Karibik Martinique Slow Life

Barfuß auf roter Erde

Die Fischsuppe im Topf über dem offenen Feuer dampft. Renaud Bonard hebt den Deckel des riesigen Alutopfes, rührt um, wirft uns einen strahlenden Blick zu und legt noch etwas Holz aufs Feuer. Eine einfache Kochstelle inmitten des Hofs, dessen kreolischer Name „Lakou’A“ ebendies bedeutet.

Während der Regen auf das Wellblechdach prasselt, verschwindet Renaud kurz in der Küche, einem dem offenen Bereich angegliederten Raum, in dem seine Mitarbeiterinnen weitere Vorbereitungen treffen. Wir pflücken Mandarinen vom Baum, der zu „Lakou’A“ gehört. Sie sind süß und voller Kerne. Es ist das ehemalige Land seiner Großmutter, das Renaud nun bewirtschaftet.

Fischsuppe aus lokalen Zutaten

Mit einfachen Mitteln hat der 40-Jährige in „Lakou’A“ etwas geschaffen, das an die Gemeinschaftshütte eines Dorfes erinnert – mit ähnlicher Funktion. An manchen Freitagen ruft er zum Tanz auf. Beim soiree bèlè singen sie die alten Lieder und bewegen sich dazu. Jeder kann mitmachen. An anderen Tagen organisiert Renaud ein Essen mit Tanz und Gesang, so wie heute für uns.

Früher Landvermesser, heute Kulturvermittler

Wir laufen über die nackte rote Erde und lassen uns von dem Mann, der im bretonischen Saint-Malo geboren wurde und im früheren Leben Landvermesser war, in eine andere Welt versetzen. Es ist ein Zeitsprung, der lebendiger nicht sein könnte.

Am Anfang ist der Ti Punch.

Ein Motorradunfall änderte Renauds Leben abrupt, er beschloss auf der Karibikinsel neu zu beginnen. Und wirbelt nun durch den selbstgeschaffenen Raum, der ihm Bühne, Schule, Küche und Tanzfläche in einem ist. Wir sind im Herzen von Martinique, in der Gemeinde Gros-Morne, irgendwo im Nirgendwo, umzingelt von dichtem Grün.

Genau am richtigen Ort, um zu reden, essen, lernen, singen und zu spielen.

Renaud und seine Helfer haben uns die Zutaten für einen Ti Punch, also einen Petit Punch, auf den Tisch gestellt, ebenso wie diverse Säfte, Punsch mit Saft, Rum, Saft aus Rohrzucker und diverse Vorspeisen, darunter Salate mit Stockfisch, Hering und Schweineschwanz.

Wer hat die Kokosnuss…?

Auf Martinique wird der Ti Punch gerne als Aperitif getrunken. Er ist weniger stark als normaler karibischer Punsch, was auch an der geringen Menge liegen mag. Man nehme ein kleines Glas, bedecke den Boden mit Rohrzuckersirup und Limettensaft und werfe ein Stückchen Limette dazu. Das Ganze mit Rum auffüllen, aber nur einen Finger breit! Beim Anstoßen wünscht man sich „santé bonheur“, also Gesundheit und Glück.

Trempage heißt Teamwork

Renaud geht derweil der Kokosnuss an den Kragen respektive an die harte Schale. Selbst mit der beachtlichen Machete in der Hand trifft der Mann punktgenau. Mit geübten Schlägen entfernt er Teile der Schale und reicht die Nuss weiter. Eine Köstlichkeit, der Saft. Doch es bleibt nicht beim Zuschauen und Probieren, wir müssen selbst ran.

Die letzten Mandarinen

Der Hauptgang des Menüs ist nämlich Teamwork. Also waschen wir mit Essigwasser die enormen Bananenblätter, die den Tisch bedecken, und schaffen ein Bett für die Zutaten dieses sozialen Gerichts, wie Renaud es nennt. Seinen Anweisungen folgend tunken wir Brot vom Vortag kurz in Wasser, wringen es gut aus und verteilen Brösel über die Blätter. Es folgen Maniokmehl, geräucherter Hering, Bananen und Avocadostücke.

„Eigentlich ist die Avocado-Ernte schon vorüber“, erzählt Renaud. Doch er konnte die letzten Exemplare für uns retten. Am Ende verteilt er seine mit reichlich Gemüse gekochte Fischsuppe über das Bett der Zutaten. Und wir stehen ringsherum und dürfen diese sogenannte Trempage mit den Fingern in unsere Münder schaufeln.

Un plat social: Trempage

Ganz ohne Unfälle geht das nicht vonstatten, zumindest bei mir sind deutliche Spuren des Gerichts auf dem Kleid zu finden. Darüber hinaus mundet mir der Teil mit dem Maniokmehl besser als der mit dem aufgeweichten Brot. Aber Maniok ist ja auch eine Köstlichkeit der tropischen und subtropischen Gegenden. Es kam aus Südamerika in die Karibik und galt bereits den Kariben und Arawak-Indianern als Superfood.

Lehrstunde mit allen Sinnen

Die fleißigen Helfer von Renaud tischen derweil weitere Köstlichkeiten wie diverse Gemüse und Fisch auf, bevor wir uns den Desserts widmen, darunter Bananenkuchen und eine Auswahl tropischer Früchte. Im Prinzip sind wir danach roll- beziehungsweise siestafähig, doch Renaud hat andere Pläne mit uns.

