Hund am Strand

Ich machte erst mal das Licht an. Madame war mitten in der Nacht durch die Gegend getapst und hatte die einzige vorhandene Tür in der Bude hinter sich zugezogen. Ging gar nicht! Ich also hinterher und dann im aufrechten Gang mit der Vorderpfote auf den Lichtschalter des Lutscherbads. Madame wirft mir immer vor, ich wäre kein normaler Hund, diese Super-Reporterin. Soll sie mir erst mal erklären, was normal ist.

Es war Sommer, und der Mädelstrip mit Grandmadame in Dänemark lief rund. Madame und ich bewohnten die putzige, wie für uns gemachte Hütte, während Grandmadame im Haupthaus residierte. Unsere Bude war kompakt und durchgehend, so dass ich nachts in Madames Nähe sein konnte und die volle Kontrolle hatte, was für einen Hütehund essentiell ist. Tagsüber trieben wir uns am Beach und in den Dünen herum.

Hund am Strand
Das pralle Strandleben

Einmal besuchten wir einen Hundewald, doch irgendwie kam ich nicht so richtig in Stimmung. Am Strand hingegen lebte ich auf. Meinetwegen konnten wir direkt dorthin ziehen, in eine Hütte umzingelt von Dünen. Weit und breit keine Lutscherseele, dafür zarte Rehe, die mich einluden mit ihnen durch Wald, Busch und Düne zu hüpfen. Madame suggerierte, ich hätte sie möglicherweise missverstanden. Dabei hatte ich damals auf Nordstrand schon ausgiebig mit einem Reh kommuniziert und kannte mich aus!

Der Mädelstrip

Manchmal kam sie mir etwas vergesslich vor. Oder traute sie mir etwa nicht zu, dass ich eine Einladung von einer Einladung unterscheiden konnte? Ansonsten pure Harmonie zwischen uns, und Friede vor der Tür. Vor allem aber: keine Höllenmaschinen. Kein Jannimann. Endlich konnte ich entspannen, musste mich weder um Verkehr noch um Erziehung kümmern.

Aber was war das? Madame wollte vor dem Frühstück zu Fuß zum Strand? Sie hatte es immer noch nicht begriffen. Echte Gassis ließ man mit einer Fahrt in der Blechhöhle angehen. Und als Hund kannst du nicht immer alles durchgehen lassen. Irgendwann machte sie sich selbstständig und zog allein des Weges. Wie sie wollte! Dann konnte ich mich in der Zeit als Grandmadame-Sitter nützlich machen.

Großzügig beschloss ich zwei Wochen später auch Monsieur und Jannimann nach Dänemark mitzunehmen. Das entbehrte eines gewissen Leichtsinns nicht, stieg mein Stresslevel doch mit jeder Minute an der Seite des schwer erziehbaren Rüdens. Aber Rudel ist Rudel ist Rudel. Was Flirts betraf, musste ich mich dieses Mal ein wenig einschränken.

Während unseres Mädelstrips hatte ich das Leben in vollen Zügen genossen. Vor allem während eines Besuchs im Flirthotspot Søndervig spürte ich die Typen reihenweise auf und quiekte sie an. Ihr fragt nach meiner virtuellen Verlobung? Das war eine coole Zeit im Frühsommer mit dem schönen Jack aus Apulien, ich bereute nichts. Inzwischen hatten wir uns etwas auseinander gelebt.

Virtuell geht schnell

Für völkerverbindende Maßnahmen bleib mir auch kaum noch Zeit, seit sich das Rudel vergrößert hatte. Gemeinsam mit Madame hatte ich Anfang Juli den kleinen Piet aus der Nachbarschaft adoptiert. Natürlich freute ich mich, dass die Housekeepingstelle nun wieder besetzt war, doch Pietje musste in diese Aufgabe erst hineinwachsen. Der Racker hatte nur Flausen im Kopf und brachte alles durcheinander.

Ich schloss ihn schnell ins Herz, auch wenn mich manchmal die Eifersucht plagte. Lungerte das Katertier mit seiner handlichen Größe doch ständig auf Madames Schoß herum! Während sie arbeitete, aß, las oder vor der Glotze hockte, Piet, die Klette, war dabei. Irgendwie erschien er mir schon wie ein Teil von ihr. Als er sich vom Baby zum Jugendlichen entwickelte, konnte man schon mehr mit ihm anfangen. Wir spielten, und ich quiekte ihn an.

Allerdings hatte der Kleine null Ahnung von nichts und fand es lustig, mit seinen Tatzen nach Janni und mir auszuholen, wenn einer von uns zufällig vorbei schlenderte. Er wollte uns kämmen! Humor kann eine sehr subjektive Sache sein. Aber Madame et Monsieur hielten sich oft die Bäuche vor Lachen, wenn der Freak mal wieder was anstellte. Ich hielt ihn für recht pfiffig und familienorientiert.

