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Sommer am Rhein

Zurück in Düsseldorf. Alles ist so vertraut, und doch ist vieles glänzend neu. Geliebte Dinge wie der Tausendfüßler verschwinden, ein Stück Düsseldorfer Identität aus den 60er Jahren, als man Straßen gerne auf Stelzen baute. Nach seinem verkehrstechnischen Aus hatte ich die Vision, den denkmalgeschützten Tausendfüßler für Fußgänger umzugestalten und zu begrünen – als Urban Gardening-Projekt.

Neubauten säumen stattdessen den Hofgarten: Zebralook von Libeskind, dem Star. Dazwischen ein paar Pflänzchen, verspielt ins Zickzack der Formen gefügt. Dabei lechzen Städter nach Grün, viel Grün. Vor allem im Sommer, wenn du für jeden Baum im Biergarten dankbar bist.

Schicke Architekturen oder Beachlife am Fluss – was macht Düsseldorf und die rheinische Lebensart aus? Meine Empfehlungen für perfekte Sommertage in der schönsten Stadt am Rhein – inklusive Mini-Sprachkurs.

Abends in Kaiserswerth © Elke Weiler | Meerblog

Abends am Rhein

„Jemötlichkeet“

(Gemütlichkeit)
Erst mal ankommen, durchatmen, Freunde treffen. Du hast keine Freunde in Düsseldorf? Kein Problem. Der Düsseldorfer an sich ist weltoffen und kommunikativ. Wenn du zum Beispiel die Biergärten am Rhein oder die Ratinger Straße ansteuerst, wirst du schnell Kontakt kriegen. Für den glücklichen Fall, dass du schon Leute kennst, geht ihr nach alter Tradition am Rhein picknicken. Optimal ist, wenn du liebe Freunde hast, die bereits mit gut gekühltem Sommerrotwein, Käse und Brot auf dich warten. Leider musst du feststellen, dass die Rheinwiesen fast mehr Kronkorken und Zigarettenstummel aufweisen als Gras. Was unpraktisch ist, denn Kronkorken und Zigaretten scheinen sich zwar rasch zu vermehren, sind aber nicht so fluffig wie Gras. „Picknicken geht nur noch mit Decke“, konstatieren deine Freunde. Die Alternative zu den Rheinwiesen in der Altstadt: der Paradiesstrand hinterm Hafen. Mit Blick auf die Skyline von Düsseldorf.

Im MutterHaus

Im MutterHaus

„Schlofejonn“

(Siesta)
Am Strand übernachten möchtest du nicht. Auch wenn du dank des französischen Sommerrotweins (wahlweise dank endemischer Biersorten) großzügig über die fehlende Perfektion von Grasflächen hinwegsiehst. Später begibst du dich also nach Kaiserswerth, wo du ein entzückendes und ruhiges Nachtquartier gefunden hast. Das ehemalige Heim von Diakonissen, ein Bau der Jahrhundertwende und als Hotel heute noch „MutterHaus“ genannt. Du magst die Schwarzweißfotos aus alten Zeiten, den Raum der Stille, die spitzwinkligen Fenster und das Treppenhaus mit den Terrazzoböden. Zwar steigt direkt am ersten Abend eine Hochzeitsparty in einem anderen Trakt, die rheinländische Feierfreudigkeit hörst du aber nur wie aus einem entfernten Traum. Schläfst selig bei offenen Fenstern ein. Kaiserswerth ist der älteste Stadtteil von Düsseldorf und ein Dorf mit allen Schikanen: Es gibt eine Burgruine aus Stauferzeiten, die Kaiserpfalz. Vögel, die dich morgens wecken. Es gibt den Rhein vor der Haustür, eine Fähre (wenn nicht gerade Kirmes ist), Gassen mit Kopfsteinpflaster, Radwege, Restaurants, Boutiquen. Kurzum das komplette dolce D-vita.

