Japan Lesen

Fünf Mal Japan

Japan im Buch

In den letzten sechs Jahrzehnten entwickelte sich meine alte Heimat Düsseldorf zur einzigen Japantown Deutschlands. Ich schätze Klein Tokio am Rhein, habe gelernt, was ICHIGO ICHIE bedeutet, und denke, dass es nicht nur auf Reisen wichtig ist. Dann wäre da noch mein Faible für japanische Literatur – alles fing mit Banana Yoshimoto an. Zunächst hat mich der Name neugierig gemacht, dann las und las und las ich. Darum möchte ich meine fünf Buchtipps mit ihr beginnen. Für alle, die nach Japan reisen wollen – egal, ob in Gedanken oder real.

„Moshi Moshi“ von Banana Yoshimoto

Es ist eine Grußformel am Telefon: „Moshi Moshi“ sagen sowohl der Anrufer als auch der Angerufene zur Begrüßung. Wie so oft bei Banana Yoshimoto befindet sich die Protagonistin in einer Lebensphase, in der sie Trauer zu verarbeitet und ihr Leben neu gestaltet. Der verstorbene Vater hatte vor seinem Tod das Handy zu Hause vergessen. Sie spürt, ihr Vater hätte sich gerne verabschiedet. Vielleicht plagt sie auch das eigene starke Bedürfnis nach diesem Gespräch sowie ein schlechtes Gewissen. Hätte sie ihn von der Tat abhalten können? Immer wieder träumt sie vom Telefongespräch mit dem Vater. Gemeinsam mit der Mutter versucht sie, das Geschehene zu begreifen, doch es erscheint beiden Frauen ungeheuerlich. Gleichzeitig orientieren sie sich neu, entscheiden sich für ihr Leben und dabei hilft ihnen ein Ortswechsel.

Im Buch spielt daher das Viertel Shimokitazawa eine wichtige Rolle. Hier schaffen es sowohl die Protagonistin als auch ihre Mutter nach und nach, sich vom Schatten der Vergangenheit zu lösen und nach vorne zu blicken. Die beiden sind in diesem jungen und selbstbewussten Teil Tokios gelandet, der für Eigeninitiave, Kreativität und Intimität steht, auch wenn Shimokitazawa stärker von Touristen frequentiert wird als ihr früheres Viertel. Der Auslöser war ein gutes Mahl, das sie nach einer schwierigen Phase wieder genießen konnten. Auch das Essen spielt stets eine elementare Rolle in Yoshimotos Bücher. Schon seit ihrem Debütroman „Kitchen“ ist das so, dessen Hauptfigur sich in der Küche am wohlsten fühlt, ihrem persönlichen Refugium.

Leider werden nicht alle Romane von Yoshimoto ins Deutsche übersetzt, so habe ich „Arcobaleno“ (Regenbogen) auf Italienisch gelesen. In Italien verkaufen sich Yoshimotos Bücher scheinbar besser als in Deutschland. Das Buch ist allerdings auch auf Englisch („Rainbow“) zu bekommen, und die Geschichte dreht sich um ein polinesisches Restaurant, in dem die Protagonistin arbeitet, sowie ihre Reise nach Tahiti. Nur für den Fall, dass ihr nach „Kitchen“ und „Moshi Moshi“ noch mehr von der Autorin lesen wollt. „Arcobaleno“ beinhaltet neben der Verarbeitung eines Verlustes und der Selbstfindung auch eine Liebesgeschichte.

„Die Ladenhüterin“ von Sayaka Murata

Was die Berliner am Späti schätzen, ist den Japanern der Konbini. Eine Mini-Markt oder Convenience Store, japanisiert konbiniensu sutoru, der rund um die Uhr an sämtlichen Wochentagen geöffnet hat. In einen Konbini führt die Protagonistin dieses Buches. Als Aushilfe geht sie jahrelang in dieser komplett durchorganisierten japanischen Supermarkt-Welt auf. Hier fühlt sie sich wohl, denn sie weiß, wie sie in welcher Situation reagieren soll. Die Arbeit im Konbini ermöglicht der zurückgezogen lebenden 36-Jährigen ein Teil der Gesellschaft zu sein, in der sie sich ansonsten wie eine Außerirdische fühlt.

