Auf Kuschelkurs

Als ich mich entschloss, Patin eines Blonden Mangalitza Schweins zu werden, war mir die Haarfarbe eigentlich egal. Ich dachte, sie hätten alle blonde Wolle. Die Patenschaft wurde virtuell arrangiert, ein paar Klicks und fertig. Nun will ich mehr wissen, vor allem aber mein Patenschwein kennenlernen. Also steuere ich die Arche Warder zwischen Neumünster und Rendsburg an.

Als ich ankomme, kräht ein Hahn, meckert eine Ziege, röhrt eine Kuh, das pralle Landleben auch hier. Extended version. Denn die Arche Warder hat sich den Erhalt der Artenvielfalt auf die Fahnen geschrieben. Und so werde ich mehr oder weniger gefährdeten Haustierrassen begegnen, deren Typ im Zuge einer Überoptimierung der Urproduktion einfach nicht mehr so gefragt ist. Charmanten Tieren, äußerst charmanten wie den Poitou-Eseln, die ich im französischen Poitou leider verpasst habe.

Poitou-Esel in der Arche Warder
Club der grasenden Zottel

Dort mussten sie einst Lasten tragen, doch in der Arche Warder sind sie als Landschaftsarchitekten unterwegs und grasen, was das Zeug hält. Auch Büsche werden kurz gehalten, während die Esel Pflanzen wie Johanniskraut und Blühendes nicht antasten. Was wiederum schön für die Bienchen ist. Auch davon gibt es genug im Park, dafür sorgen die Gärtner schon.

Im Bienenparadies

Gemeinsam mit Stefanie Klingel stehe ich vor dem Zaun des Eselgebietes, und die Tierpark-Pädagogin ruft nach den plüschigen Gesellen. Darunter ein Fohlen namens Komet sowie Pauline, die Älteste im Bunde. Als Erste lässt sich Aleboune bei uns blicken, die Eselin mit dem adligen Namen. Ein bisschen kraulen darf ich sie auch, obwohl wir uns kaum kennen. Am Ende stehen alle sechs Zottelköpfe bei uns und freuen sich über kleine Snacks aus dem Eimer der Pädagogin.

Blumenwiese mit Biene
Wo es den Bienen gutgeht.

Ich könnte noch eine ganze Weile bei den Eseln bleiben, doch ich muss ja zu meinem Patenschwein. En passant erfahre ich, dass es 296 Arten von Wildbienen in Schleswig-Holstein gibt, doch sie sind mit ungeübtem Auge schwer zu identifizieren und wirken teilweise wie Fliegen, so schmal und unscheinbar sind sie. Auch Honigbienen begegnen wir, und es überrascht mich nicht, dass im Park ein Imker werkelt.

Wir laufen über das 40 Hektar große Gelände der Arche Warder mit Wiesen, Teichen, Bächen, Sträuchern und Bäumen voller Obst. Das Wegenetz sei fünf Kilometer lang, so Stefanie Klingel, man solle mindestens drei Stunden Zeit einkalkulieren. An windgeschützen Ecken fallen mir die Tische und Stühle auf, die als Rast- oder Picknickplätze dienen. Ein Tag vergeht schnell in der Arche, oder betont langsam, ganz, wie man will. „Ein Ort zum Entschleunigen“, meint die Mitarbeiterin des Parks, „nicht nur zum Lernen.“ Einige Familien blieben sogar über Nacht in einer der einfachen Holzhütten.

Schweine in der Arche Warder
Shiny happy pigs

Endlich im Schweineland. Das Areal zieht sich durch die Mitte des Parks bis ans obere Ende. „Es handelt sich um die größte Anlage für Schweine in ganz Europa“, weiß die Tierparkpädagogin. Zehn unterschiedliche Rassen tummeln sich hier. Relativ neu dabei: Cindy und Dieter, ihres Zeichens Chinesische Maskenschweine, die distinguiert einer vorbeiwatschelnden Ente hinterherblicken und sich dann in Zärtlichkeiten verlieren.

