Dänemark Jütland

Mein Slow Guide für Vejle

Wer kennt Vejle? Und wie spricht man das aus? Lauscht man den Einheimischen, klingt es wie „waile“ mit butterweichem W und schwungvollem I. Dahinter verbirgt sich eine Stadt mit 57.000 Einwohnern, hübsch am gleichnamigen Fjord gelegen. Wo sich zwei Flüsschen treffen, liegt der Ursprung von Vejle. Und so rauscht es manchmal unter dir, wenn du einen der diversen Kanäle überquerst, die durch das Zentrum führen. Vejle ist eine Stadt mit Geschichte und mit Ambitionen, die mich zunächst durch ihre ikonischen Architekturen am Wasser angelockt hat.

Also habe ich mich in den Zug gesetzt und die Küsten gewechselt. Es müssen schließlich nicht immer die stressigen Big Cities sein. Obwohl Stress in Dänemark grundsätzlich ein Fremdwort ist. Sowohl Kopenhagen als auch Aarhus empfinde ich eher als entspannt und entspannend.

Vejle, Hafen
Im Hafen

Auch wenn der Anteil an Radfahrern im Stadtverkehr von Vejle längst nicht so hoch ist wie in Kopenhagen. Was zum Teil auch daran liegen mag, dass sich die Stadt am Fjord recht hügelig ausnimmt. Eine Überraschung für alle, die denken, Dänemark sei ein durchgehend flaches Land. Mich haben die Steigungen von Vejle gar an Tübinger Verhältnisse erinnert.

Aber ich habe es versucht, meist zu Fuß, aber auch per Rad. Hier nun meine Erfahrungen und Tipps aus den Bereichen Kultur, Kulinarik und Outdoor. Als ich in Vejle ankam, regnete es. Also habe ich mich zunächst auf die Dinge im Trockenen kapriziert, um an den sonnigen Tagen Hafen und Fjord zu erkunden.

Fabrikanterne

Ein 500 Quadratmeter großer, offener Raum in der Nørregade 63, ein Labor für Kreative, das ist Fabrikanterne. Egal, ob Zeichner, Maler, Illustrator, Kunsthandwerker oder Goldschmied, in Fabrikanterne können Designer Verkaufsfläche oder Workspace mieten. Die eine kreiert Papierblumen, der andere röstet Kaffeebohnen, so dass es weder an Löwenzahn-Deko auf dem Konferenztisch noch am beliebten Heißgetränk mangelt. Seit dreieinhalb Jahren existiert jene Kombination aus Shop und Werkraum mitten in der Stadt.

Zuletzt als cooles Clubhaus genutzt, haben die Designer den industriellen Touch des Ambientes nicht modifiziert, dessen Rohheit nun im Kontrast zum bunten Inhalt steht und diesem Luft lässt. In der Stoffecke treffe Jonna. 40 Jahre lang hat sie Design und Kunst in Vejle und Aarhus unterrichtet. Nun arbeitet sie mit Stoffen namhafter Firmen, denen Restrollen abgekauft werden. Andere Designer haben sich dem Recycling verschrieben: Ich erstehe eine Kosmetiktasche, die aus alten Plastiktüten zu neuem Leben erwacht ist.

Ihre Schöpferin bietet demnächst einen Kurs an, in dem es um die Aufarbeitungstechnik von Plastiktüten geht. In der Rubrik „Meet your maker“ ist sie nicht die Einzige, es finden regelmäßig Gespräche und Workshops statt. Birgitta, die sich ums Geschäftliche kümmert, zeigt auf eine Fotografie an der Wand und legt mir den Besuch des Fjordenhus am Wasser nah, das auch Jonna sehr am Herzen liegt. Und irgendwie habe ich den Eindruck, dass Fabrikanterne viel mehr ist als eine Boutique, Ausstellungs- und Werkraum: Es ist ein Ort der Inspiration.

