Auf Tapas-Recherche

Planlosigkeit mitten im Barri Gòtic. Durch welche hohle Gasse werden wir gehen? Nicole weiß Bescheid. Ich treffe sie vor der Kathedrale Seu, wo sonst. Kennzeichen: gestreifte Strumpfhose.

Nicole kennt Barcelona wie ihre Westentasche, sie lebt schon lange hier. Ihr Mann ist Halbspanier, die Kinder sind hier aufgewachsen. Genauer gesagt in einem katalanischen Dorf namens Cardedeu. Schneebekrönte Berge im Hintergrund, und keine Entfernung nach Barcelona oder ans Meer.

Nicole arbeitet in der katalanischen Hauptstadt als Marketerin und bloggt auf Freibeuter Reisen. Ich freue mich, dass sie Zeit für mich hat.

Meeting mit Nicole in Barcelona.

Mehr als das. Fürsorglich wie eine Mutter füttert Nicole mich erst einmal mit „Panellets“ ab. Sie erzählt mir, dass am Abend des 31. Oktobers nämlich nicht Halloween, sondern die „Castanyada“ gefeiert wird, ein katalanischer Brauch.

Man trifft sich mit Freunden und verspeist Maronen, Süßkartoffel und eben jene Panellets bis zum Umfallen. Ich beiße hinein, in einen von Pinien ummantelten Marzipankeks. ¡Muy rico! Köstlich, saftig und nicht zu süß.

Währenddessen laufen wir durch die Altstadtviertel Barri Gòtic und Born. In letzterem habe ich vor einigen Jahren schon einmal gewohnt, und mit Nicole an der Seite entdecke ich mein Lieblingsviertel neu.

Nicht schlecht, diese Panellets!

So zeigt sie mir zum Beispiel den Mercat de Santa Caterina, den sie lieber mag als die bekannte und inzwischen auch sehr überlaufene Boquería. Ich erzähle ihr von meiner Tapas-Recherche und sie sagt: „Am besten sind die Bars, in denen die alten Männer sitzen.“

Kein Design, einfaches Mobiliar, kein Schnickschnack. Im Mercat de Santa Caterina finden wir so eine Bar und probieren Spinatomelett. Ringsherum nur Einheimische. Mehr kann ich nicht essen, denn schon bald startet meine offizielle Tapas-Wanderung.

Da ich schon befürchte, dass dabei mehr gegessen als gewandert wird, muss ich den Platz im Bauch schon mal vorreservieren. Das restaurierte Marktgebäude, das in 2005 mit einer wunderbar geschwungenen Dachkonstruktion gekrönt wurde, müsste man eigentlich von oben betrachten.

Vor dem Mercat de Santa Caterina in Born.

Dort wuchern nämlich Farben und Formen – in Anspielung auf die Schätze des Mercats. Nicole und ich ziehen weiter, bewundern die grünen Plätze von El Born, und mein Privatguide führt mich zu „L’Hortet del Forat“ – ein Projekt der Anwohner rund um den Platz Pou de la Figuera.

Sie wollten dem urbanen Schandfleck und dem Bau eines Parkhauses etwas entgegensetzen und schufen einen Garten und Spielplätze. Plötzlich ein Aufschrei. Eine Freundin aus Nicoles Dorf fällt ihr um den Hals. So setzen wir uns noch eine Weile zu Montse und ihrem Mann Marc an den Tisch, die auf Stadtvisite sind.

Mir fällt es schwer, mich von der netten Clique loszueisen, doch die Tapas-Leute sollen nicht auf mich warten müssen. Also laufe ich quer durch Barcelona zum Treffpunkt nahe der Universität.

Am schönsten ist es mit Einheimischen!

Guide Mireia ist schon dort und auch die anderen Teilnehmer. Zwei Nordamerikanerinnen, ein englisches Paar und zwei Jungs aus Norddeutschland. Natürlich ist 17 Uhr nun nicht gerade eine gängige Zeit für die Tapas-Runde. „Man trifft sich üblicherweise gegen 21 Uhr“, meint Mireia.

Doch alle sind gut drauf, wenn auch nicht sonderlich hungrig. Erst einmal lerne ich das typische Brot der Gegend kennen: „Pa amb tomàquet“. Geröstete Weißbrotscheiben, mit Tomatenfleisch berieben. Ein bisschen Olivenöl drüber, fertig ist die Köstlichkeit.

Aber es kommen nicht irgendwelche Tomaten aufs Brot, nein! „Dafür kann man nur eine einzige Sorte verwenden“, klärt uns Mireia auf. Und diese zeigt sie uns auf dem Markt Boquería. Dort hängen die „Ramellets“-Tomaten, die nicht so groß und auch nicht so rot sind wie etwa Fleischtomaten.

Tomatenbrot, pa amb tomáquet - so einfach wie lecker!

Wir drängeln uns zwischen den ganzen Fans der Boquería hindurch und laufen ein Stück über die Rambla, um dann ins Barri Gotíc einzubiegen. Auf eine Frage der US-Girls hin führt uns Mireia in den Laden mit der längsten Torró-Tradition.

