Architektur Dänemark Jütland

Der Oktopus

Fjordenhus

Man sagt, Kraken seien die intelligentesten unter den Weichtieren. Wie lässt sich das auf ein Gebäude übertragen, das so wirkt, als hätte ein Krake gerade das Wasser durch seinen Mantel gedrückt, um aufzusteigen? Über eine architektonische Skulptur im Fjord.

Ich bin mitten im dänischen Vejle (sprich: waile) und orientiere mich in Richtung Hafen. Nichts Ungewöhnliches also, sondern eines der ersten Dinge, die ich in einer Stadt am Wasser mache. Der Reflex der Meerbloggerin sozusagen. Vejle liegt am Vejle-Fjord, etwa mittig auf der jütländischen Halbinsel, Ostseeseite. Tintenfische, also echte, sind zwar schon in der Ostsee gesichtet worden, wohnen normalerweise aber in Nordsee und Nordatlantik.

Eindeutig ein Krake.

Aber das macht nichts. Wenn sich ein Künstler wie Ólafur Elíasson ans Werk macht, taucht ein steinerner Krake sogar im Vejle-Fjord auf. Und der Hafen von Vejle entzieht sich mit seiner Hilfe ein Stück weit der industriellen Nutzung. Vejle hat ein neues Wahrzeichen, alle sind glücklich. Oder?

Immer wieder Elíasson

Zuerst fiel mir Ólafur Elíasson, ein Däne isländischer Herkunft, in Aarhus im ARoS Museum auf. Fasziniert hat mich nicht nur die Installation „Beauty“, in der ein Regenschleier nicht fällt, sondern aufsteigt. Oder war es eine Illusion? Der Künstler als Magier. Auch zog mich das begehbare „Your Rainbow Panorama“ auf dem Dach des Museums in den Bann. Aarhus in allen Farben schwelgend, egal welches Wetter. In Kopenhagen hat sich Elíasson verewigt, als er die Cirkelbroen fertigstellte, eine Brücke aus Kreisen mit Masten, die an Boote erinnern.

Fjordenhus, Detail
Reflektionen

Maritim passt immer, denke ich. Zumindest in Dänemark mit seinen mehr als 7.300 Küstenkilometern. Der Krake von Vejle ist gar keiner, oder sagen wir, vielleicht nur in meinen Augen. Da ist Bewegung in der Architektur. Fjordenhus nennt sich das 2018 fertiggestellte Gebäude ganz pragmatisch. Biegt man in die Havnegade vom Zentrum zum Hafen ein, beherrscht der Krake die Blickachse. Von weitem wirkt er größer als von nahem. Und er zieht dich an wie ein Magnet.

Dann stehe ich auf der Hafeninsel direkt vor dem Fjordenhus. Die Relationen von Umgebung und Krakengröße haben sich relativert. Dafür scheint er jetzt weiter aus dem Wasser herauszutreten, seine Arme sind deutlich erkennbar. Unterstützt wird dieser Effekt durch ellipsenartige Öffnungen. Also keine in den Baukörper eingelassenen Fenster, sondern mit der Form fließende. Eine organische Struktur.

Skulpturaler Körper

Über die Fußgängerbrücke betrete ich den Organismus, im Erdgeschoss ist das der Öffentlichkeit Tag und Nacht möglich. Im Rest des Gebäudes residiert eine Investment Firma, manchmal finden architektonische Führungen statt, und so weiß ich schon, was ich beim nächsten Besuch in Vejle tun werde. Denn ich würde nur zu gerne einen Blick ins Innere werfen.

Komplex, lebhaft, bewegt

Die Struktur des Fjordenhus ist in ihrer Gesamtheit nicht auf Anhieb zu erfassen, so wie es meist mit Erlebnis-Architektur ist, siehe Guggenheim-Museum in Bilbao oder Zaha Hadids MAXXI in Rom. Auch wenn die Dimensionen geringer erscheinen, kann das Ergebnis ebenso komplex sein. Schon von der Brücke sieht man die Arme des Kraken wie elegant geschwungene Brückenpfeiler ins Wasser eintauchen. Die Bewegung der Oktopus-Arme.

Der Grundriss ist nur von oben erkennbar, wie ich bei Nachrecherchen herausgefunden habe. Aus einem Spiel mit der Form des Zylinders haben sich vier Trommeln wie Schnittmengen als Basis entwickelt. Hohlräume wurden ellipsenförmig herausgeschnitten. Ein Rhythmus entsteht aus dem Wechsel des Konkaven und Konvexen, der entfernt an die barocke Genialtät eines Juvarra in Turin erinnert. Ein Austausch ist möglich, die Dynamik der Formen entfaltet ein Zwiegespräch mit der Umgebung, mit den Elementen Wasser und Luft.

