Wo der Hase langläuft

Es begann, noch bevor der Schnee kam. Der Winter lag in den letzten Zügen, wir spürten es alle. Die Vögel zwitscherten sich schon auf Frühling ein, doch immer noch waren die Schatten lang und blau. Immer noch leer die Deiche.

Plötzlich helle Aufregung auf der Fenne. Janni und ich hatten ihn quasi gleichzeitig aufgespürt. Ohne Absprache kreisten wir ihn ein. Geschickt! Doch mit seiner exzellenten Hakentechnik entwischte der Hase uns.

Eine Methode, die mich immer wieder aufs Neue verzückte. Und nun auch noch dies: Der Hase lief … über den Graben! Ok, das Wasser war mit einer Schicht Eis bedeckt, aber die Betonung lag auf dünn! Hauchzart! Quasi eine Andeutung von Eis, so dass man es mit Leichtigkeit knacken und fressen konnte.

Wir stierten noch auf seine Pfotenabdrücke, als Mister Langohr schon längst über alle Fennen war. Ich stellte physikalische Berechnungen an, das Gewicht des Löffelträgers, die Dicke der Eisschicht, die Schnelligkeit, der Schub – nein, es passte vorne und hinten nicht. Dieser Hase musste ein besonderer sein. Doch für Ostern war es noch zu früh.

Es handelt sich nicht um einen Flughasen.

Dann war ich mit Bodenproben abgelenkt. Der Hase würde schon wieder auftauchen, schließlich waren wir Nachbarn. Und bevor das Frühjahr kam, gab es noch tierisch viel zu tun auf der Fenne. Madame hatte den Wunsch geäußert, einen am Graben umgekippten Baum irgendwo anders einzupflanzen.

Also sinnierten Janni und ich über die optimale Stelle und buddelten munter drauflos. Vor einer endgültigen Entscheidung mussten diverse Varianten ausprobiert werden. Monsieur zeigte sich not amused über unsere Gartenarbeiten. Ja, Himmelschafundmeer! War er denn der Einzige, der sich im Garten austoben durfte? Der mit jenen Geräten aus der Hölle unschuldige Bäume, Gras und Blümchen kürzte, die im Sommer so fluffig unter den Pfoten kitzelten?

Wir mussten dringend mehr Demokratie im Rudel einführen. Aber erst einmal schneite es. Endlich! Längst hatten wir alle Hoffnungen auf einen richtigen Winter aufgegeben, als er doch noch kam. Wassertrinken war gestern, wenn es Schnee gab!

Schnee? Lecker!

Meine Methode, mich im Schnee zu wälzen und ihn gleichzeitig zu fressen, verblüffte noch jeden. Der Superrüde konnte nur beides nacheinander. Immer häufiger schien die Sonne, deren Verschwinden ich zuvor fast bei der WHO, UNESCO und UNO gemeldet hätte. Die Welt sah gleich ganz anders aus. Die Piepmätze sangen noch lauter, weil Madame sie nun mit Körnern pamperte. In meinen Augen leicht übertrieben.

Und die Konsequenzen ihres Handelns musste wer ausbaden? Mademoiselle Julie! Ich hatte alle Pfoten voll zu tun, damit die Verteilung auch gerecht vonstatten ging. Ein Unbekannter machte sich breit! Ein Vogel, der sich mir nicht vorgestellt hatte, vertrieb meine Meisen und Rotkehlchen! „Miss Julie Marpeloni sieht alles!“, bellte ich ihm zu. Mehrmals.

Nicht umsonst stand „Supergirl“ auf meinem Halsband.

Und dann kam jener perfekte Morgen, das Gras knirschte unter den Pfoten, hier und da türmte sich das Wunderweiß, vom Wind in Form gebracht. Die Sonne ging auf, es war wunderbar ruhig, sah man mal von dem Vogelchor ab. Selbst die Blechhöhlen schienen sich in vernünftiger Weise fortzubewegen. Das hieß: Auf keinen Fall schneller als ich.

