Menschen Nordfriesland

Der Tanz der Wasserbauer

Es ist noch früh am Morgen, als sich die Männer vom Küstenschutz in der Baracke einfinden. Wir stoßen als letzte dazu, der Fotograf Ralf und ich, nicht ganz wach zu dieser Zeit. Ob wir einen Kaffee wollten? Nein, danke. Im Watt wird es keine Toilette geben.

Nun sitzen wir erst einmal alle zusammen im Werkschuppen hinterm Deich. Die Männer reden und scherzen, das tägliche Ritual, bevor es an die Arbeit geht. Man kennt sich, arbeitet seit Jahrzehnten zusammen. Die Stimmung ist locker, vergnügt. Schließlich gehen alle in die Umkleide und streifen sich am Ende noch die Wattstiefel über, überdimensionierte Overknees in Khakigrün. Auch wir.

Arbeit an Lahnungen
Hohe Stiefel sind praktisch.

Einer der Küstenschützer trägt zusätzlich eine Watthose, und das nicht ohne Grund. Die vier Männer stiefeln durch das noch von der letzten Flut stehende Wasser über Schlick- und Sandflächen, wir hinterher. Natürlich kennen sie die Gegend wie ihre Westentasche. Insgesamt sei das Watt bei Uelvesbüll recht fest, andere Küstenschützer hätten da mehr Pech, sagen sie. Und geben uns Ungeübten gute Tipps, damit wir nicht steckenbleiben oder den Halt verlieren. „Immer schön die Hände aus den Taschen!“ Das hilft wirklich, um im Falle eines Falles das Gleichgewicht zu behalten.

Einer sondert sich ab: Dietmar Jessen erhält einen Anruf und dreht postwendend um. Er wird heute Grassamen auf einem Deichstück aussäen. Kahle Stellen haben sich gebildet, wo Treibgut längere Zeit gelegen hatte. Es ist essentiell, dass der Deich schön fest ist. Das bleibt er durch eine funktionierende Grasnarbe und den Tritt der Schafe, quasi Mitarbeiter im Küstenschutz. Letztere bevölkern auch den Deich bei Uelvesbüll und kürzen fleißig das grüne Haar des Deichs, während die Männer weiter durch Schlick, Sand und Wasser stapfen.

Küstenschutz
Alle einsteigen, bitte!

Bald haben wir die kleine Schute erreicht, ein flach im Wasser liegendes Transportboot ohne Motor. Alle klettern an Bord, mit Stöcken stoßen sich die Männer vom Grund ab. Das Ziel ist eine große Schute, ein ausrangiertes, älteres Schiffsmodell, ebenfalls nicht motorisiert, das im Husumer Lager mit Bündeln aus Fichtenzweigen befüllt, zur entsprechenden Stelle an der Küste geschleppt und dort verankert wurde – als lokales Lager.

Faschinen heißen die Bündel, die von den Männern nach und nach auf die kleine Schute umgefüllt werden. Diese schiebt nun der Mann mit Watthose und Sonnenbrille, Jörg Jagsdorf, durchs Wasser, während Marco Petersen im halbwegs Trockenen abspringt und das Boot zieht. Kurz bevor sie ihre angepeilte Position erreicht haben, geht auch Rolf Ehlers von Bord.

Alles Handarbeit.

Nun beginnt die eigentliche Arbeit, die längst nicht so alt wie der Deichbau ist. Früher begann man bei Deichabschluss mit dem Lahnungsbau. Die Lahnungen sehen aus wie trockenes Buschwerk in Reih und Glied: Sie bestehen aus Pfählen und Faschinen und zeichnen ein Riesengitter ins Watt. Lahnungsfelder werden im rechten Winkel zum Deich errichtet. Dazwischen heben die Küstenschützer Gräben aus, sogenannte Grüppen, damit das Wasser auch noch in den aufgeschlickten Bereich eindringen kann.

Vom Klopfen und Nähen

Die Lahnungen sollen die Verlandung vor den Deichen beschleunigen, Wellen brechen, eventuelle Strömungen in Küstennähe unterbrechen. Steht man bei Ebbe auf dem Deich, sieht das Lahnungsfeld wie ein Beet am Meeresboden aus. Erste zarte Pflanzen wachsen: Queller, auch der Spargel des Meeres genannt. Schmeckt übrigens vorzüglich im Salat.

Früher gewann man durch den Deichbau neues Land, die Halbinsel Eiderstedt ist so aus drei Inseln entstanden. Doch seit 1954 dient der Deichbau nur mehr dem Küstenschutz. So müssen die gelernten Wasserbauer auch keine neuen Lahnungen mehr anlegen, sondern nur die alten ausbessern. Von April bis November arbeitet der Trupp draußen vor Uelvesbüll, immer an der frischen Luft, bei fast jedem Wind und Wetter. Sie ziehen morsche Pfähle heraus, rammen neue in den Boden. „Letztes Jahr gab es Schäden durch Eisschollen“, meint Rolf Ehlers. Schätzungsweise 1.500 Pfähle müssen erneuert werden. Sie hören beim Schlagen gegen einen Pfahl am Klang, ob er morsch ist.