Am Wasser

Am Wasser

„Rhing“

(Rhein)
Am nächsten Morgen frühstückst du mit knackigen Brötchen und Bio-Eiern in Kaiserswerth. Du leihst dir ein Fahrrad aus, denn der Rhein ruft. Angler sitzen an Stränden, die Binnenschifffahrt ist in vollem Gange und am Horizont kannst du schon die Industrieschlote von Krefeld erkennen. Natürlich könntest du auch rheinaufwärts radeln. Aber die Strecke über Wittlaer kennst du noch nicht, und der Rhein ist überall schön. Düsseldorf mag er besonders gerne, denn hier mäandert er hier auf die großzügigste Art – als wolle er die Stadt umarmen. Familien picknicken, Seniorinnen machen Rast, und ein Radler sitzt kontemplativ auf einem Stein. Wer auf den Rhein schaut, kann sich die Meditation anderswo sparen. Es gibt kaum etwas Entspannenderes und keinen besseren Ort in der ganzen Gegend, um mit sich und der Welt ins Reine zu kommen. Als Abschluss der Radtour: Himbeer- und Zitroneneis beim „Lido“ am Kaiserswerther Markt sind das ideale zweite Sommer-Frühstück. Schon seit den 60ern kreieren sie hier puristische Sorten. Mehr brauchst du nicht. Oder?

Shoppen

Shoppen

„Enkoofe“

(Shoppen)
Samstags strömen die Massen durch die Altstadtgassen und über die Kö, als gäbe es kein Morgen. Da bleibe ich lieber erstmal in „meinem“ Dorf – denn auch Kaiserswerth hat nette kleine Boutiquen. Ich entdecke „Kleiderswerth“ am Kaiserswerther Markt und schlage zu. Rheinische Eco-Fashion, Green Couture aus Köln („Armed Angels“) und Düsseldorf („Wunderwerk“). Außerdem muss ich Kekse mit nach Hause bringen. Als ich mich also nachmittags mit la Mamma und ihren Freundinnen in der lebhaften Stadtmitte zum „Schwade“ (Reden) treffe, statten wir auch „Dogs Deli“ auf der Blumenstraße einen Besuch ab. Denn Düsseldorf produziert nicht nur Bier und Klamotten, sondern auch frische Hundekekse ohne Zucker und Konservierungsstoffe. Und weil die handgemachten Kekse so lecker sind, wie mir die Nutznießer Julchen und Janni mehrfach versicherten, haben die Keksbäcker inzwischen schon mehrere Bücher mit Rezepten herausgebracht.

Open Airport Kino © Düsseldorf Airport

Kino mit Flieger © Düsseldorf Airport

„Schluffekinno“

(Nettes Kino)
Leider ist nicht jeder Sommer ein guter Sommer. Manchmal regnet es. Trotzdem gibt es neben den tollen Programmkinos von Düsseldorf auch genug Möglichkeiten, sich einen Film unter freiem Himmel anzusehen. Das größte Kino steht einen Monat lang am Rhein. Früher direkt am Burgplatz, wo sich ein Anwohner erfolgreich beschwerte und so den Umzug bewirkte. Inzwischen wird es am Robert-Lehr-Ufer aufgebaut. Ich habe viele tolle Filme am Rhein gesehen, u.a. „Schwarze Katze, weißer Kater“ oder den chinesischen Streifen „Keiner weniger“. Leider ist das Programm inzwischen kommerzieller geworden. Wer auf Arthouse-Filme in relaxter Atmosphäre steht, geht ins „Vier Linden“ Open Air Kino im Biergarten am Südpark. Hier kannst du auch grillen, picknicken oder Pizza bestellen. Relativ neu und ein echter Knaller ist das „Open Airport Kino“ auf der Besucherterrasse des Flughafens. Es gibt Karten in der Business und Economic Class (12 und 7 Euro), und der Film läuft bei vollem Flugbetrieb. Doppeltes Kino also! Akustisch ist das dank der Erfindung von Kopfhörern möglich. Ganz wichtig: rechtzeitig Karten besorgen! Ich hatte leider Pech bei meiner spontanen Aktion, und es gab keine Restkarten mehr an der Abendkasse.

Düsseldorfer Küche

Düsseldorfer Küche

„Mampfkoltur“

(Esskultur)
Essen ist in Düsseldorf mindestens so wichtig wie Shoppen. Und die Auswahl! So bunt wie die Einheimischen-Mischung. In der drittgrößten japanischen Gemeinde Europas musst du Sushi und Onigiri nicht lange suchen. Hotspots wie das „Kikaku“ findest du auf der Klosterstraße. Und dann die Italiener! Allein in der Altstadtgasse, in der ich zuletzt gewohnt habe, finden sich vier. Und wenn deine halbitalienische Freundin dir einen neuen Hotspot in Flingern-Süd empfiehlt, kannst du ihr bedingungslos vertrauen: „papadellapasta“ für alle, die auf Pasta & Co schwören. Oder die Portugiesen! Fischesser mögen „Café Luso“ und „Clube Portugues“. Mein Favorit ist das kleinste Lokal von allen: „Cave Portuguesa“ in der Carlstadt. Oder Düsseldorfer Küche! Findest du vermehrt auf der Ratinger, die sich im Sommer sowieso lohnt. Genau wie in Lissabons Rua do Norte steht man draußen, ein Getränk in der Hand und quatscht. Die Gelegenheit also, Einheimische kennenzulernen. Den sympathischsten Laden mit Düsseldorfer Küche – insgesamt vier deftige Gerichte – findest du in Kaiserswerth: „Am Bötchen“. Möhrengemüse durcheinander wird hier als Gedöns bezeichnet. Es ist ein Stehimbiss, aber du kannst dich direkt an den Rhein setzen.

