Frankreich à la carte

Eine Zeit lang hatte ich im Frühling plötzlich den Duft frisch gebackener Croissants in der Nase. Eine Erinnerung in der Gestalt eines Geruchs, geboren aus einem unsichtbaren Band von Ort und Zeit. In den Jahren davor ging es mehrfach für zwei Wochen in die Partnerstadt Lambersart bei Lille. Schüleraustausch. Meine ersten intensiven Erlebnisse in Frankreich. Es war die Zeit von „Billie Jean“ und „Let’s dance“. Wir nahmen am Leben unserer Gastgeberinnen teil, saßen manchmal im Café, während sie in der Schule waren, und lernten die wohl besten pains au chocolat der Welt lieben. Wir kamen nicht umhin, unsere Gastgeberinnen zu bewundern, die uns in Sachen Erfahrung, Schminke und Spitzenunterwäsche meilenweit voraus waren.

In Granville

Ich brachte ein Rezept von meiner Gastfamilie mit, das ich heute noch koche: Einen Auflauf aus gebratenem Hack und Kartoffelpüree, mit Käse überbacken. Französisch erklärte ich zu damals zu meiner Lieblingssprache. Nach dem Abitur wollte ich für ein Jahr als Au Pair nach Paris gehen, habe mich jedoch gegenüber meiner Umgebung mit dem Vorhaben nicht durchgesetzt. Die nächste Möglichkeit, in Frankreich zu leben, ergab sich wesentlich später, als ich eine Stelle als Redakteurin in Offenburg annahm. Der Plan war, eine Wohnung in Straßburg zu finden und mit meiner damaligen Ente, der legendären Valentina, wochentags zu pendeln. Eine zentrale und auch hübsche Wohnung zu finden, erwies sich jedoch als schwierig. Also blieb ich auf der deutschen Rheinseite, bezog ein Apartment mit Blick auf die Weinberge, und fuhr an den Wochenenden nach Frankreich.

Frankreich lesen

Zwei verpasste Gelegenheiten also? Pressereisen und Urlaube in Frankreich sind schön, können aber nie ein Leben vor Ort ersetzen, allenfalls Appetit darauf machen, was in den letzten zwanzig Jahren nicht selten der Fall war. Mein Französisch ist ein bisschen verkümmert, so dass ich Bücher lieber auf Deutsch lese. Klassiker wie „Le Petit Prince“ von Antoine de Saint-Exupéry habe ich natürlich im Original! Im Gegensatz zum Angebot aus anderen Ländern sind wenigstens zahlreiche französische Bücher in Übersetzung auf dem deutschen Markt vorhanden. Zuletzt las ich von der großartigen Leïla Slimani “Dann schlaf auch du“. Die Geschichte einer entsetzlichen Tat, die mit dem Ende anfängt und dann die Entwicklung bis dahin gekonnt nachvollziehbar macht. Die Zutaten: ein junges, gut situiertes Paar in Paris, zwei Kinder und ein Kindermädchen. Mehr möchte ich gar nicht verraten, nur soviel: Die Autorin ist brillant.

In Fécamp

Irgendwann fing ich an, „Das Leben des Vernon Subutex“ zu lesen. Die Feministin Virginie Despentes, wegen ihres Debütromans „Baise-moi“ auch als Skandalautorin bezeichnet, ist außerdem Regisseurin. Bevor sie zu schreiben begann, sang sie und betrieb einen Plattenladen, genau wie einst die Hauptfigur ihrer Subutex-Serie. Despentes‘ Paris ist das der Musik-, Buch- und Pornoindustrie. Im ersten Band wird der arbeitslose Vernon aus seiner Wohnung vertrieben, nachdem er die Miete nicht mehr bezahlen konnte. Zunächst kommt er bei diversen Bekannten und Freunden unter, doch irgendwann landet er auf der Straße. Das zweite Buch setzt genau dort an, ich lese, beziehungsweise höre es gerade. Anfangs haben mich die großräumig angelegten Puzzleteile der Handlung irritiert, wenn die Autorin ausführlich neue Personen vorstellt, und man sich fragt: Ok, was hat das jetzt mit Vernon zu tun? Aber es geht ihr darum, ein vielschichtiges Porträt der Gesellschaft vorzustellen. Wenn man sich darauf einlässt, immer wieder exzellent beschriebene Nebenfiguren kennenzulernen, rückt der Plot fast in den Hintergrund.

