Meerblog » Was von den 60ern übrig blieb

Was von den 60ern übrig blieb

Es knistert im Strandhafer. Gegen Abend kommen die Spatzen und picken in die vollen Ähren. Teilweise hängen sie kopfüber an einem Halm, Dinner-Akrobatik sozusagen. Immer wieder schauen sie sich um und wirken dabei geradezu verschmitzt. Danke für die Show, will ich applaudieren. Dann kommt das Essen. Im Strandkorb die letzten Sonnenstrahlen. Fehmarn.

„Hunger!“, meint auch der kleine Junge, der mit seinen Eltern die Promenade entlang spaziert. Sie sind lange am Strand gewesen, haben die Wärme bis zuletzt genutzt. Nun geht es zurück ins Hotel oder in die Ferienwohnung. Wie einer energetischen Bewegung folgend leert sich der Strand. Verflogen der Geruch von Sonnencreme, verstummt das Rauschen der Gespräche.

Spatz auf Fehmarn
Spatzenkino

Langsam werden die Bewegungen, als wolle man den Tag festhalten, jenes Glück am Meer zu sein. Seinen Duft im Haar, das Salz auf den Lippen, bevor man es weg duscht. Einsam schaukelt der Ponton mit der roten Rutsche auf dem kaum bewegten Wasser. Saisonende. Viele Strandkörbe sind schon geschlossen. Auch die Beachbars wurden aufgeräumt.

Geradlinigkeit

Die Ruhe der Nachsaison ist versetzt mit einem Hauch von Melancholie. Zwar ist immer noch einiges los, doch mangels Ablenkungen auf dem Wasser oder am Strand fällt der Blick aufs Meer und immer mal wieder auf die ungewöhnlichen Architekturen, die den Strand säumen.

Mit der schräg zulaufenden Struktur der in den 70er Jahren fertiggestellten Schwimmhalle will man die Jahreszeiten auf der Insel austricksen und ganzjähriges Schwimmen ermöglichen. Verantwortlich zeichnen die dänischen Architekten Arne Jacobsen und Otto Weitling. Design am Ostseezipfel Schleswig-Holsteins, Design, das in die Jahre gekommen ist. Design, das selten gewürdigt wird. Die Wände aufgelöst, fast skulptural wirkt die Konstruktion aus Glas, Betonstreben und Schrägdach. Skelettartig. Roh. Bizarr.

In den 60er Jahren ist ein Ferienzentrum am Südstrand entstanden, mit dominanten Hochhäusern, einem flachen und inzwischen baufälligen Haus des Kurgastes und eben jene zeltartige Schwimmhalle. Der Mut zur Form war da. Allein der Gesamteindruck ist verzerrt, das muss Jacobsen und Weitling aufgestoßen sein, war den Architekten doch an menschlichen Dimensionen gelegen.

Von Burgtiefe kommend nahm ich bei der Ankunft zunächst die kantigen Linien des Höhenrausches wahr, ja, ich erschrak ein bisschen beim Anblick der sogenannten IFA-Türme am Strand. Die Eleganz bemerkte ich erst später. Die Linienführung, klar und schnurgerade. Nichts Verspieltes, Organisches, Ungefähres haftet ihnen an, nirgendwo bleibt der Blick hängen. Er prallt ab, doch Ignorieren geht nicht, dazu sprengen die Hochhäuser zu sehr die Dimensionen. Was für ein Kontrast zur Natur, zum Meer.

Südstrand-Visionen

Zur Ehrenrettung der Architekten sei gesagt, dass die für Fehmaraner Verhältnisse abnorme Höhe nie Teil ihres Plans war. Allein die Bauherren wollten von maximal vier geplanten auf die heutigen 17 Etagen der drei Bauten aufstocken. Ging es nur um die Gewinnmarge? Die ganze Geschichte könnt ihr im brillianten Artikel von Jan Dimog auf The Link nachlesen. Seit 2016 stehen übrigens alle genannten Gebäude auf der Liste der Kulturdenkmäler.

Fehmarn sieht heute die Notwendigkeit, die Übernachtungsplätze aufzustocken. Mutig wäre, zugleich das Gesamtbild zu verändern, die Hochhäuser auf die geplanten vier Stockwerke zu reduzieren und für die sogenannte Spielwiese eine nachhaltige Architektur erschaffen zu lassen, die sich einerseits von dem Design der 60er Jahre absetzt, andererseits wie ein verbindendes Glied wirkt. Dafür würde ich mir ein Architekten-Team wünschen, das das Lineare der 60er Jahre aufgreift und ihm organische Formen integriert. Abgesehen davon, dass das Kürzen der Türme weder erwünscht noch machbar wäre, bleibt die Chance auf ein architektonisches Highlight am Südstrand.