Im Konbini wird sie zu einem funktionierenden Rädchen im Getriebe. Probleme, die von außen an sie herangetragen werden, löst sie auf eher ungewöhnliche Weise. 36 und noch nicht verheiratet? Geht gar nicht, meint ihre Schwester nämlich. Dann rückt durch einen neuen Mitarbeiter eine Lösung in greifbare Nähe. Der Mann wirkt zwar unsympathisch und passt weder in die Konbini-Welt noch in die der Protagonistin, doch führt ihr Zusammentreffen zu einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft, sozusagen eine Win-Win-Situation. Mehr will ich nicht verraten über diese kuriose Konstellation und die für die Hauptfigur erdbebenartigen Veränderungen, die das Ganze schließlich mit sich führt.

„Der Frühlingsgarten“ von Shibasaki Tomoka

Eine Wohnsiedlung in Tokio. Genauso wenig homogen wie seine Bewohner, genauso im Wandel wie deren Leben. Der Fokus zielt auf das Leben von ein paar Menschen, dessen Komplexität in Rückblenden und im Zusammenspiel der einzelnen Figuren geschildert wird. Ein Mann lernt eine Bewohnerin des selben Hausblocks kennen und wird durch sie auf ein altes Haus aufmerksam. Es war mal Gegenstand eines Buches und löste nicht nur bei der Frau Sehnsüchte aus. Nach Nostalgie, Schönheit, Glamour. Sie steckt ihren Nachbarn damit an, auch er sieht sich mit Legende und Gegenwart konfrontiert.

Die Struktur des Romans mag für europäische Lesegewohnheiten bisweilen etwas bizarr erscheinen, doch genau darum möchte ich den relativ kurzen Roman empfehlen. Vor allem aber, weil der Antagonismus von Urbanität und Natur sich durch die Details der Handlung zieht. Ein zubetonierter Lebensraum, in dem sich die Natur überall kleine Ecken zurückholt. Räume, nach denen sich der Mensch so sehr sehnt, der irgendwie verloren in der von ihm gestalteten Welt wirkt. Damit trifft die Autorin den Nerv der Zeit. Wer sich auf eine wellenförmige Erzählweise einlassen kann, wird auch von einem abrupten Perspektivwechsel als Leser nicht vor den Kopf gestoßen. Insgesamt eine detailreiche Struktur, die ein langsames Lesen erfordert. Für mich das vielleicht japanischste der hier vorgestellten Bücher.

„Das Japan Kochbuch“ von Kenichi Kusano

Der japanische Autor lebt seit Ende der 1990er Jahren in Deutschland, ebenso wie seine chinesische Frau Tian Tang, die für die tollen Illustrationen des Buchs verantwortlich zeichnet. Fotos von Gerichten sucht man in dem Buch vergeblich, wird dafür reich mit wunderbar farbigen Tuschzeichnungen beglückt. Um in der neuen Heimat nicht auf japanisches Essen verzichten zu müssen, begann der Autor nach den Rezepten seiner Mutter und Großmutter zu kochen. Im Buch stellt er die Gerichte nach den vier Jahreszeiten zusammen, nachdem er zunächst die Grundrezepete für Reis, Gari, Dashibrühe und Misosuppe vorgestellt hat. Doch es geht nicht nur ums Nachkochen, der Autor erzählt immer wieder kleine Geschichten wie „Das Nabemono meiner Oma“, das über die Bedeutung des Fondues in Japan aufklärt und in liebevoller Art und Weise Kindheitserinnerungen aus dem Haus seiner Großmutter preisgibt. Oder er erzählt von der wundersamen Entstehung der Nagashi-Somen, stromabwärts fließender Nudeln.

