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Gittes Geheimnis

Die Landschaft swingt, und ich auch. Aus Sicht einer Flachlandbewohnerin kommt eine Moräneninsel wie Avernakø einem Musikstück gleich. Ich düse mir unbekannte, schmale, gewundene Straßen entlang, trällere irgendeinen Song vor mich hin, der mir gerade in den Sinn kommt. Das Leben, ein Auf und Ab. Was wohl die Zukunft bringt? Hubbel um Hubbel hoffe ich, dass mir kein anderes Auto entgegenkommt. Auf einer Insel wie Avernakø herrscht zum Glück kein Verkehrsstress.

Dann passiert es doch. Alles easy, jeder weicht ein Stückchen in die Botanik aus, die Stelle hat gepasst. Man sollte sich nicht so viele Gedanken machen: Was kommt, kommt. Eigentlich sind Avernakøs Straßen in Traktorbreite bemessen. Eigentlich braucht man hier gar kein Auto. Eigentlich ist die acht Kilometer lange Insel genau richtig zum Spazierengehen oder Radfahren. Wenn da nicht die Anstiege wären.

Straße, Avernakø
Gefaltetes Land, Moränenland.

Alle Radfahrer bedanken sich mit einem Strahlen und Handzeichen, wenn ich rechts ranfahre. Ich habe es schon auf der Fähre bemerkt: Die meisten Gäste sind zu Fuß oder mit dem Rad angekommen. Viele lieben Inselhopping, nehmen die Fähre von Faaborg nach Lyø, bleiben ein paar Stunden, dann geht es weiter nach Avenakø. Die Tagesausflüger fragen nicht selten: „Was kann man hier tun?“ Und Gitte sagt: „Nichts.“ Denn darum sind sie doch hier, auf der kleinen Insel im Sydfynske Øhav, dem südfünischen Inselmeer. Einfach mal nichts tun.

Inselliebe

Die gelernte Krankenschwester ist zufällig auf Avernakø gelandet. „Und ich gehe nie mehr weg“, versichert sie mir. Als ihre Tochter vor 18 Jahren auszog, und Gitte in Scheidung lag, beschloss sie: „Dann ziehe auch ich aus.“ Übergangsweise bezog sie eine Wohnung mit Blick auf den Hafen in Faaborg. Gitte wusste jedoch, sie wollte auf einem Eiland leben: „Dieses Land ist voller Inseln – das haben wir in unseren Herzen.“

Eine Freundin erzählte ihr, dass man auf Avernakø nach einer Krankenschwester suchte. So fing alles an. Doch Gitte änderte ihr Leben noch einmal, als sie sich vor elf Jahren für die alte Schule entschied, für Ziegen, Kaninchen, Hühner, Enten und die Eröffnung des Avernakø Landhotels. Nun sitzen ihre Gäste im Garten und reden, weil man das hier gut tun kann. Also auch Gitte und ich.

Gitte vom Avernakø Landhotel

Hjertelig velkommen!

Wir trinken Kaffee und essen Kekse, die eine Mitarbeiterin gebacken hat. Darin finden sich auch die Nüsse der Bäume hinter uns wieder. „Doch in diesem Jahr scheint er kaum Nüsse zu tragen“, stellt Gitte fest. „Da müssen wir wohl zukaufen.“ An Keksen soll es ja nicht mangeln.

Die Feigen am relativ jungen Baum in der Mitte des Gartens gedeihen hingegen prächtig. Viele Früchte sind schon reif, Gitte erntet ein paar und drückt mir eine in die Hand. „Wie am Mittelmeer!“, meine ich genüßlich kauend. Ich liebe Feigen! Aber das Klima? „Wir sind von Wasser umgeben“, erklärt Gitte, dadurch blieben die Temperaturen mild.

Die Tomate, die keine war

Die Keksbäckerin sei übrigens auch für das Sahneeis verantwortlich, das ich mir am Abend zu den Crêpes auf der Zunge zergehen lasse. Mit Soße aus rønnebære, Vogelbeeren. Und natürlich einer Feige. Vor dem Dessert gab es einen Hauptgang mit neuen Kartoffeln von der Insel und einem Salat, der mich überrascht hat. Beziehungsweise die Tomate, die gar keine war. Die ein bisschen wie Apfel geschmeckt hat, aber feiner. Ich frage Gittes Mitarbeiter: Hagebutten seien das. Darüber darf Gitte mir aber gerne mehr erzählen!

