Die Hennen-WG

Huhn pickt

„Man hört ja gar nichts.“

Enttäuscht bis besorgt wende ich mich an den Mann hinterm Steuer. Erst als wir anhalten, lässt sich ein schüchtern fragendes „Toctoc“ vernehmen. Dann eine seltsame Sequenz wie der Klang einer leisen Nähmaschine. „Eine hat ein Ei gelegt!“, vermutet der Mann. Wir grinsen uns an. Natürlich werden unsere vier neuen Mitbewohnerinnen nicht gleich auf der Fahrt vom alten zum neuen Heim produktiv sein.

Doch als frisch geborene Hühner-Helikopter-Eltern sind wir zumindest fürs Erste beruhigt. Von der dänischen Grenze brauchen wir gut eine Stunde zur Halbinsel Eiderstedt. Genügend Zeit also, um ausgiebig über die Namen der Neuzugänge zu diskutieren. Da unser letzter Kinofilm ein isländischer war – „Gegen den Strom“, übrigens eine Top-Empfehlung unserer bevorzugten Kuchenbäckerin – hatten wir spontan beschlossen, den Hennen isländische Namen zu geben.

Who is who?

Nun hockt das Federvieh hinter uns im Wagen. Zwei gemusterte Sperber und zwei weiße Sussex sind es zufällig geworden. Mit ihren 22 Wochen seien sie bereits ausgewachsen, hat man uns versichert. Wir müssen sie heil ins neue Heim bringen, einen Fertigbau, vom Mann zusammengeschraubt. Für den äußeren Zaun wurden Weidenäste recycelt, dabei durfte auch ich Hand anlegen. Dem Mann schwebt ein Hochsicherheitstrakt vor, schließlich sind ja genug Füchse und Marder unterwegs. Ganz zu schweigen von den Greifvögeln!

Willkommen im neuen Heim!

Das Hühnerheim mitsamt Vorgarten und eigenem Grundstück steht also umzäumt und vernetzt da – auch damit Hunde und Hühner sich langsam aneinander gewöhnen können. Gehen die Hühner später mal auf Reisen, wird sie ein weiterer Zaun davon abhalten, auf die Straße zu spazieren. Zwar mag ich Zäune nicht, bin jedoch zuletzt beinah mit einem Hahn zusammengeprallt, der aufgrund einer Last-Minute-Buchung auf der anderen Straßenseite sein Glück suchte. Ente Emilia war noch nicht auf Hochtouren, daher kam es nicht zum Äußersten. Hallo, Landleben! Mal ist es ein Reh, mal eine Katze, mal eine Maus, die über die Straße huschen. Wenn dich nicht gerade eine ganze Kuh- oder Schafsherde einkesselt. Zur Zeit sind die Hasen schwer aktiv. Frühlingsbedingte Familienplanung und so.

Hennen allein zu Hause
Hafrúns kritischer Blick

Während wir über die isländischen Namen diskutieren, ist ab und zu ein Picken am einem der großen Kartons zu vernehmen. Wer randaliert da? Wie werden wir die Mädels überhaupt auseinander halten? Die Hafrún, die Gudny, die Brynja und die Björk. Zu Hause angekommen, entlassen wir die Junghennen in ihr neues Heim mit Vorgarten. Zwei Tage sollen sie es hüten, so hatte man uns geraten. Erst einmal setzen wir sie ins Schlafzimmer, heißen sie herzlichst willkommen und gönnen ihnen etwas Ruhe nach der Reise. Die Tür steht offen.

Quasselstrippen

Als ich später vorbeischaue, hat sich eines der Sussex-Hühner als erstes hinaus gewagt. Das muss Hafrún sein. Und wir merken schnell: Sie ist die Neugierigste. Sussex Nummer 2 folgt. Gudny! Na ja, streng genommen Guðný. Schauen wir mal, ob sie darauf besteht. Nur die beiden Sperber trauen sich noch nicht hinaus. Als ich die Klappe öffne, geben sie surrende Geräusche von sich. Ein bisschen wie der Sound eines sonoren Reißverschlusses. Auf den Mund respektive Schnabel gefallen ist keine der Hennen. Man redet häufig und gerne miteinander, oder auch einfach vor sich hin.

Sandbad für Hühner
Das Spa

Und wir überlegen, wann stehen die Hennen wohl auf? Es wird doch schon so früh hell… Als ich bei einer Ex-Hühnerhalterin nachhake, werde ich vom Mann schief angesehen: „Ich bin doch mit Hühnern aufgewachsen!“ Schließlich tüfteln wir aus, wem die Ehre des Frühaufstehens zuteil wird. „Wenn du heute gehst, mache ich es morgen!“, suggeriere ich morgens im Halbschlaf. Der Wecker zeigt sieben Uhr, eine wunderbare Zeit für Hennen also, nicht aber für Menschen im Feiertagsmodus. Der Mann wünscht sich einen automatisch gesteuerten Türöffner und steht auf. Die Schnabbeltanten freuen sich und klettern gackernd aus dem Schlafgemach. Ein neuer, pickreicher Tag kann beginnen.

