Wolken über Rauma

Ein grauer Tag. Als ich in Rauma aufwache, weiß ich zunächst nicht, wo ich bin. Wieder in Finnland, ja. Zurück von den Ålandinseln und immer noch berauscht von deren wilder Schönheit. Nichts als roter Stein und Meer und Licht. Der Duft von Heide und Fichten. Dann die magische Fahrt durch das Archipel, die fast übergangslos im Schärengarten von Turku endet.

Es waren fast 90 Kilometer von Naantali bis Rauma am gestrigen Abend. Glücklicherweise ohne böse Überraschungen beziehungsweise Unpässlichkeiten seitens Ente Emilia. Über die E8 ging es mit ständig wechselnden Geschwindigkeiten – zwischen 30 und 100 km/h war quasi alles im Angebot. Das bedeutet höchste Konzentration, denn dieser Streckenabschnitt der E8 scheint die Straße Finnlands zu sein, die mehr überdimensionierte Warnhinweise und Starenkästen zur Verkehrskontrolle als Elchschilder besitzt.

Zurück von den Ålandinseln

Dann wären da noch die gutgemeinten Hinweisschilder. Merke: Solltest du einmal die vorgeschlagenen Elchi-80 beachten und damit unter Höchstgeschwindigkteit fahren, sei dir sicher, dass der auf der gesamten Strecke hinter dir klebende LKW noch näher aufrückt. Wobei das Autofahren im hohen Norden ja normalerweise recht entspannt verläuft – im Vergleich zu hektischen deutschen Verhältnissen.

Der absolute (Fahr)Traum: Åland. Immer wieder Åland. Gegen neun Uhr abends erreichte ich Rauma. Ohne Blitzer. Soll ich noch hinausgehen? Aber hier ist kein Wasser, das mich ruft, nicht in diesem Teil der Stadt. Keine Abendsonne, die auf der Haut kitzelt. Keine Granitklippen, von der Eiszeit geformt.

Hyvää huomenta! (Guten Morgen!)

Nur Wolken über Rauma. Ich ziehe am nächsten Morgen zu Fuß los, es ist nicht weit bis in die Altstadt, die zum Weltkulturerbe zählt. Wegen der Holzhäuser, dem größten Ensemble Skandinaviens. Wird es so sein wie im norwegischen Stavanger oder wie in Risør, wo sich die alte Bebauung mit weißen Holzhäuser vom Hafen den Hügel hinauf zieht?

Rauma ist anders.

Bunter. Flacher. Und irgendwie leerer, zumindest an diesem Montagmorgen. Dabei bin ich nicht sehr früh unterwegs. Immer noch zu früh für diese Stadt, die nur langsam zu erwachen scheint. Auch die Türen der Museen sind noch verschlossen. Planlos laufe ich durch die Gassen und über die Straßen. Dabei gilt es, auf die Autos zu achten. Denn die geschützte Altstadt ist keineswegs autofrei.

Farben, die aufmuntern.

Und es wird recht munter übers Kopfsteinpflaster gebrettert, auch wenn noch nicht viel Betrieb herrscht. In den Gassen der Geruch alter Zeiten. Wie eine Melodie der Nostalgie. Von den Wänden abblätternde Farbe, eine einzelne Radfahrerin, der Himmel weiterhin grau. Ich denke an die Filme von Aki Kaurismäki.

Doch langsam erwacht das Städtchen, ein paar der knapp 40.000 Einwohner werden sichtbar. Die Cafés öffnen, Geschäfte locken mit finnischem Design. Ich werfe einen Blick ins Rauma-Museum, das neben der Stadtgeschichte auch eine Ausstellung zum Thema Klöppeln beherbergt.

Man weiß nicht genau, seit wann in Rauma geklöppelt wird. Ab dem 18. Jahrhundert wird es jedenfalls in Dokumenten erwähnt, und damals soll es 2000 bis 300 Klöppler in Rauma gegeben haben, darunter auch Kinder und ältere Männer. Sehr feine Spitzenhäubchen waren damals en vogue, im 19. Jahrhundert allerdings nicht mehr. Seitdem werden Spitzen für Tischdecken und Bettwäsche geklöppelt.

Holz, veredelt.

Nach dem Rundgang frage ich: Klöppeln sie heute noch in Rauma? Der junge Mann an der Kasse nickt freudig, klöppelt aber selber nicht. Er erzählt munter drauflos und schickt mich ans Ende der zentralen Kauppakatu. Dort finde ich die Assoziation der Klöpplerinnen. Etwa 200 sollen es in Rauma noch sein, darunter auch einige Männer.

Im Geschäft treffe ich zwei Frauen, Aila und Sofia. Die Erste klöppelt, die Zweite übersetzt ins Englische. Keiner aus ihrem Zusammenschluss klöppelt hauptberuflich, das würde sich nicht lohnen, so versichern sie mir. Für alle ist es ein Hobby, so wie Andere stricken oder nähen.