Hasen-Highway

Da schaute ich verwirrt auf Gras und Graben: Überall wimmelte es nur so von Hasenspuren! Was für ein Betrieb musste auf unserer Fenne geherrscht haben! Sie schienen die Gräben im Winter als Highways zu benutzen, diese raffinierten Langohren. Inzwischen war die Eisschicht gewachsen, nur an den Rändern war sie teilweise brüchig.

Die Leichtpfoten reizten mich. Da wir Beardies uns durch einen ähnlichen Hoppellauf auszeichnen, wenn auch nicht ganz so ausgefeilt, beeindruckten mich Hasen fast so sehr wie Katertiere als Kletter- und Allroundkünstler. Ich dachte an unseren Mats, der wohl nie von seiner Weltreise zu uns zurückfinden würde. Löffelgesichter eben, unzuverlässig wie der Wetterfrosch!

Und dann tat ich es einfach. Folgte den Hasenspuren auf dem Graben. Leicht und beschwingt, auf jedes winzige Geräusch achtend. Ich konnte es! Doch als es sachte krachte unter meinen Pfoten, drehte ich flugs wieder um. Madame hatte meine Eisprinzessin-Allüren mit Skepsis beobachtet. Aber Fotos machen, das konnte sie!

Mademoiselle la Princesse de Glace

Als ich wieder sicheren Boden unter den Pfoten spürte, versicherte Madame mir, dass sie mich im Falle eines Falles nicht hätte retten können. Heilige Ackergülle! Madame et Monsieur hatten null Sinn für Neues, Verbotenes, Grenzüberschreitungen und die volle Freiheit. Dabei hatte Madame mir immer bescheinigt, dass ich den Job bei Meerblog aufgrund meiner special skills bekommen hatte, vor sieben Jahren, noch als Welpe. Entdeckernatur nannte sie mich.

Ich pflegte schon früh Zäune niederzureißen und mit Pferden über die Fennen zu pesen. Voller Galopp und fliegender Plüsch! Was regelmäßig die ganze Nachbarschaft in Husum vor die Fenster lockte. Der putzige Welpe bei den Gäulen! Fast kam ich mir ein bisschen übervorsichtig vor, weil ich Bedenken langsamer beiseite schob als früher.

Gesunde Skepsis?

Der Dicke hingegen sah mir treudoof hinterher und begnügte sich mit Eisschlecken. Erst als die Schicht immer dicker und meine Ausflüge darauf immer selbstverständlicher wurden, fühlte er sich ermutigt, erste zarte Pfotentapser auf die leise knisternde Fläche zu setzen.

Pure Magie! Natürlich pfiff Monsieur mich zurück, statt meine neuen Skills als Eistänzerin gebührend zu bewundern. Das war nichts als die nackte Angst vor Grenzüberschreitungen. Als würde es mir darum gehen, mich auf fremden Fennen zu tummeln! Zweifelte er etwa an meiner Integrität? Madame wirkte zwar lockerer, aber dafür musste ich posen, posen, posen.

Ich hoffte nur eines: Möge der Winter, der neue Wege aufzeigte, noch lange so frisch und knackig bleiben!

Was steht an?

Text: Julchen (nach Diktat kurz an Emil, ihren Ex-Verlobten gedacht, mit dem sie mal nach Grönland auswandern wollte. Was er wohl gerade tat? Sie war sich sicher, dass Emil ebenfalls gleichzeitig Schnee fressen und sich darin wälzen konnte!)

Fotos: Elke Weiler

Noch mehr lesen?

  1. Mit unserem Julchen füllen wir auch unsere Zeit. Dann bleibt jedoch keine Zeit mehr darüber zu schreiben, wie hier.

  2. Also echt! Was soll ich denn sagen? Als Ressortleiterin Kolumne müsste ich mich ständig bei meinem Mitarbeiter Janni beschweren! Wann hat er zuletzt etwas diktiert? Himmelschafundmeer, ich kann mich gar nicht mehr erinnern!

    • Ich kann nur diktieren, wenn ich genügend Stoff habe und inspiriert bin. Beschwerden oder Druck in anderer Form helfen rein gar nicht, echt. Liebe hilft. Aber du wolltest dich ja unbedingt entloben. Und dann immer diese Flirts am Strand!

  3. Pingback: Wenn Schnee das Leben optimiert | Meerblogs Hundekolumne

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