Als es wärmer wird, steht das Sandbad hoch im Kurs, das Hühner-Spa. Der Mann hat als frisch geborener Ingenieur der Fachrichtung Hühnerbau eine zeltartige Konstruktion erschaffen, die auch Schatten spendet. Hafrún und Gudny legen einen Wellnesstag ein und wälzen sich genüsslich nebeneinander. Björk möchte sich theoretisch dazu gesellen, macht sich durch gezieltes Picken aber unbeliebt. Und wo treibt Brynja sich herum? Wir sehen sie nicht, also kann sie nur im Haus sein. Und das bedeutet? Ein Ei! Brynja entpuppt sich als ausgesprochen produktiv. Ihre Eier sind kleiner als die gekauften, aber von erstklassiger Qualität. Natürlich!

Ostern kann kommen.

Henne Gudny
Mit Grüßen von Gudny!

Text und Fotos: Elke Weiler

Hier findet ihr Teil 2 der Hühner-Story.

Und noch ein kurzer Einblick in die Planungs- und Bauphase

Zaun aufbauen
Recycling von Weidenstämmen (Foto © Mann)

15 thoughts on “Die Hennen-WG

  1. Ihr habt Hühner? Das ist wundervoll! Der Sandbadeplatz ist deinem Mann gut gelungen und irgendwie erinnert mich das alles an eine liebevoll illustrierte Kindergeschichte von Benno Pludra. Wenn du oder vielmehr ihr ab und an etwas zum Schmunzeln in Sachen Huhn anschauen magt, bei Insta gibt es einen Account namens chickenshaming: https://www.instagram.com/explore/tags/chickenshaming/?hl=de Teilweise süße, teils freche kurze Geschichten oder einfach nur ein, zwei Sätze. (Je nach Delikt.)

    Ich wünsche dir frohe Ostern und viel Freude mit euren neuen Mitbewohnerinnen!

    Liebe Grüße
    Franziska

    1. Ja, liebe Franziska, das war unser diesjähriges Projekt. Nächstes Jahr dann… Schafe? :-)
      Danke für den Tipp, dort muss ich gleich mal vorbeischauen. Hühner sind wirklich klasse. Ich hätte nie vermutet, dass sie auch so unterschiedlich sind! Richtige Charaktere. Könnte sie stundenlang beobachten.
      Liebe Grüße und schöne Ostern!
      Elke

      1. Danke dir! Hier scheint die Sonne, irgendwo gurrrruhen die Stadttauben, und dazu das sanfte Morgenlicht… OK wir haben bald 11:00, aber ahem, es ist Feiertag, man darf doch länger schlafen?
        Apropos Hennennamen: Gegen den Strom, ist das zufälligerweise der Film, wo eine Isländerin zur hmmm, Ökoterroristin wird? (Falls dieser Begriff überhaupt paßt.)
        Omi und Mutsch hatten das auch so erzählt, jedes Huhn sein eigener Kopf. Ich wünsche euch noch viel Spaß mit den Damen! :) Es gibt einen französischen Weltumsegler mit Henne: https://www.instagram.com/guirecsoudeeadventure/ Diese Idee ist sooo schräg! Einen Hund mitnehmen oder die Katz‘, ok, aber eine Henne? O.O Viel Spaß beim Wühlen! Er schreibt übrigens auf Französisch und Englisch.

        Liebe Grüße,

        Franziska

        1. Das ist ja lustig, danke für den Tipp! Ein weitgereistes Huhn, sozusagen ein Huhn von Welt. Dieser aufgeklärte Blick sagt schon alles. :-) Auch die Hühner-Bekenntnisse auf Insta sind super.
          Ja, das ist der Film von einer Frau, die die Natur schützen will und dabei zu eher urigen Sabotage-Mitteln greift. Zwar wird sie sogar von ausländischen Geheimdiensten und mit allen technischen Mitteln (Helikopter, Drohnen) gesucht, am Ende aber wegen eines simplen, eigenen Fehlers enttarnt. Der Film ist skurril, liebenswert und sehr isländisch. Er macht nachdenklich. Ich will nicht alles erzählen, aber das Ende passt sehr gut und macht die Geschichte rund.
          Liebe Grüße!
          Elke