„Und alle drei bis vier Jahre muss eine Lahnung nachgepackt werden.“ Genau das wollen sie heute tun: Auf einem Abschnitt die Füllung aus Reisigbündeln verdichten. Dazu lösen die Männer mit geübten Griffen das Seil, das später wieder um die Lahnung genäht wird. Einer läuft über das alte Material und drückt es hinunter. Die frischen Faschinen werden obendrauf gepackt, und der amüsante Teil beginnt: Die drei Männer stellen sich nebeneinander auf die Lahnung, einer gibt das Kommando, und dann springen sie gleichzeitig hoch, immer wieder.

Der Tanz der Wasserbauer. Stück für Stück arbeiten sie sich vor. Als die Strecke fertig „geklopft“ ist, nähen sie mit einem Spezialwerkzeug die noch funktionstüchtige Kordel wieder auf, die auf den Pfählen mithilfe von Klammern straff gespannt wird, immer quer über die Bündel. Schließlich muss das Konstrukt sämtlichen Stürmen, Fluten und eventuellem Eisgang im Winter trotzen.

Am Ende herrscht Ebbe. Die kleine Schute wird verankert und an zwei Seiten festgezogen, damit sie bei auflaufender Flut nicht davon schwimmt. Zu Fuß geht es zurück zum Deich, das obere Ende der Wattstiefel lässig hinunter geklappt. In der Baracke werden die Stiefel ordentlich abgespült, denn Schlick gilt als gut haftende Materie.

Der Klimadeich kommt

Es war vor Uelvesbüll, als das einzige Stück der Eiderstedter Deiche brach, damals, mit der großen Sturmflut von 1962. Auf einer Länge von fast 100 Metern fraß sich die Nordsee ins Land, überflutete den ganzen Koog. Doch im Gegensatz zu Hamburg forderte die Flut in Schleswig-Holstein keine Menschenleben. Doch unzählige Abschnitte der Deiche waren zerstört oder beschädigt, so dass man im großen Stil erneuern, verstärken, erhöhen musste. Das nimmt nie ein Ende.

Küstenschutz im Watt
Nähen mit Riesennadeln

Der Meeresspiegel steigt unablässig – durch die Klimakrise viel rascher als gedacht. Wieder steht Uelvesbüll eine Veränderung bevor: Ab diesem Jahr soll hier einer der neuen Klimaschutzdeiche gebaut werden. Das bedeutet nicht nur eine Erhöhung, sondern vor allem ein flacheres Profil sowie eine breite Kappe, die schon die nächste Erhöhung miteinkalkuliert.

Mit dem Bau haben die Küstenschützer nicht direkt zu tun, doch sie sind bestens im Bilde: Zur Außenseite darf der Deich aus Naturschutzgründen nicht gebaut werden, also wird der Platz vom Koog weggenommen. Ackerflächen werden verschwinden, und auch ihr Werkschuppen soll weiter wandern. „Wo wir jetzt sitzen, steht bald der neue Deich“, sagen sie. In der Zeit des Baus werden sie trotzdem ihrer Arbeit nachgehen.

Anker im Watt
Denn die Flut wird kommen.

Wasserbauer gelten gemeinhin als Allrounder. So waren sie bereits bei den Überschwemmungen im Herzog-Lauenburg helfend unterwegs, als die Elbe 2013 für ein Rekord-Hochwasser sorgte. Sie haben Archäologen bei der Bergung eines spanischen Schiffs unterstützt. Und sie bergen neben Tierkadavern auch schon mal Munition oder Drogen aus dem Watt, wenn nötig. Ganz abgesehen von dem Plastikmüll im Wattenmeer.

Und wie so oft heißt es: „Luftballons sind ein riesiges Problem.“

Text und Fotos: Elke Weiler

Küstenschutz vor Uelvesbüll
Das wunderbare Watt

Ich war im letzten Jahr für die Recherchen zum Buch „Leben am Wattenmeer“ (Bruckmann Verlag, überall im Buchhandel erhältlich) mit den Küstenschützern unterwegs. Viele weitere Geschichten findet ihr im Buch.

Mehr Lesetipps im Blog? Zum Beispiel Sommer in Nordfriesland, auf Tour mit dem Krabbenfischer oder der letzte Leuchtturmwärter von Westerhever.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

4 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar Franziska sagt:

    Da kommen wieder Erinnerungen an dieses eine Jahr in Husum und Umland empor. Es ist sehr schön, immer mal wieder hier bei dir dann über diese Region zu lesen. Manchmal vermisse ich diese Zeit, und das mir als Schwabenkind mit Gebirgsschotter im Blut! Lach.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende für euch!

    Franziska

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