Mit Curry durch die Castelli

Das stehen sie frisch gewienert vor der Villa Tuscolana: 13 Oldtimer aus dem Italien der 60er und 70er Jahre. Wir schleichen um sie herum. Wer wird sich welchen unter den Nagel reißen?

Egal, ob Fiat Cinquecento, Autobianchi, Giulietta oder Alfa Romeo – sie sehen eigentlich alle gut aus. Der schnittige Rote steht nicht zur Disposition, an dem putzt Tourchef Stefano himself ständig herum. Kollegin Steffi aus Hamburg und ich entscheiden uns erst einmal für den weißen Autobianchi mit Dachluke und echtem Nostalgiefahrgefühl.

Einer aus dem coolen Vespa-Trupp, der uns begleitet, gibt mir eine Gebrauchsanweisung von geschätzten drei Sekunden. Die Gangschaltung, normal, der Choke, wichtig. Ok? Sì, tutto bene. Ein kleiner Hopser, und wir rollen an. Erst mal den Hügel runter, auf dem die Villa Tuscolana thront.

Tusculum, einst Sommerfrische der alten Römer. Deswegen ruht der Renaissancepalast auch auf den Überresten der Villa Ciceros. So sagte man uns, denn zu sehen ist das nicht. Ein herrlicher Novembertag, wie er besser nicht sein könnte. Martini-Sommer in Mittelitalien.

Wir starten in Frascati!

Was für ein Glück, dass der Autobianchi so eine hübsche Dachluke hat. Unser direkter Draht zum blauen Himmel. Zum süßlichen Duft der Castelli Romani. Was allerdings im Oldie fehlt, sind die Gurte. Oder Nackenstützen. Wer braucht schon Nackenstützen? Unsere Kolonne düst mit maximal 40 km/h durch die Albaner Berge.

Der Begleitschutz auf den Vespas hat alles im Griff, das muss man sagen. Verkehrsregelung, Notfallmanagement, Weganzeiger. Wir müssen einfach nur Gas geben, bremsen, manchmal kuppeln. Strahlen. Unser Autobianchi schmiert im Zweiten schon mal ab, lässt sich aber flott wieder starten. Außer einmal. Wie? Ist der Motor etwa abgesoffen?

Ein Helfer aus der Vespa-Crew ist sofort zur Stelle, so dass wir den Anschluss an die Kolonne nicht komplett verlieren. Ich gebe Gas. Um mich herum nur neumodische Nutzfahrzeuge. Aber da! Licht am Horizont. Bald haben wir die Kollegen wieder eingeholt. Und mit jedem Kilometer gewöhne ich mich mehr an den Autobianchi. Und er sich an mich.

Nicht schlecht, der Autobianchi...

Sollen wir den Wagen überhaupt wieder aus der Hand geben? Dann sind Steffi und ich derart ins Gespräch vertieft, dass wir gar nicht merken, wohin die Reise geht. Einer der Vesposi blinkt mit dem Arm nach rechts.

Wir haben ihn gründlich missverstanden und tuckeln geradeaus weiter. „Destra, destra, desta!“ Zu spät! Statt zur Abbazia di San Nilo abzubiegen, nehmen wir Reißaus.

Mamma mia, le bionde! Der Mann auf der Vespa kennt kein Erbarmen. Rast hinterher, als hätten wir den Führerschein bei einem anderem Reiseveranstalter gemacht. Dabei hätte ich sowieso bei der nächsten Möglichkeit gewendet. Und wäre mehr oder weniger reumütig zur Abtei gegondelt. Nun also unter Begleitschutz die ganze Aktion.

Daumen hoch! Wir lächeln, und der Mann fühlt sich gut. In Grottaferrata müssen wir also tatsächlich aussteigen. Wir besichtigen Santa Maria, die von dem griechischen Mönch Nilus von Rossano gegründet wurde und sitzen staunend vor den Wandfresken von Domenichino in der Kapelle. Hinaus in die Sonne!

Die Wandfresken von Domenichino in der Abbazia di San Nilo

Wieder stehen Steffi und ich vor dem curryfarbenen Cinquecento. Tauschen? Tauschen! Und wie der Kleine abgeht! Wir steuern Genzano an, müssen allerdings auf dem Weg eine krasse Steigung bewältigen. Schafft Curry das im Zweiten? Leider nicht. Und er sagt es mir zu spät. Auf halber Hügelstrecke stehen wir still.

