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Wunderwerke der Natur

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Mit dem Wachsen stellten sich mir neue Herausforderungen. Das Schreinern gab ich auf, meine Zähne waren gut in Schuss und hatten diverse Auszeichnungen erhalten. Holz interessierte mich jetzt vor allem am Strand, wenn mit knackigen Seepocken bedeckt.

Anstelle großräumiger Indoor-Restaurierungmaßnahmen verlegte ich mich ganz auf Pfostologie. Tauchte vor meinem visuellen Einzugsgebiet ein Pfahl, Pflock, Baumstumpf, Mast oder ähnlich Gebautes auf, mobilisierte ich alle mir zur Verfügung stehenden Kräfte. Speedy Gonzales ein Witz dagegen.

Die Interessenlagen von Madame oder Monsieur konnte ich, falls sie zufällig an der selben Leine liefen wie ich, leider nicht berücksichtigen. Der Pfahl war dringend. Er musste eingehend gescannt und analysiert werden. Notfalls markiert, falls weitere Wissenschaftler vor mir am Werk gewesen waren.

Wir Pfostologen empfanden es als kollegial, den neuesten Stand der Erkenntnisse gleich mitzuteilen. Daher die Markierung. Julchen hielt das für Rüdenkram. Ließ meine Holde also verlauten, dass Rüden als Wunderwerke der Natur galten, so hieß das nichts Gutes.

Sind Rüden doch nur Raufbolde?

Inzwischen konnte ich sogar die Gemütslage einer komplexen Beardine besser begreifen. Man musste aufpassen. Das galt nicht nur für die Chefs, sondern auch deren Verlobte und Brüder. Mit dem frechen Emil hatte ich mich inzwischen arrangiert, wir klärten das unter Männern.

Ich ließ ihm mehr Raum für seine Verlobtenspielchen mit Julchen und rannte blöde hinterher. Nur noch selten bekam ich seinen Unmut zu spüren. Einmal nur, als seine Madame mir ein Leckerli gab. Das fand Emil mehr als unangemessen und beschloss, mich für den Rest des Tages unter sich zu begraben.

Sein Thema: Wie sich ein putziger Schapendoes mit Knopfäugelchen in einen Tiger verwandelte. Die Folge: Auf die Köstlichkeiten von Emils Rudel musste ich fortan verzichten. Als bestünde das Leben nicht ohnehin nur aus Problemen – zu komplex für eine einfache Seele wie mich – stand plötzlich auch noch Mobbing-Mogli vor der Tür.

Was will der Kerl eigentlich?

Er stellte sich als Julchens Bruder vor, doch ich glaubte ihm kein Wort. Ok, sie sahen sich ähnlich, doch was bewies das schon? Jedes Schaf auf Eiderstedt ähnelte Julchen. Und bislang war mir kein Wollknäuel ins, vor oder ums Haus gekommen. In diesem Punkt waren Julchen und ich uns einig.

Schlimm genug, dass die Schafe jetzt wieder die Deiche besetzten und unsere Bewegungsfreiheit einschränkten. Julchen hatte mich bereits vor der Occupy-Bewegung gewarnt, sie kannte das von ihrem ersten und zweiten Frühling. Mein Chef hob nur die entzückende Nougatnase und konstatierte: „Bald kommen sie. Es wird Frühling.“

Nun war also fast Frühling, und Mister Mogli stand vor der Tür. Ich hatte nichts gegen Verwandtschaft, im Gegenteil, ich war ein familienbetonter Typ. Also ließ ich seinen Monsieur, Julchen nannte ihn Onkel Big, erst mal hinein. Er konnte gut kraulen.

Spaß zu dritt: Julchen, Janni, Mogli.

Julchen quiekte ihren angeblichen Bruder an, was mich vollends verwirrte. Diese Schweinenummer war neu. Bei den Rennplüschen gehörte Gequieke ja zum guten Ton, aber bei Julchen? Ich verstand nur Ackergülle und verschanzte mich mit den Lutschern im Haus. Sollte sie doch mit Mogli quietschen und tratschen, wie sie wollte.

„Der beste Platz ist immer an der Theke, ja, an der Theke …“, summte ich vor mich hin und legte mich unterm Esstisch ab. Zwar hatte ich die Hoffnung quasi aufgegeben, dass mal ein Krümelchen Kuchen oder so für mich abfiel. Aber es war schön, mit Onkel Big zu knutschen.

Der komplizierte Teil des Tages begann erst, als wir den Deich stürmten. Das Mobbing. Mogli-Mann ließ mich keine Sekunde aus den Augen, und Julchen glaubte, das wäre nun die Retourkutsche für meine fehlende Gastfreundschaft. Wie konnte man nur so nachträglich sein?

Wer ist der Größte am Deich?