Offene Architektur

Der Blick wird teilweise trichterförmig nach oben gesogen, wo er durch ein kreisrundes Loch entweichen kann. Ich fühle mich abwechselnd wie in einer Höhle, einem Tempel, einem Schornstein. Inmitten einer architektonischen Sinfonie. Einblicke, Durchblicke, Ausblicke suggerieren eine offene Architektur, innen und außen sind miteinander verwoben. Diese Transparenz lässt ein wechselhaftes Spiel mit dem Licht zu. Ecken und Kanten spielen keine Rolle. Ein Weichtier eben.

Erdgeschoss, Fjordenhus
Das Auge Saurons

Auch existiert keine Fassade im herkömmlichen Sinne. Kein Vorne, kein Hinten, nur das dem Wasser zugewandte Überall. Der Backstein sämtlicher Außen- und Innenwände setzt sich aus einem Farbspektrum zusammen, mal grün, mal ocker, mal braun, mal orangerot, mal blau, mal beige, mal anthrazit. Die lebhafte Struktur verleiht der äußeren Hülle eine gewisse Tiefe und lässt sie wie eine Haut aussehen. Die je nach Lichteinfall schillernde Haut des Kraken.

Obschon außergewöhnlich, drängt sich das Fjordenhus nicht auf, diese erste komplett vom Studio des dänisch-isländischen Künstlers geschaffene Architektur. Wenn ich genau hinsehe, hinkt mein Vergleich: Dem Kraken fehlt der Kopf. Hat er ihn im Wasser gelassen? Auf jeden Fall will ich sagen: Bitte in Sachen Architektur so weitermachen, lieber Ólafur Elíasson. Das Fjordenhus macht glücklich. Auch die, die nicht in den oberen drei Etagen arbeiten.

Schöne Aussichten

Text und Fotos: Elke Weiler

P.S.: Auf meinem Tisch liegt übrigens das Buch „Rendezvous mit einem Oktopus“ von Sy Montgomery über dieses Wunderwesen des Meeres. Aber nein, das hat meine Sichtweise nicht beeinflusst.

Mit Dank an Visit Vejle und Visit Denmark, die diese individuelle Recherchereise ermöglicht haben.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

16 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar Jutta sagt:

    Das ist ganz toll Elke! Mag dort jetzt hin! Erst gestern habe ich mit einer Freundin über Eliasson gesprochen … die neue Ausstellung in London! Seine Objekte sind grandios! Und dein Bericht super! Den Titel vom Buch habe ich mir auch gleich gemerkt. Herzliche Grüße, Jutta

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Danke dir, liebe Jutta! Da würde ich jetzt am liebsten gleich nach London fahren. :-) Muss gleich mal nachschauen, wie lange das dort geht. Denn ich sitze hier erst mal produktiv fest bis zum Herbst. Das Buch habe ich gerade erst angelesen, doch die Buchhändlerin auf Amrum hat meine Wahl richtig gelobt. Liebe Grüße! Elke

  2. Avatar Franziska sagt:

    Liebe Elke,

    ich kann jetzt zwar schwerlich einen Kraken erkennen, bin jedoch vom Gebäude als solchem total begeistert! Klare Linien und dann die Schwünge dazu, eine sehr dynamische Optik.
    Das Oktopus-Buch steht auf der Bücherwunschliste!

    Ich wünsche dir schon mal einen guten Sprung ins Wochenende!

    Liebe Grüße
    Franziska

      1. Avatar Franziska sagt:

        *dir ein zufriedenes Gesicht sende* Danke, es ist wunderbar, wir haben Sommer! *

        Liebe Grüße,
        Franziska

        * Ihr habt Hühner, ich die Wilden. Sie haben irgendwann Sonnenblumenkerne ausgesäht, vom Vogelfutter. Wenn die drei Damen so weit sind, schicke ich dir das!

        1. Avatar Elke Weiler sagt:

          Ja, Sommer, das ist einfach die schönste Zeit im Jahr. :-) Sonnenblumen, wunderbar! Die Wilden füttern wir übrigens auch (im Winter mehr), aber sie lassen kein bisschen übrig! :-) Liebe Grüße und noch ein schönes Wochenende!

          1. Avatar Franziska sagt:

            Davon ging ich bei euch aus. Jemand, der so tief im Jetzt verwurzelt ist, da läßt niemand die kleinen Piepser ohne Hilfe!

            Ich danke dir und wünsche euch allen einen angenehmen Sonntag!

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