Hohwachter Bucht Natur

In aller Seelenruhe

Badestelle Grabensee

Ein Hahn kräht, als ich in Grabensee ankomme: Willkommen auf dem Land. Eine überdimensionierte Katze und eine Riesenschildkröte hocken auf der Wiese und visieren den Selenter See an. Doch nichts und niemand rührt sich vom Fleck. Steinerne Skulpturen. Sonntagsruhe. Man möchte der Schildkröte den moosigen Panzer tätscheln, aufmunternd. Der See ist zum Greifen nah, nur hört man ihn kaum.

Je näher ich dem Wasser komme, desto mehr Platz verschafft sich die Sonne am Himmel, desto stärker prägt das Geschrei der Möwen den Soundtrack des Sees. Auf den Überresten eines Stegs hocken sie zahlreich und reden, rufen, lamentieren. Eine Art Kaffeeklatsch auf dem Wasser. Der Mini-Strand von Grabensee besteht aus etwas Sand gerahmt von Gras, Schilf und einem Steg. Fast habe ich den Eindruck, auf einem Privatgelände unterwegs zu sein, so familiär wirkt Grabensee in Martensrade. Segelboote und Surfer? Fehlanzeige. Nur am Steg liegen ein paar Boote vertäut.

Verlockend und glasklar das Wasser. Doch keine Spur von Karpfen, Schleien, Hechten oder Silbermaränen, die sich im Selenter See tummeln. Dabei lässt der See tief blicken, ich kann den sandigen Boden erkennen, ein paar Steine und Pflanzen. Es liegt eine Ruhe über dem Ort, über dem See, über dem dichten Grün des Erlenbruchwaldes, der bis ans Ufer wächst, und dem rahmenden Röhricht.

Badestelle Grabensee
Rein oder nicht rein?

Am Ende des Badesstegs unterhalten sich zwei Paare, die gerade aus dem Wasser gestiegen sind. In dicke Handtücher kuscheln sie sich, bevor sie die warme Kleidung überstreifen. Frisch sei das Wasser, bestätigen sie mir. Aber ich würde es nicht bereuen. Mit strahlenden Augen sitzen sie auf der breiten Holzbank und schauen noch eine Weile auf den See. Lassen das gerade Erlebte nachwirken, saugen die besondere Stimmung auf. Ich tauche eine Hand ins Wasser, bewege sie hin und her. So weich fühlt es sich an, wie eine Liebkosung. Soll ich oder soll ich nicht?

Piadina am Badehaus

Wolken türmen sich am Himmel, und der See hat längst sein Gesicht geändert. Grün wie der Auwald ringsherum leuchtet er nun. Und strahlt etwas aus, das sich nur schwer beschreiben lässt. Die Ausformung der teilweise bis zu 35 Meter tiefen Mulde geht auf das Design der Weichseleiszeit zurück, auf den Schub gigantischer Eismassen vor rund 15.000 Jahren. Heute misst der Selenter See fast 22 Quadratkilometer. An Tagen wie diesen gefüllt mit behäbiger Ruhe. Ein Stillgewässer nennt er sich, ohne Fließgeschwindigkeiten. Doch verfügt er über kleinere Zuläufe aus Bächen und über zwei Abläufe.

Alle Farben Grün

In aller Seelenruhe, denke ich. Und ja, in der Seele steckt tatsächlich See, das ist kein Zufall. Der Wortherleitung aus dem Altgermanischen folgt die Hypothese, es habe mit der damaligen Überzeugung zu tun, dass die Seelen vor der Geburt und nach dem Tod in Seen lebten. Jedenfalls scheint ein See allein durch seine Ruhe, Kraft und Tiefe etwas Seelenhaftes auszustrahlen. Mir gefällt diese Idee.

