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Shikumen mit Cappuccino

Rings um Xintiandi (sprich: schintindi) brodelt der Verkehr der 23-Millionen-Metropole Shanghai. Plötzlich fühle ich mich davon abgeschnitten, wie von einem Werbefilm, der den Krimi unterbricht.

Ich schreite durch einen Komplex mit niedrigen Backsteinhäusern, Bäumen und engen Gassen, eine Art künstliche Oase im Großstadtdschungel. Alles ist fein säuberlich aufgereiht und herausgeputzt.

Ausgeklammert sind die Armut, die Gegensätze, der Schmutz, der Verkehr und die Horden von Radfahrern, die tagtäglich in Shanghai ihr Leben riskieren. Die Metropole trägt in Xintiandi ein stylishes Gewand, das seine Berechtigung aus der historischen Reanimation der Gegend sucht.

Mit dem Wiederaufbau der ehemaligen französischen Konzession wurde ein Teil der Vergangenheit in die Gegenwart gerettet, während die benachbarte Altstadt offen dem Verfall preisgegeben ist. Ringsherum das moderne Shanghai, wie es jeder kennt: groß und glitzernd, ein unüberschaubarer, flackernder Organismus.

Eine Busladung vor dem Viertel Xintiandi.

In einem der renovierten Shikumen-Gebäude fand am 23. Juli 1921 der erste Kongress der Kommunistischen Partei Chinas statt – dementsprechend groß war auch das Interesse Pekings am Wiederaufbau des historischen Bezirks. Heute ist das Gebäude ein Museum und ein Muss im Plan chinesischer Reisegruppen.

Ich kann es mir kaum vorstellen doch in den 30er Jahren lebten etwa 60 Prozent der Einwohner Shanghais in solchen Shikumen-Häusern, die meist um einen Innenhof gruppiert waren. Migranten aus ganz China, aber auch viele Ausländer. Die Atmosphäre reflektierte den multikulturellen Charakter der Stadt.

Erstes Erkennungszeichen der Architektur war ein massiver Türrahmen mit reich dekoriertem Giebelfeld. Im „Shikumen Open House“, dem Museum des Komplexes, lässt sich das Alltagsleben der 30er Jahre nachvollziehen. Ich führe mir die alten Schwarzweißaufnahmen zu Gemüte, die die Vergangenheit dokumentieren.

Xintiandis Museum: Shikumen Open House

Laufe durch Räume, die erstarrt sind, eingefroren die Anordnung der Gebrauchsgegenstände: Stühle, Tische, Betten, Schränke und das Porzellan eines typischen Einfamilienhauses jener Jahre. Sogar Bohnenkäseattrappen fehlen nicht.

Ein Raum eines Wohnhauses wurde meist untervermietet – als günstige Unterkunft für Künstler. Schriftsteller wie Mao Dun oder Lu Xun lebten in solch einem Zimmer, dem sogenannten „Tingzijian“.

Die Shikumen-Architektur vermischt den Stil des Yangze-Deltas mit europäischen Einflüssen. Der Geschmack der Zeit, denn nach 1853 suchten die reicheren Familien gerne die ausländischen Konzessionen Shanghais auf.

Shikumen-Stil und internationale Küche in Xintiandi.

Der Shikumen-Stil kam auf und blieb in Mode bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts. „Neues Land unter neuem Himmel“ soll Xintiandi sein, der Gedanke dahinter: Auch heute soll dem Bezirk wie einst der East-meets-West-Geschmack anhaften.

Nur dass es heute wesentlich konsumfreudiger zugeht als ehedem. Wohnhäuser sind Geschäftslokale, die Gassen und Straßen mit Stühlen und Tischen gefüllt. Damit erhält der offenen Charakter der architektonischen Anlage zwar seine Funktion, doch die einstige Intimität der Wohnanlage ist dem flüchtigen Rhythmus des Durchgehens gewichen.

In Xintiandi bekomme ich Croissant und Cappuccino, falls ich nicht mehr ohne sein kann. Junge Chinesinnen trinken Milchshake oder schlecken amerikanisches Eis. Es gibt chinesischen Tee, brasilianisches Barbecue, italienische Pasta, japanisches Sushi und natürlich Fusion Cuisine.

Künstliche Oase in der Großstadt.

Mal ganz abgesehen vom Shoppen: Designerboutiquen neben Lifestyle-Shops, Kunsthändler neben Schmuckläden, internationale Ketten neben chinesischen Designern. Hier findet sich viel Bekanntes, doch wer will, findet seine Exotik. Ich trinke Tee. Und die Anderen? Nach Feierabend steht bei Chinesinnen Merengue hoch im Kurs, außerdem liebt Shanghai die thailändische Küche.

Xintiandi ist ein Ausgeh- und Shoppingviertel, eine Spielwiese für alle, die es sich leisten können. Ohne lange Wege zurückzulegen geht man ins Kino, zum Karaoke oder ins Konzert. Ein Stück Überschaubarkeit in der gigantischen Metropole. Gleich hinter Xintiandi öffnet sich der Raum zum Taipingquiao-Park. Nur die rahmenden Hochhäuser erinnern an Shanghai.

Fast vermisse ich die Horden von Radfahrern, das Brodeln des Verkehrs, den urbanen Krimi.

Text und Fotos: Elke Weiler

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

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