Schwabstedt, Hollbüllhuus

Eines gleich vorweg: Den Moorfrosch, dieses seltene Prachtexemplar, habe ich wieder nicht zu Gesicht bekommen. Aber hören konnte ich das „wuog wuog“ der aktuell blau gefärbten Männchen, denn die Paarungszeit ist noch in vollem Gange. Von den Parkbuchten hinterm Ortseingang von Hollbüllhuus läuft man ein Stück die Felder entlang, um zum Wilden Moor zu gelangen. Zunächst wirkt alles landwirtschaftlich parzelliert, entspricht also unseren Sehgewohnheiten.

Erst wenn man den Graben überquert hat, geht es los. Rechts und links steht das Wasser, eine undurchsichtige Brühe, aus der eine Pflanze neben der anderen wächst, darunter der Faulbaum und die Hängebirke. Noch blüht nichts, der Frühling ist spät dran in diesem Jahr. Noch keine einzige Knospe bei den Sumpf-Schwertlilien und bei den Moorlilien.

Ich lausche einem extrovertierten Kuckuck, als mir ein paar Leute entgegenkommen. Die ältere Dame in der Mitte blickt auf meine Kamera und meint, im Wilden Moor gäbe es viele schöne Dinge zu fotografieren. Ich stimme zu. Schließlich ist es nicht mein erstes Mal in Hollbüllhuus. Zuletzt war ich im Sommer hier. Das Wollgras hat weiße Wölkchen über dem Moor gebildet, die Lilien haben genügend Gelb hinzugetan.

Nun haben sie den Moorlehrpfad frisch erneuert, schön breit ist er geworden, barrierefrei. Aus regionalem Lärchenholz gezimmert führt er über diese Mischung aus Flora und stehendem Wasser. Der Bohlenweg strahlt im gleißenden Licht des späten Nachmittags, wenn die Sonne den Wettstreit mit den Wolken gewinnt. Dann macht sich endlich eine Wärme breit, die der Jahreszeit gebührt.

Frischer Torf

Immer noch am selben Platz der Hinweis auf den Handtorfstich. Hier darf man vom Weg abkommen, das Federn des Torfbodens unter den Füßen spüren, in ein wässriges Abbauloch sehen und bei Bedarf eines der Torfstücke anfassen, die an der Seite für Hobbyforscher:innen bereitliegen. Ich weiß sofort, ich muss es tun. Doch es fühlt sich wie halbtrockene Erde an, wenn auch nicht bröselig. Das haben sie also früher verfeuert. Das Moor abgebaut, so wie wir alles abbauen oder uns sonst irgendwie zunutze machen.

Ich kehre zurück zum strahlenden Weg, der etwas Erhebendes hat über der düsteren Seite des Moors. Überall Bänke, ebenfalls neu und hell. Der Bogen, den der Weg macht, erscheint mir größer als zuvor, der Weg länger, das Moor einsamer. Gegen Ende wartet der Pfad mit Erklärungen auf, komplizierten. Von den geologischen und klimatischen Bedingungen der Entstehungszeit. Von der Klimaerwärmung im Nacheiszeitalter und der beginnenden Bewaldung.

Ich laufe und laufe, doch die Blase drückt. Ich schwöre, beim nächsten Mal mache ich die Runde bis runter zur Treene, die sich östlich des Gebietes durch die Landschaft schlängelt. Ich erkläre feierlich, dann auch etwas zum Trinken und Essen mitzunehmen, denn mich dürstet in der Wärme des späten Nachmittags ein wenig. Eigentlich ist kein sonderlich warmer Tag, doch wenn die Sonne durchkommt, wird es unter der leichten Jacke gleich viel zu warm.

Gerade fotografiere ich lustig dunkles Wasser, von einem ausladenden Wolkenhimmel getoppt und von Grün gerahmt, das weiteres Wasser verbirgt, als ein Mann aus dem Gebüsch hervortritt und durchs hohe Gras stapft. Mein „Moin“ kommt nicht mehr durch, da er spontan anfängt zu schimpfen: Der letzte Teil des Wegs sei eine Zumutung gewesen! Ich verstehe nicht. Wo soll in der Richtung ein Weg sein? Er erklärt mir, er habe die große Runde gemacht und auch „einiges gesehen“, aber dann sei er eben durch dieses Gestrüpp zurückgekommen.