Draußen blieb er nie lange und kam auf Zuruf beziehungsweise Madames Spezial-Pfiff zurück in die Hütte. Auch suchte er panisch ein Versteck, wenn eine Blechhöhle raketenmäßig am Haus vorbeischoss. Madame hielt große Stücke auf ihn, vielleicht zu große. Ich hatte immer ein Auge auf Piet. Bei Tageslicht setzte er sich meist auf seinen Lieblingsbaum nahe des Grabens und beobachtete die Kühe. Irgendwann waren sie fort, und er streunte durch den Garten, grub seine Pfote in Mauselöcher und kletterte auf Bäume. Nur bei gutem Wetter zog es ihn hinaus, Wind fand er eine echte Zumutung.

Piet, oh Piet!

Piet verschlief fast den ganzen Tag und räkelte sich auf dem Rücken. Seinen Flauschbauch hatte ich beim Spielen mal kurz maulgekrault, er wirkte recht wohlgenährt. Kein Wunder, fraß er doch ständig, so dass einem Jannimann das Wasser im Maul zusammenlief. Bei Dunkelheit trieb er sich am liebsten draußen herum, die Nacht gehörte ihm. Wenn die Geräusche der Dunkelheit durch die Stille brachen, die Sterne funkelten, und alle Katzen grau waren. Außer Piet, der Schönling strahlte sogar im Dunkeln.

An einem verfluchten Morgen Ende November ließ er sich von einer Blechhöhle erwischen. Als Madame abends verloren herumsaß, ging ich zu ihr und legte meinen Kopf auf ihre Füße. Auf ihren Schoß hüpfen konnte ich mit meiner Statur ja schlecht. Schwester Janni legte sich ebenfalls ins Zeug, der tolpatschige Tröster. Ein Phänomen, riecht er Tränen doch schon, bevor sie fließen.

Piet, was war in dich gefahren? Was hat dich abgelenkt oder erschreckt? Nun sitze ich wieder allein im Garten, Couchpotato Jannimann leistet mir selten Gesellschaft. Sogar Piets Klo vermisse ich, es war mit einer Art Maispuffreis ausgelegt, war für eine Verschwendung von Fressmitteln! Wenn ich es zufällig frisch vor die Nase bekam, snackte ich gerne davon. Es schmeckte ähnlich wie Hühnerfutter. Madame et Monsieur natürlich not amused von meinen Gourmettests.

Alles am Wackelpo?

Nun sind alle im Lockdown, und, wie wir im Beardie-Jargon sagen, alles ist am Wackelpo. Das Gackervieh wegen der Vogelgrippe, die von den Superpiepmätzen eingeschleppt wurde. Die Lutscher hatten ihr eigenes, hochgefräßiges Virus in der Welt verbreitet – immer diese Extra-Würste! Hätte man sich nicht mit dem der Piepmätze begnügen können? Aber nein, es musste was eigenes sein.

Und wir durften wegen der Geflügelpest nicht von der Leine, Himmelhuhnundmeer! In diesem ganzen Tohuwabohu, in Zeiten von Trauer und Tristesse soll ich meinen zehnten Geburtstag feiern? Heilige Ackergülle, was für ein Beschiss! Und dann nahte auch noch das Fest der Liebe. Da halfen nur Gedanken an Sommer, an den letzten, an den nächsten. An Dänemark. Sonne. Sand unter den Pfoten. Sand überall. Das impertinente Meer. Zur Zeit plätschert es öde vor sich hin wie die Ostsee, unsere sonst so lebhafte Kommunikation ist ebenso eingeschlafen wie die Beziehung zu Jack.

Ich muss nach vorne blicken. Mich mit 10 neu erfinden. Vielleicht noch mal verloben, aber in echt! Ich fühlte mich wie ein Vogel, jedoch bleischwer. Wobei ich an dieser Stelle erwähnen muss, dass die Piepmätze immer dreister wurden. Im Garten hatte ich wie immer alle Pfoten voll zu tun. Madame meinte, ich sollte die Flötenheinis ignorieren. Ja, sie fütterten das Federvieh sogar! Selten fiel davon etwas für unsereins auf den Boden. Ich musste nachdenken, konnte mich aber nicht konzentrieren.

Piet, warum hast du uns verlassen? Du hattest ein geiles Leben vor dir, du grünäugige Flauschbauch-Schönheit! Diese typische Rockstar-Attitüde, früh abzuhauen und zum Mythos werden, gefiel mir nicht. Knödel haben wir dich genannt. Vergiss das bitte nicht! Falls du als Schweinswal wiedergeboren wirst, denk bitte an uns und winke uns mal zu, da draußen im Meer, ok?