  2. Liebe Elke,
    Jetzt habe ich endlich bei dir gelesen, toll. Wie ähnlich sich unsere Geschichten sind. Wir haben seit 1 Jahr Hühner und einen ganz ähnlichen Zaun. :-) Ich würde die Hühner nicht mehr missen wollen. Sie haben natürlich auch alle Namen, wir haben aber 5 Hühner, alles Sussex. Eigentlich sollten es nur 4 sein, doch dann haben meine Tochter und ich uns einen Scherz erlaubt und einfach noch ein 5. einpacken lassen, ein schwarzes. Seitdem überlegen wir ernsthaft, ob Hühner auch Rassisten sind, denn tatsächlich ist die Schwarze der Underdog und die schüchternste. Da sie ja Sussex sind und wir sie zum Zeitpunkt der Hochzeit von Prinz Harry gekauft haben, hießen zwei Harriett und Meghan, leider ist Harriett an Hühnerschnupfen verstorben. Es ist echt aufregend, sage ich dir.
    Hühner, das ist wirkliches Slow Life. Ich habe mich die ersten Tage, als unsere eingezogen sind, vor den Stall gesetzt und ewig lange zugeschaut. Inzwischen haben wir zwei Stühle vor dem Auslauf stehen, das sieht aus wie im Kino. Hühnerkino eben. Doch das Schönste ist das Gurren, dieses Geräusch, das sie machen. So zufrieden und wohlig. Und lustig ist es im Winter gewesen, als wir denen Spaghetti reingeworfen haben, da wurden die Damen ganz wild.
    Ich freue mich schon, bei dir zu lesen, da erkenne ich manches wieder, was bei uns passiert. Hab schöne Ostern mit den Junghennen.
    Andrea

    1. Super cool, liebe Andrea!
      Hühnerkino! Heute hat Hafrún ihr erstes Ei gelegt, für eine Sussex ist das wohl ungewöhnlich, weil sie angeblich erst ab Woche 27 legen. Langsam kommt mir ja der Verdacht, dass alle Vier unterschiedlich alt sind. :-) Während Brynja (Sperber) schon einen ganz roten Kamm hat, wirkt Björk mit ihrem blassen Kamm noch etwas jung und auch unbeholfen. Sie pickt die Anderen auch schon mal. Hafrún hingegen ist eine wahre Entdeckernatur. Sie pickt nach unseren Füßen! :-) Eure Namen finden ich sehr cool! Aber von Hühnerschnupfen hatte ich noch nie etwas gehört. Ist es im Winter passiert? Ich gehe jetzt wieder etwas Hühnerkino schauen.
      Liebe Grüße, Elke
      P.S.: Und wenn ich Fragen habe, weiß ich ja, bei wem ich mich melden könnte. ;-)

      1. Liebe Elke, Du kannst dich immer melden, ich weiß, wie man sich fühlt, wenn plötzlich Gefahr im Verzug ist. Und unsere Namen, ja :-) eins heißt sogar Protea, weil wir ja letztes Jahr in Südafrika waren mit den Kindern, und das, welches das eine ersetzt hat, heißt nun Zwo. Nee, der Hühnerschnupfen war im Sommer, ich weiß auch nicht, ob der so heißt. Es ging nur ziemlich schnell alles. Und eines hatte eine Verlegung des Legetrakts, da habe ich auch unkonventionell geholfen, mehr aber dann gerne im privaten Modus.
        Die Kämme verändern sich, die werden noch ganz stattlich. Ach, ich freu mich grade, dass wir uns über Hühner austauschen können. Viel Spaß im Kino und liebe Grüße auf die schöne Halbinsel, auf der ich auch gerne wohnen würde
        Andrea

        1. Liebe Andrea, uiuiuiuiui… was es alles gibt!
          Und wir haben die Hauptgefahr bei den Raubtieren gesehen und sehr unschöne Geschichten darüber gehört. Wir müssen uns unbedingt mal austauschen! Vielleicht, wenn ich von der nächsten Reise zurück bin?
          Liebe Grüße und bis bald mal! Elke

  3. Liebe Elke,
    Hühner sind schon toll, und meine Frau und ich haben lange überlegt, ob wir uns nicht auch welche zulegen sollten. Aber dann befunden, dass wir ja doch keine Zeit haben, oder zu wenig zumindest. Dabei ist es schon beinahe Pflicht, in unserer Gegend Hühner zu halten. Alleine drei meiner direkten Nachbarn leben mit Hühnern zusammen, also auf einem Grundstück. Wenn man bedenkt, dass wir nur drei direkte Nachbarn haben, kann man ermessen, wie sehr wir hier aus dem Rahmen fallen und muss sich über fehlende Sozialkontakte nicht wundern…
    (Ganz so schlimm ist es dann doch nicht;-)
    Ich wünsche Dir noch eine schöne Woche.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

    1. Lieber Wolfgang,

      danke dir für den amüsanten, kleinen Einblick in ein Leben ohne Hühner. Mir fällt auch auf, dass ich neuerdings sehr gerne über Hühner rede, versuche dies jedoch bei Nachbarn und anderen Menschen ohne Hühner zu vermeiden. Klappt nicht immer. Aber ihr Hühnerlosen seid ja geduldig. :-)
      Viele Grüße (aktuell aus Guernsey),
      Elke

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