Landleben

Wenn es Nacht wird

Matilda ist überall.

Sie sieht mir zu, wenn ich Lavendel schneide. Sie schläft im Vogelhaus. Sie läuft an meiner Seite die Treppe hoch, überholt mich dabei. Sie balanciert über Bücher auf dem Regal, über den Sofarücken, Fensterbänke und klappert mit den kleinen Hebeln der Fenster. Alles probiert sie aus. Matilda springt auf meinen Schoß und schläft, während ich arbeite. So oft. Beim Frühstücken auf der Terrasse läuft sie über das Geländer und jagt Fliegen, quasi nebenher. Sie schläft auf der Wolle, während ich versuche zu stricken. Vom Fernseher denkt sie, dass er einen Touchscreen habe und dass das Programm interaktiv sei. Rundherum räumt sie ein bisschen auf, die Fernbedienung finde ich später unter dem Schrank. Die Beule in der langen Strickjacke auf dem Boden stammt von ihr, sie hat einen Hängestuhl-Schlafplatz daraus geformt. Das Haus kennt sie besser als jeder von uns, jeden Winkel hat sie erforscht. Wenn ich sie eine Weile nicht sehe, durchforsche ich all ihre bevorzugten Siesta-Stellen und entdecke immer neue. Matilda, die versucht, den Tisch zu entern. Sie probiert von meinem Kaffee, will von meinem Wasserglas trinken. Matilda schläft schon in meinem Bett, als ich mitten in der Nacht von einem Serien-Marathon zurückkomme. Manchmal schläft sie auf dem Rücken, manchmal liegt sie ganz langgestreckt da, manchmal zusammengerollt. Matilda, die mich morgens um halb sechs sachte brummend weckt. Schließlich muss jemand die Hühner aus dem Stall lassen. Die Hennen wollen noch gar nicht so früh aufstehen? Egal. Ihr Verhältnis zum Federvieh ist gespalten, seitdem man sie zu viert umzingelt und bedroht hat. Seitdem ich sie mit einem Hechtsprung durchs Beet retten musste. Matilda hat dieses Zerwürfnis selbst heraufbeschworen, als sie eindeutiges Interesse zeigte. Die neugierige kleine Katze, die mir beim Schminken zuschaut, beim Arbeiten, beim Kochen, die immer in meiner Nähe ist. Matilda, die meine Arbeit boykottieren will. Die Aufmerksamkeit fordert. Zuneigung. Zärtlichkeit. Matilda, die Liebe gibt und gibt und gibt.

Matilda ist nicht mehr da. Sie starb am Samstagabend durch ein vorbeifahrendes Auto auf der Straße vor unserem Haus. Ich kenne ihren Todestag, lieber würde ich ihr Geburtsdatum kennen. Matilda wurde nur vier Monate alt. Ich war der Mensch ihres Vertrauens und ich würde alles dafür geben, ein paar Minuten meines Lebens rückgängig zu machen. Nur ein paar Minuten, in denen ich, statt sie mit Julchen im Garten zu verbringen, Matilda hätte suchen und retten können. Wo ist sie? Wo soll ich hin mit meiner Liebe?

Es ist schon fast dunkel, als wir an jenem Abend noch einmal rausgehen. Einfach weg, zum Meer. Die Dunkelheit tut gut, man kann in sie hineinkriechen. Ich spüre den Regen kaum, der immer stärker wird. Er tut gut. Wir sind durchnässt bis auf die Haut, Janni zieht uns zurück. In der Nacht kann ich nicht atmen und nicht schlafen. Am nächsten Tag ist es kalt. Wir sind wieder am Meer, ich lege mich in den Sand, schließe die Augen, höre das Meeresrauschen. Ich lebe weiter. Jeden Tag. Matilda, du solltest den Wind jetzt spüren.

Es tut mir so leid, Matilda.

Matilda, du warst wunderbar. Eine harte Nuss, manchmal eine Nervensäge. Elegant, leichtfüßig, kratzbürstig, frech, selbstbewusst. Ein Familientier. Nie warst du langweilig. Wie gerne habe ich dir zugeschaut, als du die Welt entdeckt hast. Danke für diese intensive Zeit. Danke für diesen Sommer. Danke für alles.

Du fehlst überall.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

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  1. Avatar Sunnylotta sagt:

    Liebe Elke,

    wie liebevoll geschrieben. So verständlich die Traurigkeit. Ich wünsche dir/euch Kraft den Verlust gut zu verarbeiten.

    Da ich ein leidenschaftlicher Fan eures Blogs bin, würde ich euch gern auf meinem Blog verlinken.

