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Dagebüller Badefreuden

Ein paar Möwen zetern und schreien, andere sitzen auf den rostigen Pfählen des Anlegers und blicken wohlwollend auf das Hafengeschehen hinab. Ruhe kehrt ein, die Fähre nach Föhr und Amrum hat abgelegt. Ein bisschen neidvoll sehe ich ihr hinterher, das ist mit Fähren und mir einfach so. Doch dieses Mal widme ich mich Dagebüll, das es verdient hat. Schon so oft habe ich den Ort en passant erlebt, um das nächste Schiff zu nehmen. Manchmal mit etwas Zeit, meist ohne. Immer mochte ich Dagebüll, wenngleich es mir spöde erschien. Hafen eben. Die große Sehnsucht nach Meer.

Im letzten Jahr war ich für Recherchen gleich zwei Mal in Dagebüll, einmal im Sommer, dann im Frühherbst. Als ich den Aussichtsturm im Hafen hochstieg und von dort auf die Wasserfront blickte, ein Halbrund mit Badehäuschen, lauschte ich einem Gespräch von Gästen. „Gut, dass es die noch gibt.“ Man war sich einig: Die Strandhütten sind die Wahrzeichen von Dagebüll, zumindest in der Saison. Natürlich, dachte ich. Hat daran irgendjemand gezweifelt?

Dagebüll
Hafenmöwe

Dann fiel mein Blick vom Turm auf die geschwungene Silhouette des Ortes. Mitunter erahnt man eine ehemalige Hallig in der sich durch die Jahrhunderte immer wieder veränderten Küstenlandschaft Nordfrieslands. Dagebüll, Fahretoft und Waygaard, die heute zum Festland und zur Gemeinde Dagebüll zählen, waren allesamt Halligen. In Waygaard ist das besonders gut zu erkennen, ein Ort wie mit dem Zirkel gezogen, als Basis eine Großwarft. Und das hübsche kleine Fahretoft besaß sogar einen Hafen.

Dagebüll blieb bis zur Eindeichung zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine Hallig. Deren Kern war der gut zwei Kilometer vom Hafen entfernt liegende, heutige Ortsteil Dagebüll-Kirche. Erst 1704 erhielten die Dagebüller die Möglichkeit, das Land besser vor Sturmfluten zu schützen und durch einen Damm mit dem Festland zu verbinden. Alles veränderte sich, auch die Transportwege. Wo einst ein Arm der Nordsee zum Fahretofter Hafen führte, befindet sich heute eine Straße.

Dagebüll
Halligfeeling

In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts traten die Badehäuschen in Erscheinung. Und sie hielten sich, auch jetzt, mit Fertigstellung des neuen Klimadeichs im letzten Jahr 2019, der neue Vorgaben für die Budenbesitzer*innen mit sich brachte. Am Ende einigte man sich, die Aufstellung musste vom Landesbetrieb für Küstenschutz freigegeben werden.

Dagebüll hat die Gelegenheit der Deicherhöhung genutzt und sich herausgeputzt. Neue Möbel, neue Deichaufgänge und dann erst die Baderampe! Das Gras des Grünstrandes ist nachgewachsen, und die Dagebüller freuen sich über die verbesserte Nutzung als Badedeich.

Natürlich sind sie und ihre Gäste hier schon vorher in die Fluten gesprungen. Immer, wenn das Meer da war, da ist, da sein wird. Doch nun geht es nicht mehr nur über Treppenstufen, sondern auch über die breite Rampe ins Wasser. Das sieht bei Flut so aus, als verschlucke die Nordsee eine Straße. „We’re on a road to nowhere. Come on inside…“, sangen die Talking Heads in den 80er Jahren. Genommen hab ich die Straße nicht, immerhin war ich mit den Füßen im Wasser.

Dagebüller Rampe
Road to nowhere

„Man muss hier schon aufpassen wegen der Strömungen“, klärte mich eine Badebudenbesitzerin auf, einem jungen Mann im Wasser hinterher schauend. „Der ist nicht von hier.“ Soll heißen: Der weiß gar nicht, was geht. Die Budenbesitzerin sah kritisch drein, denn es fehlte im letzten Jahr noch die Wasserwacht.

