Kiel am Wasser

Manche wirken fast so groß wie Jungschwäne und stehen unverdrossen in der Menge zwischen Spaziergängern, Joggern, Rad- und E-Rollerfahrern: Kiel hat die dicksten Möwen. Ich bin mit dem Rad unterwegs und weiche ihnen aus. Das große Miteinander scheint auch zur Rush Hour am späten Nachmittag zu funktionieren, wenn zahlreiche Kieler von der Arbeit kommen und auf der beliebten Strecke am Wasser zurückradeln.

Die Möwen stehen da, stoisch, leicht verwirrt, als wären sie gerade via Zeitsprung gelandet. Auch Kiel ist im Jetzt angekommen: „Kiel ans Wasser“ steht auf Plakaten. Das klingt paradox, wuchs die Stadt doch an der Förde heran. Und doch ist es wahr, Kiel kehrt zurück ans Wasser. Und zwar für seine Bewohner*innen. Da ist nicht nur die Aufwertung der Innenstadt durch den Kleinen Kiel Kanal, der als Verbindung zwischen Bootshafen und Kleinem Kiel funktioniert. Es ist der Abschnitt der Kiellinie und des Düsternbrooker Fördehangs, wo Kiel aufatmet. Das Landeshausufer, die Reventlouwiese, der Sandhafen – alles autofrei.

Möwe an der Kiellinie
Typische Kieler Möwe

Vom Hörn bis zum Ostseekai braust der Verkehr unermüdlich weiter, parallel zu den Schienen, die zum Hafen führen, und parallel zur Förde. Dort an der Hörn, da wohne ich. Kurz, aber wunderbar und mit Wasserblick. Die Fenster kann und möchte ich nicht öffnen, das Verkehsaufkommen dringt akustisch nicht bis zu mir. Ich kann aber gemütlich auf der mit Kissen ausgestatteten Bank im Fenster sitzen und auf die Förde schauen. Einen Kaffee trinken, etwas lesen.

Kiel mit dem Rad

Oder soll ich Gemeinschaftsräumlichkeiten im Erdgeschoss nutzen? In die Sauna gehen? Später vielleicht. Lieber leihe ich mir ein Rad aus und düse los. Das Hotel setzt auf Kieler Marken, daher stehen ein paar der teuren Bambusräder in der Lobby, die von Gästen gratis genutzt werden dürfen. Ich kann nicht widerstehen, zumal ich in diesem Jahr, ganz gegen den Trend, viel zu selten Rad gefahren bin. So möchte ich Kiel quasi der Länge nach durchqueren, von der Hörn über die Holtenau bis zum Nord-Ostsee-Kanal, der im Englischen Kiel Canal heißt.

Bambusrad Kiel
Wenn Ghana mit Kiel kooperiert.

Kiel hat knapp 248.000 Einwohner*innen und über 35.000 Student*innen, die das urbane Leben mitprägen. Mein erster Eindruck ist, dass die Radwege eifrig genutzt werden, wie so oft in Uni-Städten. Es gibt neue, alte, breite und schmale Wege, oft ist der Übergang zwischen Einbahn-Radwegen oder solchen mit Gegenverkehr nicht gleich ersichtlich für den Neuling. Bei den schmaleren Wegen peitscht mir manchmal ein Stück Strauch vors Knie. Nicht schlimm, aber in Kopenhagen wäre das nie passiert. Doch Kiel gibt sich Mühe, saniert ältere Wege, nimmt neue Projekte in Angriff. So soll die Route am Ostufer bis 2025 fertiggestellt werden.

Am Nord-Ostsee-Kanal

Meine ausgewählte Strecke ist abwechslungsreich, erlaubt mir zeitweise auch schnelleres Fahren und trotz des Auf und Abs komme ich nie aus der Puste. Das mag auch ein bisschen an der Leichtigkeit meines Bambusrads liegen. Es wirkt vielleicht klobig, fährt sich aber perfekt. Und die Fördestadt ist hügeliger, als ich dachte.

Schiffe spotten.

Am Kiel Canal stehen die Profis auf der Aussichtsplattform, die man für einen Euro betreten darf. Und gleich tut sich was, kommt ein schwer beladenes Frachtschiff um die Ecke, steuert auf die Schleuse zu. Ich habe mir das perfekte Plätzchen zum Fotografieren ausgesucht. Neben mir zwei Spotter mit Durchblick, die die Geschwindigkeit der Fähre aus Klaipeda kommentieren. Die Förde als Fernwehort. Von hier aus habe ich schon einige Male die Ostsee in Richtung Oslo und Göteborg durchquert. Klaipeda wäre auch mal schön.

Rush Hour auf dem Rückweg. Ich habe mich für die maritime Veloroute entschieden, den vielleicht schönsten Radweg von Kiel – immer am Wasser entlang. Vor allem an der breiten Promenade von Kiellinie und Düsternbrooker Fördehang fühle ich mich gut aufgehoben. Wo die Möwen mitten im Gewusel stehen und eine Ruhe verbreiten, die nur noch vom leisen Klatschen des Wassers gegen die Uferkante getoppt wird.

