Die alte Mühle am Meer

Von Henne wusste ich nichts, nur der Name erschien mir auffällig. Angeblich geht er auf das 12. Jahrhundert zurück. Damals sprach man von Hænningh, dem Ort der Auerhähne. Neugierig bin ich schon, als wir von der Insel Fanø nach Esbjerg übersetzen und Kurs auf Henne nehmen.

Weit ist es nicht, doch zunächst müssen wir irgendwie aus dem Hafengebiet hinaus gelangen. Und dann sehe ich sie. Riesengroß, blendend weiß und irgendwie steif sitzen sie da und schauen aufs Meer, die ganze Zeit. Svend Wiig Hansens Skulpturengruppe „Der Mensch am Meer“ zeigt vier Giganten, breitschultrig, männlich, wie geklont. Schablonen von Menschen, denen etwas Sphinxhaftes innewohnt.

Hundewald ohne Hunde

Viel zu spät denke ich, wieso haben wir nicht irgendwo angehalten? Es war die Straße, die mich wie ein Sog fortgezogen hat. Die Dynamik des Roadtrips. Unsere Tage voller Erlebnisse, voller Sand, Salz auf den Lippen und überall das Meer. Lieber wollen wir selber gen Horizont schauen.

Sand, Salz, Wasser
Sand, Salz, Wasser

Ich gebe Gas, und Julchen bellt. Natürlich, ein Hundewald liegt auch auf der Strecke. Bei Oksbøl in der Dünenplantage, und wir sind fast allein dort, als wir um die Mittagszeit eintreffen. Wir verlieren uns im Nadelwald und finden uns wieder. Nach nur 44 Kilometern parke ich Emilia vor dem Strand von Henne. Doch in meinem Enthusiasmus vergesse ich das Licht. Als wir wieder zurückkommen, brennt es noch.

Ein gutes Zeichen? Nein. Emilia hat zum ersten Mal auf diesem Roadtrip Startprobleme. Nervös krame ich nach den Kabeln. Auf dem Parkplatz stehen genügend andere Wagen, doch wer kann mir helfen? Zielstrebig gehe ich auf die einzigen Leute zu, die ich vor ein paar Minuten kennengelernt habe: Ein älteres Ehepaar mit einem kleinen Hund, der sich mit Julchen angefreundet hat.

Strandrobbe
Strandrobbe

Wir haben uns über Urlaub in Dänemark und barrierefreie Strände unterhalten. Sie sind genau wie wir gerade erst angekommen und haben schon in Søndervig gute Erfahrungen gemacht, was Urlaub für Rollstuhlfahrer angeht. Mit den Starthilfekabel, der Bedienungsanleitung und einem Lächeln gehe ich auf die drei zu.

Panne in Henne

Natürlich will man mir helfen! Nachdem Mann und Hund Platz genommen haben, parkt die Frau das Auto neben Emilia. Ich muss mein Reserverad ausladen, sonst kommen wir nicht an die Batterie ran. Punkt für Punkt gehen wir die Anleitung durch. Und es funktioniert! Emilia springt mit einem satten Rasseln an, das wie Musik in meinen Ohren klingt.

Auf der Suche nach dem Fluss
Auf der Suche nach dem Fluss

Ich weiß nicht, wer sich mehr freut: meine Helfer oder ich! Fast vergesse ich, das Rad wieder einzuladen, doch glücklicherweise erscheint einer von Julchens „Motorradfreunden“ auf der Bildfläche, der das Ganze beobachtet hat. Er winkt und weist auf den einsamen Reifen. Ich bedanke mich noch einmal in sämtliche Richtungen und düse los.

Wir wollen im Henne Mølle Å Badehotel mitten in den Dünen übernachten. Es wurde 1935 von Poul Henningsen genau für dieses Ambiente konzipiert: der Ort, wo der Fluss Henne Mølle Å aufs Meer trifft, wo sein Plätschern mit dem Rauschen kommuniziert. Wo der Wind durch die Dünen fegt. Wo von der alten Mühle nur noch ein paar Holzstümpfe aus dem Boden ragen.