Fast 100 Jahre ist es also her, dass die ersten Badebuden in Dagebüll an den Deich zogen. Keiner weiß so recht, wie das kam, vielleicht als Ersatz der damaligen Badekarren. Im Zuge der Deicherhöhung wären die Buden nun fast verschwunden, was die Dagebüller so gerade noch verhindern konnten. Schließlich ging es hier nicht nur um die Freude am Badeleben, sondern auch um ein Stück Identität.

Dagebüller Badebuden
Budenzauber

Vom April bis September stehen die schlichten Holzhäuschen nun wieder am Strand. Während man sie früher nach der Badesaison abbauen musste, werden sie heute auf einen Traktor geschoben und am Stück ins gemeinsame Winterdomizil verfrachtet. Sie sind allesamt im Besitz von Dagebüller Familien, die ihre Hütten naturgemäß weiter vererben. Sollte trotzdem mal eine Hütte frei werden, existiert natürlich eine Warteliste.

Doch die Gemeinde hat Pläne. Drei mietbare Buden will sie kaufen, damit auch Gäste mal eine Chance auf einen Logenplatz am Meer haben. Neu sind auch die öffentlichen weißen Häuschen zwischen den Buden, die es den Badegästen erlauben, sich nach dem Schwimmen umzuziehen. Alle schön aufgereiht wie bisher, damit das Corporate Design von Dagebüll, oder sagen wir, sein Budenzauber am Meer, nicht beeinträchtigt wird.

Badebude, Dagebüll
Eine für alle.

Spaziert man an einem Sommertag an der Wasserkante entlang, kommt man nur schwer um ein Hüttenstudium herum. Die Auffälligkeiten wie folgt: Manch ein Budenbesitzer, der sich außen für einen Braunton entschieden hat, führt das Konzept konsequent bei der Inneneinrichtung fort. Einige verfügen gar über kleine Küchen oder sind so liebevoll eingerichtet, wie man es in den Lauben von Schrebergärten kennt.

Andere lieben es schlicht und beschränken sich auf das Wesentliche, zwei Stühle, ein Regal gelten als Minimum an Ausstattung. Und dann gibt es noch die, die sich nicht in die Karten schauen lassen und ihre Hütten lieber verdunkeln. Ok, denkt man sich, vielleicht ist gerade niemand „zu Hause“. Wer mit offenen Augen und einem guten Gespür durch die Gegend spaziert, merkt gleich, ob ein Budenbesitzer vielleicht zu einem kleinen Schnack bereit ist.

Alles neu.

So erfährt man bisweilen interessante Details über das Leben in Dagebüll. Das Hafenstädtchen jedenfalls versucht sich neben dem neuen Klimadeich auch gleich ein frisches Gesicht zu verpassen: mehr Komfort, Barrierefreiheit, neue Bänke, Duschen, Lampen, Sandkästen. Und das I-Tüpfelchen bildet seit ein paar Jahren ein neues Eiscafé, nur ein Stück hinter dem Klima- respektive Badedeich.

Natürlich habe ich mir ein Eis auf die Hand genehmigt. So ausgerüstet noch einen Blick in die Weite geworfen, vom Deich aufs Wasser und den Hafen, hinter dem ab und an ein in die Luft hüpfender Kiter auftaucht. Denn die Nordmole ist Kiter-Revier. Nur für Fortgeschrittene allerdings, alle anderen gehen lieber baden.

Text und Fotos: Elke Weiler

Leuchtturm Dagebüll
Wohnen im ehemaligen Leuchtturm

Noch ein paar Infos

Kinder haben kostenlosen Zugang zum Strand, Erwachsene zahlen in der Saison zwei Euro am Automaten des Strandaufgangs Wochenkarten sind für 10 Euro zu haben. Dafür kommt man in den Genuss von Wasserwacht, Duschen und Umkleiden. Außerdem existiert eine Servicebude, in der Watt-Rollstühle auszuleihen sind. Der Badedeich ist barrierefrei zugänglich. Toiletten befinden sich am Strandparkplatz hinter dem Deich. Und der Hundestrand hinter der Kurve ist über die Promenade erreichbar.

Update im August 2020: Die drei Badebuden für Gäste sind inzwischen mietbar, eine kostet 20 Euro pro Tag, maximal drei Tage sind möglich. Bis in den Herbst hinein! Einfach bei der Gemeinde Dagebüll melden, online oder telefonisch unter 04667 95000.