Hans Albers von Immendorff

Hans Albers von Immendorff

„Konszerkus“

(Kunst)
Fällt für den Düsseldorfer ebenfalls in die Genusskategorie und hat eine lange Tradition am Rhein. Akademie, Ständehaus, Ehrenhof, Kunstsammlung NRW, sogar das KIT im Rheintunnel zählen schon zu den Klassikern. Dazu kommen mehr als 100 Galerien, ständig wird irgendwo eine Vernissage oder Finissage gefeiert. Dieses Mal habe ich „KAI 10“ der privaten Arthena Foundation neu entdeckt. Räume für die junge Kunst im Medienhafen – direkt am Wasser. Außer mir war nur ein japanisches Pärchen zu Gast – entspannter Kunstgenuss also, weil sich bei dem Wetterchen alle draußen herumtreiben. Wer vom Rhein kommend in Richtung Kaistraße 10 spaziert, wird bereits Teil eines Gesamtkunstwerks aus neuen und alten Architekturen, Hafenflair, Kränen, Booten, Flaneuren. In den Medienhafen hatte sich im Herbst letzten Jahres sogar ein Seehund verirrt. Aber vielleicht war das alles gar kein Zufall. Immerhin sind es 270 Kilometer von der Nordsee über den Rhein bis nach Düsseldorf. Vielleicht war es ein „Jeneeßer“ (Genießer)…

Und demnächst in diesem Theater: Über das japanische Leben am Rhein…


Mit Dank an NRW Tourismus, die diese Reise unterstützt haben.

Text und Fotos: Elke Weiler

Schöne Autos gibt's natürlich auch.

Schöne Autos sind wie gutes Essen.

15 Gedanken zu „Sommer am Rhein“

  1. Liebe Elke,
    da hat es Dich doch glatt vom Meer an den Rhein verschlagen……Dein Artikel macht Laune, sich Kaiserswerth einmal anzuschauen und von den gebahnten Pfaden in Düsseldorf abzuweichen.
    Viele Grüße aus Holland, Sabine

    1. Danke, liebe Sabine!
      Ursprünglich hatte es mich ja vom Rhein ans Meer verschlagen. ;-)
      Kaiserswerth ist eine gute Alternative, wenn man nicht mittendrin wohnen möchte (zuletzt habe ich auf der Wallstraße, also mitten in der Altstadt gelebt). Trotzdem ist man sehr schnell in Düssi downtown. Vor allem lebt man nah am Rhein, das finde ich immer am wichtigsten. :-)

      Liebe Grüße von der Küste!

  2. Was für eine schöne Liebeserklärung. Ich hab mal zwei Jahre in Düsseldorf gearbeitet (gewohnt allerdings in Neuss) – das ist ur-lange her und wenn ich heute da bin, erkenne ich die Stadt natürlich gar nicht wieder. Sie hat sich ja sehr schick gemacht. Aber in Deinen Bildern ist sie wieder wie ninteenninetynine. Ich mochte das! Und was man wirklich sagen muss: Die Düsseldorfer sind die Nettesten im Land. Liebe Grüße, Stefanie

    1. Danke, liebe Stefanie! Ja, du hast recht: so viel ist neu und das Alte fehlt. So auch Monkeys Island, der schönste Stadtstrand ever. Dort stehen jetzt schnieke Bauten, davon ein Hotel in der oberen Preisklasse mehr… Selbst auf der Ratinger (warst du da mal?) wird gebaut. Aber es gibt auch viele Ecken in Flingern, Unterbilk, in der Carlstadt oder eben in Kaiserswerth, da ist Düsseldorf so gemütlich wie seine Einwohner. Wow, großes Kompliment, das geb‘ ich weiter!! ;-) Liebe Grüße nach Hamburg!!!

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