Bølgen und die schöne neue Hafenwelt

Die perfekte Welle am Ufer des Fjords? Bølgen ist als Architektur am Wasser längst ein Wahrzeichen der Stadt geworden. Als hätten die Erbauer ein Stück Blech wellenförmig gebogen, es weiß verkleidet und die Zwischenräume mit Wohnungen befüllt, neun Stockwerke hoch. Ganz so simpel ist die Konstruktion aus Stahl und Beton natürlich nicht. Und in ihrem blendenden Weiß dominiert sie die Umgebung, nur die Wolken können damit konkurrieren. Trotzdem: Jedes nicht rechteckige Gebäude ist wohltuend fürs Auge. Bølgen stammt aus der Feder von Henning Larsen Architects und beinhaltet Luxuswohnungen. Die Macher haben natürlich schon komplexere Gebäude geschaffen, etwa die Harpa Konzerthalle in Reykjavik. Auch dort kommt die Inspiration aus der näheren Umgebung, und das tut jeder Architektur gut.

Aber zurück zu Bølgen: Im Sommer können Bewohner wie Passanten hier direkt ins Wasser steigen, wenn sie wollen. Nur eine Promenade trennt sie vom Fjord, an Holzstege und Leitern wurde ebenfalls gedacht. Die Stille der Skyttehusbugten kann man vorerst nur am Abend genießen, denn um Bølgen herum wird kräftig und größtenteils rechteckig gebaut. Wie auch in Hamburg oder Aarhus verwandeln sich Teile des Hafens in ein Wohn- und Erholungsgebiet. Ich bin gespannt, wie Vejle in ein paar Jahren aussehen wird.

Restaurant Remouladen

Das zur Zeit einzige Lokal der schönen neuen Hafenwelt befindet sich in Stævnen 55 – unweit von Bølgen. Ein schwarz gestrichener Holzbau am Wasser, außen wie innen schick. Für die Terrasse war es letzte Woche leider zu windig, doch drinnen fühlt man sich durch die Fensterfront quasi mitten im Yachthafen. Der Blick fällt aufs Wasser und reicht vom Schwimmenden Kajakclub bis zur sich 40 Meter über den Vejlefjord erhebenden Brücke. Am Nebentisch wird überraschenderweise Deutsch gesprochen, was wohl an der einen oder anderen international aufgestellten Firma in der Stadt liegt.

Im Restaurant Remouladen
Dessert-Magie

Ich freue mich über den aufmerksamen Service, die elaborierte, aber nie zu abgehobene Küche. Meine Wahl fällt auf Spargel mit handgepulten Garnelen, Kabeljau mit feinem Gemüse und Erdbeeren mit Creme und Sorbet. Drei Gänge kosten 400 Kronen, vier gibt es für 495 Kronen. À la carte zahlt man pro Gang zwischen 95 (bei den Desserts) und 295 Kronen für ein Steak. Mich kann man quasi schon mit dem Brot kriegen, wenn es wie hier selbstgebacken und leicht warm daherkommt.

Unterwegs mit dem Rad

Immer wieder fällt mir auf, wie grün und hügelig es rundherum ist, selbst die Fußgängerzone ist weder flach noch schnurgerade. Es gibt Radstrecken in diverse Richtungen. Doch um größere Steigungen zu vermeiden, entscheide ich mich für eine Tour entlang des Fjords. Hinaus aus der Stadt, vorbei an Bølgen und leider parallel zum befahrenen Rødkildevej, der später Tirsbæk Strandvej heißt. Meine erste Station: Skyttehushaven. Hier feiern die Einwohner von Vejle gerne Hochzeiten, Geburtstage und Mittsommer oder lauschen Konzerten.

Bølgen, Vejle
Wo die Stadt endet und der Fjord beginnt.

Obwohl die Parkanlage gerade neu hergerichtet wird, obwohl Restaurant wie Eis-Pavillon noch geschlossen sind, spazieren junge Mütter mit Kinderwagen durch den Garten und lassen sich unten am Ufer nieder. Eine Großmutter ist mit ihrer Enkelin und einem Picknickkorb unterwegs. Denn dafür ist der Park am Fjord wie geschaffen. Ich fahre unter der Brücke durch und zum nächsten Strand, dem Albuen Beach, wo gerade Volleyball gespielt wird. Ein paar Leute sitzen lässig im Sand, eine Möwe spaziert durch das klare Fjordwasser. Kajakfahrer steuern auf das Ufer zu und demonstrieren mir, was beim nächsten Vejle-Besuch zu tun wäre.

