Mit der Lore nach Oland

Wir treffen uns in Dagebüll an der Schranke, Eliza, Ralf und ich. Unser Plan: ein Wochenende auf einer Hallig zu verbringen. Frank Kühn holt uns mit der Lore vom Treffpunkt ab. Die Lore ist übrigens keine Olanderin, sondern eine selbstgebastelte, motorbetriebene und TÜV-geprüfte Kleinbahn, wie sie quasi jede Familie auf Oland, Langeneß und Nordstrandischmoor besitzt.

Nur diese drei Halligen sind über einen Damm mit dem Festland verbunden, der tideunabhängig auf Schienen befahren werden kann. Das hat seine Vorteile und macht die Halligbewohner unabhängig von der Versorgung auf dem Wasserweg. Dennoch müssen sie sich mit dem Landesamt für Küstenschutz, Naturpark und Meeresschutz absprechen, dem die Lorendämme gehören.

Am Wochenende ist das kein Thema, doch unter der Woche ist die Strecke meist erst nach 16 Uhr wieder frei. Frank Kühn zählt zu den vier Wasserbauwerkern von Oland und Langeneß, die im Küstenschutz arbeiten. Eliza, Ralf und ich sitzen im dritten Wagen der ausnahmsweise recht langen Bahn. Ganz vorne Frank im Fahrhäuschen, dahinter ein halb gefüllter Transportwagen und schließlich wir auf den Bänken des Cabriowagens.

Abfahrt Dagebüll

20 Euro kostet die Gäste eine Fahrt bis Oland, und es dürfen lediglich Übernachtungsgäste mit der Lore auf die Hallig gebracht werden. Mit dem Fotografen Ralf und seiner Frau Eliza teile ich mir die Ferienwohnung der Familie Kühn links vom Leuchtturm. Wir haben ordentlich Proviant mitgebracht, denn Oland verfügt nicht wie Langeneß über einen Kaufmannsladen.

Die längste Lore aller Zeiten legt los.

Es rattert und ruckelt, knattert und knarzt. Langsam, fast im Zeitlupentempo startet unsere Reise durchs Watt. Und doch kommt es mir unerhört schnell vor. Auf einer Bank am Deich sitzen Menschen, die uns zuwinken. Mit dem kleinen Benzinmotor kann eine Lore maximal 20 km/h erreichen.

Lorenparkplatz auf Oland

Das Vorgängermodell hat gewiss noch mehr Aufsehen erregt, bestand es doch aus einer Kreuzung zwischen Mofa und Kleinbahn. Ja, die 60er Jahre! Doch davor kreuzte man Bahn und Schiff! Sogenannte Segelloren versuchten mit Windkraft voranzukommen. Bei nur lauem Lüftchen mussten Passagiere oder Kapitänin die vier Kilometer dann schieben. Letztere hieß Magda Matthiesen, eine Olander Legende und resolute Person: Käpt’n Magda.

Nun ist alles anders. Was sich nicht verändert hat, ist das Watt, der intensive Duft des Meeres. Rechts und links des Dammes fliegen immer wieder Vögel auf: Gänse, Möwen und die ewigen Austernfischer mit ihren roten Schnäbeln. Um diese Zeit im Jahr herrscht viel Betrieb auf den Halligen. Schwärme von Ringelgänsen grasen, was das Zeug hält, um sich für den Weiterflug zu stärken.

Weites Land

Zur linken Seite ist der Damm schon verlandet, zur rechten plätschert die Nordsee im ruhigen Rhythmus. Der Wind weht uns ins Gesicht. Vor uns wächst die einzige Warft von Hallig Oland an. Wie ein Törtchen liegt sie im Watt, bei Sturmflut versinkt das Land um sie herum. 17 Häuser stehen darauf, bewohnt von 17 ständigen Bewohnern plus drei.

20 Leute auf einem Törtchen – geht das gut?

Kein Arzt, kein Geschäft, aber ein wunderschönes Kirchlein. 17 Häuser und rundherum das Meer. Ein Café, das nach Bedarf öffnet, etwa wenn mal wieder eines der kleinen Schiffe anlegt, die maximal 50 Leute für eine Stunde auf die Hallig bringen. Wir sind angekommen. Angelika Kühn steht schon dort, wo Frank anhält, um die Lore zu entladen. Durch die erhöhte Lage auf der Warft haben die Halligleute immer alles im Blick, sehen jede Lore und jedes Schiff frühzeitig kommen.

Angelika heißt uns herzlich willkommen und führt uns geradewegs in den Halligkosmos ein – zunächst mal in den links vom Leuchtturm, wo wir für kurze Zeit wohnen sollen. Die Türen sind geöffnet, abschließen muss man auf der Hallig nicht. Unter uns lebt Christa dauerhaft, eine einstige Krankenschwester, die es vom Festland nach Oland verschlagen hat.

