glück spielt auch mit. Wie immer im Leben.

Text und Fotos: Elke Weiler

Typisch Gotland.

Mit Dank an Destination Gotland, die meine individuelle Recherchereise ermöglicht haben, sowie an Visit Gotland für die Organisation vor Ort!

Und an alle Gotländer/innen, die ich im Süden und Westen der Insel kennenlernen durfte, die mich so herzlich empfangen und mir einen Einblick in das gotländische Leben gewährt haben!

Tack så mycket!

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

4 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Hej Kai!
      Schön von dir zu hören.
      Ich habe das Gefühl, alle skandinavischen Krimis werden im Winter gedreht. ;-)
      Deine Fotografie mag ich gerne! Bin auf der Suche nach einer anderen Kamera – hast du eine Empfehlung?
      Liebe Grüße von der Nordsee,
      Elke

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