Im Film

Die Regisseure Olivier Nakache und Éric Toledano, bekannt durch den erfolgreichen Film „Ziemlich beste Freunde“, haben sich an ihrer ersten Serie versucht: “In Therapie“. Frankreich sitzt nach den Anschlägen vom Herbst 2015 auf der Couch. Insgesamt 35 Folgen, maximal eine halbe Stunde lang. Eine Wohnung, ein Psychotherapeut, fünf Patienten. Jede Folge eine Sitzung. Klingt langweilig? Ausgesprochen intelligent gemacht und großartig gespielt! Zu finden in der Arte-Mediathek.

Mit dem 2CV in der Normandie
Mit der Ente zum Mont Saint Michel

Meine zweite Empfehlung „No man’s land“, ebenfalls in der Mediathek, ist eine israelisch-französische Koproduktion über die Verschmelzung der Themen Familie, Krieg und Spionage. Ein junger Franzose glaubt nicht an den Tod seiner Schwester, beginnt sie zu suchen und landet schließlich zwischen den Fronten in Syrien. Er findet sie unter den kurdischen Widerstandskämpfer:innen, doch sie ist nicht mehr dieselbe wie früher. Und daran tragen auch er und die Eltern schuld. Er verliebt sich in eine Kurdin, die eigentlich in Paris aufwuchs und dort auch ihre Zukunft sah, bis ihre Eltern beschlossen zurückzugehen. Absolute Hochspannung bis zum Schluss auf den Schauplätzen in Frankreich, Ägypten und Syrien.

Und zu guter Letzt: la musique! Playlists zusammenzustellen, ist mir in den letzten Wochen zum Hobby geworden. Im Falle von Frankreich fiel es mir ausgesprochen leicht, da ich durch die Jahre hinweg stets mit französischer Musik in Berührung kam. Zuletzt war „Nudes“ von Claire Laffut & Yseult einer meiner Sommerhits. Hier die ganze Frankreich-Playlist, natürlich inklusive Klassikern wie „La mer“ von Charles Trenet!

Bonne soirée, les amis!

Text und Fotos: Elke Weiler

Und falls ihr mehr über Frankreich lesen mögt, hier gibt es zum Beispiel mein Rezept für Nizza-Salat. Spürt die Leichtigkeit in der Provence, ein Gefühl von Freiheit auf der Île d’Ouessant oder erlebt eine Springflut in Saint Malo. Eines wird euch auffallen: Irgendein 2CV ist in meinen Frankreich-Geschichten meist präsent. Kein Wunder! Es handelt sich um mein Lieblingsauto. Auch in Paris ging es nicht ohne. Und das sogar schon zwei Mal!

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Post vom Meer

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11 Kommentare zu „Frankreich à la carte“

  1. Liebe Elke, ich bin auch ein riesiger Frankreich Fan und wenn ich die Bilder sehe, denke ich an unseren wunderbaren Urlaub auf dem Cotentin. Bonne soirée, Sabine

    1. Das klingt schön, liebe Sabine!

      Heute Abend haben wir die Playlist zum Dinner gehört und haben wir ebenfalls in Erinnerungen geschwelgt. ;-)

      Liebe Grüße, Elke

  2. Was für ein wunderschöner Artikel, der uns träumen lässt, liebe Elke! Ich habe sofort ´La Mer´ im Ohr und bin schon gedanklich in Südfrankreich…

    1. Danke, liebe Monika! Derzeit kochen, lesen, hören und beamen wir uns via Film nach Frankreich, aber irgendwann werden wir auch wieder physisch dort sein! Liebe Grüße von der Küste!

  3. Ein Urlaub in Frankreich könnte auch mal sein, es gibt so viele schöne Urlaubsregionen in France und köstliche Spezialitäten in diesen Regionen. Paris ist immer eine Reise wert.

  4. Nina aus Frankreich

    Hallo Elke,

    wunderschöner Artikel mit tollen Bildern! Ich bin selber aus Frankreich und mach oft im Süden Ferien – meistens am Meer – so auch vor einem Monat. Das Wetter war kalt und nicht gerade angenehm! Wir mussten alle Masken tragen wegen dem Coronavirus.

    LG Nina

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