Ostsee Schleswig-Holstein Tiere

Yalla tanzt Tango

„Harry ist der Chef“, sagt Ines Schneider. Vor sechs Jahren hat sie mit dem Lama-Business angefangen. Der Grund: ein Blick in Yoshis Augen, einem Kumpel von Harry. Kurze Zeit später hielt die Diplompädagogin ihre ersten Lamas. Inzwischen ist die Herde auf sieben angewachsen, und an diesem Samstag werde ich den achtjährigen Harry sowie die vierjährige Yalla kennenlernen.

Wir treffen uns auf einem Parkplatz in Pelzerhaken unweit vom Beach. Mit von der Partie ist auch Doris, die ich im Sommer in Scharbeutz kennengelernt habe. Sommer an der Ostsee ist natürlich schön, doch ich war neugierig auf den Winter. Und vor allem auf die Lamas am Strand.

Ines macht Harry und Yalla startklar, dann fragt sie mich mit Harrys Leine in der Hand, ob ich will. Und wie ich will! Natürlich habe ich meine Bedenken, denn Lamas sind keine Hunde. Ich muss an die Wanderung mit Esel Uwe an der Schlei denken, eine tolle, aber ungewohnte Erfahrung. Und Lamas sind anders als Esel, ganz anders.

Ines, Yalla, Harry und Doris

Zwar bleibt Harry fast genauso oft stehen wie Uwe und führt dafür ähnliche Gründe an. Hin und wieder will er kosten, was Pelzerhaken kulinarisch zu bieten hat. Aber der Hauptgrund für seine Stopps ist anders gelagert. Harry summt leise und dreht sich um. „Wo bleibt der Rest der Herde?“, fragen seine dunklen Augen.

Die Ohren sind aufgerichtet und einander zugewandt, als wollten sie sich zufunken. Man sagt, Harry habe schöne Ohren, perfekte Lama-Lauscher. Immer wieder blickt er nach hinten und brummt, doch niemand antwortet ihm. „Mach ihm ruhig klar, dass wir weitergehen wollen“, versucht Ines nun Einfluss zu nehmen. Harry gilt zwar als Chef der Herde, aber Ines ist Harrys Chefin, so dass ich als Leinenträgerin in diesem Interessenkonflikt vermitteln muss.

Die Sandnase, eigentlich ein Phänomen bei Hunden, ist auch bei einigen Lamas angesagt.

Jungspund Yalla hingegen trabt munter mit Doris voran. Ines zeigt mir, wie ich die Zügel am besten halte und meint: „Am Strand wechseln wir dann. Ich habe längere Leinen dabei.“ Von Anfang an stehen wir Lama-Wanderer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit sämtlicher Passanten. „Was machen denn die Lamas hier?“, rufen Kinder immer wieder. Normalerweise lebt die Kamel-Verwandschaft ja in den Anden.

Ein Mädchen kommt herbeigelaufen, sie möchte die Lamas mal streicheln. Aber soweit sind wir nicht. Noch nicht. Natürlich sehen die Tiere extra flauschig aus und duften nach Wollpulli, wie Doris treffend bemerkt. Doch ehrlich gesagt, rieche ich kaum etwas. Falls am Ende des Spaziergangs Kuscheln angesagt ist, werde ich mal eine Nase aus nächster Nähe nehmen.

Harry will erst mal ans Meer.

Langsam wird ihm wohl klar, dass ein Ausflug an den Strand auch in abgespeckter Konstellation nett sein könnte. Nur scheint Yalla nicht gerade seine Lieblingskollegin zu sein. Mit ihren gespaltenen Hufen sinken die Lamas tiefer in den Sand als wir, auch sind sie schwerer, können bis zu 150 Kilogramm auf die Waage bringen.

Kneippen für Lamas

Harry gönnt sich eine Kneipp-Kur und taucht die Hufe ins Wasser, biegt den eleganten Hals gen Meer und schnuppert. Aber so richtig in Wanderlaune kommt er immer noch nicht. Yalla hingegen nutzt die Gunst der Stunde und fängt an zu hüpfen. Mit heller Begeisterung folge ich ihrer Darbietung. „Sollen wir tauschen?“, fragt Doris, die Gute.

