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Im Knusperhäuschen

Der Wind schaukelt in den Lichterketten, biegt Äste, wirbelt das Blattwerk durch und stößt irgendetwas um. Ungeachtet dessen zieht auf der Wiese hinter meinem Tiny House eine Herde von Kühen gemächlich ihre Runden. In Abständen tauchen sie hinter den Büschen vor meiner Fensterwand auf.

Die Tür will nicht aufbleiben, der Wind ist schuld. Also habe ich es mir auf dem Sofa gemütlich gemacht, Beine hoch, Musik an. Ein paar Liedtexte gegoogelt, mitgesungen. Auch die sprachliche Vielfalt in „Amours d’été“ von Branko und Pierre Kwenders erschien mir nicht als Hindernis. Man muss ja nicht jedes Wort verstehen, das man singt.

Dann ist wieder alles still, die Nacht legt sich über Delve, den Campingplatz und die Eider. Geregnet hat es nicht mehr, doch der Wind hat immer noch ein enormes Mitteilungsbedürfnis und rauscht durch Baum und Strauch. Ab und zu klappert etwas am Haus, höre ich da Schritte? Nein, es war vielleicht ein Vogel in der Deko. Denn das Tiny House ist ringsherum, drinnen wie draußen, reich mit Topfpflanzen ausgestattet.

Ich lümmele also auf dem Sofa herum und kühle mein Knie. Dummerweise hatte ich für einen Moment diese eine Stufe in der Mitte des Häuschens vergessen, als ich mal flott nach oben gehen wollte, um das Fensterchen überm Bett zu schließen. Die Stufe trennt den Wohnraum von der etwas höherliegenden Küche und dem Essbereich.

Alles durchdacht

Jeder Zentimeter des zur Verfügung stehenden Raums wird optimal genutzt. Nur mein Knie schmerzt, nachdem es den Holzboden etwas zu stürmisch berührt hat. Es wird sich wohl großräumig verfärben. Das Radfahren habe ich für morgen schon gestrichen, obwohl zwei Räder neben dem Haus stehen, und es viel zu entdecken gibt, etwa das Naturschutzgebiet Delver Koog. Oder die Eider, die sich kurvig um Koog und Dorf herumschwingt.

Meine Allergie gegenüber Induktionsherden habe ich überwunden, um Pasta zu kochen. Ich möchte alles im Tiny House austesten. Das unabhängige Leben auf kleinstem Raum leben. Gibt es eigentlich ein deutsches Wort für Tiny House? Minihaus klingt weniger charmant. Ich nenne es Knusperhäuschen, auch wenn man es nicht essen soll.

Also zurück zum Futtern. Ich weiß nicht, wie ich die Kindersicherung des Induktionsherds ausschalten kann und rufe kurz Sophie Müller, die Besitzerin vom Tiny House an. Gerne hilft sie mir weiter, es ist gar nicht kompliziert: Ich muss nur länger auf die entsprechende Stelle des Herds drücken. Dann kann es auch schon losgehen. Das Menü des Abends besteht aus Spirelli mit Bio-Fenchel-Pesto aus der Toskana, den ich bereits mit etwas Olivenöl gedopt hatte. Einen Rest Rosé aus Sizilien hatte ich zu Hause im Kühlschrank gefunden und eingepackt.

Kuh-Nirwana

Es mundet mit Blick ins Grüne und zu meinen Kühen. Ein Schwarm von Staren zieht am Häuschen vorbei. Man isst hier nie allein. Am liebsten hätte ich ja den Garten genutzt, doch wegen des Regens ist alles abgedeckt bis nass, auch locken der Wind und die Temperaturen nicht gerade zu einem Outdoor-Dinner.

Da sitze ich nun zum ersten Mal in meinem Leben in einem Tiny House. Und meine erste Reise seit Beginn der Corona-Krise zog mich gleich ins exotische Delve! Kuh-Nirwana und Camping-Idylle an der Eider. 40 Minuten mit dem Auto von zu Hause entfernt. Noch nicht einmal Dänemark ist hyggeliger.

