Kleine Halligen

„Und Annemie, auch zwei Würstchen?“, fragt der Mann an der Theke. Es riecht nach Würstchenwasser an Bord der „MS Seeadler“. Die Gäste unterhalten sich fachmännisch. „Nach Oland kannst du jetzt noch nicht fahren. Zu wenig Wasser.“ Und ich frage mich, warum die Anderen mehr wissen als ich.

Ich bin in Schlüttsiel an Bord gegangen, einer meiner nordfriesischen Lieblingshäfen. Er liegt nördlich von Bredstedt im mittleren Nordfriesland, von hier aus lassen sich die Halligen Gröde und Oland gut erreichen. Sie liegen quasi in Sichtweite, je nach Wetterlage.

Die ewigen Möwen und Seeschwalben folgen unserem Schiff. Zwei Seekajaker paddeln außerhalb der Fahrrinne, ein gutes Stück vom Festland entfernt. In einer Stunde ist der Höhepunkt der Flut erreicht. Während wir Oland und Langeneß vor Steuerbord wissen, zieht die „Hauke Haien“ an uns vorbei.

Schiff ahoi!

Neben Gröde ragt ein einsames Haus aus dem Meer: Es thront auf der einzigen Warft von Hallig Habel, mit sieben Hektar als kleinste nordfriesische Hallig bekannt. Sie gehört zu Gröde und liegt in Schutzzone 1 des Nationalparks. Bei Bedarf wohnt ein Vogelwart auf Habel, das Strom über eine Solaranlage gewinnt und per Schiff mit Wasser versorgt wird.

Doch die kleinste Hallig gehört den Seevögeln.

Nur von weitem können wir einen Blick darauf werfen. Der Tag beginnt mit bestem Nordseewetter – das Meer, der Himmel, das Land – alle Farben Grau. Doch die Fennen an Land tragen Saftgrün und strafen alles andere Lügen. Meine Füße frieren, weil Sommer ist. Barfußzeit. Und weil ich auf Funktionskleidung pfeife. Klar, Ölhaut und Gummistiefel, die braucht man an der Küste. Aber nicht jetzt.

Am Anleger

Der Kapitän der „Seeadler“, Heinrich von Holdt, erzählt über den Lautsprecher, dass Grödes Schule zur Zeit nicht besetzt sei, und die beiden Halligkinder auf dem Festland unterrichtet werden. Außerdem erfahren die Passagiere, dass die großen Fluten von 1962 und 1976 Grödes Warften beschädigten, die seitdem erhöht wurden. Bis zu 25 Mal im Jahr werde die Hallig vom Meer überspült. Ihre acht Bewohner leben in den Häusern auf der Knudtswarft.

Bevor der Kapitän uns an Land lässt, drückt er uns die Abfahrtszeit von 14.15 Uhr aufs Auge. Die „Rungholt“ liegt bereits vertäut an Grödes Steg und wird vermutlich früher ablegen als wir. Alle Ausflugsschiffe nutzen vom Frühjahr bis Herbst die Flutzeiten, ganzjährigen Fährbetrieb wie etwa nach Hooge gibt es für Gröder und ihre Gäste nicht.

Schilder braucht es eigentlich nicht.

Es sind keine Menschenströme, die sich über die Hallig ergießen, alles bleibt schön überschaubar. Und jede Gruppe hat ihren Rhythmus, wenn sie über Gröde zieht, auch wenn die Wege immer dieselben sind. Immerhin verfügt die drittgrößte Hallig über 252 Hektar Land. Aber nur, weil die ehemalige Hallig Appelland angedockt hat.

Auch ich laufe zunächst parallel zur Wasserkante, biege dann links ab. Ich bin nicht zum ersten Mal hier, und scheinbar hat sich seit meiner letzten Tour nach Gröde nicht viel verändert. Das erste Ziel ist die im Schulhaus versteckte, hübsche kleine Kirche St. Margarethen. 18. Jahrhundert, vermutlich die siebte Kirche an diesem Ort in Folge.

St. Margarethen

Ich liebe diese kleinen Backsteinkirchen auf Halligen, Inseln und Festland. Oft steht man ganz allein im Innern und bewundert das Schlichte, liebevoll Gestaltete, das Gemütliche. Die Holzschiffe an den Decken, die verzierten Bänke. Geborgen fühlt sich hier gleich jeder. Doch auf Gröde bin ich heute nicht allein.

Er verliert keine Zeit, fängt gleich an zu reden. Ein älterer Mann, der mit der „Rungholt“ gekommen sein muss. Von der zu selten klingenden Spendenbox in der Kirche über die Inselkeramik kommt der Berliner geradewegs zu den Themen Kulturerbe und Einwanderung, und dann geht es los.

Im Sommer blüht der Halligflieder.

Selbst sei er eingewandert, ein ehemaliger Ostpreuße, der Vertreibung, Flucht und Neuanfang hat erfahren müssen. „Damals gab es keine Willkommenskultur.“ Umso besser, dass es sie heute gibt. Und seltsam, dass er es anders sieht. Irgendwann frage ich ihn nach der Uhrzeit und seinem Schiff, da verabschiedet er sich eilig. Die „Rungholt“! Gleich legt sie ab.