„Top secret!“ Die Chefin lacht. So ein Staatsgeheimnis würde sie mir doch nicht verraten, einer Nicht-Dänin! Gnädigerweise zeigt sie mir aber das Buch, ein echtes Vintage-Exemplar mit losen Seiten. Doch von der Marmeladen-Bibel, einem der meistverkauften Kochbücher Dänemarks, gibt es wohl immer mal wieder eine Neuauflage. Die Hagebutten-Rezepte dürfte ich mir aber nicht ansehen! Gitte lacht gerne und sie liebt es, ihre Mitmenschen zu necken. Nachdem man mir schon auf Ærø ein dänisches Buch über Badehäuser geschenkt hat, muss ich auf jeden Fall Dänisch lernen. Und dann, liebe Gitte, kaufe ich mir diesen Marmeladen-Klassiker! Wir haben nämlich genug Hagebutten zu Hause.

Ich erzähle ihr, dass ich mich bereits einmal in Hagebutten-Marmelade versucht habe. Keine Erfolgsgeschichte! Abgesehen von der ganzen Arbeit und dem zweifelhaften Ergebnis hatte ich mich ob der Invasion von Ohrenkneifern geekelt. Die wenig possierlichen Tierchen scheinen Hagebutten zu ihren persönlichen Tiny Houses erkoren zu haben.

„Die heißen bei uns auch so: ørentviste!“ Gitte und ich als Sprachen-Tandem. Als Kinder haben wir übrigens beide gedacht, dass die Ohrenkneifer ihrem Namen alle Ehre machen würden. Natürlich tragen die Großmütter dafür die volle Verantwortung, diese Märchenerzählerinnen!

Hej!

Nach dem Essen brettere ich mit einem von Gittes lässigen Gästerädern durch die Gegend. Wehendes Kleid, Wind im Haar, Salz auf den Lippen. Mangels Verkehr möglichst mittig Schlangenlinien fahrend, Beine ausgestreckt, als es lustig bergab geht. Happy. So lässig ist Avernakø. Neben Herumlaufen und Radeln kann man natürlich an diversen Stränden schwimmen gehen. Muss man bei diesem Wetter!

Zwillingsinsel

Ich habe es am Sandstrand von Revkrogen ausprobiert, ganz im Südosten der Insel. Ganz allein bin ich in die Wellen gehüpft. Eigentlich besteht Avernakø aus zwei Moräneninseln, und der Teil im Südosten nennt sich Korshavn. In den 30er Jahren hatte man einen Damm errichtet, um nicht mehr über das Riff laufen zu müssen. Drejet heißt die magische Stelle, wo das Meer die Straße flankiert. Seitdem können die Leute von Korshavn trockenen Fußes in die Kirche von Avernak By gehen, beziehungsweise unabhängig von der Tide und Witterung zur Anlegestelle der Fähre nach Faaborg gelangen. Der Anleger im Nordwesten von Avernakø eignet sich übrigens auch als Anlaufstelle für den Sonnenuntergang.

Munke, Avernakø
Einer von vielen: Munke Strand.

Am nächsten Tag ist wieder Radeln angesagt. Manchmal schieben. Dänische Gäste fahren an mir vorbei: „Machst du schöne Bilder?“ Während ich mir ein Ruhepäuschen am Straßenrand gönne, die Kamera stets gezückt. Schließlich finde ich mich unterm Haselnussbaum am Drejet wieder, als ein Auto anhält. Es sind Linda und Sune, zwei Hobbyfischer, die ebenfalls bei Gitte abgestiegen sind. Wir kennen uns vom Abendessen.

Sie erzählen mir, dass das Südfünische Meer ein Meerforellen-Paradies sei. Gestern haben sie Gitte ein Exemplar mitbringen können. „Aber es geht beim Fischen nicht unbedingt ums Fangen, man entspannt, wenn man aufs Meer schaut“, erzählt mir Linda, die auch beruflich im Meerforellen-Business beschäftigt ist und sich um den Nachwuchs kümmert.