Überreste
Überreste

Ist es nun der Fluss, der dem Strand seinen Namen schenkte? Nach einer schier endlosen Schotterpiste landen wir vor einem schnörkellosen Gebäude, das sich quasi vor die Dünenreihe duckt, dass so schlicht und sachlich daherkommt. Was im Sinne des Entwerfers war, denn Henningsen war als Kind seiner Zeit dem Funktionalismus zugetan.

Feine Bioküche

Natürlich fehlt im Restaurantbereich auch die berühmte PH-Lampe nicht, die in der Kopplung konkaver und konvexer Formen nie blendet. Unter einer dieser Lampen treffe ich Colin, einen Schotten, der mit einer Schwedin verheiratet in Dänemark lebt. Er spricht nicht nur sämtliche anfallenden Sprachen, sondern kennt sich auch in Sachen Kulinarik aus.

Im Lampenschein
Im Lampenschein

Und das passt perfekt, da das Badehotel viel Wert auf seinen kulinarischen Auftritt legt. Feine Bioküche, so weit das möglich ist. Als Vorspeise ein zartes Carpaccio, dem Rotbarsch mit Graupenrisotto folgt. Und erst das abschließende Baiser! Colin gibt mir noch den Tipp, am nächsten Tag dem nahen Wikingermuseum einen Besuch abzustatten: Hunde seien in Bork Havn ebenfalls willkommen.

Apropos. Julchen ist glücklich in Henne Strand. Der Fluss belebt die Dünenlandschaft, das Wasser scheint ausgezeichnet zu schmecken. Den Strand haben wir fast für uns, obwohl das Hotel voll belegt ist. Zu jeder Tageszeit können wir in den Dünen und am Meeresarm entlang wandern oder die Überreste der Mühle fachhündisch untersuchen.

Das Nirwana ist grün

Nach dem Abendessen, vor dem Frühstück, vor der Abreise. Die Natur ist das größte Spektakel in Henne Strand. Ihre leisen Töne, wild komponiert. Nirwana ist, wenn du merkst, du brauchst nicht viel. Dünen und Meer. Kein Wunder, dass sich die Schwestern Thorup, als sie den Flecken ausgesucht und Henningsen engagiert haben, gegen alle Konventionen durchgesetzt haben – damals zu Anfang des letzten Jahrhunderts.

So viel von diesem freien Geist haftet dem Ort an, und eine Anarchistin wie Julchen erlebt genau hier den ersten Flow unserer Reise durch Skandinavien. Schon am zweiten Tag spüren wir, wie sich unser Verhältnis zueinander verändert. Wenn wir nach 3000 Kilometern wieder zu Hause eintreffen, werden wir nicht mehr dieselben sein.

Henne Mølle Å
Henne Mølle Å
Grüntöne
Das Nirvana ist grün.
Back to nature
Back to nature
Tschüss, Henne!
Tschüss, Henne!

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Sydvestjylland, die den ersten Teil unseres Roadtrips unterstützt haben.

  1. Toller Bericht Elke. Deine neue Roadtrip Kategorie gefällt mir richtig gut! Wir hatten auf unserer Baltikum Tour auch direkt nach der Ausfahrt auf der Fähre ne Panne. Aber dank eines netten Pannenhelfers waren wir ganz schnell wieder auf den Straßen Litauens unterwegs.

    • Danke, liebe Kati! In Litauen wart ihr, wie cool. In der Richtung überlege ich auch, und ein Stück Fähre sollte auch dabei sein.

  2. Toller Artikel mit leicht melanchonischen Fotos. Hat mir gut gefallen.

    • Danke dir! Ja, an dem Tag war es leicht bedeckt. Dazu hatte der Ort mit der verfallenen Mühle auch etwas Melancholisches. 😉

  3. Dann sind die Knatterdinger ja doch für etwas gut

  4. Pingback: Glücklich in Blokhus, Nordjütland | Roadtrip #scandi43

  5. Was für ein schöner Artikel, der mal wieder ganz spannend geschrieben ist ! Und natürlich war Julchen auch dabei !

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