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Paradise waiting

Brütend heiß, dieser August. Da kommt mir die frische Brise an der Ostsee wie ein Wunder vor. Ich sitze ich auf einer Bank und sehe den Segelschiffen hinterher, die aus dem kleinen Hafen ins große Blau entschwinden. Viel zu früh habe ich den Fähranleger von Fynshav erreicht, viel zu stark brennt die Sonne auf meinen Kopf, viel zu selten die Schattenplätze. Doch diese Bank im Wind ist meine Rettung.

Seit Monaten habe ich zum ersten Mal wieder eine Grenze überschritten. Meine letzte Auslandsreise ging im Februar nach Oslo, dann kam der große Einschnitt im Reisebloggerleben. Das Aus für den Baseler Karneval, die Reisemesse in Berlin und viele weitere Reisen. Nun also jener erhebende Moment, als ich die Grenze passiere, meinen Ausweis vorzeige und mir der nette Grenzbeamte noch ein südjütisches „Mojn“ wünscht. Dahinter weitere Beamte mit Mundschutz, die sporadische Kontrollen durchführen, sowie eine Station für freiwillige Tests.

Langsam fahre ich weiter, mein Ziel ist die Insel Ærø, die ich bereits einmal von Svendborg aus besucht habe. In Fynshav nehme ich die Elektro-Fähre „Ellen“. Eine 50-minütige Fahrt, ruhig, umweltfreundlich, sauber, ohne Abgasgestank. So muss das sein. Vom Anleger in Søby sind es nur acht Minuten bis zu meiner Unterkunft in Bregninge. Hanne und Steen empfangen mich in der Gæstgiveri, die sie vor anderthalb Jahren übernommen haben.

Alla italiana

Sie hatten ihre guten Jobs in Kopenhagen gekündigt und waren um die Welt gereist, um sich schließlich in Bregninge niederzulassen, einem drei Kilometer langen, hübschen Ort auf Ærø. Ihre Vorstellung vom ländlichen Tourismus alla italiana wollten sie hier in die Tat umsetzen. Regionale Zutaten für die Küche, möglichst in Bio-Qualität, suchen die Gastgeber aus. Sie kochen selber und unterhalten sich gerne mit ihren Gästen, geben Tipps für Wanderungen oder Radtouren.

Frühstück in der Gæstgiveri Ærø
Die vielleicht besten Frühstücksbrötchen

„Ærøs größter Schatz ist seine Natur“, meint Hanne. Sie liebt den Ort und die Hilfsbereitschaft der Menschen auf Ærø. Gemeinsam mit Nachbarn wollen sie ein Netz aus Parks kreieren, das die Pflanzen- und Tierwelt der Gegend näherbringt. Ich beziehe mein hübsches Zimmer im ersten Stock und bedauere, dass es nicht zur Gartenseite führt, doch leider ist das mit den meisten Zimmern des Bed & Breakfasts so. Hanne meint, die Vorbesitzer hätten die Straßenseite lieber für die Einrichtung der Bäder auswählen sollen. Der Garten ist ein echtes Schmuckstück, und ich genieße das Frühstück jeden Morgen draußen unter Bäumen nahe der kleinen Kirche. Den Morgen mit seiner ländlichen Ruhe und den selbstgebackenen Brötchen.

Überall der Duft des Meeres

Strohfetzen wirbeln wie Goldflitter durch die Luft, sammeln sich und ziehen in Schlieren über den Boden. Ich folge einem der Traktoren, die das zu Ballen gepresste Stroh abtransportieren. Goldgelb, die Farbe des Hochsommers, den ich festhalten möchte wie eine flüchtige Erscheinung, die jetzt schon Erinnerung ist. Auch der Weizen wird gedroschen, rechts und links der Straße ziehen sich kahle, blassgelbe Felder die Hügel hoch und runter. Getrennt von den grünen Schattenrissen der Baumreihen, das Meer am Horizont, immer wieder das Meer. Ich rieche es am Morgen, am Abend, in der Zeit dazwischen. Ich versinke in seinem Türkiston am Strand von Årøskøbing und Søby.