Drejet, Avernakø
Am Drejet

Auch ohne Gitte lerne ich ein neues dänisches Wort: „Knœk og brœk!“ So wünscht man sich unter Fischern viel Glück. Schnell ausgesprochen klingt es in etwa so, als würde der skandinavisierte Sesamstraßen-Koch „Knökobrök“ statt Knäckebrot sagen. Man braucht ja immer eine kleine Eselsbrücke. Ich also „Knökobrök!“ zu Linda und Sune, auch wenn ich dabei gebrochene Knochen assoziiere.

Während ich langsam zurück zum Landhotel radele, murmele ich noch mehrmals „knökobrök“ vor mich hin, radele wieder Schlangenlinien, Wind im Haar, Salz auf den Lippen. Happy. Sind das Gerstenfelder, die quasi bis ans Wasser reichen? Davor blaue Wegwarte, weiße Acker-Winde, gelber Rain-Farn. Halb verblühter Klatschmohn, der vom nahen Ende des Sommers spricht.

Detail im Zimmer, Landhotel Avernakø
In my room

Eigentlich spricht Avernakø für sich, doch ich muss Gitte noch etwas fragen. Und sie antwortet mir gerne. „Als Krankenschwester sahen meine Tage gleich aus, egal welche Jahreszeit. Nun lebe ich in und mit der Natur. Ich kontrolliere nichts, lasse mich treiben, tanze durch die Jahreszeiten.“ Der Sommer sei Spaß, der Herbst wie eine Meditation. „Und im Winter haben wir Zeit für uns.“

Über 100 Einwohner habe Avernakø. Keinen Arzt, keinen Tierarzt, keinen Bäcker. Im Winter rücke die Gemeinde näher zusammen, die Einwohner träfen sich zum Erzählen, Singen, Stricken. Gitte spinnt auch, ein paar Wollstränge hängen in der Boutique. Zwei Alpakas lebten auf dem Hof, doch als eines starb, entschied Gitte sich, den verbliebenen Felix erst mal zurück nach Jütland zu seiner Familie schicken. Die sensiblen Tiere bräuchten Gesellschaft. Eventuell käme er wieder nach Avernakø – mit einem neuen Freund im Schlepptau. Vielleicht bliebe er auch auf Jütland.

Text und Fotos: Elke Weiler

Ich danke Gitte vom Landhotel Avernakø für ihre Herzlichkeit, ihren Humor und das leckere Dinner! Sowie Visit Fyn für die Übernahme der Übernachtungen und Fährfahrten meiner Inselrecherchen. Ausnahmsweise habe ich mal rückwärts zu berichten angefangen, daher geht es im nächsten Artikel endlich nach Ærø – zu den Badehäuschen!

Weitere Stories aus dem Südfünischen Inselmeer: Hier geht es nach Langeland und Skarø!

8 Gedanken zu „Gittes Geheimnis“

  1. Das ist herrlich. Bis Årøsund bin ich derzeit gekommen, aber Årø, Ærø und Langeland stehen bei uns auf den nächsten Programm. Um so neugieriger bin ich schon auf Deinen nächsten Artikel. Dieser hier hat jedenfalls gerade unsere Zielwunschliste erheblich erweitert. Im September werden wir mit dem Bulli starten .

    Und wenn Du weisst, wie das mit den Hagebutten geht, probiere ich das gerne mal :-)
    Liebe Grüße
    Kai

    1. Dann wünsche ich euch viel Vergnügen! Und falls ihr den Bulli mit auf die Insel nehmt: Revkrogen oder Munke Strand sind schöne Stellen zum wilden Campen. Selbst im August war da nicht viel los, ein Zelt hier, ein Camper da.
      Klar, an den Hagebutten bleib ich dran! :-)
      Liebe Grüße, Elke

      1. Vielen Dank für diese Tipps.
        Deine Artikel machen einen immer ganz unruhig. Ich rutsche schon auf dem Stuhl hin und her. Immer, wenn man Deine Geschichten liest, möchte man seinen Lebensmittelpunkt dorthin verlagern….

        Das sind Geschichten zum Fühlen.
        Liebe Grüße an die Westküste
        Kai

        1. Danke dir, lieber Kai!

          So ein Inselleben im Sydfynske Øhav wäre wirklich nicht das schlechteste. :-) Gesetzt den Fall, man kann auf ein paar Dinge verzichten und auch den Winter genießen, der ähnlich matschig wie in Nordfriesland zu sein scheint. ;-)

          Liebe Grüße, Elke

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