Aktiv und draußen Natur Sylt

Anderswo auf Sylt

Sylt

Vielleicht ist es der letzte heiße Tag in diesem Jahr, in jedem Fall ist es der letzte dieses wunderbaren Sommers. Und da fällt mir ausgerechnet ein, an diesem Tag zu wandern? Eigentlich will ich nur kurz am Morsum Kliff vorbeischauen, ein paar Fotos machen und dann weiter nach Hörnum ziehen. Von Wandern also gar keine Rede.

Nicht einmal Wasser habe ich im Gepäck, wohl aber einen Badeanzug und ein Handtuch. Zu Recherchezwecken, damit ihr mich nicht falsch versteht. Also für den Strand bin ich gerüstet. Meine befüllte Wasserflasche hingegen gammelt zu Hause vor sich hin. Ich steige am Morsumer Bahnhof aus dem überfüllten Westerland-Zug und folge den Schildern Richtung Morsum Kliff. Aber warum über die Straße laufen, wenn man auch unten am Watt entlang spazieren kann? Da kommt quasi erst Wanderstimmung auf, wenn kein Auto mehr an dir vorbeidüst.

Wattseite, Sylt
Der andere Weg

Mannshohes Schilf zur einen Seite, dahinter das Watt. Nur Vögel zwitschern in die wundersame Ruhe. Vielleicht ist es genau hier, als sich meine Pläne dramatisch ändern. Es wird wärmer, mein Schritt wird langsamer, Zeit relativer. Ein Uhr trage ich schon seit Jahren nicht mehr.

Fast habe ich den Weg am Watt für mich allein, als mir nach etwa zweieinhalb Kilometern ein junges Paar entgegenkommt und „Servus“ sagt. „Moin“ antworte ich. Wanderer grüßen sich eben überall und in allen Sprachen. Auch wer nicht grüßt, wird gnadenlos mit einem „Moin“ bedacht.

Endlich am Kliff. Ich bin nicht zum ersten Mal hier, aber es ist immer anders. Manchmal sind die Verwüstungen durch den letzten Sturm nicht zu übersehen, doch dieses Mal grünt und blüht hier alles. Auf dem Kliff tobt sich die Heide aus. Das Violett steht dem rotgelben Stein gut.

Kliffkante mit Heide-Haube

Auch der Mensch hat seine Spuren rund um das Millionen Jahre alte, eiszeitliche Kunstwerk Morsum Kliff hinterlassen. Ein Herz wurde in einen größeren Brocken geritzt, der schon vor längerem vom Kliff abgebröselt ist. Ein paar Initialien, Striche, kleinere Herzen. Nicht unbedingt Hinterlassenschaften der Menschen, die während der Altsteinzeit hier lebten. Statt zu den gelb leuchtenden Sandflächen namens Klein-Afrika abzubiegen, folge ich weiter dem unteren Kliffweg.

Wo die Architektur der Schollen, gletschergeformte Steinschichten, aufs Schönste freigelegt ist, sieht man sie überall: kleine Türme aus Steinen. Mit beinah religiöser Hingabe werden immer wieder neue geschaffen, frei nach dem Motto, wer ein Türmchen baut, kommt wieder her. In anderen Ländern kennzeichnen Steinmännchen die Wege oder sollen vor Trollen schützen. Am Morsum Kliff scheint es reine Spielerei zu sein. Oder wie die Sache mit dem eingeritzten Herzen: Ich war auch hier.

Uferschwalben am Morsum Kliff
Der Ort der Uferschwalben

Das Kliff hat eine lange, komplexe Geschichte, in der die Gletscher der Kaltzeiten den Boden aufgebrochen und verschoben haben, so dass jene heute sichtbaren Schollen entstanden. Jedes Geologenherz muss hier vor Begeisterung hüpfen, doch auch ich finde das Kliff schön. Einfach schön. Unweigerlich kommt der Gedanke, dass diese Erde so unendlich alt ist. Und dass so viele „Zipfel“ unter Schutz stehen, damit ihre Schönheit erhalten bleibt. Wir schützen die Natur vor uns, statt ein Teil von ihr zu sein. Es waren Naturschützer, die in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts verhindern konnten, dass uraltes Kliffmaterial für den Bau des Dammes entwendet wurde.

So stehe ich also in der Mittagshitze vor dem Morsum Kliff und will bleiben. Einfach dem Weg folgen und dort sein, wo ich nichts kaputt machen kann. Einfach gehen. Innehalten. Weitergehen. Den am Kliff nistenden Uferschwalben zuschauen. Aufgrund der Erosion bauen sie ihre Höhlen jedes Jahr neu in den curryfarbenen Limonitsandstein hinein.

