Dicke Büddels

Am Fähranleger auf Nordstrand löse ich ein One-Way-Ticket nach Pellworm. Die Verkäuferin fragt noch, ob es auch wirklich nur eine Hinfahrt sein soll, und ich nicke. Der Fotograf Ralf und ich nehmen die zweite Fähre des Tages, die um 8.40. Am Anleger in Pellworm warten sie schon: Stefen, der Kapitän der „Maja“, und sein Bootsmann Nico.

Wir steigen von Schiff zu Schiff und fühlen uns ein bisschen wie zwei, die per Anhalter zur See zu fahren. Stefen wechselt noch drei Worte mit dem Fährmann, dann legen wir ab. Seit Sonntag um sechs Uhr sind die Krabbenfischer on tour, als wir am Dienstagmorgen zusteigen. Der Morgen verspricht einen warmen wie windstillen Tag, einer der vielen dieses Wahnsinns-Sommers, der nun zu Ende ist.

Schiff ahoi!

Nico wirft einen kleinen Krebs zurück ins Wasser, der mit den Krabben an Bord gelangt ist. Wir können zusehen, wie er immer tiefer sinkt, so klar ist das Wasser. Kein Grund zur Freude für die Männer. „Die Nordsee muss grau sein“, meint Stefen, einer von sieben Pellwormer Fischern. Nun sind sie schon seit drei Tagen unterwegs, doch der Fang wird eher mager ausfallen.

„Es müsste mal drei Tage Sturm geben“, wünscht sich der Kapitän. Wellen, die das Wasser aufmischen. Trübes Wasser, um die Krabben aus ihren Verstecken zu locken. Während Nordfriesland über den Sommer jubelt, ziehen die Krabbenfischer von einem Priel zum nächsten. Aktuell haben sie auf der Norderhever, einem breiten Gezeitenstrom, ihre Netze ausgeworfen.

Einer der beiden Baumkurren

Was für ein Perspektivwechsel. Zur einen Seite leuchtet Süderoogsand grellweiß im Mittagslicht, der größte Außensand Europas. Zur anderen ragt der Leuchtturm von Westerheversand wie ein Winzling in die Höhe, und die Dünen von Sankt Peter-Ording wirken aus der Entfernung wie Kreidefelsen. Die Küste, eine Fata Morgana. Unsere Wirklichkeit bilden das Meer und die Kutter um uns herum.

Immer wieder greifen die Krabbenfischer zum Fernglas, um ihre Kollegen zu identifizieren, mit denen sie sich über Funk verständigen können. Zwar sehen sie jedes Schiff im Umkreis von zehn Meilen auf dem Radar, doch das befriedigt die Neugierde nicht. Drei Tage auf dem Wasser, immer im selben Rhythmus. „Irgendwann wird es langweilig.“ Stefen Koch fährt unter kapverdischer Flagge – ein Witz, doch die Wasserpolizei reagiert nicht.

Die Kapverden sind weit weg in dieser Realität aus Wasser, Wolken und Krabben.

Auf diesem Meer, das heute so still ist. Auf diesem Boot, in dem quasi jeder Zentimeter Platz auf den Krabbenfang ausgerichtet ist. Dessen seitliche Baumkurren wie Flügel übers Wasser schweben, bis sie herabgelassen werden, auf den Grund des Meeres. Jetzt heißt es aufgepasst. Ab und an muss der Kapitän die Kurren wieder ein Stück höher bringen.

Im Führerhaus des Kutters

Er kann das Profil des Bodens auf der Anzeige des Echolots erkennen und wird so auf jede Unebenheit aufmerksam. „Das kann ein Wrack sein oder eine Bombe. Irgendein Müll auf dem Boden.“ Eine Weile fährt die „Maja“ mit reduziertem Tempo weiter, dann ziehen sie die Netze wieder hoch.

Es regnet Meerwasser. Nico steht in Anglerhosen mittendrin, er hat sich längst seine Kapuze über den Kopf gezogen. Dicke Büddels, wie man sich unter Fischern wünscht, gibt es nicht, die Netze sind nicht gerade prall gefüllt. Nico löst erst den rechten, dann den linken Knoten über dem Trichter.

Dicke Büddels?

Die Sortierung des Fangs beginnt sogleich: kleine Krebse, Seetang, schwarze Torfstückchen, Muschelschalen, Plastik, Holzstücke und ein kleiner Wittling gehen gleich wieder über Bord. „Der macht uns Probleme“, sagt Koch über den silbrig glänzenden Fisch. Fresskonkurrenz sozusagen, wenn es um die Nordseegarnelen geht.