Tiny House von innen
Spiel, Spaß, Spannung

Um das alles noch zu toppen, würde ich jetzt gerne den Hobbit-Ofen anwerfen. Aber das Tiny House mitten im Sommer in eine Sauna verwandeln, ist vielleicht keine blendende Idee. Statt Sauna also Höhlenfeeling. Weil das Knusperhäuschen so niedlich ist, spendet es Schutz wie eine zweite, dicke Haut. Nichts ist weit weg, alles im Umdrehen zu erreichen. Ok, viel deponieren kann man auch nicht, da wird es drinnen schnell unordentlich und verliert seinen minimalistischen Charme. Etwas Ähnliches würde auch für einen potenziellen Mitbewohner gelten, außer er wäre klein und vierbeinig.

Tiny Life

In der Tat heißt es beim niedersächsischen Hersteller Koersmann dieses Tiny Houses, der den Platz nach Sophies Wünschen entwarf: „Unsere Hauptklientel ist weiblich, ledig, mit Hund.“ Alter egal. Interessante Sache. Aber gut, Sophies Tiny Escape ist ja für den Urlaub gedacht, und zwei Menschen würden hier schon unterkommen. Das Bett auf der oberen Plattform misst 160 Zentimeter Breite. Und beide Parteien profitieren vom Sternen-Ausguck.

Tiny House von außen
Und morgens mit Sonne.

Deshalb habe ich nach meiner Ankunft auch direkt die Faltrollos der Oberlichter zusammengeschoben. Erstens hat man beim Hochsteigen mehr Licht, zweitens will ich ja was sehen. Doch, es ist angenehm, das Bett ganz für sich zu haben. So kann ich in der Mitte des Spitzdaches liegen und habe mehr Bewegungsfreiheit. Die ist naturbedingt im Tiny House eingeschränkt. Trotz allem fand sich genügend Platz für Lesestoff. Der gehört beim Tiny Life unbedingt dazu. Ebenso wie stylisches Mobiliar, Deko und Geschirr.

Wohlbefinden macht sich breit, doch ich bin vorsichtig. Beim Waschen des Gesichts über dem Waschbecken bloß nicht mit dem Kopf an die Treppe stoßen! Ich benutze die Trenntoilette, als wäre ich damit aufgewachsen. „Wie die Azteken!“, wirft der Mann beim späteren Telefonat ein. „Nun sage mir nicht, dass sie Trenntoiletten hatten“, unke ich.

Tiny Escape
Das Tiny House in seiner natürlichen Umgebung.

Es kommt noch besser, der Mann klärt mich auf: Die Azteken machten Klein und Groß separat, nutzten Ersteres zum Gerben von Leder und den Kot zum Düngen der Felder. Vermutlich hatten sie noch nicht mal Probleme mit Überdüngung und einer hohen Nitratkonzentration im Grundwasser. Bei meiner Recherche bezüglich Trenntoiletten fand ich heraus, dass Ammoniakgerüche erst entstehen, wenn beide Ausscheidungen zusammenkommen. Das Toilettenpapier landet in der Trenntoilette übrigens bei den festen Teilen.

Blick in den Himmel

Im Unterschied zu unserem Campingabenteuer mit dem Bulli verfügt das Tiny House nicht nur über eine eigene Toilette, sondern auch über eine komfortable Dusche – mit Regenschauer-Option! Doch ein bisschen Camping-Atmosphäre entsteht auch in Delve, obwohl das Tiny House am äußersten Rand des Platzes steht, der Blick zu den Kühen und in die Natur gelenkt wird. Dafür profitiert man hier vom Anschluss an Wasser, Abwasser und Strom.

Tiny House in Delve
Platz für Grün ist immer.

Nach der Abendtoilette ziehe ich mich langsam in die oberen Gemächer unterm Sternenzelt zurück. Wegen der starken Bewölkung blinkt aber nichts am Himmel. Dafür setzt der Regen wieder ein, es prasselt so laut wie auf das Blech von Ente Emilia. Immer noch weht es kräftig ums Haus, und ich kuschele mich in meiner warmen Höhle ein.

Mitten in der Nacht wache ich auf, es sind tatsächlich zwei Sterne am Himmel zu sehen! Wie mir Unkundigen der Sternatlas sagt, gehören sie zum Bild des Schwans. Doch es dauert nicht lang, da sind die Schwan-Sterne auch schon wieder verschwunden. Letzte Regentropfen zieren am frühen Morgen die Dachfenster. Dahinter leuchtet es stückchenweise blau, ein Hoffnungsschimmer.

