Architektur Italien Rom

Der Raum, den es nicht gibt

Wenn dir etwas radikal modern erscheint, dann kann es daran liegen, dass du es in seiner Gesamtheit zunächst nicht erfassen kannst. Etwas, das alles über den Haufen wirft. Es zieht dich an, ist Magie, obschon an diesem grauen Tag so etwas wie Beton noch banaler wirkt. Dieser nicht. Er windet sich, entwickelt sich, lebt wie eine Skulptur.

Und selbst als Plastik will sich der Baukörper den Gesetzen der Schwerkraft, den Sehgewohnheiten, ja, dem gesunden Menschenverstand widersetzen. Nur die zur Straßenseite gerichtete Fassade älteren Datums lugt unter dem Ganzen hervor, unter dem Neuen, Radikalen, Wilden, Lebendigen.

Ein widerspenstiges Gebäude, eine Architektur wie ein Dschungel.

Betritt man von der Via Guido Reni den Vorplatz, zeigt sich das eigentliche MAXXI, dem Museo nazionale delle arti del XXI secolo. Hier, mitten im bürgerlichen Viertel Flaminio passiert es. Rom scheint mit einem Mal weit weg zu sein. Keine antiken Mauern, keine barocken Paläste, keine opulenten Brunnen.

La Piazza

Rings um den Platz, der nur noch wenig von den vorhandenen Strukturen einer verlassenen Kaserne offenbart, die eleganten Mietshäusern vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Doch sie treten zurück. Lediglich das Fenster im oberen, scheinbar nach vorne kippenden Riegel des MAXXI spiegelt die Wohnhäuser wider.

Blick in die Zukunft

Wie ein gerahmtes Bild, das sagen will: Seht her, du bist in Rom. Es gibt diese Stadt, diesen immensen Fundus für Historiker und Kunsthistoriker. Doch nun bist du in der Zukunft gelandet. Und die Vergangenheit wird eingerahmt und an die Wand gehängt. Geleugnet wird hier nichts. Jedes Stück Rom weist auf etwas anderes hin, eine andere Zeit, ein anderes Leben.

Schwer zu erfassen.

Und nun sieh in die Zukunft. Die Architektin hat den Wogen ihrer Fantasie freies Feld gelassen, auf dieser Piazza. Und so ist es gelandet, das Museum als Raumschiff, einfach auf ein bestehendes Gebäude gesetzt, das nur noch auf der Straßenseite identifizierbar ist. Das neue Betonstück fließt wie ein Nebenarm des ein paar hundert Meter entfernten Tibers über den Platz.

Schon von außen versuche ich die Struktur zu erkennen, doch was ich sehe sind Formen, Durchblicke, Vorhänge. Eine Gruppe von Studenten steht vor der Architektur, einige sitzen auf dem äußeren Mobiliar. Das MAXXI definiert nicht nur seinen Raum, sondern auch den des Vorplatzes und den der Luft. Wie mag es aus der Vogelperspektive aussehen? Ich gehe hinein.

Das Guckloch

Normalerweise gibt ein Grundriss Aufschluss, doch der des MAXXI hat nichts damit zu tun, was sich über ihm entfaltet. Erst wenn man alle Ecken und Etagen erlaufen hat, kommt man Zaha Hadids Idee vom modernen Museumsgebäude näher. Seine komplexe Gesamtstruktur zu erfassen, etwas zu verstehen.

Architektur, die lebt

Noch besser ist es jedoch, zunächst nichts verstehen zu wollen, sondern sich durch die Räume und Ausstellungen treiben zu lassen. Alles wirken zu lassen, sich verwirren zu lassen. Dem Fluss zu folgen, hier, wo kein Weg, keine Richtung vorgegeben ist. An einem bestimmten Punkt beginnt man zu verstehen. Das Fließen der Längsvolumina zu begreifen, die scheinbar von den oberen Querriegel zusammengehalten werden.

Die Schlange

Im Innern öffnet sich der Raum. Eine Treppe zieht sich wie eine Schlange durchs Foyer. Also gehe ich hoch, folge ihr zunächst, biege ab, vor, zurück, rechts, links. Folge weiter. Hadids Definition von Raum gibt es nicht, es folgt eine Überraschung auf die nächste. Diese Art von Architektur hat etwas Mitreißendes. Selbst die Exponate geben sich dem hin, agieren teilweise genau so Etagen-übergreifend wie raumgreifend.