Im letzten Jahr habe er sich explosionsartig vermehrt und die Krabben schon vertilgt, bevor sie groß genug für die Fischernetze waren. Dadurch gab es kaum Krabben auf dem Markt, und die wenigen waren sehr teuer. Für Stefen sind Nordseegarnelen eine Delikatesse. Ihm ist es lieber, einen guten Preis pro Kilo zu erhalten, als mit großen Mengen für Preisverfall zu sorgen.

Nico kocht.

So wie das 2011 gewesen ist. Da hatten sie mal über 5.000 Kilo an zwei Tagen gefischt. „Es war schrecklich“, meint der Kapitän. Irgendwann lief der Kühlraum im Bauch des Schiffes über. Und nicht nur bei ihnen. Die Großhändler bezahlten zwei Euro pro Kilo, damit konnte kein Kapitän seine Kosten decken. Was folgte, war ein länderübergreifender Streik.

Die Krabbenfischer aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein gründeten im Jahr darauf eine Erzeugergemeinschaft mit Sitz in Cuxhaven. Wenn sie heute den Fang auf Nordstrand löschen, wird die Ware in Büsum gesiebt und geht dann erst weiter nach Holland. Am Ende der Woche erfährt Koch den Preis pro Kilo, zuletzt hat er bei 9,50 Euro gelegen.

Große Wäsche

Des Krabbenfischers Traum wären eigene Pulmaschinen der Erzeugergemeinschaft. In den Niederlanden habe man bereits in derartige Schälmaschinen investiert, irgendwann werde die Ware wohl nicht mehr im stark konservierten Zustand nach Marokko, Polen oder Weißrussland zum Pulen und wieder zurück transportiert.

Ein neuer Fang wird eingeholt. Wieder tropft es vom Himmel, prasseln Krabben und Tang in den Trichter. Die nächsten Schritte sind Nicos Job, unterstützt von Sortiermaschinen, einem riesigen automatisch betriebenen Kochtopf und viel Nordseewasser. Darin werden die Garnelen gekocht, gespült, das Deck gesäubert.

Überall ist Wasser.

Ringsherum sowieso, auf dem Schiff und über dem Schiff, wenn die Netze gehievt werden. Ein Wunder, dass die Männer noch keine Schwimmhäute angesetzt haben. Nico und Stefen witzeln auf Plattdeutsch, der Umgangston an Bord ist nicht gerade zimperlich. Sie probieren die Krabben, lösen geübt das Fleisch vom Panzer, mit zwei Griffen nur. Garnelen schmecken auch noch gut, wenn man tagtäglich damit zu tun hat.

Geschmackskontrolle

Ich frage Stefen nach dem Berufsgeheimnis: Wo sind die Krabben? Natürlich verrät er nichts. Man müsse einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, meint er. „Früher rechnete man sich bei Vollmond und Westwind gute Chancen aus.“ Jahreszeit, Wind und Temperatur spielen eine Rolle. Von Januar bis März sind die Garnelen weiter draußen. „Wenn das Wasser wärmer wird, ziehen sie ins Watt, um an den Wattsockeln zu laichen.“

Crangon Crangon, so die wissenschaftliche Bezeichnung für die Krabbe, ist als sehr spezielles Tier bekannt. „Die machen, was sie wollen.“ Der Kapitän lacht. Sowohl Erfahrung als auch Zufall spielten beim Krabbenfang eine Rolle. Und vier Wochen hintereinander nur Ostwind, das würde das Wasser nicht mögen.

Manchmal finden sie Bernstein.

„Wenn es so bleibt, ist es egal, wo wir lang fahren“, orakelt Koch mit Blick nach draußen. Ohnehin wird es langsam Zeit zurückzukehren. Die Netze sind gehievt, sämtliche Krabben in Kisten im Kühlraum verstaut, und die „Maja“ ist klar zum Löschen der Ware. „Wir müssen nach 72 Stunden löschen“, erklärt der Kapitän und hält Kurs auf Nordstrand.

Dort wartet zum verabredeten Zeitpunkt ein LKW der Erzeugergemeinschaft. Ein weiterer Krabbenkutter liegt bereits im Hafen, es ist Stefens Bruder mit seiner Crew. Die Krabben wandern in Kisten nach oben, und auch wir klettern von Bord, nicht ohne uns für alles zu bedanken. Ich bin froh, mich wieder ein wenig bewegen zu können und verspüre ein leichtes Hungergefühl. Um mich herum immer noch der Duft der Krabben.