Am nächsten Morgen hat sich die Stadt in Grau gehüllt, die Umrisse zerfließen, lösen sich im Nieselregen auf. Dieses Mal laufe ich die Strecke bis zum Sandhafen zu Fuß. Gestern habe ich die schwimmende Strandbar dort entdeckt, doch vormittags ist sie leider noch geschlossen. wie ich nun feststellen muss. Das wäre jetzt der krönende Abschluss gewesen, ein letzter Kaffee auf dem Wasser.

Wieder einmal stelle ich fest, dass einem beim Gehen ganz andere Dinge ins Auge fallen. Hin und wieder trete auf Schalenreste von Miesmuscheln, die von den Möwen herangetragen werden. Zwei davon streiten sich um eine frische Muschel, schaffen es aber, diese mehr oder weniger zu teilen. An Kiels neuer Badestelle schwimmt gerade niemand, vermutlich wetterbedingt. Passende bunte Badehäuschen als Umkleidekabinen stehen auf der gegenüberliegenden Seite des Weges.

Auch fällt mir nun das Plakat der „Scientists for future“ auf: 2015, 2016, 2017 und 2018 waren im weltweiten Durchschnitt die wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Klimakrise. Man spürt sie an allen Ecken und Enden, doch der Mensch reagiert viel zu behäbig. Nur manchmal wirft die Sonne einen Blick durch die Wolken, und alles strahlt.

Text und Fotos: Elke Weiler

me & all Hotel Kiel
Mein Zimmer

Die Hotelübernachtung habe ich im funkelnagelneuen „me & all Kiel“ angefragt, das an der Hörn liegt und mich mit seinem frischen Konzept gereizt hat. Zum Frühstück gibt es übrigens original „Loppo“, eine Kieler Kaffeemarke, und auch sonst wird viel Ortsliebe zelebriert. Kurz vor der Rückfahrt habe ich mir ein Kieler „Packeis“ aus der Kühltruhe geangelt und mit Quarkhimbeer am Stiel lässig im Hängesessel der Lobby geschaukelt. Auch im Restaurant setzen die Hotelmacher auf Kultmarken der Stadt, hier brutzeln „Aloha Dogs“ leckeres Streetfood. Mit anderen Worten: Ich würde es wieder tun, sowohl Kiel als auch das me & all auswählen. Zumal ich die Sauna im Hotel ja noch gar nicht benutzt habe.

Was Kiel angeht, bin ich Anfängerin! Mein Boxenstopp im „Brunswik“, einem beliebten Café mit studentischem wie etabliertem Publikum, hat sich gelohnt. Noch besser hatte mir das „Bakeliet“ auf der Möllingstraße gefallen, wo ich im Winter köstlich gefrühstückt habe. Viele weitere Tipps zur Stadt findet ihr zum Beispiel bei KüstenMerle, die ihre Lieblings-Cafés verrät, oder bei nordischgrün, die unter anderem nachhaltige Labels wie „sisu“ aus Kiel vorstellen.

P.S.: Unmittelbare Eindrücke von meinen Reisen bieten die Stories auf Meerblogs Instagram-Kanal, die ich nach dem Trip als Highlights zusammenfasse.

Standardbild
Elke
Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

4 Kommentare

  1. Kiel, das ist irgendwie unsere Heimatstadt. Wir haben einige Jahre dort gelebt. Kiel hat die Domain sailing.city von mir bekommen. Ist schon ein schönes Gefühl, wenn man die großen Schilder Kiel.Sailing.City überall sieht.

    Am Kanal gibt es noch einen herrlichen Platz zu schauen: Und zwar der WOMO-Stellplatz in Wik an der Kanaleinfahrt. Und, was kaum einer weiß: Der Betreiber des Stellplatzes unterhält eine ziemlich geniale 1950er Jahre-Ausstellung.

    Ich bin mir sicher, Du wirst noch oft nach Kiel kommen:-)
    Lieber Gruß
    Kai

    • Danke dir für den Tipp, lieber Kai! Ja, statt immer nur die nächste Fähre zu nehmen oder zu einem Termin zu gehen, ist es schön, sich der Stadt zu widmen. Via Twitter hatte man mir auch zu der Radtour nach Laboe geraten, ich wollte nämlich den Wasserbus nehmen, letztendlich bin ich in der Stadt geblieben. Nur als ich letzten September in Laboe das Schiff aus Kiel kommen sah, hatte ich die Idee… So ist es eben mit den Schiffen. ;-) Liebe Grüße und ein schönes Wochenende! Elke

  2. Kiel müsste man mal kennenlernen, ist bestimmt interessant.

Schreibe einen Kommentar