Mehr Nordfriesland findet ihr kompakt in meinem Buch „Glücksorte in Nordfriesland“, das dieses Frühjahr im Droste Verlag erschienen ist. Einer der Glücksorte liegt natürlich in Dagebüll, ein anderer in Fahretoft. Letzterer stellt eine gelungene Mischung aus Café, Museum und Treffpunkt der Einheimischen dar. Außerdem kreieren sie im Hans-Momsen-Haus eine der besten Trümmertorten der Gegend! (Update im August 2020: Museum und Café existierenweiterhin, doch leider haben sich die Pächter verabschiedet, und der Verein betreibt das Café nun an den Wochenenden.)

Glücklich am Meer

Noch mehr Badehäuschen-Stories? Auf Amrum gibt es sehr spezielle Hütten, die jedes Jahr aus Strandgut wieder aufgebaut werden, und die Hohwachter Badehütten versprühen so nah am Wald gar Schrebergarten-Charme.

12 Gedanken zu „Dagebüller Badefreuden“

  1. Das wird jetzt voll sein. Aber schön ist es dort, richtig schön. Uns zieht es immer zum Leuchtturm und zu den Loren und von dort aus zu Fuß. Aber seit der Fertigstellung des Klimadeiches dürfte der Ausguck aus dem Leuchtturm zum Meer hin ziemlich eingeschränkt sein.
    Wenn die Saison vorbei ist, werden wir in Dagebüll auch mal wieder ein Fischbrötchen essen. Und hoffentlich mal wieder nach Föhr ablegen.

    Liebe Grüße an die Westküste.
    von Kai

    1. Jetzt sind alle Strände gefüllt, denn es ist Sommer, und das ist wunderbar. :-) Wir haben heute an unserem Lieblingshotspot gebadet, es war einfach nur herrlich. Und ja, es waren Menschen da! Einheimische wie Gäste. Und immer noch so viel Platz, typisch Westküste eben. Der Sommer ist umwerfend. Ich habe den Eindruck, alle haben ihn sich besonders verdient und wissen ihn wirklich zu schätzen.

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende!

      Elke

  2. F l a s c h e n p o s t
    was für eine flaschenpost da mit treibholz bei uns gestrandet ist.
    vom leuchtturm aus kann ich bis in die sanften hügel der dünen sehen.
    da wächst die sehnsucht wie das unendliche blau des himmels und verschwindet irgendwo im Meer.
    Glücksorte in Nordfriesland :)
    Wir sind schon am überlegen, ob wir nicht unseren im Sept. geplanten Urlaub nach Friesland umplanen :)

  3. Wir fahren im Oktober das erste Mal nach Nordfriesland, etwas außerhalb des Hauptortes Dagebüll in ein ruhig gelegenes Ferienhaus. Mit dabei ist unsere weiße Schäferhündin. Wir haben unterschiedliches zum Urlaub mit Hund gelesen z.B. generelle Leinenpflicht. Da Du selber Hundebesitzerin bist, kannst Du uns dazu etwas sagen oder Tipps für super Hundetouren geben? Im Übrigen ein sehr schöner und informativer Blog.
    Vielen Dank schon jetzt und alles Gute
    Evi und Friedhelm

    1. Hallo ihr 2! Das ist ja schön! Danke auch für das Kompliment! In SPO gibt es zwei Hundeauslaufflächen am Strand und auch am Wald eine eingezäunte Fläche, auf Nordstrand gibt es ebenfalls zwei Hundestrände, vermutlich sind sie im Oktober noch umzäunt. Dann ist im Langenberger Forst ein Stück für Hunde eingezäunt, das wäre näher für euch. In Dagebüll hatte ich meine Hunde nie dabei, aber auch dort soll es einen Abschnitt am Strand für Hunde geben. Aber es gibt so viele schöne Spaziergänge, auch wenn die Hunde dann angeleint sind! Reagiert eurer auf Schafe? Im Oktober könnten schon einige Stellen auf den Deichen frei sein. Ansonsten gehen wir gerne die schmalen Landwirtschaftswege entlang, die es überall in Nordfriesland gibt. Ich glaube, ich muss mal einen Blogartikel zum Thema machen. ;-)
      Liebe Grüße und einen schönen Urlaub für euch! Elke

      1. Vielen Dank für die Info- das hat uns schon weitergeholfen.
        Es muss ja auch nicht immer Wasser sein – durch die Landschaft streifen macht auch sehr viele Spaß.
        Wir werden die Tipps aufnehmen – und da Lucy kein „Schaafproblem“ hat, werden wir es auch am Deich versuchen…

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