Norwegen Slow Life

Das arktische Möhrenwunder

Manchmal kann es an einem Stück Gemüse liegen, wenn sich dein Leben ändert. So geschehen bei Mathilde und Håvard Winther, die von Bodø (sprich: buda) nach Valnesfjord zogen. Traditionell eine gute Gegend für Lachse. Doch auch Karotten fühlen sich wohl hier, was nicht zuletzt am Boden liegt. Und im arktischen Sommer mit seiner Mitternachtssonne entwickeln sich mehr Süße als gewöhnliches Möhrengemüse.

Mathilde und Håvard verraten uns einen Trick: Sie ernten das eigentlich bitter schmeckende Möhrengrün und machen wohlschmeckenden Pesto daraus. Laut einer neuen Studie aus Indien, so meint Mathilde, sei das Grün noch gesünder als die Karotten. Und letztere entwickeln sich sogar besser, wenn sie am Ende ohne Grün dastehen.

Han sylte, Valnesfjord
Håvard und Mathilde

An dieser Stelle möchte ich kurz darauf hinweisen, dass Generationen von Meerschweinchen in meinem Zuhause jene beblätterten Stiele mehr geliebt haben als die orange Wurzel am anderen Ende. Sie wussten längst, was die Inder nun herausgefunden haben, doch keiner hat sie gefragt. Vermutlich hätten die putzigen Nager für Möhrengrün gemordet, wären sie nicht so durch und durch friedliebende Tiere.

Aber zurück zu den Möhren, die quasi schuld am Umzug der Winthers nach Valnesfjord sind. Vor drei Jahren ist es passiert. Mathilde und Håvard waren sowohl in Bodø als auch mit ihren Jobs als kombinierte Krankenpfleger-Sozialarbeiter durchaus zufrieden. Teilweise arbeiten die beiden auch jetzt noch in ihrem erlernten Beruf.

Han Sylte, Valnesfjord
Rhabarberketchup und Karottenmarmelade

Doch der Ruf der Möhren war stärker. Schon in Bodø fingen sie an, Karottenmarmelade zu produzieren, zunächst im privaten Bereich. Wobei der Begriff Marmelade vielleicht etwas irreführend ist, denn der Aufstrich kann locker als Chutney durchgehen, vor allem in der Variante mit Chili.

Aufgrund der hohen Beliebtheit ihres Produkts, beschlossen die beiden, das Ganze auszudehnen und eine Lizenz für die Produktion in ihrer Küche zu beantragen. Für die Möhren fuhren sie zum Valnesfjord, wo sie die Ausschussware der Bauern abholten. Krumme Karotten, die aus kosmetischen Gründen keine Chance auf dem Markt haben.

Valnesfjord, Norwegen
Und irgendwo dort hinten wachsen Möhren im arktischen Sommer.

„Es gibt Tonnen davon“, sagt Mathilde. Die Felder seien auf der anderen Seite des Fjords auszumachen. Doch was wir vor allem sehen, ist Schnee. Viel Schnee, der dieser ohnehin bizarr schönen Landschaft aus Wasser und Stein gut steht. Schnee, fein wie Puderzucker. Eisflächen, über die wir rutschten, um die Schönheit dieser Schneewelt für die Ewigkeit festzuhalten. Auf jeden Fall für uns, bevor wir in unsere wintergraue Region zurückkehren.

Eine Familie zieht mit ihren Tretschlitten vorbei, „spark“ nennen sie das geniale Gefährt hier. Ideal für den Winter – solange Schnee liegt. In Finnland hatte ich bereits das Vergnügen, über den zugefrorenen See mit dem Potkukelkka fahren zu können. Und ganz ehrlich: Ich könnte mich daran gewöhnen, so als saisonbedingte Fortbewegungsart.

Valnesfjord, Norwegen
Das Dorf am Wasser. 480 Einwohner, kaum Autos.

Überrascht schaue ich Mathilde an, als sie meint: „In Valnesfjord besitzen die wenigsten einen Wagen.“ Ok, Autos gelten als ausgesprochen teures Vergnügen in skandinavischen Ländern, es sei denn, man entscheidet sich für einen Elektro-Wagen. Das fördert der norwegische Staat, und auch die Lade-Infastruktur wächst und gedeiht.

Aber in Valnesfjord scheint alles auch ohne Autos prima zu funktionieren. Im Sommer fahre man Fahrrad, im Winter eben Tretschlitten. Im übrigen sei man durch die Bahnstrecke, die bis Bodø ginge, gut angebunden. Und dann gibt es noch die Busse. Wer also im gut 40 Kilometer entfernten Bodø arbeite, komme bequem mit den Öffentlichen hin und zurück.