Gäste und Gäste

Wenn jemand auf Oland zuzieht, dann meist im Rentenalter oder in Teilzeit. Denn wie und wo sollte ein junger Mensch Beschäftigung finden? Die Stellen im Küstenschutz sind beschränkt. Angelika ist Hobby-Ornithologin und ausgebildete Wattführerin. Für sie ist die Hallig das reinste Paradies, gerade an Ringelganstagen. Einige Vögel brüten schon, andere haben Küken – Graugänse etwa. Jedes Jahr im Mai trabt auch das Pensionsvieh von Dagebüll durchs Watt nach Oland, während es zu Halligen wie Gröde mit dem Schiff gelangt.

Eine komplizierte Geschichte für die Kühe und Bauern, so eine gemeinsame Wattwanderung inklusive Prieldurchquerung. Welche Kuh geht schon freiwillig ins Wasser oder in den Schlick? Jedenfalls grast das Pensionsvieh noch auf dem Festland, als wir Oland erreichen. Da sind nur Menschen und Vögel auf der Hallig. Vielleicht noch ein Marder oder Fuchs.

Zweisamkeit

In dem großen Haus an der Ostseite der Warft soll jedenfalls mal ein Marder gewohnt haben, so Angelika. Über 15 Jahre stünde es schon leer. Wer es sich leisten könnte, es zu kaufen und hier in die komplette Restaurierung zu investieren, ginge lieber gleich nach Sylt oder Föhr. Schade, denke ich.

Die Lage ist fantastisch, und näher an der Natur, am Meer kann man nicht leben. Sozialverträglich sollte man auf der Olander Warft allerdings schon sein. Seitdem sich die Warftgemeinschaft gebildet hat und alle acht Wochen tagt, klappt es gut. „Da kommt alles auf den Tisch“, meint Angelika. „Wir sind nun alle auf dem gleichen Informationsstand.“ So spricht man mit einer Stimme gegenüber der „großen“ Nachbarin Langeneß, mit der Oland eine Gemeinde bildet.

Links das Gemeindehaus

Wenn die Olander tagen, tun sie das im Gemeindehaus. Der einzige Ort auf der Hallig, der noch mit schönen alten Fliesen aus Holland aufwarten kann, zumindest teilweise. Ein Olander hatte sie gerettet, als alle auf den Halligen renovierten. Nach der großen Sturmflut in den 60er Jahren investierte das Land in die Halligwelt, neue sichere Gebäude sollten gebaut werden, alle mit Schutzräumen versehen.

Bei der Gelegenheit geriet leider auch viel von der alten Einrichtung in den Bauschutt. Einst war die Küche der einzige beheizte Raum in friesischen Häusern. Mit einem Bileger, ein in der Wohnstube stehender gusseiserner Beilegeofen, konnte die gute Stube vom Küchenherd aus mit beheizt werden.

Ein Rest von Friesenfliesen

Rund um den Ofen fehlten selten die hitzebeständigen Fliesen „friese witjes“, die einst von den Seefahrern aus Holland mitgebracht wurden. Im Grundton weiß, darauf die oft maritimen oder landschaftlichen Motiven sowie Mühlen, Tiere und Ornamente in grauer und blauer Zeichnung.

Heute vermissen viele Halligbewohner die Relikte alter Zeiten, doch sie haben neben den Fliesen auch alte Schwarzweißaufnahmen im Gemeindehaus zusammengetragen. Ein Museum für sie selbst. Angelika zeigt auf ein Foto: „So sah es aus, als es den Ringdeich noch nicht gab.“ Die Warft war niedriger, und bei einer Sturmflut öffneten die Bewohner ihre Vorder- wie Hintertür, damit die Nordsee bei Bedarf durch das Erdgeschoss spazieren konnte.

Auf dem Ringdeich

„Niemand hatte damals einen Stromkasten oder Öltank im Keller.“ Das Wasser kam und ging. Mit dem Ringdeich ist es anders. Zwar schützt er vor Überflutung, doch sollte das Wasser den Scheitelpunkt überschreiten, kann es so schnell nicht wieder ablaufen. Wie in einer Badewanne, in der man den Stöpsel nicht ziehen kann.

Als Sturmtief Xaver im Dezember 2013 wütete, wäre es fast so weit gekommen. „Nur etwa 50 bis 70 Zentimeter haben gefehlt“, erzählt Angelika. „Wenn das Standard wird…“ Fakt ist: Die Zahl der Stürme nimmt zu, der Meeresspiegel steigt bedingt durch den Klimawandel schneller. Neue Konzepte werden entwickelt, die die Halligwelt in die Zukunft bringen sollen.