    Liebe Grüsse Tina von Sunnylotta

  2. Avatar Kai sagt:

    Liebe Elke,
    man fragt sich immer, wenn ich doch nur in diesem Augenblick….. Diese Frage stellt sich nicht. Vielleicht hätte ja auch nur der Autofahrer rücksichtsvoller…..
    Wer weiß es. Viel zu viele Tiere sterben durch den Straßenverkehr, unvorstellbare 750 Wildtiere an einem Tag.
    Die gibst all ihnen mit Deiner Trauer ein Gesicht. Und noch lange wird Dich die Frage quälen, wie sie vielleicht gelitten hat.
    Es ist schwer loszulassen, wenn man es gar nicht wollte. Aber es zeigt auch, dass man noch fühlen kann.
    Und deswegen kann ich auch zumindest ein wenig mitfühlen.
    Hab gute Gedanken und ruhige Momente, in denen Du ganz ungestört traurig sein und Rotz und Wasser heulen kannst.
    Liebe Gedanken
    Kai

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Lieben Dank, Kai!
      Das sind genau die Gedanken, die mich auch antreiben. Auf Eiderstedt gibt es viele schmale Straßen (auf alten Deichen), an denen Häuser stehen wie das unsere. Und fast immer ist Tempo 100 erlaubt. Das heißt auch, für die Spaziergänger, Jogger und Radfahrer ist kaum Platz, und das Tempo macht es unangenehm auf diesen Straßen nicht im Auto zu sein. Schon diverse Anwohner haben Anträge für eine Reduzierung der Geschwindigkeit gestellt – meist ohne Erfolg. Wichtig ist dem Straßenverkehrsamt das Fließen des Verkehrs, nicht das Leben von Mensch und Tier.
      Es ist schon einmal eine Katze genau vor unserem Haus überfahren worden. Sowohl Matilda als auch die fremde Katze waren sofort tot. Vor zwei Wochen fuhr ich in Richtung Tönning und bremste ab, weil ein Reh die Seite wechselte. Hinter mir versuchte ein Autofahrer zu überholen, doch das Reh kam zum Glück ungeschoren auf die andere Seite. So lange die Leute schnell fahren dürfen, tun sie auch. Leider gehören die Landstraßen dem Land, deswegen sind den politischen Kräften hier vor Ort die Hände gebunden. Aber ich werde es in Kiel versuchen.
      Danke dir noch einmal und liebe Grüße!
      Elke

  3. Avatar Franziska sagt:

    Liebe Elke,

    ich bin erschüttert!! Gerade noch ein, zwei Handvoll Leben pur, über die Du vorher schon so liebevoll berichtet hast, und so schnell ist es wieder vorbei.
    Ich wünsche Dir viel Kraft, um diesen ersten Moment der Trauer zu tragen!

    Wir wissen zwar alle, wie schnell es gerade bei Katzen gehen, wie schnell ein Auto alles beenden kann. Den Schmerz mindert dieses Wissen nicht.

    Liebe Grüße
    Franziska

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Liebe Franziska,

      sie war so jung und so voller Leben und so besonders. Es tut einfach nur weh, dass sie nicht mehr da ist. Seitdem sie fort ist, hören wir jeden Abend ein junges Käuzchen nach seiner Mutter rufen.
      Ich danke dir für deine Anteilnahme!
      Liebe Grüße,
      Elke

      1. Avatar Franziska sagt:

        Guten Morgen, Elke.

        wie geht es Dir mittlerweile? Was macht euer junges Käuzchen?

        Wer kein Herz aus Stein hat, versteht Dich. Wir haben mit meinen Eltern auch lange auf dem Land gelebt. Da bekommt man manchesmal Dinge zu sehen, es ist so erschütternd. Trauer, und auch mal Wut, waren da die Begleiter. Wir hatten mit unseren Nachbarn die Durchgangsstraße direkt hinter den Häusern. Da muß man wohl nicht mehr sagen.

        Ich wünsche Dir ein gutes Ankommen im Wochenende!

        Liebe Grüße,
        Franziska

        1. Avatar Elke Weiler sagt:

          Danke dir, liebe Franziska! Das Käuzchen ist nach wie vor jeden Abend da, sitzt in einem unserer Bäume und schreit, während die Mama hin und her fliegt. Das ist sehr süß! Und just neben Matildas Grab hat sich eine Maus ihren Weg gebahnt. Wir versuchen irgendwie ohne sie klarzukommen, aber es ist schwierig. Mir ist bei der Gelegenheit mal wieder aufgefallen, wie sehr es hilft, in den Natur zu sein. Am Meer natürlich, aber auch nachts draußen den Sternenhimmel zu betrachten und diesem Käuzchen zuzuhören. Liebe Grüße und dir ein schönes Wochenende! Elke

          1. Avatar Franziska sagt:

            Oh, ist das süß, beides! Habt ihr mal versucht, Mamakauz und Kindkauz aufzunehmen?
            Matilda hat also Gesellschaft. Irgendwie ist es ein tröstlicher Gedanke.
            Da sagst Du wahre Worte! Vielleicht liegt es daran, weil die Natur einem mit kleinen Momenten etwas gibt, was der Seele Ruhe bringt.
            Vielen Dank, es war zwar ein sehr warmes, aber auch gemütliches Wochenende. Du hattest hoffentlich auch ein schönes?
            Komm gut in die neue Woche!