Die Windmühle von Vejle

Sie ist von weitem zu sehen, schon von der Fußgängerzone aus. In prominenter Lage ragt sie auf dem Hügel über der Stadt in die Höhe, als würde die alte Mühle immer noch stolz ihren Dienst tun. Wie aus dem Ei gepellt. Das Rad stelle ich auf der St. Bjerggade ab, die Steigung ist enorm. Selbst zu Fuß muss ich anhalten und eine sogenannte lohnende Pause von einer Minute einlegen. Dann noch ein paar Stufen, ein Schlenker über den Koldingvej und ich lande im Søndermarksvej zu Füßen der Mühle.

Eine mit Geschmack gekleidete ältere Dame weist mich auf die Ausstellung im Erdgeschoss sowie die Exponate aus dem Leben des Müllers in den oberen Geschossen hin. Von dieser exponierten Stelle hat man einen schönen Blick auf Vejle. Auf dem Rückweg noch ein Plausch mit einer im Garten werkelnden Anwohnerin, als ich mein Rad wieder abhole. Ja, der Hügel, der sei hart. Sie selbst fahre E-Bike, das zahle sich in der Gegend aus. Für mich geht es wieder abwärts, die Bremsen funktionieren, daher alles im grünen Bereich.

Spinderihallerne

Vejle hat Geschichte, es war mal stark in der Textilindustrie. Ein markantes Relikt die alten Spinnereihallen auf der Spinderigade 11E. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde hier Baumwolle aus den USA weiterverarbeitet. Ja, man ließ sich dazu hinreißen, Vejle als das Manchester Dänemarks zu betiteln. Heute gibt es eine Ausstellung zum Thema, die wie viele Museen in Vejle ohne Eintritt zugänglich ist. Doch die Spinderihallerne ist vor allem eins: Raum für Kreative und Gründer.

Als ich zum Lunch das Café aufsuche, bin ich umzingelt von jüngeren Leuten, die sich vermutlich genau wie ich über das Büffet freuen. Es kostet tatsächlich nur 65 Kronen (etwa 8,70 Euro) und besteht aus orientalisch anmutenden Salaten, selbstgebackenem Brot (!), Köstlichkeiten aus Gemüse und Lachsfrikadellen mit Dillsoße. Das Menü ändert sich täglich, und es ist so gut, dass ich gleich an zwei Tagen hintereinander das Café der alten Spinnerei aufsuche.

Historischer Innenhof, Vejle
Den Smidske Gård

Und es gibt noch so viel mehr! Etwa den hübschen Innenhof „Den Smidske Gård“, einst Kaufmannshof mit allem Pipapo, heute Café und Weinbar. Oder das Økolariet, eine Art Infozentrum zu den Themen Natur, Nachhaltigkeit und neue Technologien. Beliebt bei Schulklassen, aber nicht nur. Der interessierte Besucher erfährt u.a. folgende Details: Hundekot verschwindet in der Natur nach zwei Wochen, Obstschalen nach fünf Wochen, eine Zeitung nach fünf Monaten, Kippen nach vier Jahren, Kaugummis nach fünf Jahren, Plastikflaschen und Getränkedosen nach 500 Jahren.

Kunstmuseum Vejle
Im Kunstmuseum

Dann wäre da noch das ebenfalls frei zugängliche Kunstmuseum mit seinem Erweiterungsbau von Kim Utzon. Vor allem die Gegenwartskunst hat mich hier fasziniert. Oder kulinarisch: Das Restaurant Madindustrien und die kleine Street Food Hall daneben, wo es neben Pizza auch asiatische Fusionsküche, Burger und Eis gibt. (Tipp am Rande: Am Mexikaner-Stand am besten auf Tortillachips mit frischer Guacamole beschränken.) Dann sind da so niedliche Cafés wie das „Deli“ mit seiner großen Pfannkuchen-Kompetenz. Oder das „Onkel A“ mit tollen Sandwiches in Bio-Qualität. Smørrebrød reinterpretiert, wenn auch nicht eben günstig.

Was ich euch bislang vor allem unterschlagen habe, ist mein Eindruck vom Fjordenhus, meinem absoluten Highlight in Vejle. Das folgt schon bald – als Artikel in meiner Reihe „Erlebnis Architektur“.

Text und Fotos: Elke Weiler

Möwe
Farvel!

Mit Dank an Visit Vejle und Visit Denmark, die diese individuelle Recherchereise ermöglicht haben.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

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