Ich habe noch keines der Rezepte nachgekocht. Aber meine nächste Reise wird mich nach Düsseldorf führen, wo ich mich im japanischen Supermarkt mit ein paar Spezialitäten wie Dashi, Panko, Tonkatsu und Mirin eindecken kann. Dann geht es los. Kürbis-Kroketten mit Curry? Gebratene Nudeln mit Spitzkohl? Frittierter Tofu? Jedenfalls sage ich schon mal: Itadakimasu!

„Gebrauchsanweisung für Japan“ von Andreas Neuenkirchen

Der deutsche Autor zog vor Jahren nach Tokio, wo er mit Frau und Tochter im Viertel Meguro lebt und schreibt. Viel schreibt. Zusammen mit seiner japanischen Frau zum Beispiel „Matjes mit Wasabi“. Oder solo in „Happy Tokio“. Zudem hat er eine in Tokio spielende Krimireihe ins Leben gerufen. Ich möchte hier das Buch aus der von mir so geschätzten Reihe der Gebrauchsanweisungen vorstellen, in der mich noch selten ein Band enttäuscht hat, so unterschiedlich sie auch sein mögen. Auch hier gefällt mir die sehr persönliche, humorvolle Sichtweise des Autors. Eines Mannes, der sich schon lange Japan widmet und der selbst so stark involviert ist, wie man es mit einer japanischen Familie eben sein kann. Vielleicht gefallen nicht alle für das Buch ausgewählten Themenbereiche, so wirkt das über japanische Popmusik doch sehr spezifisch. Aber es passt eben zum Autor.

Nach der Lektüre geht jedenfalls niemand nach Japan, ohne nicht für ein paar kulturelle Besonderheiten sensibilisiert worden zu sein. So erfährt man, dass Männer und Frauen teilweise eigene Ausdrücke benutzen, etwa für „ich“ – wobei man sich in Japan ungern selbst in den Mittelpunkt rückt. Zwar kann man nach dem Lesen des Buches nicht gleich ins Japanische einsteigen, bekommt jedoch einen ersten Eindruck davon, wie komplex die Silbensysteme sind. Außerdem sind Anglizismen schwieriger als solche zu erkennen, da sie japanisiert werden. (Siehe weiter oben am Konbini-Beispiel.) Mindestens ein Wort vergesse ich nach der Lektüre gewiss nie nicht mehr: kawaii = niedlich. Willkommen im Land von „Hello Kitty“! Vielleicht muss man Neuenkirchens mitunter flapsigen Stil nicht mögen, in jedem Fall berichtet er mit einem guten Schuss Selbstironie direkt aus Japan.

Und nun her mit euren Tipps! Welche japanischen Autoren habt ihr gerne gelesen, und warum? Übrigens habe ich Haruki Murakami als den in Deutschland wohl bekanntesten japanischen Schriftsteller hier bewusst ausgelassen. Was nicht bedeutet, dass ich ihn nicht lese. Es existieren nur einfach so viele andere faszinierende Autoren.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

4 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar Nicole sagt:

    Klingt super! Hab mir gleich ein paar Deiner Tipps bestellt :-) Ich kenne bisher nur Haruki Murakami. Total gut finde ich aber auch Amélie Nothomb, die zwar keine Japanerin ist, aber dort geboren und aufgewachsen. :-)

  2. Avatar Franziska sagt:

    Vielen Dank für deine tollen Tips! (Der Gabentisch dürfte damit dann zusammenbrechen. :D )
    Laura Joh Rowland ist zwar keine Japanerin, dafür läßt sie sehr prächtig das mittelalterliche Japan auferstehen, und einen Polizisten mit seinem Diener ermitteln. Etwas Vokabular lernt man auch auf die Art.

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