Nachdem das gemeinsam zubereitete und nebeneinander im Stehen verspeiste Mahl die Gruppe bereits ein wenig zusammengebracht hat, folgt der musikalische Teil. Wir werden singen. Spielen. Und tanzen. Aber zunächst ein kleiner Exkurs in die Vergangenheit der Insel. Renaud mutiert zum Lehrer und erteilt eine Geschichtslektion über Arawaks und Kariben, Kolonialisierung, Sklaverei und deren Ende.

Le bèlè – so heißt das Erbe der Arbeiter auf den Zuckerrohrplantagen und der Tanz von Martinique. Konkret geht es um eine musikalische Bewegung, die sich während der Sklaverei in den Bergen manifestierte. Der Tanz als Widerstand. Es geht um Emanzipation, um Selbstbewusstsein, ausgedrückt in Form musikalischer Erzählung.

Dabei lässt sich das kreolische Wort bèlè vom französischen bel air ableiten. Eine Musik, die Kraft gibt und gute Laune macht. Nach der Abschaffung der Sklaverei wurde den Arbeitern eigenes Land zugesprochen. Kleine Felder, teils auf abschüssigem Gelände, auf dem sie Landwirtschaft betrieben. Anstrengende Arbeit, die durch den gemeinsamen, rhythmischen Gesang leichter fiel.

Der Rhythmus fließt, umschließt die Gemeinschaft

Renaud hat eine Handtrommel hervorgeholt und erklärt sie uns. Für bestimmte Klangnuancen reibt er zusätzlich mit der Ferse über das Trommelfell. Nun stimmt er ein Lied an, und auf jede Strophe antworten wir mit dem Refrain, dem Ruf „Yéla“:

Yéla
Mwen ni gran jilé
Yéla
Mwen alé an chanm
Yéla
Mwen wouvè larmoi
Yéla
Mwen pran gran jilé
Yéla
Mwen misiré li
Yéla
Passé an lè mwen
Yéla
mwen ka désann an vil
Yéla
La fami gran jilé

Es wird die Geschichte zweier Kinder erzählt, die im Schrank der Eltern eine Jacke finden und damit spielen. Für uns sind die Worte unbedeutend, es ist der Rhythmus, der einen Sog entfaltet. Der uns bewegt, beschwingt, beflügelt, so wie einst die Menschen auf den Feldern. Er nimmt Besitz von Körper und Geist.

Der Rhythmus bestimmt das Spiel, das Renaud initiiert, der Rhythmus leitet den Trupp der „Arbeiterinnen“, den Renaud anleitet. Alle laufen barfuß. Folgen diesem Rhythmus, während sie die Erde mit Hacken auflockern. Das gemeinsame Ackern auf dem Feld mit Gesang und Instrumenten nennt man Lasotè.

Feel it

Ich lege die Kamera aus der Hand, als Renaud vom Lasotè zum Bèlè übergeht. Wieder heißt es, Freiwillige vor, und ich kann nicht länger unbeweglich dastehen und zugucken. Es ist ein Partnertanz, das Grüppchen wird halbiert. Wir stehen einander gegenüber, bewegen uns aufeinander zu, umkreisen uns. Renaud lässt die Kommandos in das Lied einfließen. Und spätestens jetzt merke auch ich, wie der Rhythmus in der Bewegung vom Körper in den Boden fließt. Der beste Kontakt zu Mutter Erde.

Viel später noch singe ich Yéla, höre die Trommel, den Gesang, spüre den Rhythmus, der bleibt. Fühle den Boden unter meinen Füßen, als gäbe es nur ein Lied – das für Mutter Erde.

Trois-Îlets, schön und beliebt.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an La Martinique, Atout France, Saint Lucia und Condor, die zu der Reise in die Karibik eingeladen haben.

Tausend Dank an unsere tollen Begleiterinnen quer über zwei karibische Inseln, Kareen und Petra, auch für ihre tolle Organisation vor Ort.
Merci beaucoup an Renaud für seine Gastfreundschaft, Gesang und gute Laune!

Und noch ein paar Infos

Das „Lakou’A“ findet ihr auf dem Chemin La Borelie in Gros-Morne, siehe Kontaktmöglichkeiten auf der Facebook-Seite von Renaud. Die soiree bèlè findet freitags von 19 bis 21 Uhr statt, Renaud kündigt auch die Termine dort an.
Außerdem könnt ihr euch im Maison du Bèlè in Sainte-Marie informieren und teilweise auch tanzen, sowie bei der Association AM4 in Fort-de-France.

Mehr lesen über den Rhythmus von Martinique könnt ihr zum Beispiel bei Nicole vom Blog Freibeuter Reisen, die den Lasotè an einem anderen Ort auf Martinique erlebt hat.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern (siehe Footer).

6 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Mary sagt:

    Das 2. Mädel von links beim Tanzen am Ende des Videos kenne ich, die Welt ist echt ein Dorf! Danke für den interessanten Bericht!

      1. Mary sagt:

        Wir haben uns Dezember 2017 auf einem Yoga Retreat kennengelernt! Als Küstenkind und Hundebesitzerin liebe ich übrigens deine Bloggeschichten! Sie sind ein Stück Heimat für mich!

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