Am Ende der Welt

Als ich die Vorhänge beiseite schiebe, wird es kaum heller. Dichte Wolken hängen über der Küste, das Meer kann man nur hören. Sein Rauschen mischt sich mit den Stimmen der Vögel. Ich bin in Plougonvelin an der Landspitze Pointe de Saint Mathieu im bretonischen Finistère – am Ende der Welt. Im äußersten Westen Frankreichs. Ein schmaler Wanderweg führt die Küste entlang, theoretisch könnte man vom Mont-Saint-Michel bis hierher und weiter in die südliche Bretagne laufen, immer am Wasser entlang.

Plötzlich lichtet sich der Horizont, hebt sich der Wolkenschleier, die Farben und der Horizont kehren zurück. Nur das Meer wirkt schwer und grau an diesem Tag. In nicht allzu weiter Ferne blinkt der Leuchtturm des Küstenstädtchens Le Conquet auf. Auf Französisch „Phare“, angelehnt an Pharos, eine Insel vor der ägyptischen Küste, die einst den Leuchtturm von Alexandria trug – den ersten und höchsten der Welt. Das erzählt mir Kevin Goualch, den ich im Phare de Saint Mathieu treffe.

Licht am Horizont

Wieder ein Wort gelernt, das ich bestimmt nicht mehr vergesse. Dabei hätte ich es erahnen können, heißt Leuchtturm auf Italienisch doch „Faro“. Die Bretagne beherbergt mehr als ein Drittel aller Leuchttürme Frankreichs, 52 von insgesamt 148. Und vor allem die Finistère rühmt sich der höchsten Leuchtturmdichte weltweit.

Atlantik und Ärmelkanal treffen im Mer d’Iroise aufeinander.

Es ist ein stürmischer Kuss der Meere: Starke Strömungen prägen das gezeitenabhängige Gebiet ebenso wie Klippen und Felsen. La Mer d’Iroise, ein Stein- und Inselmeer. Strömungen, die bei Flut anschwellen und bei einer Springflut sogar eine Geschwindigkeit bis zu 13 Kilometer pro Stunde erreichen können. Zwar lieben das die hier lebenden Delfine, doch für die Seeleute war es stets eine Herausforderung.

Partnerlook

Da helfen die vielen Leuchttürme. Zusammen mit Kevin steige ich die 163 Stufen hoch bis zur äußeren Plattform von Saint-Mathieu, wo wir uns den Wind um die Nase wehen lassen. „Zehn Leuchttürme sieht man bei klarer Sicht von hier oben“, meint Kevin. Oder abends, wenn sie blinken, jeder auf seine Art.

Es gibt Leuchttürme, die mitten im Wasser auf einem Fels stehen, Insel-Leuchttürme und die an der Küste. Für die einst dort arbeitenden Wärter hieß das: Entweder Hölle, Fegefeuer oder Paradies. Doch seit 1996 sind die Leuchttürme automatisiert und seit 2006 ferngesteuert, so dass wochenlange Einsamkeit mitten im Meer Geschichte ist. Das Rütteln am Bauwerk, wenn meterhohe Wellen es umarmen, einschließen, immer wieder bei einem Sturm. Kaffeetrinken unmöglich.

Melancholie in Ruinen

Kevin deutet auf den gestutzten Turm der ehemaligen Abtei schräg unter uns. „Der war mal höher. Seit 1250 zündeten die Benediktinermönche dort Warnsignale für die Seefahrer. Im 17. Jahrhundert installierten sie eine Laterne.“ Erst im 19. Jahrhundert wurde Saint-Mathieu erbaut. Die Ruinen der Abtei stehen immer noch rund um den Leuchtturm und lassen erahnen, wie viel Leben hier einst herrschte, am Ende der Welt.

Das übrigens auf Bretonisch „penn ar bed“, Kopf der Welt, heißt. Hier beginnt die bretonische Welt. Von drei Seiten vom Meer umtost, geht der Blick nach Westen, zum Kontinent Europa. Aus dieser Perspektive sieht Finistère nicht wie das Ende, sondern der Anfang der Welt aus.

Für mich fühlt es sich wie ein Versprechen an, Anfang und Ende zugleich.

