Die Kunst des Kaltbadens

Der Weg, er ist lang. Der Wind fegt über die schmale Holzbrücke, die allen Wetterlagen trotzt, das ganze Jahr über. Heute soll das Thermometer auf 18 Grad klettern, doch es fühlt sich kälter an. Zu kalt für meinen Sommerrock, zu kalt zum Baden. Doch die schwedischen Familien, die schon am Strand von Bjärred liegen, kümmert das wenig.

Bjärred gehört zu Lomma und dient der zehn Kilometer entfernten Universitätsstadt Lund als Strand. Eigentlich hätte ich mit dem Rad hierher fahren können, ganz gemütlich entlang der Rapsfelder. Doch da ich später mit Ente Emilia landeinwärts düse, sind wir auch gemeinsam in Bjärred. Lund ist von hier aus nicht zu sehen, doch das 15 Kilometer entfernte Malmö zeichnet sich klar am Horizont ab, vor allem der hochaufragende Turning Torso und die Brücke über dem Öresund.

Über diese Brücke musst du gehen.

Und als ich in der Damensauna über dem Meer hocke, könnte ich glatt nach Kopenhagen hinüber winken. Stattdessen lausche ich dem melodischen Schwedisch meiner Sitznachbarinnen, lächle, obwohl ich nichts verstehe, und werfe ab und an etwas auf Englisch ein. Topthema: die Wassertemperatur.

Die Schätzungen reichen von minus zwei Grad (ich) bis plus 25 (eine Enthusiastin). „Did you see the codfish?“, fragt die Frau neben mir und demonstriert die Größe des Gesehenen. Ich stiere angestrengt in die vermutete Richtung, sehe aber nur gelbgrünes Wasser in steter Bewegung. Weit und breit kein Fisch, erst recht kein Kabeljau.

Ob sie auch schon im Winter hier gebadet hätten, will ich von den Anderen wissen. Sie schütteln allesamt die Häupter, sind jedoch der Meinung, dass der Unterschied zu den heutigen Verhältnissen nicht allzu groß sei. Ich bin mir da nicht so sicher.

Langsam wird mir heiß, und ich springe in den Öresund. Springen ist relativ, denn das Wasser ist selbst 600 Meter vor der Küste noch recht flach. Darum die lange Holzbrücke. Aber ein paar Schwimmzüge sind drin. Die Sauna- und Schwimmbereiche des Saltsjöbaden in Bjärred sind zum Wasser ausgerichtet und mit dunklen Plastikplanen behelfsmäßig in Männer- und Frauenzone getrennt.

Der „Vorhang“ schwingt sanft hin und her, von Wind und Wellen bewegt, richtigen Sichtschutz bietet er nicht. Zwei Schwimmer in Neoprenanzügen und mit Chlorbrillen treiben sich ebenfalls in der Gegend herum. Doch ich sehe sie nicht, und so sehen sie mich und die anderen Nackten auch nicht.

Die Kunst des Wegschauens

Schwimmen ohne Neopren ist eh schöner. Richtig wunderbar. Gut für die Haut. Gut für den Kreislauf. Für das Leben. Sich lebendig fühlen. Wie ein Fisch im Wasser. Den Kabeljau sehe ich immer noch nicht. Es muss sich um ein scheues Exemplar seiner Art handeln, das gleich wieder zurück in die tieferen Gewässer geschwommen ist.

Nach ein paar Sauna- und Badegängen leite ich im Dusch- und Ankleidebereich den Prozess zurück in die Normalität ein. Setze mich sittsam gekleidet in die Sonne, dort wo die Gäste des Restaurants Platz genommen habe. Zurück in der Öffentlichkeit. In den Genuss der hiesigen Genüsse kam ich bereits am Tag zuvor, als der Himmel noch grau und das Wetter ungemütlich war. Doch Brunchen im Saltsjöbad lohnt sich immer.

Das hochbeliebte Brunch

Die Sauna öffnet schon früh ihre Tore, aber ohne Mitgliedsausweis komme ich nur zu Restaurantzeiten ins Bad – wegen der Kasse. Der Eintritt beträgt 80 Schwedische Kronen. Wer ein Schließfach für die Wertsachen nutzen will, sollte selber ein kleines Vorhängeschloss mitbringen. Und Handtücher.