Schweinerei!

Das Maskenschwein gilt übrigens als älteste Hausschweinrasse. Ich lerne Exemplare des Angler Sattelschweins, des Schwedischen Linderöds sowie des Bunten Bentheimer flüchtig kennen. Bin schier begeistert von den Schwimmkünsten der aus Kroatien stammenden Turopolje Schweine. Sie ziehen kraulend durch den Teich, jagen Äpfeln hinterher, schnaufen, scheinen den Teich zu ventilieren. Der saftige Klang eingesogener Luft? Original Schwimmschwein-Sound.

Schwimmendes Turopolje Schwein
Für schwimmmende Schweine muss man nicht auf die Bahamas reisen.

Als ich endlich bei den Wollschweinen ankomme, fühle ich mich fast schon überfüttert von tierischen Eindrücken und Informationen. Welches von den Gelockten ist mein Patenschwein? Es gibt Blonde, Rote und Schwalbenbäuchige Mangalitza, eigentlich sind alle wunderbar. Eines lässt mich sein harsches, wolliges Fell streicheln, Angst vor Besuchern auf Kuschelkurs scheint hier niemand zu haben.

Ein Anderes schaut freundlich in die Kamera, ein bisschen erinnert es mich an Julchen. Auf meiner Urkunde steht, ich habe eine Patenschaft für die Blonden Mangalitza Schweine übernommen und helfe damit, die Vielfalt der Nutztierrassen zu erhalten. Darüber ein Foto von einem hellen Schwein in der Abendsonne, das den Rüssel anmutig in die Luft reckt.

Mit Ferkel, Charme und Wollfrisur

Als Mythos erweist sich die Annahme, dass Schweine einfach nur grunzen. Vielmehr erzählen sie in einem fort und bedienen sich dabei unterschiedlicher Tonlagen. Dabei bewegen sie ihren Rüssel unablässig, so dass ich unweigerlich an Miss Piggy denken muss. Auch fällt mir auf: Der Vater des schwalbenbäuchigen Nachwuchses geht nicht gerade zimperlich mit den süßen Ferkelchen um. Schon höre ich einen Aufschrei, ein Kleines fliegt durch die Luft, es war dem Herrn Papa wohl im Weg. Schweinerei!

Schafe unter sich

Ich wandele den Schafsweg entlang, der mich östlich vom Schweineland zurück zum Eingang führt. Unterwegs begegnen mir die selten gewordenen Rotkopfschafe, auch Rouge du Roussillon genannt. Beheimat sind sie in den französischen Pyrenäen, wo sie in der sogenannten Transhumanz beziehungsweise Wanderweidewirtschaft gehalten wurden. Irgendwie ist dieser Ausflug nach Warder für mich auch einer in diverse europäische Länder geworden.

Hübsch und sanftmütig.

Als ich auf der bretonischen Île d’Ouessant verweilte, erkundete ich die Gegend mit dem Rad, fand jedoch die Ouessantschafe nicht. In Warder bekomme ich nun zufällig ein Exemplar der kleinsten Schafsrasse Europas zu Gesicht. Wie gerne würde ich es adoptieren, zusammen mit einem oder zwei seiner Kollegen. Oder Skudden, die ebenfalls in der Arche zu Hause sind. Aufgrund ihrer Herkunft nennt man sie auch Masurenschafe. Im Gegensatz zu den Ouessantschafen zählen Skudden zu den gefährdeten Schafsrassen.

Am Ende habe ich kaum noch Zeit für die Rinder, Pferde, Enten, Hühner, Gänse des Parks. Beim nächsten Besuch plane ich am besten gleich einen ganzen Tag ein. Und vielleicht werde ich auch Eselpatin. Wenn schon kein Zottel auf unser Grundstück passt! Wir bräuchten nämlich einen Aufpasser für die Hühner, da wir kürzlich leider zwei von ihnen verloren haben. Dieses Mal wohl an einen Bodenräuber, was für den Fundort der Federn spricht.