Unsicherheitsfaktor Nordsee

Natürlich brauchen die Halligen auch die regelmäßigen Überflutungen, damit sich Sedimente ablagern können. So wachsen die Landflecken im Wattenmeer pro Jahr zwei bis vier Millimeter. Ihre Existenz ist wichtig für den Hochwasserschutz der Küste. Wie also wird die Zukunft der Halligen aussehen? Werden sie auch in 50 Jahren noch bewohnt sein?

„Wir werden alle älter“, sagt Angelika. Ihre drei Kinder arbeiten auf dem Festland. „Wer wird zurückkommen? Mit welcher Perspektive?“ Als sie 1994 auf die Hallig zog, gab es 36 Einwohner auf Oland. Heute sind es 20, und mit ihren jeweils 50 Jahren zählen Frank und Angelika zu den Jüngeren.

Eine Warft, eine Gemeinschaft

„Jeder, der zuzieht, bringt neuen Schwung“, meint sie. Sie selbst stammt aus Wilhelmshaven, ihr Mann hingegen von der Hallig-Familie Kühn. Großmutter Frieda zählte zu den guten Seelen von Oland. Fragte man beispielsweise nach dem Umfang des Brunnens hinterm Haus, ein Sodbrunnen, in dem Regen aufgefangen wurde, so beliebte Frieda Kühn zu sagen: „Da können acht Paare drin tanzen.“

Ich gehe dann mal tanzen, aber nicht im Brunnen, sondern über die Hallig, gemeinsam mit den scheuen Ringelgänsen. Immer wieder ziehen Loren vorbei, am Wochenende kommen und gehen die Gäste von Oland und Langeneß. Angelikas Nachbarin Claudia Nommensen klärt uns auf, was die offenen Loren der Olander angeht: „Wir müssen die Wagen ja per Hand auf die Warft schieben können, wenn ein Landunter bevorsteht.“

„Irgendwann bleibst du hängen.“

Das ginge nur mit offenen Loren, die von außen lenk- und bremsbar seien. Auf Langeneß hingegen hätten sie eine Hebevorrichtung, und so gäbe es dort mehr geschlossene Loren. Ich schaue auf die Salzwiesen, irgendwo dort hinten müssen sich Claudias Hühner herumtreiben. Tagsüber dürfen sie sich frei draußen bewegen, nachts sind sie geschützt in ihrem Wagen, den Claudia ebenfalls bei Bedarf auf die Warft ziehen kann.

Doch im Frühjahr ist ein Landunter eher unwahrscheinlich. Der Himmel zieht sich zu, doch Claudia will die Zeit vor dem Regen noch nutzen und hängt Wäsche auf, begleitet von ihrem Hund. Wie Angelika vermietet sie an Touristen, bekocht sie nach Wunsch auch. Hinzu kommen die Hühner, Pensionskühe, die Arbeit im Gemeindehaus, wo sie oft Gruppen unterbringen, egal ob für Yoga, Meditation, Malerei oder Nähkurse.

Was meint der Hund dazu?

Als Kind kam Claudia zum Urlaub nach Oland, da hätte sie wohl kaum gedacht, dass sie mal freiwillige Feuerwehrfrau auf Oland werden würde. „Irgendwann bleibt man hängen.“ Wenn man den richtigen Partner gefunden hat. Und für sie ist die Hallig der beste Ort zum Leben. Claudia schaut in die Ferne. „Freiheit pur.“

Text und Fotos: Elke Weiler

Und der Wind weht.

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  1. Wow, obwohl ich aus Norddeutschland komme, habe ich noch nie von Oland gehört. Dein Bericht ist toll, mit der Lore möchte ich auch einmal fahren :-) Vielen Dank für den Tipp!

  2. Ach Elke,
    mal wieder wundervoll beschrieben, danke!
    Moin, moin,
    Helmut

  3. Hab noch nie gehört, das man heute noch mit Loren unterwegs ist. Hört sich echt Spaßig an. Sollte ich vielleicht auch mal eine entsprechende Reise dort hin planen.

  4. Christian Glantz

    Die schönen blauen Fliesen stammen ursprünglich in der Tat aus Holland. Es sind „Delfter Fliesen“. Die heißen so, weil sie ursprünglich in Delft hergestellt wurden. Früher alles Handarbeit heute auch günstiger als Industrieprodukt zu haben. Fristet leider ein Schattendasein weil nur noch wenig nachgefragt.

    • Danke für die Anmerkung! Soweit ich weiß, wurden damals nicht nur in Delft solche Fliesen hergestellt, sondern auch in Friesland, nicht wahr?

  5. Mich zieht es immer wieder an diese Lorenbahnhöfe und dann möchte ich einfach einsteigen und ankommen. Und es dann so in Bilder und Worte bringen, die es so berührend beschreiben wie es Dir gelingt.
    Liebe Gedanken an die Westküste
    Kai

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