Überraschung im Moor

„Immerhin trockenen Fußes“, versuche ich ihn aufzumuntern. Vermutlich hat er irgendeine Stelle falsch interpretiert, denke ich, gebe aber nur laut zu bedenken, dass ich im Moor lieber nicht vom Weg abkommen möchte. Was mir mal wieder auffällt: Dieses alte Moor hat diese Eigenschaft, die Menschen zum Reden zu bringen. Der Mann geht langsam weiter, bleibt immer wieder für Fotos stehen. Hat er ein Blaukehlchen entdeckt? Eine Bekassine?

Im Wilden Moor bei Schwabstedt
Nur Moos, keine Moorfrosch.

Langsam schlendere auch ich zurück, als ich im Rücken eine Art Energie verspüre und Geräusche höre. Ich drehe mich um, blicke einer Joggerin in die Augen, die spazieren geht. Blitzschnell frage ich: „Hier gibt es keine Toilette, oder?“ Ich möge mich in die Büsche schlagen, rät sie mir genauso flott, dort käme sie auch gerade her. Ich nicke, nun verstehe ich einiges. Denn ich hatte sie vorher gar nicht gesehen. Das Moor hat seine Geheimnisse.

Ich gebe zu Bedenken, dass es schwierig wird mit geeignetem Buschwerk, da rechts und links vom Weg ja sogleich das Wasser steht. Und wer weiß schon, wie hoch! Sie entgegnet, dass ja nun keiner mehr hier wäre. Was impliziert, dass ich nicht so viel Sichtschutz bräuchte. „Machen sie nur!“

Ich lasse mir Zeit. Ich halluziniere. Das Moor ist alt. Unglaublich alt. Wohin gehe ich, bleibe ich? Wasser! Nächstes Mal ein Picknick. Irgendwo an einer trockenen Stelle auf der Wiese, wenn es so etwas hier gibt. Wie hoch steht das Wasser? Ok, dann eben auf einer Bank. Und dann – „wuog wuog“ – hüpft dieser blaue Frosch hervor? Nein, ich warte lieber auf den Sommer.

Text und Fotos: Elke Weiler

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Elke

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

  1. Kai says:

    Ich hab irgendwie den Einstieg nicht gefunden. Bin auch irgendeinen Weg gelaufen, aber habe diesen Pfad verpasst. Aber irgendwann auf ein Neues. Moore sind einfach ziemlich toll. Und Schwabstedt als kleines romantisches Nest ist auch alles andere als zu verachten.

    Lieber Gruß
    Kai

    1. Elke says:

      Der Moorpfad war ja auch ne Weile geschlossen, vielleicht warst du genau zu der Zeit da. Moore sind großartig! Schwabstedt wollte ich mir auch mal näher anschauen. Allein wegen der Lage an der Treene! Liebe Grüße!

  2. Anke says:

    Moore sind toll. Und wahnsinnig unterschätzt, in vielerlei Hinsicht. Traurig, dass es in vielen immer noch alte Torf-Abbaurechte gibt. Dein Bericht macht auf jeden Fall Lust, mal wieder Moorluft zu schnuppern…
    Liebe Grüße
    Anke

    1. Elke says:

      Danke, liebe Anke!
      Kennst du Moore, wo noch abgebaut wird? Dieses hier konnte renaturiert werden. Wie es wohl vor dem Abbau ausgesehen hat?
      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende!
      Elke

  3. Ingrid says:

    Ich habe noch kein Moor kennengelernt, aber hier bei uns in den Großstädten gibt es das wahrscheinlich nicht, da die Natur das nicht hergibt. Vielleicht irgendwo am Niederrhein.

  4. Benjamin says:

    Oh, das ist schööön! Der Torf erinnert gleich an Schottland und Whisky ;-) und dort gibt es dann auch keine Moorfrösche, soweit ich weiß.
    Als Biotop sind Moore auf jeden Fall sehr wertvoll. Schöne Fotos übrigens!

    1. Elke says:

      Danke, Benjamin!
      Ist nicht das einzige Moor hier, zum Teil deuten auch die Ortsnamen auf ehemalige Moorgebiete hin.
      In Schottland war ich leider noch nicht. Aber das wird schon. ;-)

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