            Liebe Grüße,
            Franziska

          2. Avatar Elke Weiler sagt:

            Die junge Kauzfamilie habe ich gestern Abend zum ersten Mal nicht mehr gehört. Meinst du, wir sollten ihnen eine Wohnung anbieten? Da muss ich mal schauen, welche Ansprüche junge Kauzfamilien so haben… Ja, die Natur kann einen wahrhaft trösten, sie ist Balsam für die Seele. Ich wünsche dir eine schöne Woche! Hier ist es auch schön warm, sehr angenehm. Man kann wieder schwimmen gehen, das ist das Beste.

            Liebe Grüße!
            Elke

  4. Avatar Ingrid sagt:

    Es ist alles so traurig, dass die kleine Matilda so früh ums Leben kam. Kann man diesen Autofahrern, die so eine brutale Fahrweise haben, was Menschen und Tierleben kostet von der Straße verbannen. Aber diese hohe Geschwindigkeit auf den Straßen muss auch abgeschafft werden, die kleine Matilda hatte ja überhaupt keine Chance auf der Straße, wenn so ein Raser unterwegs ist.

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Ja, es ist brutal. Matilda hatte keine Chance. Mich wundert nur, dass sie überhaupt in so einer Situation auf die Straße ging. Das Auto fuhr wohl auch nicht schneller als erlaubt. Es kann nur nicht sein, dass dort, wo Menschen und Tiere leben, überhaupt Tempo 100 erlaubt sein soll. Wäre die Alternative wegzuziehen? Sollte man dieses wunderbare Haus hier verrotten lassen, das btw aus dem 18. Jahrhundert stammt und typisch für die Kulturlandschaft ist – nur damit der Verkehr schnell fließen kann?

      1. Avatar Franziska sagt:

        Weil ich hier gerade mitlese:
        Die Kommunen sollten sich einmal überlegen, ob es wirklich sinnvoll ist, Einzelnen das Recht einzuräumen, andere zu gefährden. Damit die nur nicht in ihrer Freiheit beschränkt werden und ganz schnell von A nach B kommen.

        1. Avatar Elke Weiler sagt:

          Absolut! Leider haben die Kommunen nicht das Sagen, was die Landstraßen betrifft. Und die hiesigen sind bei stets klammen Kassen auch froh darüber, die Straßen nicht unterhalten zu müssen. Aber ich versuche einen Antrag in Kiel zu stellen, die Straße durchschneidet unser Grundstück, wir laufen hier ständig von einer auf die andere Seite mit den Hunden.

          1. Avatar Franziska sagt:

            Da hast Du mir jetzt noch etwas beibringen können, das wußte ich nicht. Also, das mit den Landstraßen. (Von den klammen Kassen dagegen schon.)
            Wie kommt man auf die Idee, jemandes Grundstück mit einer Straße zu zerteilen? Das war wohl vor eurem Erwerb, weil ich mir nicht vorstellen kann, ihr hättet es hingenommen. Einfach generell, wie kann man so etwas nur absegnen.
            Was soll der Antrag bewirken?
            …paßt bloß gut auf euch auf!

          2. Avatar Elke Weiler sagt:

            Ja, genau, das Grundstück war schon vorher von der Straße zerschnitten. Das Haus liegt auf einem alten Deich, und die wurden später zu Straßen umfunktioniert. Dementsprechend schmal sind sie. Es gibt hier keinen Platz für Fußgänger und Radfahrer. Daran versuchen die Eiderstedter schon etwas zu ändern, aber das Ergebnis werden wir wohl nicht mehr erleben. ;-) Im Prinzip würde eine komplette Reduzierung der Geschwindigkeit für die ganze Halbinsel Sinn machen, da es fast überall so ist. Ich versuche es für den Teil längs unseres Grundstücks zu beantragen, aber ich mache mir nicht sonderlich viel Hoffnung. Trotzdem muss ich es versuchen.

  5. Avatar Franziska sagt:

    Hier sind beide Antwortteile, dann ist es auch nicht so ein Kästchengehüpfe.
    Für Deinen Antrag drücke ich Dir ganz fest die Daumen! Versuch macht klug, wenn schon die Möglichkeit gegeben ist, zumindest mal darauf aufmerksam machen zu können, warum nicht. An die schmalen Straßen erinnere ich mich auch noch sehr gut. Da sind wir beim Vogelzählen oft oben und auf denen nahe den Deichfüßen langgeradelt.
    Wenn ihr einen schönen Platz an einem alten Baum habt, könnt ihr es ja mal versuchen mit einer Kauzhöhle. :)

    Hab einen schönen Abend und einen guten Start in die Wochenmitte!

    Liebe Grüße,
    Franziska

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