Lesen Norwegen

Fünf Mal Norwegen

Meine nächste Reise geht nach Bergen und Bodø, und natürlich freue ich mich sehr auf Norwegen im Schnee. In Bergen bin ich bereits zwei Mal gewesen, beim ersten Mal nach einer Reise mit Bergensbanen und Flåmsbana von Oslo nach Bergen, darunter ein Stück mit dem Rad auf dem Rallarvegen. Quasi die Initialzündung für meine Nordliebe, dieser erste Trip nach Norwegen vor rund 20 Jahren.

Und das erste Buch von einem Norweger, das ich gelesen habe, war „Sofies Welt“. Gefühlt jeder hatte den Wälzer in den 90ern gelesen, was Jostein Gaarder zum Bestsellerautor machte. Ich müsste es noch einmal lesen, um mehr darüber sagen zu können. Daher möchte ich euch fünf andere Bücher aus Norwegen vorstellen.

„Leben“, „Lieben“, „Träumen“ von Karl Ove Knausgård

Als ich das erste Buch vom norwegischen Wunderkind in den Händen hatte, habe ich mich nur langsam daran gewöhnt. „Leben“ handelt vom jungen Erwachsenen Karl Ove, der nach dem Abitur als Hilfslehrer nach Nordnorwegen ging. Irgendwann hat es mich gepackt. Der Autor wurde mit seinen autobiografischen Büchern zu einem guten Bekannten. Nach „Leben“ machte ich eine kleine Pause, bevor ich „Lieben“ las. Es erzählt über die Zeit mit seiner Ex-Frau, das Kennenlernen in Stockholm, die Ehejahre in Malmö. Die Höhen und Tiefen einer großen Liebe. Ich dachte, schön war’s, aber mehr muss ich nicht von Knausgård lesen. Ich dachte, ich wäre runter von dieser „Droge“. Bis ich „Träumen“ in der Auslage der Buchhandlung sah. Hier geht es um Karl Oves Zeit in Bergen, im Königreich des Nieselregens. Ein Zeitraum von 10 Jahren, das Studium, die erste Ehe, die Schwierigkeiten und Selbstzweifel des angehenden Schriftstellers. Fast denke ich, ich kenne Knausgård schon zu gut.

„Der Lärm der Fische beim Fliegen“ von Lars Lenth

Der in einem norländischen Fjord angesiedelte Ökothriller bricht mit allen Klischees vom naturliebenden, Ruhe ausstrahlenden Norweger, dem das Jante-Gesetz quasi in die Wiege gelegt wurde. Rasant und präzise erzählt der Autor auf 227 Seiten (eBook) über reiche und kriminelle Lachszüchter und deren Gegenpart, sogenannte Ökoterroristen, die durch ebenfalls kriminelle Methoden auf die Missstände aufmerksam machen wollen. Über involvierte Wissenschaftler, die ihr Können mit Gentechnologie verschwenden. Über Gewissensbisse. Über Korruption und die Macht von Geld. Und vor allem über die großen Nachteile konventioneller Lachszucht, die Umweltsünden, die menschliche Arroganz. Leicht zu lesen ist das Buch, das man in kurzer Zeit verschlingt. Die Frage ist, ob man danach jemals wieder Zuchtlachs essen möchte. Zumindest keinen konventionellen.

„Gebrauchsanweisung für Norwegen“ von Ebba D. Drolshagen

Die Autorin ist Halbnorwegerin und bringt neben teilweise überraschenden Fakten auch gerne mal Persönliches in ihre Ausführungen, was dem Buch einen zusätzlichen Drive gibt. Die Themen sind vielfältig: Über die Bedeutung der Bunad, der norwegischen Tracht, berichtet Drolshagen ebenso ausführlich wie über den Umgang der Norweger mit der Katastrophe von Utøya. Die Autorin ist, das wird an mehreren Stellen deutlich, ein Fan von Jens Stoltenberg, in dessen zweite Amtszeit die rechtsradikalen Anschläge fielen. Keine leichte Zeit für einen Ministerpräsidenten, ein ganzes Land in Trauer.

