Nichts als Molène

Die Wege sind schmal auf Molène. Manchmal frage mich, wo das Private beginnt und wo der öffentliche Bereich endet. Ich bin zu Fuß unterwegs, Räder oder gar Autos sind auf nur 75 Hektar Fläche überflüssig. Vor allem an Tagen wie diesen. Da wirkt die kleine Schwester der Île d’Ouessant ebenso hübsch wie gemütlich, ja intim.

Als wir in Le Conquet auf dem Festland ablegten und mit dem Zodiac von Christel und Lucky Péron über die Wellen brausten, sah es noch nach Regen aus. „Seht ihr die Strömungen?“, hat Christel gefragt, die genau wie ihr Mann jeden Leuchtturm, jeden Fels und jeden Vogel des Meeres-Naturparks Iroise kennt. Gefühlt jedenfalls.

Au revoir, Küste!

In der Iroise prallen Atlantik und Ärmelkanal aufeinander, es muss also bewegt sein. Und stellenweise gefährlich. Navigieren will hier gelernt sein. Schon bald sehen wir, wie gut Christel und Lucky es mit dem Zodiac können. Und vor allem, wen sie alles persönlich kennen. Mitten im Strömungsbereich bewegt sich etwas Graues, Glänzendes, Bogenförmiges. Delfine! Darunter auch Mütter mit ihren Kälbern.

Christel nennt sie alle beim Namen.

Sie pfeift, ruft, lockt sie an. Und sie bedankt sich für jede Darbietung, jeden Tanz auf dem Wasser. Geschätzt eine Viertelstunde dauert die Performance. „Sie lieben es, in der Strömung zu spielen“, erklärt Christel, die das schon zig Mal erlebt hat. Deren Augen immer wieder vor Freude leuchten, wenn sie den Delfinen begegnet.

Delfine! Ganz nah!

Wir drehen ab, als unsere neuen Bekannten verschwinden, und schauen uns den Küsten-Leuchtturm Phare de Saint-Mathieu vom Wasser aus an. Ich kenne ihn bereits, bin sogar hinaufgestiegen, an einem grauen Tag mit tief hängenden Wolken. Ich schaue zum Himmel: Wird es bald regnen?

Alle sind gut eingepackt. Und so steuern wir den rot-weißen Phare des Pierres Noires an, der auf schwarzem Felsgestein thronend seit dem 19. Jahrhundert den gewaltigen Kräften des Meeres trotzt. Christel und Lucky wissen natürlich auch, wo die Robben sind. Dort, unterhalb des Felsens der Kormorane. Lucky drosselt das Tempo, und einige Tiere recken ihre Köpfe aus dem Wasser.

Dunkle Knopfaugen mit großen Fragezeichen.

Auf dem Rückweg werden wir ihnen einen weiteren Besuch abstatten. Und wir werden sehen, welche optischen Täuschungen das auflaufende Wasser in Kombination mit der Strömung rund um einen Felsen erzeugen kann. Plötzlich wird es so aussehen, als sei der dunkle Stein beweglich, als düse er wie ein Schiff vor unseren Augen weiter. Als wäre es nicht das Meer, das sich um ihn herum bewegt.

Christel weiß alles.

Die ersten Tropfen fallen, und Lucky setzt das Boot wieder in Gang. Hoffnung kommt auf, als wir uns Molène nähern. De Himmel reißt auf, die Sonne lacht über der Insel. Und dank des flotten Tempos – wir fliegen quasi über die Wellen – haben wir Moléne erreicht, bevor wir die Kälte auf dem Boot zu spüren kriegen.

Plötzlich ist alles anders, der Sommer ist zurück, der Wind abgeflaut. Das Meer flach, blaugrün, unaufgeregt. Algenbüsche bewegen sich sachte im klaren Wasser. Und uns wird allmählich heiß unter den schützenden Windjacken. Nacheinander klettern wir aus dem Boot, außer mir sind nur französische Gäste an Bord. Wir dürfen unsere Jacken bei Christel und Lucky am Steg lassen, um die Herbstsonne in vollen Zügen zu genießen.

Und plötzlich Sonne.

Unsere Begleiterin will noch wissen, wer denn heute schwimmen wolle? Doch selbst im Sommer erreicht das Meer keine Badetemperaturen, geschweige denn im Herbst. Weiß leuchtet der verwaiste Sand, die Häuser der ersten Reihe schmiegen sich ins Halbrund der Bucht – wie ein Amphitheater, das den Anreisenden wohlwollend empfängt. Was für eine Idylle, was für eine Abgeschiedenheit.

