Glitter, Plüsch und Zimtschnecken

Vor dem Brunnen auf dem Järntorget haben harsche Schneereste überlebt. Für eine gleichmäßige Puderschicht bin ich ein paar Tage zu spät nach Göteborg gekommen. Schnee hätte natürlich optimal zu meinen vorweihnachtlichen Recherchen gepasst. Aber wenigstens versucht die Wintersonne, mit schräg einfallenden Strahlen die Straßen von Haga zu vergolden.

Langsam füllt sich die zentrale Haga Nygatan zwischen den Weihnachtsständen, gegen Mittag ist ein Vorwärtskommen kaum mehr möglich. Es ist eben Haga, Ex-Arbeiterviertel. „Dabei hatte die Gegend hier außerhalb des Festungsgrabens immer einen schlechten Ruf“, erzählt der Göteborger Jan, einst Lehrer für Englisch und Spanisch. Deutsch spricht er übrigens auch fließend. Und Haga erfreut sich heute großer Beliebtheit.

Was nicht nur an den netten Cafés und Boutiquen auf der Nygatan liegt. Haga wirkt einfach gemütlich mit diesen nie zu hohen Häusern, die teils noch aus Holz und recht pflegeintensiv sind. Der Duft der Zimtschnecken und Lussekatter versüßt den Kiez. An den Ständen werden essentielle Dinge für den Winter: Felle von gutländischen Schafen, Fellschuhe, Handschuhe, Mützen. Mäusespeck in Schweineform.

Lussekatter pflastern meinen Weg

Und da wir mit großen Schritten auf den 13. Dezember zugehen: Lussekatter, die von mir hochverehrten Saffranteilchen. Traditionell backt man sie in Schweden zum Fest der Lichterkönigin Lucia rund um den 13. Dezember. Und da ich weiß, dass familienintern einige nur beim Gedanken an Lussekatter quasi in Ohnmacht fallen, werde ich wohl an meinem letzten Tag in Göteborg noch ein paar einkaufen.

Nun aber treffe ich meine Mitreisenden sowie Guide Jan im Café „Hebbe Lelle“ auf der Nygatan, wo wir uns eine enorme Zimtschnecke teilen. Genauer gesagt, anderthalb. Zu acht. Diese Riesenteile scheinen in Haga zum guten Ton zu gehören. Oder sagen wir besser zur „Fika“, der traditionellen schwedischen Kaffeepause.

Das schafft Kathrynsky nie!

Diesbezüglich bin ich bereits mit Erfahrung gesegnet. Dann mein letzter Besuch im Winter in Göteborg hatten sich recht Fika-lastig gestaltet. Unter anderem hatte ich das Café „Santa Domingo“ im angrenzenden Linné-Viertel als wahren Schatz entdeckt. Dort gibt es nämlich neben köstlichen „Semlor“ auch Vinyl.

Dieses Mal waren wir eigentlich im berühmten Café „Husaren“ verabredet, doch wegen des hohen Andrangs fiel die Wahl dann auf das „Hebbe Lelle“, was schon wegen des wohlklingenden Namens zu empfehlen ist. Hübsch nostalgisch ist es eh, und die riesigen „Kanelbullar“ können sicher mit denen des „Husaren“ mithalten.

Kleiner Schwedisch-Kurs

Für den Rest sind Samstagnachmittage in Göteborg während der Vorweihnachtszeit lieber außerhalb sämtlicher Hotspots zu verbringen, und so füllt sich auch Haga unablässig. Irgendwann platzen die Boutiquen aus allen Nähten, der Weihnachtskaufrausch ist in vollem Gange.

Im „Hebbe Lelle“

Wir ziehen weiter, während Jan uns ermuntert, es mal mit Schwedisch zu versuchen, das für Deutsche angeblich besonders leicht zu erlernen sei. Da stößt er bei mir auf offene Ohren, denn ich liebäugele schon länger damit. Und vor Ort ist das Sprachenlernen ja immer am schönsten.

Erste Lektion heute: die butterweiche Aussprache von Konsonanten vor e, i, ö oder y: „Hagakyrkan“ etwa, Hagakirche. In der Tram sagen sie immer: „Hagaschürka“, und ich muss an Schurke denken. Ein wunderbares Beispiel ist Köttbullar, sprich: schöttbüllar. Oder auch Göteborg selbst: Jöteborj. Wunderbar.

Doch es wird Zeit, sich von Jan zu trennen, denn meine vorweihnachtlichen Recherchen führen mich ins Linné-Viertel zum „À la London“-Markt. Der wurde von jungen DesignerInnen veranstaltet, kostet 40 Kronen (zirka vier Euro) Eintritt und führt in eines jener Häuser mit Hinterhof, hohen Decken und großen Fenstern.

Was man so braucht.

Nicht irgendein Haus, sondern die „Auktionsverket Kulturarena“ auf der Tredje Långgatan unweit vom Järntorget. Die Treppen hinaufwandelnd und Etage für Etage erkundend, treffe ich auf aufgeschlossene Designer mit zündenden Ideen. Egal, ob Babybody, Flickenteppich reloaded oder schickem Schmuck.

Mein Paddan-Boot ins Weihnachtsglück

Das Beste aber ist, dass es keinen Weihnachtsschnickschnack zu kaufen gibt. Trotzdem fällt der „À la London“-Markt in die Kategorie „Contemporary Christmas Markets“. Warum auch nicht, fündig wird der Weihnachtsshopper hier allemal. Das allerdings nur an drei Tagen im November.