Von einem Labyrinth zu sprechen, trifft es nicht, da Labyrinthe die Intention haben zu verwirren, doch im Grunde einer Ordnung gehorchen. Genau diese wird jederzeit von der Baumeisterin gesprengt. Es gibt sie nicht. Als wäre das Bauwerk einer ungebremsten Fantasie entsprungen und mitsamt seiner runden wie spitzen Ausformungen aus Beton und Glas schier gewachsen.

Alles im Fluss.

Zaha Hamid scheint das spitz zulaufende Trapez zu lieben, das als Öffnung in der Mitte des Raumes eine Sogwirkung entfaltet. Doch vermutlich ist das spitze Trapez nicht das Ziel, sondern das Ergebnis dieser radikalen Räumlichkeit, die in ihrer Vierdimensionalität virtuellen Bewegungen zu folgen schienen.

Der Raum, den es nicht gibt. Alles fließt.

Fantasie erzeugt Fantasie, und die Möglichkeiten der Präsentation jeglicher Art von Kunstwerken scheinen dank dieses Konzept von Architektur nicht limitiert zu sein. Eigentlich will ich mich ganz auf die Architektur konzentrieren, doch Raum und Ausstellungen gehen Hand in Hand, sind in Opposition, wirken symbiotisch.

Drunter und drüber.

Ganz oben umgibt mich Dunkelheit. Vor dem schwarzen Hintergrund die angeleuchteten Schwarzweißaufnahmen des römischen Fotografen Paolo Pellegrin, Auszüge seines Gesamtwerks zwischen 1998 und 2017. Menschen, intensive Porträts, Situationen aus Krieg, Flucht, Elend. Natur, das Meer, antarktisches Eis.

Ich stehe ganz oben, im Querriegel, dessen Fenster von außen die Häuser des Viertels Flaminio widerspiegelt. Der Tag wirkt noch dunkler als in der Realität, doch der Platz vor dem MAXXI belebt sich mit mehreren Schulklassen. Langsam gehe ich hinab, folge den Wellenbewegungen, lasse mich noch einmal treiben. Und trete hinaus, zurück in die Gegenwart.

Der Vorhang fällt.

Nichts anderes ist das MAXXI, ein Teil dieser Gegenwart. Doch ein visionärer Teil, der Wirklichkeit werden konnte.

Ganz großes Kino, beste Zaha Hadid.

Text und Fotos: Elke Weiler

Noch ein paar Infos:

1998 wurde der Wettbewerb für ein Museum zeitgenössischer Kunst im Viertel Flaminio ausgeschrieben. Zaha Hadid konnte sich mit ihrem ebenso innovativen wie integrativen Entwurf gegenüber 272 Mitbewerbern durchsetzen, darunter Jean Nouvel, Kazuyo Sejima und Rem Koolhaas. 2003 wurde der Grundstein gelegt, 2009 das MAXXI fertiggestellt.

Der Weg zum Museum: Ab dem Hauptbahnhof Stazione Termini mit der Metro A in Richtung Battistini bis zur Haltestelle Flaminio fahren. Dort in die Tram 2 einsteigen und bei Apollodoro aussteigen, (aus der Fahrtrichtung gesehen) links abbiegen in die Via Guido Reni. Das Gebäude liegt nach einem kurzen Spaziergang auf der rechten Seite.

Die Öffnungszeiten: Dienstags bis freitags 11 bis 19, samstags 11 bis 22, sonntags 11 bis 19 Uhr, montags Ruhetag.

Verliere dich.

Mit Dank an das zur Radisson Collection zählende Hotel Palazzo Montemartini, das mich dieses Mal nach Rom geführt hat.

Weiter lesen über die ewige Stadt? So fühlt sich Rom im November an. Und hier geht es zu meinem Lieblingsviertel Monti. Wo die Römer baden gehen? In Sperlonga, einem Küstenort weiter südlich.

Überall das MAXXI.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

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