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Ohr am Wind

„Du bist wie das Wetter“, sagte Madame eines Tages zu mir.

Was sollte das nun wieder heißen? Draußen stürmte es ein wenig, so dass es uns am Dockkoog beinah umgehauen hätte. Doch die Sonne lugte zwischen den Wolken hervor, und ich guckte sehnsüchtig auf das recht temperamentvolle Meer.

Madame kam ja aus einer gemäßigten Klimazone und wusste scheinbar eine frische Brise nicht zu schätzen. Ich dagegen wäre kein Typ für die Karibik! Meine Vorfahren entstammen ja rauen schottischen Lagen, wo sie Schafe und so hüteten.

Irgendwie erinnerte ich mich daran, als wir an den Wollknäueln am Dockkoog vorbeischlenderten und blieb stehen. Ich wollte sie dieses Mal näher unter die Lupe nehmen. Eigentlich hätte ich gerne mit ihnen geschnackt, doch der grobmaschige Zaun störte mich. Erwähnte ich bereits, wie sehr ich Absperrungen hasste?

Madame wollte weiterziehen, doch ich ignorierte sie, solange es keinen Käsehappen extra gab. Die Schafe hatten etwas in mir geweckt. Ich wusste nicht, was es war. Aber ich war mir sicher, es hatte mit meinen Ahnen zu tun.

Ich konnte nicht anders, ich sagte es ihnen. „He, Schafe!“, bellte ich, doch sie waren nicht sehr kommunikativ. Ungehobelte Kerle. Ohne sich noch einmal umzudrehen, zogen sie von dannen.

Madame klärt Julchen über die Wollknäuel auf...

„Das hast du nun davon“, beeilte sich Frau Schlaumeier neben mir zu sagen. „Du hast sie erschreckt!“ Wer? Ich Winzling? Wie üblich war ich mir keiner Schuld bewusst. Wenn diese Wollknäuel keine Lust auf gepflegte Konversation und Erfahrungsaustausch hatten, dann war das ihr Problem.

Vielleicht kamen ja trotz des irren Windes noch ein paar Lutscher vorbei, die bekanntermaßen zugänglicher waren. Man sollte die Hoffnung auf ein bisschen Spaß nicht zu früh begraben.

Leider wusste nicht jeder meine unkomplizierte Art zu schätzen. Pferde zum Beispiel. Ich mochte sie sehr, doch ich war mir nicht sicher, ob das auf Gegenseitigkeit beruhte.

Sie wirkten so elegant, ähnlich wie mein Freund Buddy, nur in groß. Er war braun, glänzte wie Speck und sah Hölle gut aus. Ein Labrador wie aus dem Bilderbuch.

Sehr zurückhaltend, ein durch und durch feiner Kerl. Edel, nicht so rustikal wie ich. Aber letztens, da interessierte er sich mehr für ein Stück Holz als für mich!

Hatte Buddy Tomaten auf den Augen? Sah er denn nicht, wie süß, putzig, knuffig, knuddelig und umwerfend ich war? Immer wenn wir an seiner Höhle vorbeizockelten, hielt ich Ausschau nach meinem Freund.

Denn manchmal langweilte ich mich ein bisschen. Wir waren zwar ein großes Rudel, doch ein Teil davon blieb meine zarten Annäherungsversuchen verwehrt.

Dieser Teil war klein, birnenförmig und zahlreich vorhanden. Man sah die feingliedrigen Pfötchen kaum. Aber sie konnten verflixt schnell damit rennen! Manchmal durfte ich sie anschauen, und das macht mich völlig fertig. Unsere flitzenden Meerschweinchen waren wirklich eine Wonne mit diesen hellen Quieklauten. Ich verstand null, doch ich taufte sie liebevoll Rennplüsche.

So süß können nur Meerschweinchen sein!

Leider verwehrten Madame et Monsieur mir meist den Zutritt zu ihrem hübschen kleinen Reich. Einmal durchbrach ich alle Barrieren. Und dann… Eine besonders vorwitzige Sau konnte ich kurz abschlecken, doch sie teilte meine familiäre Begeisterung nicht direkt.

Ja, wie gesagt. Nicht jeder wusste meine liebevolle Art zu schätzen. Nun, die Knutschkugeln würden sich schon noch daran gewöhnen! Immerhin hatte ich es geschafft, ihre Köddel zu kosten. Eine Delikatesse! Klein, aber sehr aromatisch. Wie machen diese verrückten Zaubermäuse das nur?

Ich würde sie beizeiten nach dem Rezept fragen. Aber Madame erwähnte bereits, dass die wandelnden Fellklöpse Vegetarier waren. Das wäre zwar keine Option für mich, könnte aber vielleicht eine Erklärung für dieses besondere Aroma sein.

Ich hielt mich ans Fleisch. Denn Madames Hände schmeckten zu gut, wenn ich mal wieder so war wie das Wetter. Als waschechte Nordfriesin stand ich voll und ganz hinter dem Wind. Er war ein starker Partner.

Und irgendwie machte er mich wild.

Text: Julchen (nach Diktat verreist)
Fotos: Elke Weiler

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