Endlich erfahre ich, dass die Temperatur des Öresunds in Bjärred aktuell 13 Grad beträgt. Da lagen wir ja mit sämtlichen Schätzungen daneben. Nun sitze ich windgeschützt auf der Terrasse. In der Sonne. Über dem Meer. Neben mir reden drei Jungs abwechselnd Spanisch, tippen in ihre Smartphones und lauschen Latino-Rhythmen. Sie scheinen als Austauschschüler mit einem schwedischen Ehepaar hier zu sein, das sich auf Englisch nach ihrem Wohlbefinden erkundigt.

Hej då, Öresund!

Zwei der Saunakollegen haben sich den Badedress übergeworfen und sind der Sauna aufs Dach gestiegen, während ich langsam über die Brücke zurücklaufe, die vielfach genutzt wird: Zum Baden bei diversen Treppen, zum Zeitunglesen auf Bänken, zum Chillen und Sonnetanken. Diese Ruhe über dem Wasser!

Emilia schnattert los. Auf dem Weg gen Osten wird das Land immer geschmeidiger, um nicht zu sagen, der Lieblichkeit der italienischen Toskana ähnlicher. Wären da nicht die Farben, die schwedisch bleiben. Rot für die Häuser, Gelb für die Hügel im Mai, und ein Grün, das Richtung Söderåsen Nationalpark immer üppiger, berauschender wird. So langsam freue ich mich aufs Wandern…

Text und Fotos: Elke Weiler

Die Tradition der Kaltbadehäuser in Südschweden
Angeblich saunierten schon die Wikinger gerne und sprangen danach ins frische Wasser. Sicher ist, dass es im Südschweden des 19. Jahrhunderts eine Reihe von Kaltbadehäusern gab, die direkt an der Küste in einem historisierenden Architekturstil erbaut worden waren. Etwa das Kaltbadehaus von Varberg im maurischen Stil, das ich im letzten Jahr zumindest von außen besichtigen konnte.

Letztes Jahr in Varberg

In Malmö hat das Ribersborger Kaltbadehaus als eines von dreien „überlebt“ und ist auch nach den Restaurierungen dem Stil der Jahrhundertwende treu geblieben. Bjärreds „Saltsjöbad“ hingegen erlitt in einem eisigen Winter des 20. Jahrhunderts so starke Schäden, dass es ruiniert war. Es dauerte bis 2004, als man in einer privaten Initiative, gefördert von der Gemeinde, ein neues Badehaus inklusive Restaurant fast 600 Meter vom Strand über dem Öresund errichtete.

Mit Dank an Visit Sweden, Visit Skåne und TT-Line, die meine Reise nach Südschweden unterstützt haben.


  1. Es gibt nichts schöneres als im Sommer, gerade in Skandinavien, nach einer Sauna in einen kalten See oder ein anderes kaltes Gewässer zu springen… aber nicht nur im Sommer. Auch im Winter.. einmal in den Schnee oder schnell ins Eisloch. Einfach herrlich.

    LG Mel

    • Hi Mel, so eine Sauna ist schon klasse, das stimmt. Ein Eisloch zur Abkühlung habe ich bislang noch nicht ausprobiert, aber Schnee hatte ich in Finnland nach der Sauna zur Verfügung. 😉 LG, Elke

  2. Liebe Elke,
    Wie immer ein ganz wunderbarer Artikel über Schweden. Du verstehst die Seele der Schweden, ihre ganz besondere Liebe zum Sommer – der auch schon bei 20 Grad beginnt. Ich selbst war auch schon im Ribersborger und habe richtig Lust bekommen, mal wieder in ein anderes zu gehen.

    • Liebe Roswitha, danke dir! Das Ribersborger ist bestimmt das schönste Kaltbadehaus. Aber um das mit Sicherheit sagen zu können, muss ich sie nach und nach alle ausprobieren. Wann warst du dort? Hast du es mal im Winter ausprobiert? LG!

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