Text: Julchen (Nach Diktat den Außenposten bezogen, denn nachts wird die Stille laut.)

Fotos: Elke Weiler

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Julchen

Ein pfiffiger Hund mit leichtem Hang zum Drama. Julchen liebt weite Sandstrände und professionelle Buddelarbeiten. Nach langer Zeit hat Julchen sich nun wieder verlobt – ausgerechnet mit Jack, einem Border Collie aus dem fernen Apulien. Neben dem Job als Ressortleiterin Kolumne bei Meerblog arbeitet sie an ihrem dritten Buch. Ein Krimi!

  1. Ingrid says:

    Ja, das war ein schöner Urlaub im Sommer in Dänemark, den man im nächsten Jahr wiederholen könnte. Julchen, du bist ein toller Beardie und überall beliebt, und ich nenne dich Principessa, weil du einfach das Aussehen einer solchen hast. Bleibe vor allen Dingen weiterhin so und fit und eine tolle Beardie Dame!

    1. Julchen says:

      Grandmadame, danke dir! Ich dachte schon, du nennst mich Principessa, weil ich so eigen bin (wie Madame et Monsieur meinen). Jedenfalls ist das neue Sofa ganz toll, echt! Danke! Besonders toll ist es, wenn es da Leckerli gibt. Deswegen gehe ich nur dann drauf. :-D Nein, das ist keine Erpressung! Überhaupt nicht! Echt. Können diese Augen lügen? Ich bin jedenfalls bereit für den nächsten Mädelstrip! Bussi!

  2. Leo says:

    Ach Du Küken. Erst 10 Jahre alt und schon so viel erlebt. Das wird sich aber nicht ändern, bis Du erst mal in mein Alter kommst. Herrchen fährt ja auch so ne Blechröhre, die ist riesengroß und ziemlich geil. Aber so langsam kann ein Kater gar nicht über die Straße schlendern als er ihn treffen könnte. Der mag das Gejage auf dem Asphalt nicht sehr. Meckert immer über die wilden Säue im Blechmantel. Läßt sogar Entenfamilien im Sonntagstrott über die Straße. Denen würde ich Beine machen – aber er lässt mich ja nicht. Was gibts bei Dir eigentlich zum Geburtstag? Und bekommst Du auch was zu Weihnachten? Ich bekomm da jedes Jahr irgendwie das Gleiche. Zum Geburtstag zwei halbe Hähnchen und zu Weihnachten einen großen Knochen. Irgendwie geizt da mein Herrchen – denn am Knochen findet sich nicht mal die Spur von Fleisch. Aber Hähnchen sind klasse, zumindest für 20 Sekunden.
    Und lass Dir von einem alten Hund gesagt sein: Fernbeziehungen taugen einfach nichts – na gut, wenn man sich sieht, da mal kurz ums Eck, aber dafür verloben? Lohnt sich nicht. Außer es gibt halbe Hähnchen. Hach, wenn ich noch dürfte, was ich in meinen Alter noch ein bisschen könnte, die Ergebnisse würden für sich sprechen… Ich glaube aber, mein Herrchen hat noch Großes mit mir vor. Hab mächtig abgenommen und muss jeden Tag jeden Hügel rauf und runter. Vielleicht hat Herrchen aber auch einfach keine Kohle mehr für Futter, ich bekomm kaum noch was.
    So, Julchen, vielleicht beschnuppern wir uns ja irgendwann mal. Muss ja nicht gleich eine Verlobung werden, aber vielleicht gibts ja auch halbe Hähnchen. Man kann ja über alles wuffen.
    Lass es Dir Weihnachten schmecken. Und piesel nicht den Tannenbaum im Wohnzimmer an. Ich glaube, da sind Madames et Monsieurs etwas eigen.

  3. Julchen says:

    Niemand nennt mich ungestraft Küken, du Fuzzi! :-D Hähnchen oder Ente gibt es hier auch, aber beim Gassi, in Leckerli-Form, falls ich irgendwo nicht lang gehen will. Du weißt ja, die Lutscher haben manchmal so komische Ideen, die meinen einfach diametral gegenüberstehen. Manchmal lasse ich mich bestechen. Du auch?
    Jack ist ein super Typ, es war eine coole Zeit mit ihm, wenn auch nur virtuell. Der macht vielleicht Komplimente! Er weiß einfach, wie man mit Frauen umgeht. Also zumindest bei Twitter. :-D Der kennt sich mit Romantik aus! Italiener eben.
    Leo, ich wünsch dir eine super Zeit mit dem Rudel, das Fest der Liebe naht ja, denk bitte dran, deine Gunst gleichmäßig an alle Familienmitglieder zu verteilen und pass schön auf alle auf, ok? Ich weiß ja nicht, ob du ein Hüte- oder ein Jagdhund bist…

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