Auf eine Galette

Nach der Fahrt übers Meer verspüre ich ein leichtes Hungergefühl. Es zieht mich zur einzigen Crêperie der Insel. Christel hat uns darauf aufmerksam gemacht, am besten schon von Le Conquet am Morgen anrufen, um hier einen Tisch zu reservieren. Was ich etwas holprig auf Französisch geschafft habe. Ansonsten besteht auch die Möglichkeit, in der „Friterie Chez Rachel“ am Hafen eine Kleinigkeit zu essen.

Nebensaison

Doch mich locken die Galettes von Caty Tual. Sie bietet unter anderem Varianten mit Algen an! Also gehe ich munter drauf los, schlage die Richtung ein, die Christel angezeigt hat, wandere durch die Gassen des Dorfes und dann hinaus ins Grüne. Die Crêperie trägt den poetischen Namen „Le Vent des Îles“ und liegt in der oberen Ecke der Insel.

Alle sitzen draußen in der Sonne, ich treffe sogar alte Bekannte wieder, einige meiner Mitmatrosen. Zur La „Skréo“ galette à la saucisse de Molène, ein Buchweizenpfannkuchen mit einer Algen angereicherten Wurst, passt ein Cidre vortrefflich. Zum Dessert eine Crêpe mit Äpfeln und ein Kaffee – die beste Voraussetzung, um weiter über die Insel zu rollen.

Gehen oder bleiben?

Ich rolle und rolle und rolle. Schaffe ich die Inselumrundung? Irgendwann bin ich mir nicht mehr sicher. Wegen der Uhrzeit. Ob sie mich einfach hier lassen würden? In dieser Abgeschiedenheit? Warum nicht. Leider haben die Leute aufgegeben, die das Hotel mit Restaurant direkt an der Bucht führten. Vielleicht wäre spontan ein chambre d’hôte bei netten Insulanern zu finden.

Nichts tun.

Lieber drehe ich um, trete den Rückweg an, erkunde den nördlichsten Punkt der Insel. Probiere die reifen Brombeeren, schaue nach Ouessant, während um mich herum die Stille wohnt. Auf dem Rückweg kommt mir Christel entgegen und fragt, was ich gemacht habe. Man bekommt ja langsam das Gefühl, die halbe Insel zu kennen.

Auf einer Bank vor dem vermutlich einzigen Haus mit Wandmalereien lasse ich mich nieder. Ein einsamer, stöbernder Hund nähert sich röchelnd. Er schnuppert kurz, doch bin ich wohl nicht weiter verdächtig, so dass er seinen Kontrollgang fortsetzt. Algen trocknen in der Nähe des Kais, ein Mann dreht versuchsweise einen Haufen um, unterbricht seine Arbeit und unterhält sich mit zwei Anderen.

Wo die Musik spielt.

Heute leben keine 150 Menschen mehr auf Molène, dafür viele Zweitwohnsitzer. In den 60ern des letzten Jahrhunderts waren es noch über 500 Einwohner. Wie lebte man einst auf der Insel? Die Männer widmeten sich dem Fischfang, während die Frauen Seetang sammelten, um das begehrte Soda daraus zu kochen. Die ganze Iroise ist reich an Algen, so dass auch heute noch fleißig geerntet wird.

Noch herrscht Ebbe.

Einige Boote liegen im Sand, trockengefallen, Möwen spazieren zwischen ihnen hin und her. Ein Fischer nutzt das Niedrigwasser, um sein Boot am Strand zu streichen. Molène hat nicht die Möglichkeiten, nicht das Leben von Ouessant, doch es braucht sie auch nicht. Moléne ist eine Oase im Archipel. Zumindest an Tagen wie diesen.

Was für ein Meer.

Die Gesprächsfetzen aus der „Friterie“ dringen kaum zu mir. Es passiert nichts. Bis ein Mann beginnt, Gitarre zu spielen. Irgendwo im Hafen. Bis die Kirchenglocke zur vollen Stunde schlägt. Bis sich die Wolken fantasievoll am blauen Himmel türmen. Und ich plötzlich Lust habe, mich in den Sand zu werfen. Hier zu bleiben.

Einfach nichts zu tun.

Text und Fotos: Elke Weiler

Santé!

Infos zum Ausflug

Christel und Lucky veranstalten Bootstouren unterschiedlicher Länge, um die Flora und Fauna des Meeres-Naturparks Iroise zu erkunden, die von Wasser umgebenen Leuchttürme aus der Nähe zu betrachten und Zeit auf der Île de Molène oder auf der Île de Sein zu verbringen.

Siehe alle Möglichkeiten unter Archipel Excursions. Christel spricht übrigens auch Englisch während der Touren – für alle, die kein oder nur wenig Französisch verstehen.

The show can go on.

Mit Dank an Tourisme Bretagne, die zu dieser individuellen Recherchereise eingeladen haben.

  1. ingrid.weiler42@gmail.com

    Wie schön,Delfine so aus der Nähe zu sehen

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