Landleben Nordfriesland Slow Life

Die Hühner sind los

Mit einer kleinen Schüssel in der Hand gehe ich auf das Gartentor zu. Noch bevor ich sie sehe, haben die Hühner mich bemerkt. Aus einem versteckten Winkel pesen sie im Affenzahn auf mich zu, glucksende kleine Geräusche von sich gebend. Im Gänsemarsch folgen sie mir, diesen stets variierend, mal hinter, vor und neben mir. Aufgeregt.

Bleibe ich stehen, legt mindestens eine Henne den Kopf schief und schaut mich prüfend mit dem entsprechenden Auge an. Links oder rechts, je nachdem an welcher Seite sie weilt. Sie überholen mich, bremsen wieder ab, wollen alle gleichzeitig ins Gehege. Denn sie ahnen: Ihre Leibspeise wird aufgetischt.

Was unsere Hühner, die den ganzen Tag im Garten picken und die natürlich auch ihr eigenes, hennengerechtes Futter haben und davon nie zu wenig, also was unsere Hühner so dermaßen in Wallung bringt, ist nicht etwa vegane Rohkost aus dem Haus, nein. Es ist aufgeweichtes, altes Brot. Dafür würden sie vermutlich töten.

Henne
Das Huhn in seinem natürlichen Ambiente

Unsere Küchenreste landen nach diversen Versuchen also wieder im Kompost, die Hennen verschmähen Apfel- oder Möhrenschnipsel, ja eigentlich alles, was frisch und gesund ist. Auch mit Löwenzahn kann ich sie nicht mehr aus dem Gebüsch hervorlocken, seitdem sie den ganzen Tag im Grünen unterwegs sind.

Das Dolce Pick-Vita

Ein Gewitter? Der von uns langersehnte Regen? Für die Hühner kein Anlass, sich in den überdachten Bereich ihres Geheges zu begeben. Stattdessen sucht man die freie Grasfläche auf, es könnten ja Würmer zutage kommen. Das bisschen Nässe im Gefieder trocknet schon wieder.

Eigentlich habe ich nur darauf gewartet, dass sie „I’m singing in the rain“ gackern. Der Mann nennt unsere Hennen nonkonformistisch – zu recht! Bei den Vieren handelt es sich um veritable Anarcho-Hennen. So versucht der Mann nun verzweifelt, alles über Hühner zu vergessen, was er noch aus seiner Kindheit wusste.

Freilaufende Hühner
La dolce Pick-Vita

Liegt es an der nordfriesischen Luft? Wir wissen es nicht. Eine vergleichbare Entwicklung ist uns bei den Hunden aufgefallen, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt. Hühner sind konsequenter als Hunde. Und sie versuchen das Beste aus ihrem relativ kurzen Leben herauszuholen.

Am meisten lieben sie die Gartenbereiche mit Sträuchern und Bäumen. Darauf, dass ich in solch einem Bereich aufgrund des lockeren Bodens Bärlauch angepflanzt hatte, konnten sie leider keine Rücksicht nehmen. Er ist verschwunden. Irgendwie konnte ich es ihnen nicht einmal übel nehmen und werde im nächsten Jahr einen zweiten Versuch im hühnerfreien Hausgarten starten.

Hunde müssen draußen bleiben

Dass der Mann wohlweislich sämtliche Anpflanzungen durch niedrige Zäune geschützt hatte, muss ich als erklärte Zaungegnerin nun nachträglich anerkennen. Zwar galten diese Niedrigzäune zunächst als Hinweis für die Hunde, die sich bei Bedarf auch darüber hinwegsetzen. Doch für unsere ganztagesgartenaktiven Hennen machen die Beet-Umzäunungen erst recht Sinn.

Hunde und Hühner einträchtig nebeneinander? Das funktioniert noch nicht wirklich. Daher gibt es einen Hunde- und einen Hühnergarten, wobei die Hennen das Glück besitzen, dass ihr vom Haus entfernter Garten ungleich größer ist. Die Hunde nutzen ihn zwar auch, doch dann locken wir die Hühner vorab zurück ins Gehege. Brot hilft. Oder einfach eine Schüssel in der Hand.

Freie Hühner
Hühnermarsch

Hafrún, die starke Henne mit dem größten Hang zum Individualismus, beschwert sich gerne hinter dem Tor, wenn sie und ihre Kumpaninnen nicht die volle Freiheit genießen können. Auch Nachlässigkeit im Service wird postwendend reklamiert. Etwa als letztens das Wasser fehlte! Da hat Gudny den Hals gereckt und uns recht vorwurfsvoll angegackert.

Sorry! Aber wir mussten an diesem Morgen erst den Impfstoff vom Geflügelverein besorgen. Den gab es dann, verdünnt mit Wasser, zum Körner-Frühstück. Nur so konnten wir sichergehen, dass alle Hühner geimpft sind. Die Qualität der produzierten Eier wird dadurch übrigens nicht beeinträchtigt.