Hafrún, Brynja, Gudny

Beste Brynja, beste Hafrún – wir vermissen euch! Unsere lieben Gäste, die während des Urlaubs nach Haus und Garten geschaut haben, waren untröstlich ob der Verluste und sind gleich losgezogen, um neue Freunde für die verbliebene Gudny zu holen. So gesellen sich nun ein Brahma-Huhn namens Askja sowie zwei Wyandotten dazu. Mit unserem isländischen Namenssystem fortfahrend haben wir Letztere Hildur und Ingibjörg genannt. Wie es dazu kam, steht übrigens in der allerersten Hühner-Story. Nach anfänglichen Schwierigkeiten seitens Gudny, die von der ehemals Schüchternen zur Furie mutierte, wächst der Trupp nun zusammen. Tagtäglich erkundet man gemeinsam die immer noch trockenen Gräben. Auf ein hoffentlich langes Dolce (Pick-)Vita!

Text und Fotos: Elke Weiler

Infos zur Arche Warder

Der Tierpark Arche Warder ist in diesem Jahr erneut als Projekt innerhalb der UN Dekade für biologische Vielfalt ausgezeichnet worden, die von den Vereinten Nationen von 2011 bis 2020 als solche erklärt wurde. Von dieser Auszeichnung werden die zahlreichen Tiere natürlich nicht satt, aber Eintrittsgelder, Patenschaften und Spenden helfen ebenso wie der Kauf der hier gezüchteten Tiere, darunter Schafe, Rinder und Hühner.

Sie nannten ihn Nase.

Der Park ist ganzjährig ab 10 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen 10 und Kinder 7 €, bis 3 Jahre ist der Eintritt kostenlos. Für Familienkarten und weitere Ermäßigungen siehe Website. Zu Corona-Zeiten besteht Maskenpflicht im Bereich des Hofladens sowie im Café und Schauhaus. Der Streichelzoo ist geschlossen.

Der Park liegt in der Nähe der A7, Abfahrt Warder, und verfügt über ausreichend Parkplätze. Mit den Öffentlichen ist er über Busverbindungen aus Nortorf und Kiel zu erreichen.

Vor einiger Zeit habe ich übrigens mal einem Arche-Hof einen Besuch abgestattet, der über eine Wattwanderung oder mit dem Boot erreichbar ist: Auf Süderoog setzen sich die Halligleute ebenfalls für den Erhalt seltener und gefährdeter Haustierrassen ein.

Standardbild
Elke Weiler
Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

4 Kommentare

  1. Sehr zu empfehlen die Arche Warder. Im Nachbarort habe ich meine ersten Schleswig-Holstein-Jahre verbracht.
    Und ich sehe schon eine kleine Außenstelle auf Eiderstedt…. Die Eidersteder Landmusikanten. Esel, Schaf, Schwein, Huhn und der kleine fellige Gastgeber…

    Wir sind auch immer wieder gern in der Arche, dann wird der Wunschzettel nach Lebendgeschenken unserer Kleinen immer länger…. Aber ich, ich würde bei meinen geliebten Eseln bleiben.

    Lieber Gruß

    • Hahaha, diese Außenstelle sehe ich auf Eiderstedt zwar nicht, aber vielleicht anderswo! :-) Auf jeden Fall ohne Schweine, die wirklich sehr viel Land und Matsch brauchen. Aber wer weiß! Auf jeden Fall tolle Tiere. Mit oder ohne Wolle. Liebe Grüße nach Jönköping oder auf die Ostseeseite von SH! :-)

  2. Einen Besuch in der Arche Warder wäre ein schönes Ausflugsziel,wenn man in Nordfriesland Urlaub macht.

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