Ein Stück weiter das pralle Leben am „Badehaus“. Dafür muss man zurück über die Straße und dann einen Feldweg entlang. Ich trete ein ins Café. Ein Hund schläft in einer Ecke, ausrangierte Kinostühle schmücken den Raum. Es riecht nach frischen Waffeln und Piadina, dem italienischen Fladenbrot. Nach einigem Hin und Her bestelle ich die Waffeln. Da schwebt eine fertige Piadina aus der Küche hinaus. Zu spät.

Man sitzt auf bunten Stühlen in Blickrichtung Wasser. Einige sind mit dem Rad, andere wandernd am „Badehaus“ angekommen. Sonst ist alles wie drüben. Auf dem Wasser stecken Blesshühner ihre Köpfe ins Wasser, das Schilf wiegt sich leicht im Windhauch, eine Entenfamilie schaukelt über flache Wellen. Der See ist präsent. Seine Aura, seine Tiefgründigkeit, seine Schönheit. Eine wassergefüllte Erdnarbe, ein uraltes Wesen. Stiller als das Meer, tief und eigentümlich.

Text und Fotos: Elke Weiler

Noch ein paar Infos

Der fischreiche Selenter See ist der zweitgrößte Schleswig-Holsteins. Er liegt zwischen Kiel und Hohwacht – nur wenige Kilometer von der Ostsee entfernt. Ich war bereits im nahen Panker und am Schönberger Strand an der Ostsee, wo man von Brasilien nach Kalifornien laufen kann oder umgekehrt.

Neben Grabensee sind weitere Badestellen rund um den See zu finden: Bei Bellin existiert ein Hundestrand, Pülsen bietet sich für Familien mit kleineren Kindern an, während Moltörp bei Surfern beliebt ist. Der nördliche Teil des Sees ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen und für den Bootsverkehr komplett gesperrt.

Weitere Beiträge zum Selenter See findet ihr bei den Kollegen: einen Überblick bei Weites Land sowie einen Artikel über Bellin bei MeerArt.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

6 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar Kai sagt:

    Hallo, liebe Elke,
    vielen Dank fürs Verlinken. Hab mich revanchiert :-)
    Im nächsten Jahr werden die Seiten über die Seen in Schleswig-Holstein komplett neu gemacht. Das ist ein ziemlich spannendes Thema. Besser als Du kann man die Schönheit des Selenter Sees nicht in Zeilen ausdrücken.
    Lieber Gruß
    Kai

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Lieber Kai,

      danke dir!
      Da sich mein letztes Buchprojekt leider zerschlagen hat, als ich schon fertig war, kommen jetzt häufiger Artikel aus SH und auch Verlinkungen. ;-)
      Der Selenter See hat mich am meisten beeindruckt. (Wobei ich längst nicht alle Seen hier kenne.)
      Aber ich habe da noch eine Eichhörnchen-am-See-Story auf Lager, die ich allein wegen der Fotos herausbringen muss. :-)))
      Liebe Grüße!
      Elke

      1. Avatar Kai sagt:

        Wirklich zerschlagen? Oder doch auf einem anderen Weg noch realisierbar? Das wäre so schade, weil ich denke ich nachempfinden kann, mit wie viel Leidenschaft Du die viele Arbeit daran gesetzt hast.
        Ich habe das Ziel, wirklich jeden See persönlich zu besuchen, einen hohen Anteil habe ich schon. Wenn ich sehe, wie Seen.de funktioniert ist das ein Ansporn, solchen Blendern, kontra zu geben.

        Ich bin neugierig auf das Eichhörnchen:-)

        1. Avatar Elke Weiler sagt:

          Keine Sorge! Der Verlag wollte es zwar nicht mehr realisieren, war jedoch sehr kulant. Theoretisch könnte ich das Buch einem anderen Verlag anbieten. Da es jedoch nicht meine Idee war, habe ich daran kein Interesse. Und da ich Meerblog während der Produtionszeit stark vernachlässigt habe, finde ich es nur gerecht, nun einige der Artikel hier aufzuarbeiten. Ein bisschen mehr SH-Content schadet ja auch nicht. ;-)

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