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This is a sheep’s world

Nun also die neuen Nachbarinnen mit ihren Lämmern. Gerne kommen sie auf einen kleinen Plausch vorbei, wenn sie uns sehen. Vermutlich liegt eine Verwechslung vor, und sie halten uns für die nahrungsgebenden Zweibeiner, an die sie gewohnt sind. Jedenfalls sind diese Schafe eher anhänglich und kommunikativ veranlagt. Inzwischen lässt es sie relativ kalt, wenn Janni sie mit seinem Territorialanspruch verbellen will. Die Kühe zur anderen Seite ebenso. Anfangs erschien Janni noch wie eine Attraktion, ein bisschen Kino auf der Fenne, wenn der Hund so lustig vor dem Graben in die Höhe hüpft und sich manchmal nasse Pfoten dabei holt. Doch inzwischen wird Janni weitgehend ignoriert. Als Schaf hat man Wichtigeres zu tun. Grasen, chillen, schnacken.

Zuletzt hatte der Mann ein Schaf auf dem Rücken liegen sehen, das mit den Beinen in der Luft zappelte. Gemeinsam mit dem Bauern ist er auf die angrenzende Weide gegangen, wo er flott als Schafretter angelernt wurde. Ein bisschen Unterstützung an der Schulter, und das Schaf dreht wieder auf die richtige Seite, beziehungsweise kommt zurück auf die Beine. Schafhalter kontrollieren ihre Schafe täglich, denn die Rückenlage kann lebensgefährlich sein. Wälzt sich ein Schaf und kommt dann nicht mehr hoch, wird der wollene Körper quasi zur Tonne, die Beinchen können nicht genügend Schwung holen. Die Organe verrutschen, Gase können nicht abgehen, all das drückt auf Lunge und Herz.

Schaf gerettet!

Ein umgekipptes Schaf, das hilflos auf dem Rücken liegt, braucht also dringend Unterstützung beim Drehen. Normalerweise sollte man sich dann langsam nähern, damit die Schafe keine Panik kriegen und eventuell dabei beruhigend reden. Unsere Nachbarinnen gehören ja nicht zur ängstlichen Sorte, im Gegenteil. Und wir haben nun die offizielle Lizenz zum Helfen. Der Bauer hat das Tier mit einem gekonnten Griff unter die Schulter gestützt, man könnte auch beide Hände unter Schulter und Rücken legen und ihm so beim Drehen helfen. Der Mann kommt zurück, das Schaf ist gerettet!

Just am selben Tag sind wir bereits am Deich in dieser Richtung aktiv gewesen. Inzwischen sind die nordfriesischen Deiche nämlich wieder reich bevölkert. Auf dem Festland, den Inseln und Halligen zählt man insgesamt fast 260 Deichkilometer. Je nach Wetterlage beweiden die Schafe von März/April bis Oktober/November die See- und Binnendeiche. Jedes Jahr haben wir den Eindruck, dass es mehr werden. Fast kommt es einem so vor, als gäbe es mehr Schafe als Einwohner in Nordfriesland. Doch der Schein trügt. Laut einer Erhebung des Statistikamts Nord von 2016 stehen den gut 160.000 Menschen in Nordfriesland „nur“ 86.000 Schafe gegenüber, das Verhältnis war schon mal ausgeglichener. Der Küstenschutz ist auf seine tierischen Mitarbeiter angewiesen, die die Grasnarbe der Deiche kurz halten und den Boden schön fest trampeln.

Sogenannte Deichschweine

Als es passiert, sind wir mit den Hunden unterwegs. Wir laufen eine Weile über einen der wenig befahrenen Landwirtschaftswege, bis wir zum Deich abbiegen. Auf halber Strecke hören und sehen wir das Lamm schon: Steht es auf der anderen Seite des Zauns, während der Rest der Familie dahinter wartet? Beim Näherkommen erhärtet sich der Verdacht. „Gehst du hoch und bringst die Familie wieder zusammen?“, bitte ich den Mann, während ich die Hunde ablenke. Schafe und Lämmer verschwinden hinterm Deich, der Mann auch.

