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Die Pferdeflüsterin

Es war eine jener unglaublichen Mittfrühlingsnächte. Feucht und frisch die Luft, darin der intensive Geruch nach dampfender Erde, Wiesenkräutern und Meer.

Ich hörte den Schafen und Lämmern zu, die unendlich viel zu konferieren hatten. Aber auch Kühe, Pferde und Gänse waren recht kommunikativ.

Julchen philosophiert

Nur ich durfte ihnen nicht lauthals antworten – dann bekam ich ein zischendes „Pfui“ zu hören, das ich mit einem kleinen, dunklen „Wuff“ quittierte. So was nennt man Unterdrückung!

Doch die Nacht war zu schön, um sich darüber zu echauffieren. Also ging ich einer meiner Lieblingsbeschäftigungen nach: philosophieren. Wehe nämlich, wenn die Lutscher redeten! Ihren sogenannten besten Freunden wie mir wiederholten sie ihre einlullenden Phrasen gleich einer Platte mit Sprung.

„Na du kleine Pummelbacke. Pummelpummelpummelchen…“ Natürlich war ich schlank wie ein Windhund. Und absolut nicht vor die Pumpe gerast!

Zwar stieß ich mir den Kopf manchmal am Kaffeetisch, wenn ich mit Buddy schäkerte. Aber die grauen Zellen funktionierten noch. Und sie sagten mir: Bleib‘ cool, genieße die wundervolle Nacht!

Vielleicht kam ein Frosch vorbei, und ich konnte versuchen, ihn zu küssen. So wie letztens, in Schobüll, am Wegesrand. Das war kurz bevor ich das Pferd küssen wollte.

Wie immer in solchen Fällen nutzte ich die Gunst des Augenblicks. Natürlich war ich nach wie vor auf Lutscher spezialisiert, damit erzielte ich meine höchsten Erfolgsquoten. Doch ich bin auch ein tierlieber Typ. Katzen, Meerschweinchen – alles wird jebützt!

Reisehund Julchen knutscht ein Pferd

Nur zu drei Sorten hielt ich eine gewisse Distanz: Hasen, Igel und Vögel. Und das nicht ohne Grund: Sie hatten sich unaufgefordert meinem Hoheitsgebiet genähert. In solchen Fällen gab ich natürlich verbale Warnschüsse ab.

Mit Fröschen war das anders. Man konnte sie ohne Reue küssen. Nicht dass ihr jetzt denkt, ich glaubte an Ammenmärchen! Ich brauchte ja auch gar keinen Prinzen, Buddy reichte mir völlig.

Aber der Frosch konnte mir wenigstens sagen, wie das Wetter morgen wurde. Schließlich hatte ich jede Menge vor! Wenn mir der Regen nämlich einen Strich durch die Rechnung machte, musste ich wieder die Bude auf Vordermann bringen. Und das würde zwangsläufig zu Komplikationen mit Madame et Monsieur führen.

Bei schönen Wetter hingegen konnte ich die Pferde ehrenamtlich hüten und mit dem Fohlen flirten. Auch wenn wir nicht dieselbe Sprache beherrschten, dieses zuckersüße Fohlen und ich hatten die gleiche Wellenlänge.

Als ich letztens ausgebüchst war (Aufregung! Der Hund auf der Weide! Die ganze Nachbarschaft weg vom Fernseher!), hatte ich mir einen Traum verwirklicht: Mal im Galopp mit den Pferden über die Koppel rennen, mit fliegenden Ohren, wie es sonst nur der große schwarze Hund tat.

Julchen mit ihrer Lieblingstasche

Ich muss zugeben, ich beneidete ihn. „Schatten der Pferde“ nannte ich ihn heimlich. Er redete nicht mit mir. Wie ein Wilder jagte er zwischen den Pferden hindurch, um sie herum, hinter ihnen her. Dieses Mal tat ich es ihm gleich – was für ein Gefühl von Freiheit, Abenteuer, pura vida!

Doch irgendwann vernahm ich Madames verzweifelte Rufe und raste nach Hause. Mit hängender Zunge, aber hochzufrieden trottete ich neben ihr her. Instinktiv drehte ich mich noch einmal um. Das Fohlen folgte uns! Konnten wir es nicht mitnehmen? Adoptieren?

Ok. Dann tröstete ich mich halt mit meinem famosesten Spielzeug, dem lieben Geschenk von Sister Missy. Frauen mögen wilde Pferde und schicke Taschen, nicht wahr, Schwesterherz? Erst recht, wenn die Dinger quietschen!

Text: Julchen (nach Diktat gefeuert)
Fotos: Elke Weiler

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CategoriesNordsee
Elke

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

    1. Rosi says:

      Genau! Feuern geht gar nicht!!!!!!! So erfahre ich doch wenigstens wie es unserer kleinen Zuckerschnute in ihrem neuen Leben so ergeht!
      Dicke Knuddels vom „Erstfrauchen“

      1. Elke says:

        Die Zuckerschnute hat es faustdick hinter den Knuddelöhrchen! Und über Zäune springen geht auch gar nicht! Noch nicht mal, wenn zehn Pferde nebenan losgaloppieren… Aber natürlich ist Julchen der beste, liebste und pfiffigste Hund der Welt. :-) Deswegen sind wir guter Dinge, dass die Verhandlungen mit ihr positiv verlaufen. ;-)
        Julchen knutscht die ganze Hummelsippe!

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