Eine der sympathischsten Stellen im Buch widmet sich der Landschaft Norwegens aus Stein und Wasser. Drolshagen kann hier nicht anders, als Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“ zu zitieren: Norwegen als Meisterstück des Planetenbaumeisters Slartibartfast, für das er mit einem Designerpreis ausgezeichnet wurde. Und natürlich kommt die Autorin auch auf das norwegische „friluftsliv“ zu sprechen: Hier geht es darum, möglichst allein in der Natur unterwegs zu sein – „mit der Trittsicherheit einer Bergziege“. Lachend musste ich an meine eigenen Erfahrungen denken: Sagt ein Norweger, die Tour ist leicht, kann man davon ausgehen, dass man mindestens einmal auf allen vieren über ein Geröllfeld klettern muss – etwa bei einer „leichten“ Wanderung zum Vøringsfossen.

„Norwegen. Ein Länderporträt“ von Rasso Knoller

Schön zu lesen sind auch die Themenartikel meines geschätzten Kollegens Rasso, der vor Jahren als Auslandskorrespondent in Oslo arbeitete. Überrascht hat mich vor allem das Kapitel über die „Russ“ – Abiturienten, die zwei Wochen lang im Mai quasi durchfeiern. Und zwar vor den Prüfungen. Nicht überascht hat mich, dass dann einige durchsegeln. Sehr überrascht hat mich wiederum, dass die Schüler für eben diese Russ-Zeit jobben und viel Geld ansparen, denn die Party-Zeit ist recht kostenintensiv, jetzt mal ganz vom Alkohol abgesehen. Die Abiturienten fahren in dekorierten Gefährten mit lauter Musik durch die Gegend und hauen so richtig auf den Putz. Meine Schlussfolgerung: Unter der ruhigen Oberfläche der Norweger brodelt es.

„Die Geschichte des Wassers“ von Maja Lunde

Das Buch, das ich gerade lese. Und soviel kann ich schon mal sagen: Lundes Stil gefällt mir. Er ist unmittelbar und intensiv, zieht einen mit dem ersten Satz in die Geschichte. Eigentlich sind es zwei, denn wie auch schon bei der „Geschichte der Bienen“ verwebt die Autorin aus Oslo verschiedene Zeitebenen. Die erste siedelt in der Gegenwart an: Die Protagonistin Signe kehrt zurück an den Ort ihrer Kindheit am Fjord und stellt mit Entsetzen fest, dass das Gletschereis abgebaut wird, um es als Luxusgut in warme, reiche Länder zu verkaufen. Dann ein Sprung in die Zukunft, ins Jahr 2041. Frankreich wird von einer Dürreperiode ausgelaugt, Brände, glühender Asphalt. Wasser ist eine Rarität. Die Menschen fliehen: Ganz Südeuropa will in den Norden migrieren. Es ist ein Segelboot, das beide Geschichten miteinander verknüpft…

Noch mehr nordische Buchtipps? Hier geht es zu „Fünf Mal Finnland“ und „Fünf Mal Schweden“. To be continued.

Und nun seid ihr dran! Ich freue mich auf eure Buchtipps von norwegischen Autoren, über Norwegen etc.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

6 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar Kai sagt:

    Am Sognefjord haben wir vor wenigen Jahren Weihnachten gefeiert, genauer gesagt in Fresvik genau gegenüber von Bålestrand. Die Gegend hat sogar Kaiser Wilhelm geliebt und u.a. den Fritjov gespendet, eine beeindruckende Skulptur. Von hier aus ist man in etwa einer halben Stunde bequem mit dem Auto etwa 1100 Meter höher, bei trockenen minus 25 Grad und bis zu vier Metern Schnee. Lohnt sich also, den Abstecher von Bergen aus hier her zu machen, das ist gar nicht so weit. In unserer Verwandtschaft wird ein kleines Häuschen vorwiegend an Angler vermietet, von hier aus haben wir über Weihnachten zahlreiche Schweinswalschulen gesehen. Später kam auch ein Orca hinzu.
    Und Bødo mit seinem nördlichsten norwegischen Bahnhof, seiner tollen felsigen Küste und der Weite, das war unser Halt für eineinhalb Tage, bevor es auf die Lofoten ging. Im Sommer werden wir wieder hier sein. Die Karte für unsere etwa 10 wöchige Tour hängen wir demnächst auf. Und überlegen noch, welche Reiseziele wir mitnehmen.
    Norwegen, das ist so meine persönliche Heimat, in das ich am liebsten übersiedeln würde.
    Und ja, die Norweger können feiern. Dann holen sie die alten hellbunten Amy-Schlitten raus, was sie übrigens auch mit dem Ende des Winters tun. Was ich so schätze, dass sie nicht rasen- sie cruisen. Sie schleichen mit 25-30km/h durch die Orte, mit lauter Musik und einer Menge guter Laune. Exzessives rasen und drängeln mit tiefer gelegten Kisten und hochroten böse blickenden Köpfen ist ihnen fremd, sie wirken so entspannt, dass ich mir wünsche, unsere heißgelaufenen Jungs würden dort mal entdecken, was wirklich cool ist.

