Halligen Nordsee

Hooge – eine Fata Morgana?

Der Ort Schlüttsiel ist unserem Navigationsdienst gänzlich unbekannt. Kein Wunder, besteht er doch nur aus zwei Häusern und einem Hafen. Wir haben ihn trotzdem gefunden – einfach dem Schild “Halligen” folgend.

Schlüttsiel gilt nämlich als Tor zur Halligwelt: Vom Hafenrestaurant blickt man aufs weite Watt und die “Schwimmenden Träume”, wie der Husumer Schriftsteller Theodor Storm die Halligen im 19. Jahrhundert genannt hat.

Hatte er Recht? Schon von weitem wirkt es so, als schwebten die Halligen wie perfekt geformte Landhügel über dem Meer. Eine Luftspiegelung, Fata Morgana?

Die Fee Morgana bewohnte die mystische, unerreichbare Insel Avalon. Doch die Halligen sind erreichbar, dafür sorgen Schiffe wie die “Hauke Haien”.

“Hooge oder Seehundsbank?”, fragt der Kapitän, als wir die Tickets für die Überfahrt lösen wollen. Wir entscheiden uns für die Hallig, obwohl beides natürlich optimal gewesen wäre.

Schiff, ahoi!

Bernd Diedrichsen versucht einen Kompromiss, löst bis Hooge und meint: “Vielleicht kann ich euch auf der Rückfahrt auch noch Seehunde zeigen. Kann ich aber nicht versprechen.”

Wir nicken. Vielleicht haben die Seehunde ja andere Pläne, als ausgerechnet dann auf jener Sandbank zu liegen, wenn wir auf dem Rückweg vorbeiziehen? Aber jetzt geht‘s erst mal nach Hooge: 10 Warften, 107 Einwohner, ein 11 Kilometer langer Sommerdeich und zirka 90.000 Tagesbesucher pro Jahr.

Die zweitgrößte Hallig ist eben die beliebteste im Wattenmeer. Und mit fünf Metern über Normalnull ist sie auch die Höchste. Das bedeutet – zusammen mit dem Deich – seltener “Landunter” bei Sturmflut. Doch daran ist heute sowieso nicht zu denken.

Was für ein Tag!

Das Meer plätschert vor sich hin wie Badewannenwasser, der blaue Himmel gesprenkelt mit Bilderbuchwolken. Wir atmen tief durch und gucken einfach aufs Meer.

Nur der Kapitän erzählt weiter von Hochwassermarken und dem Wasserablaufsystem der Hallig: “Es dauert zwei Tage, bis das Wasser nach einer Sturmflut wieder weg ist.“

In einer Stunde sind wir am gelobten Ort. Der Strom der Tagesgäste ergießt sich an Land – zum Glück gibt es genug Platz auf Hooge! Man verteilt sich auf Fahrräder und bereit stehende Pferdekutschen, die sogenannten Hallig-Taxen, oder läuft einfach zu Fuß los.

Watttaugliche Boote

Sympathische Halligwelt: kein Schloss an den Drahteseln! Einfach nur abstellen und fertig, wie Autos in amerikanischen Filmen. Unsere anfängliche Unsicherheit verwandelt sich schnell in beglückende Leichtigkeit.

Schwerelos durch den Wind gleiten.

Die Ruhe, die Natur, das Meer genießen. Hooge scheint transparent, es sind kaum Zäune vorhanden, nur minimalistisch. Allenfalls dazu dienend, fotografierende Touristen auf Abstand zum Vieh zu halten, das allzu sanftmütig und braunäugig in die Linse glotzt. Top Models.

Doch die Kühe selbst, wozu brauchen sie Absperrungen, wohin sollten sie ausbrechen? Rund um die 5,6 qm große Hallig nichts als Watt und Wasser.

Wenn Kühe küssen.

Die Hanswarft ist schon von weitem ob ihres dichten Baumbestands zu identifizieren. Dort konzentrieren sich Gastronomie, Kultur und Politik der Gemeinde, hier sind Bürgermeister und Halligkaufmann zu finden. Und die Top Locations des sozialen Lebens!

Üppig wuchernde Stauden flankieren die schmalen Wege und schmücken die Gärten der Backsteinhäuser. Betörend diese friedliche Stille auf der Hallig – man hört nur das Summen der Insekten, das Kreischen der Möwen und andere Vogelschreie. Ab und an das Klappern von Hufen und menschliche Stimmen.

Die Fethinge erinnern noch an früher, als sie den Tieren als Trinkwassereservoirs dienten, bevor das Wasser vom Festland auf die Hallig kam. Erst seit 1969 sammeln die Hooger auch für sich kein Regenwasser mehr in Zisternen. Heute vervollständigt der Fething wie ein kreisrunder Ententeich in der Mitte der Warft die Hallig-Idylle.

Alles nur niedlich?

Zeit, an das leibliche Wohl zu denken! Unsere Wahl fällt auf die “T-Stube”, eines der ältesten Häuser der Halligwelt und, wie der Namen bereits andeuten will, mit einer Menge Teesorten im Angebot. Darunter die Hooger Friesenmischung, Sanddorn-Kräutertee, Hooger Grütze oder friesischer Biike-Glühpunsch.

Klingt alles fantastisch, aber dafür ist es heute zu warm. Also entscheiden wir uns für den selbstgemachten Holundersaft, dazu friesische Waffeln – in der Pfanne gebacken. Auf den Halligen scheint man die Traditionen zu hegen und pflegen, und kann so den Gästen auch mal so etwas “Exotisches” vorsetzen.

Zu den friesischen Waffeln würde man andernorts Crêpes sagen. Mit oder ohne Kirschen oder Beeren und Sahne schmecken sie vorzüglich! Dazu eine gute Portion Salz in der Luft, überall wo man geht und steht, denn dem Meer kann man auf einer Hallig nicht entrinnen.

Lost in space.

Text und Fotos: Elke Weiler

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

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