An der Eider

Endlich entdecke ich meine nähere Umgebung. Die Anlegenstelle für Segelboote und Hausboote direkt hinterm Campingplatz, die Kajak-Vermietung und den winzigen Strand. Eine ältere Dame erscheint im Profi-Outfit mit Gummischuhen, Bademantel und -anzug und lässt sich ein Stück die schwache Strömung hinabtreiben, dann krault sie zurück. So friedlich, der Morgen in der weiten Flusslandlandschaft. Sonst sind da nur noch ein paar Fische unterwegs, die teilweise übermütig an die Luft springen.

„Wie ist das Wasser?“, frage ich die angelandete Badende. „Schön!“, schwärmt sie. „20 Grad zirka.“ Von Mai bis September ginge sie hier schwimmen, früher hätte sie es sogar im Winter getan. „Schade“, meine ich mit Blick auf die Eider, „ich habe keine Schwimmsachen dabei.“ Doch die gute Frau ermuntert mich: „Hier kann man auch nackt baden!“ Ich lasse meine Hand durch das weiche Flusswasser gleiten, male Kreise in den Sand.

Nach dem ganzen Wind und Regen wirkt dieser sonnige Morgen wie ein Versprechen, dass der Sommer noch nicht vorbei ist. Überall zwitschert es munter von den Bäumen und Sträuchern. Jetzt aber Frühstücken im Tiny House! Meine Kühe ruhen im Gras, ab und an spuckt Delves heisere Kirchenglocke ein paar Töne aus. Ein Hahn kräht in der Ferne. Fast wie zu Hause. Und nächstes Mal gehe ich schwimmen.

Text und Fotos: Elke Weiler

Die Nacht in der „Tiny Escape“ in Delve an der Eider habe ich angefragt und wurde eingeladen.

Sophie Müller hat das kleine Haus bei Koersmann in Auftrag gegeben und mit viel Liebe und gutem Geschmack eingerichtet. Wer ein Tiny House bauen lassen möchte, muss sich zunächst einmal für eine der Manufakturen entscheiden, nicht selten sind es Schreinereien, die den Geist der Zeit erkannt haben. Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft sowie andere ökologische Materialien wie Hanf, Flachs oder Holzwolle kommen gerne zum Einsatz – ganz wie der Bauherr das möchte. Wie in der Tiny Escape werden die Häuschen meist als Mobilheime auf einen Trailer gebaut. Damit sind sie wie ein Anhänger mitzunehmen. Man spart sich die Bodenversiegelung vor Ort und braucht theoretisch keine Baugenehmigung. Die Sache ist allerdings je Bundesland unterschiedlich geregelt. Wer seinen Erstwohnsitz im Tiny House anmelden will, könnte doch eine Baugenehmigung dafür benötigen. Gut ist es auf jeden Fall, das Leben auf wenigen Quadratmetern erst einmal zu testen. Eines ist dabei garantiert: Der Blick geht nach draußen. Das Häuschen ist wieder Höhle, back to the roots, während die Natur im Mittelpunkt steht. Jedenfalls kam mir das so vor. Drinnen die gemütliche Enge, draußen das Grün, das Blau und die Weite. Wie die Luft, die man zum Atmen braucht.

10 Gedanken zu „Im Knusperhäuschen“

  1. Liebe Elke,

    der prasselnde Regen klingt so schön!

    (Und eins kann ich Dir versichern: der Sommer ist nicht nur nicht noch nicht zuende. Oder so. Er fängt gerade erst an.).

    Grüße aus der großen Stadt (am großen Fluss)

    Stefanie

  2. Liebe Elke, das hört sich richtig gut an und auch ich konnte den Regen hören :) Wir träumen ja schon eine Weile davon uns zu verkleinern, deshalb auch unser Wohnwagen ;) das werden wir bestimmt auch mal testen in Delve. Ganz liebe Grüße von uns an das ganze Rudel und bis bald!!

    1. Liebe Anja,

      ich bin auch fasziniert von den Minihäusern und würde in dieser Richtung gerne weiter ermitteln. ;-) Es gibt so viele Möglichkeiten! Ich habe von Tiny Houses mit eigem Wasserkreislauf gelesen…

      Liebe Grüße zurück an euch alle!

      Elke

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