Gerade Søby wird quasi als Geheimtipp gehandelt. Ich bin den Schildern in Richtung Campingplatz gefolgt, dann aber weiter geradeaus gefahren, habe den Wagen geparkt und bin das letzte Stück zu Fuß gegangen. Der Weg flankiert von Hagebutten- und Brombeersträuchern, Rainfarn und wilder Möhre. Kiefernduft liegt in der Luft, mischt sich mit der allgegenwärtigen Meerluft. Ich steuere den Steg an. Nur wenige Sonnenanbeter liegen am Strand oder Steg, ein paar Kinder hüpfen ins Wasser und kletterten wieder hinaus, die Prozedur ins Unendliche wiederholend.

Um mich herum wenige Stimmen dänischer, französischer und deutscher Gäste, das ruhige Plätzchen scheint kaum bekannt zu sein. Vor allem die Camper des nahen Platzes und ein paar Einheimische finden den Weg hierher. Der Wind spielt mit meinem Strandkleid, das Wasser ist herrlich kühl und klar. Wenn ich irgendwo zum Ostsee-Fan werde, dann wohl auf Ærø. Oder auf Bornholm, wo sie auch im Winter baden gehen und eine Sauna direkt ans Wasser gebaut haben.

Die Badehäuschen

Doch eigentlich bin ich auf Ærø, um mehr über die bunten Badehäuschen zu erfahren. Zunächst treffe ich Allan Harsbo, der als Guide auf der Insel arbeitet und das Buch „Badehusene“ über das Badeleben von Ærø geschrieben hat. Allan kommt gebürtig von der Insel und war schon als Kind vom Baden fasziniert. Sein Vater hingegen hat sich nie für den Strand interessiert, es war für ihn ein eher negativ belegter Ort. Denn einst ging er dem Großvater, einem Fischer, als Kind zur Hand und das auch bei schlechtem Wetter.

Allan Harsbo, Badehusene Ærø
Allan und die Badehäuser

„Heute interessieren sich alle Besucher von Ærø für die Badehäuschen. Doch ich fand kaum Literatur dazu“, erzählt Allan über die Motivation, das Buch zu schreiben. Es ist auf Dänisch erschienen, und Allan schenkt mir ein Exemplar. Das verstärkt meine Motivation, die Sprache des Nachbarlands endlich zu lernen, die übrigens auch zu den fünf anerkannten Sprachen Nordfrieslands zählt.

Die Ostsee plätschert ruhig vor sich hin, glitzert in der Nachmittagssonne, leuchtet türkis. Die Kette bunter Badehäuschen zieht sich den schmalen Landstreifen zwischen Wasserkante und Vestre Strandvej entlang. Mit einer Lücke am Vesterstrand. „71 Hütten stehen hier, 19 in Marstall. Leider wurden nach einer Gesetzesänderung in den 60er Jahren einige der neueren Häuschen abgerissen, und es dürfen keine mehr gebaut werden“, klärt Allan mich auf.

Badehaus Ærø
Alle Farben sind erwünscht.

Das ist schade. Denn die Minihäuser am Strand gehen auf eine Tradition bis in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück, als man sich sittsam am Strand entkleiden wollte, Frauen und Männer getrennt. Zunächst wurden sie am Ende von Stegen mitten im Wasser errichtet. Nach dänischem Gesetz stehen sie nun zu nah am Meer, was im Winter oft zum Problem wird. Als Besitzer*in darfst du deine Hütte wieder restaurieren, falls sie von Wind und Wellen verwüstet wird. Allerdings musst du das innerhalb von vier Monaten nach Beschädigung tun. Hütten-Interessenten dürfen tief in die Tasche greifen, um im seltenen Falle der Nicht-Vererbung eines Badehäuschens zum glücklichen Käufer zu werden: Allan rechnet kurz für mich in Euro um, dass zuletzt eines zu einem Startpreis von über 33.000 Euro bei einer Auktion zum Verkauf stand – Ende offen. Hinzu kommt die Spardose für mögliche jährliche Reparaturen.