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Hei Kai, danke dir!
      Sprichst du eigentlich Norwegisch?

      Im Buch von Rasso habe ich noch etwas Lustiges gelesen: Dass den Norwegern die deutschen Wohnmobilsten das sind, was die holländischen den Deutschen bedeuten. Da geht es wohl um zwei Dinge: Zu langsames Fahren in den Kurven sei noch verständlich, wenn die Womos denn ab und zu den Normalverkehr vorbeiließen. Zweitens: Zu viel mitgebrachtes Futter. Aber Norwegen ist ja auch nicht gerade günstig.

      Jedenfalls bin ich auch am liebsten mit der Emilia in Skandinavien unterwegs, ganz klar. Alles gut, solange es keine ungewöhnlichen Steigungen gibt. :-) Entspannter als in Norwegen fährt man nur auf den Åland-Inseln.

      LG, Elke

  2. Avatar Kai sagt:

    Hi, Elke,
    Na, mein Mix ist Norwegisch und Schwedisch- einigermaßen. Habe eine Zeit lang regelmäßig in beiden Ländern gearbeitet. Die Dänen jedenfalls rätseln regelmäßig, aus welchem der beiden Länder ich zu Gast bin :-)
    Ja, die Norweger finden unsere GEIZ IST GEIL MENTALITÄT eher ein wenig peinlich. Ich mag das auch nicht. Denn, wenn man schon das Land nutzt, dann darf man gerne auch sein Geld da lassen. Es gibt eine sehr gute Discount Kette, mit der man auch als Deutscher sehr gut zurecht kommen kann: KIWI, modern eingerichtet, tolle Auswahl und wirklich für norwegische Verhältnisse günstig. Für mich gehört ein Einkauf auch immer dazu, um die Menschen im Land kennen zu lernen. Oft sind in den Kiwis auch ganz kleine Cafes mit 5-10 Plätzen.
    Nun bin ich auch kein Freund der großen Wohnmobile, da kann man Norwegen auch zuhause am Fernseher bestaunen :-) Je größer das Auto, desto kleiner der Kontakt zu den Norwegern.
    Als wir vor wenigen Jahren mit unserem alten Bulli (Emilia würde ihn lieben:-) ein kleines Dorf auf den Lofoten besucht haben, habe ich mir frisches Wasser aus dem Bach nehmen wollen. Da kam eine ältere Frau aus dem Haus und meint, ich solle mit herein kommen, ihr Wasserhahn liege direkt über der Quelle. Wir waren Mitte Juni da, also vor der Saison. Sie erzählte aber auch, dass ihr vor der Hauptsaison graue, wenn die großen Wohnmobile kämen und irgendwo auch die Kreuzfahrer. Dann steht auch eine Touristenbude am alten Hafen für Andenken. In dieser Zeit gäbe es für die Besucher offensichtlich keine Grenzen und keinen Respekt vor Gartentoren und Fenster. Sie würden alles niedertrampeln und in die Wohnungen glotzen.
    Wir haben ihr zum Abschied eine Flasche Rotwein geschenkt, beim Abschied hat uns das ganze Dorf mit seinen 25 Einwohnern gewunken. Das war echt rührend. Die Norweger wünschen sich ja nichts anderes als wir von unseren Besuchern: Respekt. Und so eine Emilia oder ein Bulli ist von mobiler Seite ein toller Botschafter. Und jeder Besucher ist ja auch irgendwie Botschafter seines Landes:-)
    p.s.: ich bin übrigens am 6.3. auf der ITB.

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Wie wahr! Und so ein schönes Erlebnis! :-) Das Ins-Haus-Glotzen habe ich schon häufiger gehört, auch hierzulande recht unangenehm. Ich bin am 6. noch nicht auf der Messe, komme erst am Nachmittag in Berlin an. Dir viel Erfolg!

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