In der Mitte von Nichts

Wildes Gehupe in der Ferne. Terrorisierte Kühe rennen im Galopp über die Fennen. „Ah, schon wieder der Hochzeitskorso“, sagt ein Gast im Café. „Die fahren immer im Kreis.“ Alle kichern. Nun ja, so groß ist Pellworm nicht, da drängt sich das Rundendrehen förmlich auf, will man seiner Freude Ausdruck verleihen.

Größer wirkt die Insel allerdings, wenn du bei Gegenwind mit dem Rad unterwegs bist. Wenn du dann noch einen Termin hast, kommt dir Pellworm weit und jede Strecke überraschend lang vor. Etwa, wenn du nach Rungholt willst. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass es Rungholt nicht mehr gibt. Dass die Stadt 1362 bei einer heftigen Sturmflut unterging, der sogenannten Groten Mandränke. Alles von reißenden Wassermassen zerstört. Ein Drama, das die Dichter inspiriert hat.

In the middle of nowhere

Heute noch sucht so manch einer nach Überresten, als wäre es Atlantis. So auch ich. Immerhin gibt es archäologische Funde im Watt und zwei Museen zum Thema. Außerdem werden offizielle Führungen „zu den Kulturspuren“ angeboten. Da ich immer gerne durchs Watt laufe, möchte ich mich Hellmut Bahnsen anschließen. Der ehemalige Fischer und Wasserbauer hat mit den Funden sein privates Rungholtmuseum aufgebaut.

Mein Plan ist: erst ins Museum, dann ins Watt. Mein Handy hat mich drei Wochen durch Skandinavien gelotst, doch auf Pellworm dreht es durch. Der Rungholt-Fluch? Statt von Ostertilli einfach nach Westertilli schickt mich die laute Stimme im Fahrradkorb nach Tüterland. Ich mag ja die Straßennamen auf Pellworm sehr.

Nur von einem Navi erwarte ich keine Zuneigungsbezeugungen, sondern harte Fakten. Da stehe ich nun – gefühlt in der Mitte von Nichts – kein Mensch weit und breit. Nur ein paar Kühe, die in der Sonne chillen. Ja, es ist Sommer. Und das Museum schließt jetzt. Dann also die Wattwanderung um 13 Uhr. Wo muss ich hin?

Kühe ohne Plan

Zur Badestelle Hörn, ok. Keine Spur davon auf meiner Karte im Handy. Ich muss improvisieren. Also peile ich alternativ die eingezeichnete Badestelle bei der Hooger Fähre an, weil die Stelle wie ein „Hörn“ aussieht. Munter radle ich weiter gegen den Wind. Schöne Stelle, doch leider falsch.

Aber es gibt eine Karte hier. Ha, ich hätte zur Nordermühle fahren sollen! Ein Blick auf die Uhr und ein vorsichtiges Abschätzen der Entfernung in Korrelation zu meiner Durchschnittsgeschwindigkeit verrät mir: Ich bin auch dafür zu spät. Ja, man kann sich sehr wohl verfahren auf Pellworm. Man kann die Zeit vergessen. Vielleicht ist das gut so.

Vielleicht muss das auf Pellworm so sein.

Orientiere dich nach Sonne, Mond und Sternen. Lausche dem Wind und den Rufen der Vögel. Folge deinem inneren Kompass. Und wenn absolut nötig, studiere eine physische Karte. Eigentlich ist alles ganz einfach auf Pellworm, denn es gibt drei Eckpunkte zur groben Orientierung: der Leuchtturm im Süden, die Alte Kirche im Westen und die Nordermühle, wie der Name schon vermuten lässt, im Norden.

Das Handy kannst du getrost vergessen. Besser ist, du kommst erst mal an auf Pellworm. Die Insel hat ihren eigenen Rhythmus. Schau dir die Kühe an. Und die Schafe. Geh an den Strand. Atme die Weite ein, wenn möglich. Versinke mit nackten Füßen im Schlick. Schaukele in den Himmel, in diesen riesengroßen Himmel.

Nach all diesen Dingen starte ich eine Café-Tour. Glücklich, wenn auch mit fleckigen Füßen, denn Schlick ist eine wunderbare, langhaftende Materie. Es gilt, den Energieverlust vom Radeln schnellstmöglich wieder auszugleichen.

Apropos Energie. Nach dem Besuch im Warft-Café mit Weitblick, wo eben jener Hochzeitskorso thematisiert wurde, steuere ich das Solar-Café an. Nicht nur, weil die Waffeln mit reichlich Erdbeeren und Sahne hier gut schmecken. Auch weil mich Pellworm als Öko-Insel schon länger fasziniert.

Klassische Waffel-Landschaft

Im Café unterhalten wir uns kurz über die Wolken, die über die Insel pesen. Regnen wird es nicht, versichert man mir. Dann widme ich mich unweit von Redox-Flow- und Lithium-Ionen-Batterien meiner Waffel-Landschaft. Ich weiß, dass die Insel sowohl über viel Wind als auch Sonne verfügt. Da ist es nur logisch, dass man in punkto regenerative Energien die Nase vorn hat.