Wir sind alle nur kurzzeitige Gäste auf Gröde, und wenn man so will, auch auf der Welt.

Ich habe noch etwas Zeit und suche zielstrebig Monikas Kiosk auf, denn ich kenne und schätze ihre Knerken, hausgemachtes Halliggebäck. Der Kiosk steht zwar da, doch weit und breit keine Monika. So steuere ich den relativ neuen Keramikladen an und treffe auf die junge Künstlerin Annabelle. Ich erstehe eine ihrer Postkarten – gemodelt hat hierfür ein Teil des Pensionsviehs.

Gröder Strukturen

Annabelle ist nicht nur Fotografin, sondern fertigt auch diese schöne, schlichte Keramik in subtilen Farben an. Nordseefarben. Erst seit ein paar Jahren hat sie sich auf Gröde niedergelassen. Ich schaue auf meine Karten-Kuh und frage nach dem Pensionsvieh. Die Kühe seien zur Zeit auf Appelland, informiert sie mich.

Ich würde sie gewiss sehen, wenn es mit der „Seeadler“ wieder hinausginge. „Was für ein schöner Tag“, meint sie leise. Ich schaue zum Horizont, die Wolken lichten sich ein wenig. Doch Annabelle redet vom Meer, so ruhig wäre es heute. Dann taucht Monika wieder auf, und ich gehe zurück zum Kiosk. Die Knerken müssen noch mit.

Am Kiosk

Wenig später ist auch meine Zeit auf Gröde vorbei. Der Kapitän legt ab, als alle Passagiere an Bord sind. Wir steuern Oland an und ziehen an einem Krabbenkutter vorbei, dessen Schleppnetze wie ins Wasser gefallene Flügel aussehen. Auch die „Rungholt“ taucht in der von Pricken gesäumten Fahrrinne wieder auf.

Kaum dass wir Oland betreten, dringt die Sonne durch die Wolken, und mir wird endlich warm. Die wie aus dem Ei gepellten Häuser der 21 Olander liegen auf einer Warft und geben mitsamt der Bauerngärten ein echtes Postkartenmotiv ab. Einen Einheimischen erkennt man daran, dass er sich mit einem anderen darüber austauscht, wer gerade mit dem Boot oder der Lore aufs Festland fährt.

Cabrio-Lore

Der Lorendamm, Olands Verbindung zum Festland, macht die Halligbewohner unabhängig vom Schiffsverkehr. Wer etwas auf dem Festland zu erledigen hat, kann über den erhöhten Damm düsen, egal ob Ebbe oder Flut herrscht. Was am Anfang, in den 20er Jahren des letzten Jahrhundert, nur mit Segel und Wind ging. Doch inzwischen nutzen die Olander mit Benzin betriebene kleine Motoren in ihren meist offenen Loren nach Dagebüll.

Ein Olander steht am Zaun und schaut mit dem Fernglas in Richtung Festland, er scheint auf jemanden zu warten. Nur wer auf der Hallig übernachtet, kommt in den Genuss einer Lorenfahrt, denn als Taxis dürfen die privaten Loren nicht fungieren. Der Mann mit dem Fernglas tauscht sich mit einer Nachbarin aus, bald wird wohl eine Lore über die Schienen rattern.

Ich laufe ein Stück weiter, folge den Wegen, nicht immer wissend, wo der öffentliche Bereich endet, wo der private beginnt. Die Nähe ist groß, jeder weiß fast alles vom anderen. Auf einer Hallig muss man seine Nachbarn mögen, sonst funktioniert es nicht. Dann lande ich vor einem Lokal, einem Mittelding aus Restaurant, Café und Kneipe. Das Olander Pendant zu Monikas Kiosk, so scheint es.

Doch mit Sitzgelegenheiten drinnen wie draußen. So suche ich mir einen Platz in der Sonne, probiere den Blechkuchen mit Sahne, dazu Filterkaffee. Und während ich an diesem windstillen Tag die Olander Idylle genieße, kann ich mir Sturm und Landunter hier nur schwer vorstellen. So könnte ich bleiben, eine Weile in der Enge wohnen und die Weite aufnehmen, die jederzeit verfügbar ist.

Tschüss, Oland!

Und auf keinem Landflecken ist der Duft des Meeres so intensiv wie auf den Halligen.

Text und Fotos: Elke Weiler

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  1. Eberle Kurt

    COGITO,ERGO SUM

  2. Toller Beitrag Elke.
    Deine Beschreibung macht die Einzigartigkeit der Halligen echt spürbar.

    • Danke, lieber Helmut! Ich habe ja immer das Gefühl, ich müsste mal längere Zeit dort bleiben. :-)

      • Mach’s doch einfach mal, es lohnt sich.
        Habe mal 6 Wochen am Stück auf der Hallig Langeneß verbracht, nach 2 Wochen beginnt ein unglaubliches Gefühl der inneren Ruhe, völliger Entschleunigung und Zufriedenheit.

        • Das klingt toll. Aber es müsste eine Hallig sein, auf die ich mindestens einen Hund mitnehmen kann. Und wegen der Zugvögel wird es schwierig. Aber sechs Wochen wären schon ein Traum!

  3. Pingback: Mit der Lore nach Hallig Oland | Nordfriesische Geschichten

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