Mein Blick fällt auf ein leeres Feld, das von alten Mauern gesäumt wird, und ich frage Kevin. „Dort pflanzten die Mönche Obst, Gemüse und Heilkräuter“, sagt er. Geschützt vorm Wind der Region. Heute wird der Platz ab und an für einen Markt genutzt. Ich sage Kevin „Adieu“ und laufe an wenig die Küste entlang.

Die Architektur der Finistère

Noch bevor die Flut kommt, treffe ich Claude Le Guitton am Strand Trez-Hir, was soviel wie langer Sand bedeutet. Er arbeitet als Natur-Guide am Strand und in Schulen. In Trez-Hir gibt es nämlich nicht nur viel Sand, sondern auch reges Leben unter einer Felslandschaft, die bei Flut verschwindet. Claude kennt sich aus, dreht hier und dort einen Stein um und findet im Raum zwischen Sand und Stein fast durchsichtige Krabben, bunte Anemonen, winzige Seesterne und Schwämme.

Wir hören die schlürfenden Geräusche der Muscheln, die am Fels kleben. Claude stellt mir ein seltsames Wesen vor, eine Syngathe, auf Deutsch Seenadel. Wie die Seepferdchen gehört sie zu den Knochenfischen, auch wenn sie wie eine Kreuzung aus winziger Schlange und Rüsseltier wirkt. Die Syngathe ist schwer davon zu überzeugen, für einen Moment ihr Habitat zu verlassen, damit Claude sie mir zeigen kann. Mein Entzücken bedeutet ihr nichts.

Das Wasser steigt blitzschnell. Grande marée, Springflut.

Vor zwei Jahren habe ich sie in Saint-Malo erlebt, als das Meer an meine Tür klopfte. „Wir können hier nicht blieben“, meint Claude und tritt den Rückweg an. Er in Gummistiefeln, mir hat er Neopren-Schuhe überlassen. Dabei müssen wir aufpassen, denn auf dem steinigen Gelände rutscht man hin und wieder über Algenteppiche. Ein ganz großes Thema in diesem Teil der Bretagne, nicht das Rutschen, sondern die Algen. 300 verschiedene Arten! „Die roten Algen kann man essen“, meint Claude.

Claude, der Mann des Strandes

Algen werden seit jeher in der Bretagne gesammelt und getrocknet. Einst benutzte man sie zum Beispiel auf der Insel Ouessant, um im Winter die Felder abzudecken und schätzte ihre antibiotische Wirkung. Sie dienten als Brennstoff und werden heutzutage in Bindemitteln und Dämmstoffen eingesetzt – abgesehen davon, dass sie zunehmend auch in der Küche landen.

Auf dem Rückweg treffen wir Strandfischer: Erwachsene und Kinder, Männer und Frauen. Die einen sammeln Muscheln, andere Garnelen. Gerne zeigen sie Claude ihre Beute, der bei den Garnelen sogar die passende Schablone für die Größe in der Tasche hat. Denn sie sollten schon über sechs Zentimeter lang sein, sonst müssen sie wieder zurück. Mindestgrößen für den Fang gibt es am Strand genauso wie draußen auf dem Meer.

Claude kennt sie alle.

Zu guter Letzt trifft Claude noch zwei Bekannte, die einfach Muschelschalen sammeln, um sie gestalterisch zu verwenden. Leute, die in Trez-Hir nur spazieren gehen, scheint es an diesem vernieselten Septembertag nicht zu geben. Es wird Zeit. Ich verabschiede mich von Plougonvilon, vom Strand und von Claude.

Meine Reise geht weiter. Nach La Conquet und zu den Inseln Ouessant und Molène. Zu anderen Leuchttürmen. Und sie führt mich an ein Ende oder einen Anfang der Welt, der noch wilder, noch magischer ist.

Text und Fotos: Elke Weiler

Kleine grüne Krabbe, perfekt getarnt.
Ausbeute
Adieu, Trez-Hir! Bonne chance, ihr Strandfischer!

Mit Dank an Tourisme Bretagne, die zu dieser individuellen Recherchereise eingeladen haben.

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  1. Frau Marion Rotter

    Ein sehr schöner Artikel! Gerne gelesen!

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