Das alles für ein paar Quadratmeter am Vesterstrand in Ærøskøking oder auf der Landzunge Eriks Hale in Marstal. Ohne Strom und fließendes Wasser. Theoretisch darf man in der Bude auch nicht übernachten. Für die Pacht des Strandstücks, auf dem das Häuschen steht, kommen noch umgerechnet 18 Euro pro Quadratmeter im Jahr hinzu. Zumindest das hält sich in Grenzen. Ein Stückchen weiter verbreitert sich der Landstreifen, Hagebuttensträucher umrunden die Hütten und Allan spricht von mehr Privatsphäre an dieser Stelle. Auch ist der Abstand zur Wasserkante größer, die Gefahr von Überflutung geringer.

Genau hier treffe ich Louise Moloney, deren Badehäuschen manchmal für die von ihr organisierten „Danish Island Weddings“ herhält. Ich darf einen Blick in das hübsch eingerichtete Innere des Häuschens werfen und mich zusammen mit den Geschwistern am schönen Sommerabend erfreuen. Alle sind barfuß, wir sitzen am Tisch, und Louises Schwester Yuki hat eine Schüssel mit Wasser vor die Hütte gestellt. „Ich glaube, jeder Budenbesitzer hat so eine!“ Louise lacht. Schließlich will man den Sand nicht en masse ins Innere des Juwels tragen.

Paradies auf Erden

Das und vielmehr bedeutet das Häuschen für Louise und ihre Familie. Eigentlich gehört es der Mutter Lone, die ebenfalls auf der Bühne erscheint, denn abends am Strand beginnt die Familienzeit. Das Badehäuschen als Treffpunkt nach der Arbeit oder für Geburtstagsfeiern. Schon den ganzen Tag freuen sich alle aufs Schwimmen am Abend. Lone hat ihren Mann übrigens am Strand kennengelernt. Und die Tatsache, dass er Badehäuschenbesitzer war, zählt auf der Insel mehr als sämtliche Statussymbole.

Strandhäuschen in Marstal, Ærø
Träumchen am Meer in Marstal

„Nicht für Millionen würde ich die Hütte verkaufen“, meint Lone, und ich glaube ihr sofort. Es sei das Paradies auf Erden. Selbst als sie im Ausland wohnten, darunter acht Jahre in Japan, sei die Familie jeden Sommer nach Ærø gekommen. Seitdem sie wieder auf der Insel leben, nutzen sie ihr kleines Hideaway auch im Winter und treffen sich auf einen Tee nach dem Strandspaziergang. Allerdings baden sie nicht ganzjährig wie ihr Hüttennachbar Jørn. Der kommt gerade aus dem Wasser, legt sich ein Handtuch um die Schultern, gesellt sich zu uns und erzählt von seinem Winterbadeclub. Ein dänisches Phänomen, dessen Vorteile ich bereits auf Bornholm kennen- und schätzengelernt habe. „Mit Sauna am Wasser?“, werfe ich sachkundig ein. Lone und ihre Töchter verneinen lachend. „Dann würden wir das auch tun!“

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Visit Fyn und Visit Ærø, die meine Recherchen vor Ort mit Übernachtungen, Insiderwissen und Kontaktvermittlung unterstützt haben!

Mehr über das Slow Life im Südfünischen Inselmeer? Auf Avernakø habe ich eine Insulanerin getroffen, die ihren Traum vom Slow Life lebt. Und auf Skarø machen sie fantastisches Eis…

Weitere Artikel aus meiner Budenzauber-Serie findet ihr hier: Amrums Strandhütten, Dagebülls Badebuden und die Hohwachter Strandhäuschen habe ich bislang im Angebot.

6 Gedanken zu „Paradise waiting“

  1. Oh wie schön Elke, ein kleines Paradies und die Badehäuser sind ja echt genial und dein Frühstücksfoto erst mmhhh…..sehr lecker. Ist bestimmt auch für uns eine Option für die nächste längere Reise! Ganz liebe Grüße und bis bald ❤️

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