Offiziell beginnt die Weihnachtszeit in Göteborg am 30. November. Zum Glück fahren aber die Paddan-Boote schon nach Liseberg, denn das ist mein nächstes Ziel. Der Gipfel der Weihnachtsstimmung, denken wohl viele. Vergleichbar mit dem Tivoli in Kopenhagen. Das Kombi-Ticket für die Bootstour mit Liseberg-Eintritt kostet schlappe 260 Kronen (zirka 26 Euro), zu kaufen an der Abfahrtsstelle bei der Basargatan an der Kungsportbron.

Im Weihnachtsboot

Am Anleger herrscht Selbstbedienung: Man trinkt süßen, leichten Glögg und isst Pepparkaka – Pfefferkuchen in Herzform. Meine Mitreisenden sind schwedisch- bis englischsprachig und meist jung. So auch unsere Begleiter: Mats, der uns auf dem Weg über die Kanäle so einiges erzählt, sowie Hanna, die das breite, flache Boot lenkt.

Sicher manövriert sie auch an den kniffligsten Stellen. Als da wäre eine Schleuse aus dem Jahre 1873, die im Handbetrieb funktioniert. Eine Kollegin von Mats wartet hier bereits und winkt uns zu. Doch auch Mats muss aussteigen, denn es gibt zu jeder Seite ein Rad, das mit ganzem Körpereinsatz gedreht werden muss.

Lost in Liseberg

Während der Aktion werden die werten Passagiere mit schmissiger Weihnachtsmusik beschallt wie „Christmas Fool“ von der schwedischen Sängerin Amanda Jenssen. Unter den neugierigen Blicken der Passanten hebt uns das ansteigende Wasser langsam hoch, und wir setzen unsere Tour fort.

Stimmungsmacher

In Liseberg, dessen Lichter wir schon von weitem flackern sehen, entlassen uns Hanna und Mats. Kurz übers Geländer klettern, die beiden assistieren natürlich, und schwups, sind wir im angeblich größten Vergnügungspark Nordeuropas gelandet.

An Glitter und Lichterketten wurde an keiner Ecke gespart. Im kleinen Hafen herrscht eine nostalgische Atmosphäre, Ost und Gemüse liegen in Kisten aus, Wäsche hängt an der Leine. Leider werden in den meisten Buden hier nur Süßigkeiten verkauft, und langsam macht sich bei mir ein gewisses Hungergefühl breit.

Zwar gibt es auch einige von außen hübsch verpackte Schnellrestaurants mit Burgern oder Fish & Chips im Angebot, doch ich suche etwas Originelleres. Hinzu kommt, dass ich den Ausgang in diesem Riesenvergnügungspark nicht finde. Dafür aber eine Information, und laut freundlichem Mitarbeiter scheint der Weg nach draußen relativ simpel zu sein. Ich muss mich nur gegen die nie abebbenden Besucherströme stemmen.

Irgendwann erreiche ich die Zone der Schneemänner. Hier tragen auch die Bäume ein Schneekleid, künstlich wohl, aber was soll’s. Jedenfalls finde ich ein Restaurant, das mich sofort anspricht: „The Green Room“. Vegetarische Küche in Büffetform, variantenreich und leckerer Milchreis zum Nachtisch.

Und nächstes Mal?

Jetzt noch mit der blauen Vintage-Tram zurück ins Zentrum und in mein plüschiges Hotel, das wohl älteste der Stadt. Schöne Terrazzofliesen und ein kleines Zimmer, entfernter Laura-Ashley-Style, nicht überladen. Und das Beste: eine „Fika“-Ecke im Foyer mit Kaffee und selbstgebackenem Kuchen.

Blöderweise habe ich Santa irgendwie verpasst, dabei hat der Weihnachtsmann angeblich eine Filiale in Liseberg und kehrt erst an Heiligabend zurück zum Polarkreis. Dann muss ich dort wohl mal direkt dort nachschauen. Nächstes Jahr vielleicht.

I say goodbye to the fairyland I found… Also, liebes Göteborg, es war mal wieder schön mit dir. Und nach zwei Wintereinsätzen muss ich dich nächstes Mal unbedingt im Sommer treffen!

Waiting for the Wasserbus, der mich zurück zur Fähre bringt.

Text und Fotos: Elke Weiler

Wie ich nach Schweden kam? Natürlich mit dem Schiff. Hier die Story über den Weg von Kiel nach Göteborg.

Noch mehr nordische Weihnachten? Eine tolle Zusammenstellung findet ihr bei Vanessa von „Snow in Tromsø

Ich sehe gerade, dass ich euch noch ein Zimtschnecken-Rezept schuldig bin, und übergebe hierfür an Foodbloggerin Ylva von „Der Klang von Zuckerwatte“

Mit Dank an Stena Line sowie Göteborg & Co, die meine Reise ermöglicht haben.

Und noch einen schönen Advent!

  1. Warum musstet ihr denn bei Liseberg über das Geländer klettern!?

    • Gute Frage! Am Anleger gab es scheinbar keine Pforte. Oder sie haben ihn verlegt. Jedenfalls war es nicht sonderlich sportlich, da eher niedrig. 😉

  2. Super schön! Sag mal, wie hieß denn dein Hotel? LG, Sara

  3. Als ich im Februar in Göteborg war, wollte ich natürlich auch ins Cafe Husaren und bin letztlich auch im Helle Belle gelandet. War sehr lecker 🙂 Die Stadt ist einfach toll, danke, dass ich nochmal mitreisen konnte. Hej då und lycka till beim Schwedisch lernen. Ines

  4. Monika Arriens

    Schön das du uns mit genommen hast nach Göteborg Wieder sehr schöne Tips dabei Liebe Grüße aus Drelsdorf

  5. Pingback: Mit dem Schiff von Kiel nach Göteborg, Schweden

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