Als ich am flachsten Punkt um die Ecke biege, um aufs Kliff zu gelangen, blicke ich auf ein verkohltes Feld. Auf einem Schild wird das direkt erklärt: Hier hat man Heidefläche gezielt abgebrannt, damit sie sich erneuert und nicht verholzt. Direkt daneben schwelgt das Kliff in Violett, noch blüht die Heide. Und Sylt rühmt sich, die Hälfte aller Heideflächen von Schleswig-Holstein zu beherbergen. Das trifft aber nicht auf das Morsum Kliff, sondern vor allem auf die 137 Hektar große Braderuper Heide zu. Auch die will gepflegt werden, um weiter zu existieren. In der Lüneburger Heide zum Beispiel kümmern sich Heidschnucken darum.

Der Aufstieg gleicht einem Perspektivwechsel. Der Weg ist mal breit und dann wieder so schmal, das ich mich frage, ob ich noch an der richtigen Stelle unterwegs bin. Weiter unten scheint eine Studiengruppe unterwegs zu sein, die meiste Zeit stehen sie an einem bestimmten Punkt in das Kliff vertieft. Bald bin ich am Aussichtspunkt angelangt, wo vier Senioren auf einer Bank sitzen und sich über Gretas Segeltörn nach New York unterhalten.

Wo ist der Weg?

Nur noch ein Stückchen ist es von hier zum Landhaus-Restaurant, das zu Luxuspreisen Speis und Trank anbietet. Doch der Versuch, meinen Durst hier zu stillen, scheitert, denn eine private Feier wird ausgerichtet und daher ist das videoüberwachte Lokal heute für normale Gäste geschlossen. So erzählt es mir der Gast, der gerade im Innern nachgefragt hat, nachdem wir alle schon eine Weile auf der Terrasse gesessen haben.

Ich nehme den Weg über die Straße zurück nach Morsum und kehre dort ins Café ein. Für dieses Himbeer-Mascarpone-Stück hat sich die längere Dürrezeit auf der Strecke gelohnt. Der Weg rund ums Kliff sowieso. So eigenartig, so wunderbar wie verwundbar es ist. Millionen Jahre Erdgeschichte.

Text und Fotos: Elke Weiler

Morsum Kliff
Danke!

Infos

Vom Morsumer Bahnhof zum Kliff, dem Weg folgend und wieder zurück kommt man auf achteinhalb Kilometer Wegstrecke. Mindestens zwei Stunden würde ich dafür einplanen, am besten mehr, um stehenzubleiben und sich in die Details vertiefen zu können.

Das Kliff zählt zu den ältesten Naturschutzgebieten Schleswig-Holsteins. Es gibt Gesteinsschichten, die zehn Millionen Jahre auf dem Buckel haben. Damals bedeckte eine viel wärmere Ur-Nordsee zwei Drittel von Schleswig-Holstein, und auf Sylt herrschte ungefähr ein Klima wie heute an der afrikanischen Atlantikküste.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

8 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar Kai sagt:

    Da waren wir wohl fast gleichzeitig auf Sylt. Ja, die Natur von Sylt ist ein wahrer Traum. Ich wünschte mir nur, Sylt würde endlich nachhaltig und hätte Mut. Damit die nächsten Generationen auch was von der Insel haben.
    Wir haben dieses Mal übrigens die Fähre genommen, das ist eine richtig schöne Verbindung, vor allem die letzte Fähre am Abend- so ein großes Schiff so lehr….
    Lieber Gruß
    Kai

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Das würde ich mir auch wünschen, lieber Kai! Dann habt ihr bestimmt noch einen Strandkorb auf der Fähre bekommen? Ich liebe diese Verbindung ja. Vor allem kommt man so auch nach Rømø. :-) Liebe Grüße und ein schönes Wochenende! Elke

  2. Avatar Anja Pilger sagt:

    Hallo liebe Elke, das liest sich ja herrlich :)) wir waren tatsächlich noch nie auf Sylt….dachten immer das es viel zu touristisch ist mit Hochhäusern usw…..aber deine Bilder sprechen für sich. Ganz liebe Grüße an das gesamte Rudel und hoffentlich bis bald mal wieder :*

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Liebe Anja,
      ich hoffe, es geht euch gut! Hochhäuser hat, glaube ich, nur Westerland auf Sylt. Ich gibt wirklich tolle Ecken wie den Ellenbogen im Norden oder die Odde im Süden oder die Braderuper Heide… Und ganz viele Hundestrände! :-D
      Liebe Grüße und bis bald!
      Elke

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