Chillout-Zone

Die emsige Garten-Aktivität der Hennen auch nicht. So schaut man als Huhn auch gerne neugierig vorbei, wenn der Mann Bohnen pflanzt. Ganz zufällig in der Nähe pickend natürlich. Vielleicht hat er ja noch etwas aufgeweichtes Brot in der Tasche? Nö? Na gut.

Henne Brynja
Die mit ihrem Schatten läuft.

Das eigene, ausgesprochen komfortable Sand-Spa ist übrigens weniger angesagt, seitdem man der Körperhygiene auch in den Gartenlöchern nachgehen kann. Mein Eindruck ist, dass sich diese kleinen, marschbodendunklen Kuhlen in der Rasenfläche seitdem vertieft und huhnkörpergeformt haben.

Auch wurde der bevorzugte Bereich im Unterholz wurde professionell scharrend und pickend zu einer größeren Chillout-Zone ausgebaut. Hafrún, Gudny, Brynja und Björk wirken zufrieden. Kein Wunder also, dass sie sich so freuen, wenn einer von uns vorbeischaut. Und kein Wunder, dass ihre Eier so gut schmecken.

Text und Fotos: Elke Weiler

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Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

11 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar sabrina sagt:

    Hühner sind was Tolles – jede eine eigene kleine Persönlichkeit. Ich muss im Stall, da wo ich reite, jedes Mal ein Huhn „retten“, welches auf der anderen Seite des Zaunes pickt. Sie wartet dann immer schön auf mich und lässt sich hochheben und verlangt dabei eine kleine Streicheleinheit. Als würde sie es extra machen… ;-)

  2. Avatar Kai sagt:

    Hallo und lieben Gruß vom Auerlandfjord. Nach zwei Wochen Internetauszeit musste ich doch heute noch mal beim Meerbog vorbeschauen, vor allem, weil der Auerlandfjord-Artikel uns inspiriert hat, hier vorbeizufahren. Heute sind wir einen Tag faul bei sonnigen 22 Grad.
    Hühner sind toll, aber Euer Rasen sieht noch recht grün aus, aber das wird sich ändern, versprochen:-)
    Bald wird der Rasen großflächig aussehen wie ein Acker:-) Aber die Eier schmecken dafür unvergleichlich.
    Und einen niedrigen Zaun sollten doch auch Hühner schaffen, oder? Unser Ex-Nachbar hat mittlerweile jedenfalls ziemlich hohe Zäune- gegen den Ausbruch- nicht gegen den Einbruch:-)
    Liebe Grüße von Kai

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Lieber Kai,

      die Hühner haben genug nicht-grüne Flächen zum Umgraben, es genügt schon, dass sie meinen Bärlauch vernichtet haben. Eiermäßig kommen wir kaum hinterher. Ich wünsche euch eine wunderbare Zeit in Norwegen!

      Liebe Grüße aus Vejle!

      Elke

  3. Avatar Sabine Neumann sagt:

    Liebe Elke, so wie meine Hundfreunde @julchen und Janni mit Euch ihr Leben genießen, so schnell haben die klugen Federfrauen erkannt, dass es sich mit Euch als Eltern hervorragend zusammenleben lässt! Liebe Grüße an den Mann, er hats mit nonkonformistisch getroffen. Ihr und Eure Tierkinder leben eine reife postkonventionelle Haltung und Werte, die konformistisch verabschiedet haben – @Meerblog-Idylle an der Nordsee

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Liebe Sabine,

      danke für deine zuckersüßen Worte! Wir fühlen uns arg geschmeichelt und werden demnächst noch Schafe adoptieren. ;-) Liebe Grüße nach Berlin!
      Elke

  4. Avatar Franziska sagt:

    Guten Abend,

    da schleiche ich auch mal wieder herein. Gegen was habt ihr eure Hühner geimpft? Als Hühnerlose, ist mein Wissen dazu faktisch inexistent. (Vielleicht gegen Geflügelpest und irgendeine Grippe?)
    Das liest sich alles so idyllisch, da möchte man glatt Henne bei euch sein!
    Habt ihr schon eine Schafrasse im Blick, oder laßt ihr euch überraschen?

    Liebe Grüße und noch viel Freude mit den vier Damen. :)

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Danke, liebe Franziska!
      Du meinst, du möchtest eine von diesen radikalen Hennen sein? :-)
      Jedenfalls sollte das Federvieh in regelmäßigen Abständen gegen die sogenannte Newcastle Disease geimpft werden. Das scheint wohl eine Art Geflügelpest zu sein. Der Geflügelverein hat etwas geschmunzelt, als wir Impfstoff für nur vier Hennen geordert haben.
      Was die Schafe angeht, ist der Mann noch nicht so recht überzeugt. Er befürchtet wohl ein Platzproblem und Vandalismus in seinen Beeten. Es sei denn, Hühner, Hunde und Schafe leben einträchtig nebeneinander her. Was mit selbstständig agierenden Hütehunden wohl utopisch erscheint. Aber wer weiß!
      Liebe Grüße nach Bonn!

  5. Avatar Steffi sagt:

    Hühner können das Leben doch so sehr bereichern. Wir haben auch 4 im Garten und können uns das Leben gar nicht mehr ohne sie vorstellen. :-)

    Gruß Steffi

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