Glück mit Matsch

Kurze Zeit später erscheint er wieder auf der Bildfläche – mit Victory-Zeichen. „Ich musste das Lamm nur bis zum Tor lotsen, dann war alles ganz einfach.“ Ein Stück weiter taucht die Mutter mit ihren beiden Lämmern wieder auf, das Abtrünnige trinkt gierig Milch. Die Mutter schaut zu uns hinüber. Im letzten Jahr hatten wir in der gleichen Gegend schon einmal zwei Familien zusammengeführt, maßgeblich durch den tatkräftigen Einsatz des Mannes. Dieser Fall war allerdings etwas komplizierter gestrickt, denn zwei Lämmer hatten sich in die wasserlosen, aber ausgesprochen sumpfigen Gräben im Deichvorland verirrt und kamen aus eigener Kraft nicht mehr aus dem grauen Matsch heraus.

Also gab der Mann Starthilfe, zog sie mit erheblichem Kraftaufwand heraus und hievte sie über einen Zaun, damit sie auf der anderen Seite zurück zu ihren Müttern laufen konnten. Erkannt habe ich den Mann nach der Aktion nicht mehr, da er vollumfänglich in Grabenfarbe getaucht war. Jetzt aber flott wieder nach Hause, bevor der Matsch trocknet und hart wird. Darüberhinaus roch der Mann etwas streng. Aber Hauptsache, die Lämmer waren zurück bei ihren Müttern!

Natürlich habe ich ab und an überlegt, selber ein paar Schafe zu adoptieren. Allein, um dem Mann die Arbeit mit dem Rasenmäher zu ersparen, über die er gerne klagt. Aber dann musste ich leider feststellen, dass er irgendwie doch an dem Rasenmäher hängt. „Nächstes Jahr“, meint er schließlich, möglicherweise in der Hoffnung, dass ich mir es bis dahin anders überlege. „Dann bauen wir die entsprechende Infrastuktur auf.“ Also fange ich schon mal an, das überall wuchernde Schilf im Garten wegzuhacken sowie mit Hunden und Hühnern über den möglichen Familienzuwachs zu reden. Außer mir scheint niemand so recht begeistert von der Idee…

Zum Weiterlesen

Mehr über Schafe findet ihr zum Beispiel im Buch „Leben am Wattenmeer“, das ich gemeinsam mit dem Fotografen Ralf Niemzig im Bruckmann Verlag realisiert habe. Für eine Geschichte habe ich mich in Dithmarschen mit einem Schäfer getroffen, der mit Herzblut bei der Sache ist. „Man muss einen guten Draht zu den Tieren haben“, findet er. Wenn eines in Not ist, erkennt er das sofort am Tonfall.

In Tetenbüll sind übrigens Führungen in einer Bio-Schafkäserei möglich, sobald das Leben wieder einen halbwegs gewohnten Gang geht. Mehr darüber findet ihr in meinem neuen Buch „Glücksorte in Nordfriesland“, das im Droste-Verlag erschienen ist, oder auch im Artikel „Audienz der Milchschafe“.

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4 Gedanken zu „This is a sheep’s world“

  1. Oh, wie ich sie gern ab, diese Rasenmäher. Immerzu geben sie sich gegenseitig die immergleiche Anordung: „Mäh….“ Während das andere Schaf leise denkt:„….ich tu doch kaum was anderes….“

    Mitunter, wenn die Tiere zu sehr am Menschen gewöhnt sind, halten sie selbst unser Blondvieh für ein Schaf und er sie umgekehrt für hübsche Retriever-Mädels…. Dann gibts Nasenküsse…..

    Aber, so ein Schaf, das kann auch bocken, das sollte man nicht unterschätzen. Dann braucht man selbst erste Hilfe. Leider finden es einige Touri- Kinder recht spaßig, am Beltringhader Koog Lämmer zu jagen. Bin ihnen schon mehr als einmal entgegengelaufen und hab meine Wut rausgelassen.

    Sind ja schließlich unsere heiligen Kühe, die Schafe…..

    Aber ich finde, eine gute Ergänzung zu Eurem Rasenmäher wäre doch ein Esel. Der hat nicht weniger Charme und Mann darf sein Mähwerk behalten:-)

    Liebe Grüße an die Westküste
    Kai

    1. Ein Esel wäre phänomenal – aber würde der sich nicht ziemlich allein fühlen? Ich meine, müsste man sie nicht mindestens zu zweit halten? Und ich vermute, er bräuchte auch mehr Fläche. Wobei… man könnte ja mit ihm wandern gehen. ;-)
      Diese Verwechslungen sind uns auch schon passiert! Zumindest wurde Julchen mehrfach von Lämmern für ein Mutterschaf gehalten, Janni weniger. Ich vermute, sie könnte in diese Rolle hineinwachsen. :-D

      Einen schönen Määääh-Abend!

      Liebe Grüße,

      Elke

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