Spitzenmäßig.

Sofia, die Jüngere, strickt auch gerne. Doch klöppeln sei schon wesentlich komplizierter, meint sie. Angesichts der Geschwindigkeit – die Hölzchen mit den gespannten Fäden fliegen bei Aila nur so – wird mir schon schwindelig. Doch die Klöpplerin zeigt auf ihre Vorlage, die auf einer sich drehenden Rolle liegt.

Auch Sofia beschwichtigt: „Es gibt drei Grundmuster. Wenn du sie gelernt hast, ist es nicht mehr schwer.“ Sie hält mir ein Blatt mit den drei Mustern vor die Nase, doch ich verstehe nur Bahnhof. Aila klöppelt schon seit ihrem siebten Lebensjahr, das sei ganz normal hier. „Doch eigentlich kannst du jederzeit anfangen“, gibt Sofia preis.

Diese Art, sich auf etwas zu fokussieren und alles andere dabei zu vergessen, sei einfach entspannend. Hat man allerdings schlechte Laune, zieht man eventuell zu sehr an den Leinenfäden, dabei kann auch schon mal einer reißen. „Man kann das auch nicht den ganzen Tag lang machen. Man muss sich Zeit dafür nehmen.“

Sofia zeigt mir, wie lange man für ein kleines Stück braucht. Zwei Stunden für etwa zehn Zentimeter! Dann scherzt sie mit Aila, die sie ebenfalls zum Schau-Klöppeln bewegen möchte. Sofia fertigt zwar auch klassische Dinge wie weiße Deckchen an, ist jedoch der Auffassung, dass sich das heutzutage kaum einer mehr ins Wohnzimmer legt.

Sofia mag es farbig.

Also probiert sie andere Farben und neue Verwendungsmöglichkeiten aus. Geklöppelte Armreifen etwa. Kaum einer der Jüngeren will das Handwerk noch erlernen, erzählen sie mir. Ich erinnere mich an die extrem feine Spitze einer Haube im Museum, ein Meisterwerk der Klöpplerinnen im 19. Jahrhundert. So zart, so elaboriert. Ein Gedicht in feinem Leinen.

So filigran wie die Klöppelspitzen sehen auch manche Verzierungen der alten Holzhäuser in Rauma aus. Nach meinem Gespräch ist Leben in die Stadt gekehrt, und ich besuche das Café Kontion in der Kuninkaankatu. Angeblich soll es hier die besten Vanillekrapfen geben. Ein Blick in die Auslage des Traditionscafés verwirrt mich im Hinblick auf die Wahl.

Zum Kaffee nehme ich schließlich ein Stück Mustikkapirrakka, Blaubeerkuchen, und ergattere den letzten freien Tisch. Mit geklöppeltem Deckchen. Ich liebe Blaubeeren. Und das Leben im Café. Doch so langsam muss ich mich von Rauma wieder verabschieden. Emilia soll noch etwas zu futtern kriegen, schließlich steht heute die längste Etappe unseres finnländisch-åländischen Roadtrips an: 255 Kilometer von Rauma bis Helsinki.

Als ich friedlich vor mich hin tanke, spricht jemand zu meinem Rücken. Erschreckt fahre ich herum. Ein blonder Finne mit Begeisterung im Blick, die Emilia gilt. Er möchte gerne ein Foto von ihr machen. „Kein Problem“, meine ich. Als er damit fertig ist, rollt eine Lawine von Emilia-bezogenen Fragen auf mich zu, die ich brav beantworte.

„The Rauma Girl“ von der Bildhauerin Kerttu Horila

Es ist ja nicht so, dass ich ungern über die blaue Acadiane rede, ganz im Gegenteil. Zufrieden verabschiedet sich der neue Fan. Wir winken dann noch mal zum Abschied, als wir losdüsen. Und rollen, rollen rollen. Den ganzen Nachmittag lang. Als wir in Helsinki ankommen, bin ich ebenso erschöpft wie glücklich.

Doch auf den letzten Metern geht es nur noch im Schritttempo voran, stop and go bei dichtem Verkehr. Emilia wird es zuviel. Sie macht schlapp, braucht den Choke. Ich mache mir Sorgen. Mit letzter Kraft schafft sie es in ein Parkhaus, umzingelt von Luxuskarossen. Schön warm und trocken steht sie dort und springt am nächsten Tag sofort an. Die Investion in dieses völlig überteuerte Parkhaus hat sich also gelohnt.

Eigentlich sollte ich stolz auf die Reiseente ein. Wir sind quasi über finnische Straßen geflogen.

Ente gut, alles gut!

Text und Fotos: Elke Weiler

Mein Roadtrip nach Finnland und auf die Ålandinseln wurde von Finnlines und Feelgood Erlebnisreisen unterstützt.

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