Schon 1983 entstand genau hier ein Solarfeld, dessen Module inzwischen recycelt wurden, und das Feld wuchs an. Damit nicht genug, ist Pellworm seit 2013 Modellregion für die Energiewende. Hinreichend bekannt das Problem der Speicherung von Strom aus Wind- und Sonnenenergie, hierfür sucht man auf Pellworm nach Lösungen. Im Info-Zentrum erfahre ich mehr über die Schwankungen in der Stromproduktion: Insgesamt gewinnen die pfiffigen Pellwormer drei Mal mehr Energie, als sie verbrauchen.

Schließlich strotze auch ich nur so vor Energie, was nicht an den Trafos, sondern an der Waffel liegt. Also zurück nach Tammensiel, zum Kutterhafen und zum Fähranleger ein Stück weiter draußen. Ich freu mich auf die Rückfahrt. Auf dem Hinweg konnten wir sogar Seehunde und Robben auf einer Sandbank sichten. Leider ist nun an der Stelle nur mehr ein hellgrüner Fleck im Meer auszumachen.

Die Sandbank, verschluckt von der Flut.

Im Frühjahr werde ich wieder nach Rungholt suchen. Ich kenne Pellworm ja jetzt wie meine Westentasche.

Text und Fotos: Elke Weiler

Die Tour habe ich im Sommer gemacht. Ich gebe keine Empfehlung zur Strecke, nur soviel: Wer einmal rund um Pellworm radelt, kommt auf gut 25 Kilometer. Kreuz und quer macht es auch Spaß.
Das Info-Zentrum mit dem Solar-Café ist vom 1. April bis zum 31. Oktober geöffnet. Adresse: In de See 1a, beim Solarfeld, aber das findet ihr auch so.
Die Touren zu den Kulturspuren im Watt starten wieder im Frühjahr, Termine zur Besichtigung des Rungholtmuseums werden auch außerhalb der Saison angeboten.

Do it like a Pellwormer!

  1. Herrlich! Eine meiner Klassenfahrten ging nach Pellworm – ich glaube, es war in der 8.
    Vielen Dank liebe Elke, dass du mich an diese lustige und chaotische Inselwoche erinnerst! Vor allem das viele Fahrradfahren und die Wattwanderung ist mir im Kopf geblieben. Neben den abendlichen Auftritten der Spice Girls – aus vier Freundinnen und mir bestehend…
    Liebe Grüße von Rike

  2. Herrlich, liebe Elke! Ich lese dich einfach gerne. So geht es mir auch immer an der Nordsee, man muss auf seinen inneren Kompass lauschen, dann findet sich der Weg schneller. ich hatte mich schon gewundert, wie du denn so zielsicher nach Rungholt wolltest und hatte ein gedacht Wow, die kennt sich aber wirklich aus! Jetzt schmunzel ich vor mich hin und finde es noch viel besser, dass du auch suchst. Ich verfolge deine Suche danach dann hier einfach mal mit. Hab es schön da oben im Norden oder in der Ferne, woimmer du gerade bist.
    Liebe Grüße

    • Ganz lieben Dank, Andrea! Rungholt ist und bleibt ein Mysterium. Und Pellworm eine der genialsten Inseln überhaupt! Liebe Grüße und bis ganz bald mal hier oben an der Nordsee oder irgendwo anders! :-)

  3. Liebe Elke, vielen Dank für den tollen Bericht über meine Lieblingsinsel. Vor 40 Jahren habe ich mit meinen Eltern das erste Mal dort Urlaub gemacht und Pellworm ist zu meiner zweiten Heimat und meinem Seelenort gworden. Wie Du beschreibst, gehen die Uhren dort anders, man kann die Seele baumeln lassen und sich richtig gut erholen! Und die Pellwormer sind sehr, sehr nette Gastgeber Ich würde mich freuen, wenn Du weitere Berichte von Pellworm postes. Lieben Gruß, Sandra

    • Liebe Sandra, das freut mich zu hören! Pellworm ist eine Wucht, ich habe schon öfters darüber berichtet und werde es wieder tun. Schließlich steht ja auch noch die Wattwanderung zu den Kulturspuren an. :-) Dir viel Freude dort! Liebe Grüße, Elke

  4. Moin,
    ein schöner Bericht von meiner absoluten Lieblingsinsel! Und bestimmt klappt es mit deiner Suche nach Rungholt auch noch.
    Schau mal gerne auf meiner Website vorbei, ich beschäftige mich mit der Geschichte von Pellworm und den Kulturspuren im Watt: geheimnisvolleswattenmeer.wordpress.com

    Grüße,
    Peter

  5. Angelika Voit

    moin Elke , auch für nicht Pellwormliebhaber , es lies sich sehr schön , Da du ja noch nicht mit deiner Cafee Tour fertig bist , können wir uns auf weitere schöne Berichte freuen , Im übrigen , wenn der Hochzeitskorso im Juni war , dann hättest du dich an dem Buffet stärken können . Wir lieben Pellworm . Verbringen dort jeden Urlaub und glaube mir , wir kennen uns immer noch nicht aus . Liebe Grüße Angelika

    • Das ist ja grandios, Angelika! Ganz lieben Dank! Klar kommt da noch mehr. Liebe Grüße von schräg gegenüber! ;-) Elke

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