Da man Mathilde und Håvard quasi die Karottenmarmelade aus den Händen riss, beschlossen die beiden, mehr daraus zu machen und sahen sich ein Haus in Valnesfjord an. Der Moment, als sie bei der Besichtigung vom Haus aufs Wasser, die Karottenfelder und die Berge sahen, das war jener magischer Moment, der sie in ihr neues Leben beförderte.

Han Sylte Plakat
Die Geschichte der Möhren, oder das Firmenplakat aus Designerinnenhand.

Sie und ihre drei Jungs. Ok, Nummer 3 stand zu dieser Zeit noch in der Warteschleife. Nun ist er ein Jahr alt, die beiden anderen fünf und sechs. Gemeinsam mit dem Paar stehen wir im Café, das Mathilde und Håvard in Valnesfjord eröffnet haben und blicken verständnisvoll in die Landschaft. Wer hätte dieses Haus nicht genommen!

Auch der Friseurladen schräg gegenüber profitiert einwandfrei von der Lage. Einmal Schnitt und Farbe mit Aussicht, bitte. Und lassen Sie sich ruhig Zeit! Doch, ein bisschen was hat Mathilde schon vermisst, als die Familie nach Valnesfjord zog. Etwa das Fitnessstudio. Doch die Einwohner organisierten sich und eröffneten kurzerhand eines. Schließlich freute man sich ja auch über das neue Café.

Möhrensuppe im Café, Valnesfjord
Beste Karottensuppe ever.

Dort nehmen wir nun Platz, denn die Suppe ist fertig. Karottensuppe, selbstredend! Inklusive Skrei, heiß begehrter Winterkabeljau aus der Gegend. Was mich an die Angeltour mit Fischer Swein vor den Lofoten erinnert. Nur das die im Sommer stattfand. Zur Suppe gibt es selbstgebackenes, noch warmes Brot. Und die Karottenmarmelade probieren wir auch noch. Sowie den Rhabarberketchup von Mathilde und Håvard.

Am Ende habe ich kaum noch Appetit, doch da locken die ebenfalls selbstgebackenen Zimtschnecken zum Kaffee. Und Familie Winther erzählt mit strahlenden Augen von ihrem neuen Projekt: ein Bed & Breakfast hier im Haus, Platz haben sie ja genug. Aus den Dachzimmern soll man vom Bett in den Himmel gucken können.

Zimtschnecken auf norwegische Art
Wenn es wirklich gute Gründe zum Bleiben gibt.

Wenn dann die Nordlichter tanzen! Mir reicht es jetzt wirklich. Angesteckt vom Enthusiasmus der beiden sowie von diesen Aussichten, beschließe ich, möglichst bald wieder in Valnesfjord auf der Matte zu stehen. Vielleicht endlich mal Urlaub zu machen, das kommt ja beim Reisebloggen immer zu kurz. Natur ringsherum gibt es in Valnesfjord jedenfalls genug, auch der Sjunkhattan Nationalpark liegt ums Eck. Zeit für Wanderungen, Skilanglauf, Touren mit dem Hundeschlitten…

Dazu später mehr. Wir fahren noch ein Stück in östlicher Richtung und landen unweit der schwedischen Grenze in einer alten Minenstadt, die heute mit genialer Streetart und neuem Leben aufwartet: Sulitjelma.

Text und Fotos: Elke Weiler

Meine Bergen-Bodø-Reise wurde ermöglicht von Visit Norway, Fjordnorway, Visit Bergen, Northern Norway, Visit Bodø und nicht zuletzt von Widerøe, einer Airline aus Bodø, die von Hamburg und München nach Bergen fliegt.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

10 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Liebe Elke, ein wunderschöner Beitrag und sehr schöne Bilder, da will ich gleich losfahren! Ich wünsch dir, dass du bald Gelegenheit hast , die Plätze die du am meisten liebst im „Urlaubsmodus“ zu genießen Enjoy your life – Silvia

  2. Avatar Ingrid sagt:

    Diese leckeren Köstlichkeiten aus Möhren sind außerdem sehr gesund. Und zum Dessert noch diese
    köstlichen Zimtschnecken!

  3. Avatar Marcel sagt:

    wow, ein schöner und ausführlicher Beitrag. Ich reise auch sehr gerne und habe noch viele Punkte auf meiner persönlichen Weltkarte, die ich noch bereisen möchte. Ich wünsche dir alles Gute und schreib weiterhin solch tolle Berichte. Liebe Grüße Marcel aus Berlin

  4. Avatar Carina sagt:

    Hi Elke! A very nice article about Valnesfjord and Mathilde and Håvard. I fully agree. They are doing something special out of carrots. Funny that you use the word Potkukelkka in the meaning of spark. I Come from Finland and Potkukelkka is the finnish word for spark ( norwegian)

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Bin schon gespannt auf dein Rezept! Wir hatten fast den ganzen Winter lang eigene Möhren, der Kleiboden hat tolle hervorgebracht. Aber du profitierst ja von der Mitternachtssonne im Sommer! :-)

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