Kaum dass ich Yallas Leine in der Hand habe, geht die Party los. Ich muss einfach nur schauen, dass ich schnell genug bin. Bis zu 45 km/h schaffen Kleinkamele, da komme ich nicht mit. Zwar schöpft die junge Lama-Dame nicht ihr komplettes Repertoire aus, doch sie springt und läuft gerne. Ich also hinterher.

Dreamteam?!

Eine Familie kommt uns entgegen, der Vater fragt: „Na, wer führt denn hier wen?“ Als ob es darauf ankäme! Yalla und ich bilden ein Team, das zueinander finden und sich aufeinander einstellen muss. Letztendlich geht es um Quality Time für alle, das ist genau wie beim Hundegassi. Manchmal laufe und hüpfe ich neben Yalla, um sie zu weiteren Tänzen zu animieren.

Am liebsten würde ich die Lama-Dame ganz von der Leine befreien, doch Ines winkt ab. „Die Lamas rennen zwar nicht weg, aber sie würden sich in die Dünen verziehen.“ Und da man hier über jedes Büschel Strandhafer froh ist, gelten die kleinen Dünenhügel als No-Go-Area – nicht nur für Kameliden.

Yalla tanzt Tango. Yalla kann singen.

Zumindest sieht es ein bisschen so aus, wenn sie ihre grazilen Bocksprünge und zackigen Drehungen macht. Ab und an summt sie wie Harry. „Lamas kommunizieren auf diese Weise miteinander“, erklärt Ines. Und dann schwärmt sie: „Yalla kann regelrecht singen.“ Allerdings kann der Ton kann auch mal etwas schärfer werden, wie ich kurz darauf feststellen muss.

Wer könnte diesen Augen widerstehen?

Unsere vierbeinigen Kumpels haben Erhebungen am Strand ausgemacht, Sandberge! Nun fühlt man sich fast wie in den Anden. Sieht ein Lama einen Hügel, hat es nur noch ein Ziel: auf die Kuppe! Yalla steht mit Stolz geschwellter Brust oben und blickt auf das Terrain, als wolle sie sagen: „Alles meins – von Neustadt bis Rettin.“

Daher nimmt es nicht wunder, dass Harry da oben nicht gerne gesehen ist. Yalla warnt ihn akustisch und legt die Ohren nach hinten. Was das Spucken angeht, sind beide nicht gerade zimperlich. Ich klettere den Hügel hinauf, doch die Karawane will weiterziehen. Sprich: Yalla hat neue Pläne, neue Ziele vor den hübschen Augen. Ich also hinterher.

Lamas helfen auch bei Smartphone-Abhängigkeit.

Und wer ist bergab schneller? Richtig, Miss Lama. Ich kreische, lache und lasse die Leine los, verliere Yalla aber nicht aus den Augen. Ines ruft im Hintergrund: „Ist nicht schlimm!“ Yalla, die zum ersten Mal am Beach ist, erklärt diesen Abschnitt zum Lama-Strand. Nur das Meer ist ihr nicht ganz geheuer. Kneippen wie Harry? Völlig übertrieben.

Bald habe ich sie eingeholt und wieder alles im Griff, beziehungsweise die Leine in der Hand. Als wir weitergehen, bremst uns die Seebrücke aus. Da stehen wir vor dieser Barriere aus Holz, wenig amüsiert meine Partnerin in crime: „Eine Grenze? Was soll das?“ Inzwischen schaut sie mich häufiger an. Wir haben uns ein bisschen aneinander gewöhnt.

Ihren Freiheitsdrang. Ihre Entdeckerfreude. Ihre Nonchalance.

Zwei Männer mit Anglersachen gehen über den Steg, vor dem wir warten. Yalla muss die Konstruktion und vor allem den Sinn des Dings prüfen. „Das spuckt mich aber nicht an?“, fragt der Hintere. Ich versichere ihm, dass Lamas diese Art der Auseinandersetzung nur untereinander führen. „Aber man kann nie wissen“, füge ich hinzu.