Außerdem gestattete ich ihrem werten Bruder ja, über den Deich zu rennen und sein langes Haar im Wind flattern zu lassen. Lauf- und Radlutscher mussten hier schon wesentlich vorsichtiger agieren. Auch in St. Buddel traf ich Mogli noch einmal, es wurde ein Mobbing-Männernachmittag zu viert.

Ich vermisste Julchen wie blöde und wollte sie nie wieder fortlassen, falls sie von Amrum zurückkam. So allein mit Monsieur hatte ich Zeit zum Nachdenken und entschied, das Leben zu optimieren.

Schon wieder stand Besuch vor der Tür, dieses Mal der berühmte Bobby aus Schobüll, sein liebes Rudel und crazy Luzy. Die Kleine war eine echte Wuchtbrumme! Noch nie in meinem Leben hatte ich einen Hund gesehen, der plötzlich zum Schwertkampfkünstler mutierte. Mit einem simplen Stöckchen!

Also ließ ich Luzy nicht mehr aus den Augen. Julchen erzählte mir von Bobbys Geburtstag. Sie kannte bereits die Showeinlagen der lustigen Luzy, denn das Revuegirl galt auch als Wassernärrin. Sie musste mir das mal live zeigen!

Crazy Luzy: ein klarer Fall für den Zirkus oder die Couch.

Da blitzte es plötzlich. In einem jener seltenen Momente hatte ich eine Erleuchtung wie Wickie von den Wikingern. Rennplüsch Media! Die Fellkartoffeln mussten einen Film mit Luzy machen, und die Welt würde ihr zu Füßen liegen.

Julchen gab zu bedenken, dass die Meerschweinchen immer noch im Sabbatical waren und sich ihre Sujets lieber selber aussuchten. Egal. Ich wollte es ihnen trotzdem vorschlagen.

Doch dann kam Ostern, und ich vergaß alles andere. Denn Charles und Frasier, ihre Lutscher und Teile der Königsfamilie standen vor mir. Doch ich hatte nur Augen für Frieda, eine junge, hübsche Dänin, die erst vor kurzem zur Hummelwiese immigriert war. Ich mochte Dänemark jetzt noch mehr.

In Charles und Frieda hatte ich endlich zwei coole Kumpels gefunden, die mich weder unterdrücken noch mit Kunststücken beeindrucken wollten. Das hier war meine Chance.

Liegt ganz auf Jannis Wellenlänge: die süße Frieda.

Jetzt konnte ich endlich mal zeigen, was in mir steckte. Ich durfte der große Onkel Janni sein! Aber wieso verstand Monsieur mein Gebaren nicht? Warum unterdrückte er mich, den ewig Unterdrückten?

Als wir gegen Ende unseres famosen Ausflugs nach Nordstrand einen Matjestisch in der Sonne fanden, musste ich es einfach versuchen. Aber Frieda briet mir eins über. Dabei wollte ich doch nur zum Matjesbrötchen von Königvati!

Eines hatte ich in diesen Tagen geschnallt: Das Leben meinte es nicht immer gut mit den Wunderwerken der Natur. Dabei wollte wir Rüden doch nur eins: Liebe.

Rüden wollten doch nur eins: Liebe!

Text: Janni (nach Diktat die Psychoanalytikerin Mademoiselle Julie um Rat gebeten. Ihr Tipp: Wie bescheuert buddeln.)

Fotos: Elke Weiler

12 Gedanken zu „Wunderwerke der Natur“

  1. Avatar
    Charles von der Hummelwiese

    Lieber Onkel Janni,
    Es war schön dich und Tante Julchen endlich mal zu treffen! Nächste mal machen wir zwei hübschen dann eine Männerrunde auf, aber nur, wenn du ein wenig „weniger“ nett zu mir bist (man siehe das letzte Bild) ;-)
    Übrigens, es schreibt sich FRASIER :-)
    Liebe Grüße und hoffentlich bis bald
    Charles und Anhang

    1. Hallo Charli-Boy! :-)

      Ich fand’s auch klasse!!! Weißt du, ich war so froh, dass ihr auch schwarz-weiß seid. Treffe sonst selten so gleiche. ;-)
      Ja, gut, ich hab’s ein bisschen ausgenutzt, dass ihr kleiner seid. Sonst bin ich ja immer der Unterdrückte. Sorry!
      Und den Namen korrigier‘ ich sofort! Ist ja auch außergewöhnlich.
      Grüß mir dein Rudel! Besonders liebe Grüße von Julchen an Frasier! ;-)
      Bis bald!!!
      Dein Onkel Janni

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  3. Avatar
    Charles von der Hummelwiese

    Danke Onkel Janni,
    da ist Frasier eigen mit, ich übrigens auch ;-)
    Was das Schwarz angeht, geb ich dir uneingeschränkt recht, vor allem bei Familientreffen sind wir da ganz schwer in der Unterzahl!
    Liebe Grüße
    Charles

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