Das Ballett der Follower

Text und Fotos: Elke Weiler

Im Juni war es soweit, endlich durfte ich an Bord eines Krabbenkutters. Tausend Dank an Stefen und Nico, die dem Fotografen Ralf Niemzig und mir dadurch bei unseren Recherchen für das Buch Leben am Wattenmeer (Werbelink) geholfen haben, das inzwischen im Bruckmann Verlag erschienen ist. Demnächst werde ich übrigens ein paar Exemplare im Blog verlosen!

Im Kühlraum

Normalerweise ist das Mitfahren auf Kuttern nicht möglich, da die Fischer keine Erlaubnis zur Personenbeförderung haben. Einzige Ausnahme: bei der Kutterregatta in Büsum. Dort gibt es übrigens auch einen Kutter, der grundsätzlich nur Fangfahrten mit Gästen macht, die MS Hauke. Den ganzen Ablauf des Krabbenfischens und Kochens kann man hier miterleben.

Wie nachhaltig ist der Krabbenfang?

Crangon crangon, auch Nordseegarnele, Granat, Porre, Sand- oder Strandgarnele genannt, zählt zu den Zehnfußkrebsen. Die Tiere leben über sandigem Grund im Nordostatlantik, Mittelmeer und Weißen Meer. Bis maximal 9,5 Zentimeter werden sie lang, tragen einen chitinhaltigen Panzer und können sich farblich an den Untergrund anpassen. Bei drei jährlichen Eiablagen kann ein Weibchen bis zu 26.000 Eier im Jahr produzieren. Bestandssicherung ist daher kein Thema, eine Fangquote für Nordseegarnelen existiert nicht.

System der Netze

Umweltorganisationen würden die Krabbenfischerei im Nationalpark Wattenmeer jedoch gerne einschränken bis verbieten. Sie sagen, dass die Krabbenfischerei mit Baumkurren den Meeresboden beeinträchtigt und zu hohen Beifangraten führt. Sie setzen sich für eine Rückkehr der Sandkoralle Sabellaria ein, die einst im Wattenmeer Riffsysteme bildete.

Laut der bereits erwähnten Erzeugergemeinschaft existieren keine wissenschaftlichen Beweise für die Beeinträchtigung des Meeresbodens durch die Krabbenfischerei. Viele Fischer sind bereits im Besitz des MSC-Siegels (Marine Stewardship Council) für nachhaltige Fischerei und benutzen Sieb- und Trichternetze sowie größere Steertmaschen.

Überall ist Wasser.

  1. Liebe Elke,
    habe gerade ganz fasziniert deinen Post gelesen. Ich selbst durfte ein paar Mal mit zum Krabbenfischen raus fahren. Wobei mein Vater hauptsächlich Nachts unterwegs war. Von meiner letzten Tour mit der Nordland habe ich einen Hand großen Bernstein mit nach Hause genommen. Den fand ich einfach so beim Öffnen des „Büddels“.
    Heute geht es für mich wieder Richtung Heimat. Vielleicht spaziere ich bei dir mal vorbei. Bin bis zum 03.10. in Sieversfleth.
    LG Kerstin

    • Liebe Kerstin,

      Das freut mich! Mir hat es sehr gut gefallen auf dem Kutter. Ich frage mich, wie es zum Beispiel bei Nebel ist, wie klein die Welt dann ist. Hast du mal Schweinswale gesehen? Ich freu mich sehr, wenn du mal vorbeischaust!
      Liebe Grüße, Elke

      • Ja, Schweinswale habe ich gesehen. Da bin ich Nachts mit meinem Vater von Tetenbüll nach Rømø gefahren. Morgens beim Sonnenaufgang vor Sylt haben wir eine ganze Schule gesehen.
        Lg Kerstin

  2. Super Bericht! Die Kutter sind bei mir immer noch beliebte Fotomotive. Es sieht einfach toll aus, wenn sie mit ihren Fangarmen übers Meer ziehen oder in der Flussströmung vor Anker liegen. Die harte Arbeit an Bord sieht man dabei leider nicht.

    • Danke dir! Jo, kein einfacher Beruf. Manchmal einsam. Ein bisschen langweilig. (Es gibt einen Fischer auf Amrum, der deswegen noch Salz nebenher macht.) Aber immer auf dem Meer, bei jeder Stimmung.

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