Rien ne va plus. Und dieses Mal sind wir wirklich sehr erleichtert, als die Vesposi anrücken. Nur mit vereinten Kräften geht Curry wieder nach vorne, statt weiter abwärts zu rollen. Gleichzeitig mit rechts Gas geben und bremsen ist halt schwierig. Difficile! Spiel, Spaß, Spannung. Ein ganzer Kerl stützt Curry von hinten ab, der andere hilft beim Starten: „Gas, Gas, Gas!“

Curry gibt alles, und uns fällt ein Stein vom Herzen, als wir wieder vorwärts düsen. Fast die ganze Kolonne ist zum Stillstand gekommen, genau an dieser kritischen Stelle. Ein bisschen peinlich ist das schon. Zumal dann auch einige Kollegen die gleichen Neustartprobleme haben.

Eine Schönheit, unser Curry. Aber das Anfahren am Berg...

Was, wenn in dieser Situation kein Helfer zur Stelle gewesen wäre? Die Polizei? Für solche Fälle muss wahrscheinlich einen Holzpflock im Kofferraum haben, wer einen alten Cinquecento fährt. Dann sind wir in Genzano, und es soll die ganz große Show werden. Alle Oldies dürfen auf die Piazza, in Reih und Glied, bewundert vom halben Dorf.

Mit den Schätzchen bringen wir Stimmung, Emotionen und Erinnerungen in den kleinen Ort. Also lassen wir sie erst mal dort stehen. Vom Duft geleitet fallen wir in den „Forno A Legna Da Sergio“ ein, eine Bäckerei mit jenem berühmten Brot von Genzano. Das knackt so schön beim Zupacken und schmeckt herrlich rustikal.

Vor dem Ofen in der Backstube treffen wir auf Marco, den Juniorchef. Großzügig verteilt er Öl und Salz auf der Pizza biancha, bevor er den meterlangen Teig in den Ofen schiebt. Wir dürfen uns durchs Sortiment probieren, an den Kleinigkeiten naschen und sind nach Ciambelline, Gebäckringen mit Rotwein, Supplì di riso, Reiskroketten, und natürlich der hellen Pizza, ofenfrisch, nahe am Platzen.

Eine Spezialität der Castelli Romani: Ciambelline

Doch das Mittagessen in Castel Gandolfo wartet. Und was muss ich auf der Piazza sehen? Jemand fummelt an unserem Curry herum! Auch als wir uns näherkommen, kann der Typ seine Fingerchen nicht von der Knutschkugel lassen.

Lorenzo! Von seinem Nonno, dem Opa, habe ich erfahren, wie er heißt. Doch der Kleine redet nicht mit mir. Der Cinquecento scheint für den nicht mal zwei Jahre alten Italiener wichtiger zu sein.

Als sich die Kolonne wieder in Gang setzen will, muss der Nonno sein Enkelchen deswegen auch aus der Bahn räumen. Ciao, Lorenzo! Du hast einen guten Geschmack. Einen ausgezeichneten Geschmack.

Weg mit den Patschehändchen, Lorenzo!

Trotzdem tauschen wir zwischendurch noch einmal den Wagen und genießen den Fahrtwind in den Haaren. Der schwarze Alfa Romeo Spider passt zum Tag, zur Landschaft, zum Glück. Von den bislang getesteten Oldies ist er der normalste. Unkompliziert und lässig.

Stärker verknüpft mit unserer Umgebung erfreuen wir uns am strahlenden Lächeln des Straßenverkäufers. Auf Englisch meint er mit Blick nach hinten: „Jeder möchte auf eurer Rückbank sitzen!“

Castel Gandolfo. Angeblich der einzige Ort, an dem Goethe komplett glücklich war. Wir schauen uns um: die Papstresidenz, die Bernini-Kirche, den magischen Lago Albano. Goethe, ein Genussmensch. Ich kann es mir vorstellen. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass der Dichter nie einen curryfarbenen Cinquecento kennen- und lieben gelernt hat.

Schon Goethe liebte Castel Gandolfo.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an die Crew von Dertour, die diese Reise organisiert und begleitet hat.

2 Kommentare zu „Mit Curry durch die Castelli“

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  2. Pingback: Warum der November in Rom so schön sein kann

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