Natürlich dürfen wir probieren, während im Hintergrund „White Christmas“ läuft. Die Nougatbrocken wären typisch für die Weihnachtszeit, so Mireia. Wir laufen weiter über die Calle Petritxoll, die mal die erste Fußgängerzone Barcelonas war. „Hier flaniert man sonntags, wirft einen Blick in die Galerien und trinkt eine heiße Schokolade.“ Nun strahlt Mireia aber. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass sie sich auf den Winter freut.

Sie zeigt uns die beiden besten Granjas der Stadt, die genau in dieser Gasse zu finden sind: La Pallaresa und Dulcinea. Hier frönt Barcelona also dem Süßen, Churros & Schokolade, und ich weiß, was ich am nächsten Tag machen werde – außer Barceloneta, Strand und Paella.

Turrón in allen Varianten.

Die nächste Tapas-Bar kommt bestimmt.

Und sie trägt den verheißungsvollen Namen „Xaloc“ für Südost-Wind. Wir sind im ehemaligen jüdischen Viertel von Barcelona gelandet. Mireia stellt uns unter anderem „Escalivada“ vor, und die Vegetarier unter uns freuen sich wie Bolle: Gemüse, Gemüse!

Zwiebel, Paprika und Aubergine, geröstet, aber kalt auf Brot serviert. ¡Muy rico! Na ja, und dann die ganzen frittierten Bällchen, die wie Mini-Bomben aussehen und teilweise auch so heißen. Mit Fisch oder Fleisch drin.

Ich bin übrigens der allergrößte Fan von Pimientos de Padrón, grünen Paprikaschoten, in Olivenöl gebraten und mit grobem Meersalz bestreut. Der Hammer. Doch ich habe einen Verdacht: Die Dinger machen munter. Im „Xaloc“ sind sie wirklich sehr gut.

Gemüse, Gemüse! Oder Escalivada.

Auf unserem weiteren Weg durch die Altstadt führt die Route geradewegs in mein Lieblingsviertel, das auch das von Mireia ist: El Born. Dort sind schon wieder Musiker unterwegs, wie könnte es in Barcelona auch anders sein.

Einer von ihnen wirkt leicht entrückt, als er einen der Norddeutschen auf Englisch anspricht: „Geld oder Frau!“ Sein Blick fällt auf mich. Ohne mit der Wimper zu zucken, antwortet der Co-Tapas-Tester, sagen wir, er heißt Florian oder Fabian: „You can have her!“

Ich schaue dann mal, dass ich mich vom Acker mache, um die folgenden Schrecksekunden zu nutzen. Der Musiker hatte damit nicht im Entferntesten gerechnet. Die Sache entwickelt sich zu einer beliebten Geschichte in puncto norddeutscher Humor und Skrupellosigkeit.

Jedenfalls hat das englische Pärchen seinen Spaß, als wir ihnen brühwarm darüber berichten, während wir uns im letzten Tapas-Lokal die baskischen Häppchen schmecken lassen. Und die heißen nun Pintxos und sind einfach anders. Eher raffiniert, um nicht zu sagen elaboriert.

Meine Tortilla ist nicht einfach ein Kartoffelomelett. Sondern „Tortilla de patatas con queso y anchoa“, also mit Käse und Sardellen. Auch das Häppchen mit Gemüse-Frischkäse und einem Aufstrich aus Pimientos und getrockneten Früchten. Oder das warme Würstchen Txistorra. Dazu ein Gläschen Cava.

Alles in allem: ¡Muy rico!

Text und Fotos: Elke Weiler

  1. … mmmmhhhhh, liebe Elke, Churros mit Zimt und Zucker … dafür sterbe ich! Genauso wie für Piementos de Padron, Tomatenbrot und, und, und … ich will nach Barcelona!!!
    Viele Grüße
    Martina

  2. Bei diesen Tapas bekomme ich Lust sofort nach Barcelona aufzubrechen! Oder mich in einen Food-Blogger zu verwandeln 🙂 Toller Tipp mit den alten Männern!

  3. Liebe Elke …. mmmmm Pimientos de Padrón, grünen Paprikaschoten, in Olivenöl gebraten und mit grobem Meersalz bestreut, dass beste und leckerste was es gibt. Also die Lust auf Barcelona hast Du wieder geweckt, lieben danke dafür.
    LG sendet Dani

  4. Oh wie schön (und lecker 🙂 )! Da wäre ich gerne dabei gewesen… Freut mich auch, dass Nicole und du euch mal kennen gelernt habt 🙂 Vom Mercat de Santa Caterina habe ich noch nie was gehört – wird gleich mal für meinen nächsten Barca-Trip notiert! LG Martina

    • Ja, genau! Zu dritt wär’s noch lustiger gewesen! Und den Mercat zeigt dir die liebe Nicole bestimmt gern beim nächsten Mal, das vermutlich schon eingeplant ist… 😉

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  7. Ahhh, noch mehr Pimientos de Padrón-Liebhaber, Mensch, da könnt‘ ich sonst was für tun!

    Klasse Artikel mit tollen Infos, Elke. Einen Tipp könnte ich beisteuern: Das El Vaso de Oro im der Carrer de Balboa, eine Privatbrauerei mit göttlichem Bier und leckeren Tapas!

    Beste Grüße, Wolfgang

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