Ausgebremst

Der Mann lacht. Lieber hält er einen gewissen Sicherheitsabstand ein. Ein Paar kommt näher und bleibt fasziniert vor Yalla stehen: „Du bist aber eine Hübsche!“ Die Lama-Dame beschnuppert die Frau, dreht sich dann um und nimmt den nächsten Sandhügel ins Visier. „Das wollte sie nur hören“, interpretiert die Frau lachend. „Jetzt sind wir wieder uninteressant.“

Ein Stück weiter kommen zwei Hunde auf uns zu, bleiben wie gebannt einige Meter vor den Lamas stehen. Frauchen ruft die Havaneser zurück, die vergnügt über den Strand rennen und sich necken. Nur einer erscheint wieder auf der Bildfläche, um sich die Lamas noch einmal genauer anzusehen.

Hügelliebe

Zum gegenseitigen Beschnuppern kommt es dieses Mal nicht. Mit ihrer Neugierde ist Yalla Begegnungen jeglicher Art nicht abgeneigt, einen anderen Hund hat sie heute schon begrüßt. „Und wenn es Probleme gibt, regelt Harry das“, meint Ines. Der Achtjährige ist das Herdenschutztier. Sogar gegen Wölfe könnten Lamas im Einsatz sein, etwa als Schutz einer Schafherde. Zu Konflikten mit Wanderern wie bei Herdenschutzhunden kommt es mit Lamas nicht.

Als wir umkehren, laufen Yalla und ich einträchtig nebeneinander. Sie hat sich ein bisschen ausgepowert. Ich auch. Gemeinsames Toben schweißt zusammen. Ines erzählt, dass auch mehrstündige Wanderungen möglich sind, sogar Trekkingtouren. In den Anden werden Lamas schon seit Jahrtausenden als Lasttiere genutzt.

Schön war’s!

Ines hat sogenanntes Lama-Müsli und Heu für Harry und Yalla mitgebracht, im Prinzip futtern Lamas ständig. Das „Müsli“ duftet frisch nach Kräutern genau wie Meerschweinchenfutter. Auch die ständige Kommunikation untereinander erinnert mich an gute alte Zeiten. Ich erzähle Ines und Doris, dass ich eine Meerschweinchen-Gang in einem geräumigen Gehege im Büro hielt und so in den Arbeitspausen ihr komplexes Sozialleben studieren konnte.

Yalla randaliert. Sie weiß genau, dass in Ines‘ Auto noch mehr „Müsli“ ist! Und dass sie mit Harry einen Heusack teilen muss, ist wirklich eine Zumutung! Nachdem es zwischen den beiden die reinsten Duschen aus Magensäure sprühte, hat Yalla den Sack zu sich hingezogen. Sie weiß, was sie will und wie sie es erreicht. Schlaues Mädel. Ich bin ein bisschen stolz auf sie.

Wenn Lamas glücklich machen.

Text: Elke Weiler

Fotos: Ganz viele sind von Ines Schneider, die meine Kamera übernommen und unermüdlich auf den Auslöser gedrückt hat, während ich mich mit Yalla amüsiert habe. 1000 Dank dafür!

Infos: Mehr über die zertifizierte Lama-Therapeutin und ihre vierbeinigen Kollegen findet ihr unter Lama-Karawane.

Bis zum nächsten Mal, beste Yalla!

Mit Dank an Ostsee Schleswig-Holstein, die zu dieser Reise eingeladen haben.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

6 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar Franziska sagt:

    Liebe Elke,

    danke für das fette Grinsen im Gesicht!

    Lamas und Alpakas sind ja schon süß, so in ihrer Flauschigkeit und diesem ballerinaartigen Stolz. (Kann man das so bezeichnen?) Allerdings wäre ich schon etwas auf der Hut, mal eben so angespuckt zu werden. Lach.

    Einen schönen Abend wünscht dir

    Franziska

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Liebe Franziska,

      das freut mich sehr!
      Ja, Ballerina-Stolz trifft es unbedingt, ich finde sie auch sehr anmutig – vor allem, wenn sie quasi über einem auf einem Hügel stehen. :-)
      Und wenn sie Stress miteinander haben, ist es gut, nicht zufällig dazwischen oder daneben zu stehen. Yalla hat einmal beim Umdrehen gespuckt, das hat mich an einen Fallrückzieher beim Fußball erinnert. :-)

      Liebe Grüße und einen schönen Tag!

      Elke

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