Kirchners Arkadien

Zum Sonnenuntergang spaziere ich am Strand entlang, das ist hier so Usus. Manche sitzen auf den dicken, noch sonnenwarmen Steinen der Böschung oder lassen sich auf einem der ins Wasser ragenden Stege nieder. Ich flaniere weiter bis zum westlichsten Zipfel des Südstrands. Wo die Segler abends vorbeiziehen, um in den Yachthafen Burgtiefe einfahren.

Ein Schild gedenkt dem Expressionisten Ernst-Ludwig Kirchner, der die Boote und Buchten, das Meer und die Menschen von Fehmarn zu Beginn des letzten Jahrhunderts malte. Der seine Sommer auf Fehmarn liebte und in eine Art Schaffensrausch verfiel. Der die Veränderungen der 60er und 70er Jahre nicht kannte und die Insel als das erlebte, was ihn glücklich machte. Ein Ort ländlicher Idylle. Kirchners Arkadien.

Auf den Steinen der Böschung, den öffentlichen Bänken und der Terrasse eines Cafés geben die Leute heute ihre Sorgen ab, alle. Überlassen sie den Wellen der Ostsee, die sie freiwillig schluckt, und der abtauchenden Sonne. Das größte Farbspektakel inszeniert der Himmel, wenn der Feuerball nicht mehr zu sehen ist, und der Mond sichelförmig bis rund am Firmament steht.

Dann legen sich die Wolken ein rot-orange bis lilafarbenes Kleid zu. Und es lohnt sich, noch eine Weile an diesem Punkt zu verweilen, bevor man sich am Meer entlang auf den Rückweg macht. Sich vielleicht noch einmal in den Sand setzt und in die Reflektionen des Mondscheins auf dem Wasser vertieft. Tage am Strand zählen doppelt im Leben. Die Seele satt, die Haut prall von der guten Luft, der Körper wohlig müde.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Tourismus-Service Fehmarn, die mich zur Übernachtung eingeladen haben.

Am Strand von Fehmarn
It’s a feeling.

Ein paar Infos

Noch in 2017 wurde am drei Kilometer langen Südstrand großzügig Sand aufgespült, um Sturmschäden zu beseitigen. Als größter von 20 Stränden verfügt der Südstrand nicht nur über ein enormes Angebot in Sachen Amüsement vom Wasserpark bis hin zu Events wie dem schon legendären Midsummer Bulli Festival, sondern auch über den größten Trubel. Was sich in der Nachsaison allerdings diametral ändert. Zwei Strandrollstühle können während der Saison bei der DLRG ausgeliehen werden. Doch alle Bedürfnisse kann selbst ein Südstrand nicht erfüllen: Während es die Hundehalter weiter nach Meeschendorf oder Bojendorf zieht, kann man in Wallnau textilfrei baden.

Mehr Strandgeschichten aus Schleswig-Holstein? Hier geht es zur Hamburger Hallig, an die Flensburger Förde, nach Friedrichskoog, zum Selenter See und Wittensee.

9 Gedanken zu „Was von den 60ern übrig blieb“

  1. Liebe Elke,
    da lag ich also richtig mit dem, was Du beschreibst. Ich bin ja kein Hochhausromantiker und fand diese Klötze zunächst auch ziemlich daneben.
    Mittlerweile finde ich die Türme allerdings genial gelöst. Aus jedem Zimmer schaust Du zum Meer.
    Ich persönlich würde die Türme eher stehen lassen, aber alle Nebengebäude, die unten abgesetzt sind, abreißen und neu gestalten.
    Ich habe meinen ersten Schleswig-Holstein-Urlaub tatsächlich als Kind am Südstrand verbracht, als ich noch nicht hier oben lebte.
    Und von Kiel oder Eutin sind wir oft spontan nach Fehmarn gefahren. Gerade als Ausflug für meine pfelgebedürftige Mutter war der Südstrand eine tolle Möglichkeit, gut mit dem Rollator noch einige 100 Meter zu gehen oder später im Rollstuhl geschoben zu werden.
    An einem ersten Advent bin ich mit ihr als Überraschung dort wieder hingefahren. Sie konnte da nicht mehr viel. Aber ich hab im Bulli den Tisch ausgeklappt, eine Kerze angezündet, ein paar Kekse und eine Thermokanne ausgepackt, mit ihr dort aufs Meer geschaut und von meiner Kindheit am Südstrand geträumt.
    Vielen Dank für die Erinnerung..
    Liebe Grüße und falls Du heute beim Bikebrennen bist, genieß den Grünkohl:-)

    1. Lieber Kai,

      da habt ihr es euch aber schön gemütlich gemacht!
      Also ich mag das Design-Schwimmbad lieber als die Hochhäuser, die Urbanität am falschen Ort ausdrücken. Auf eine neue Nutzung vom Haus des Kurgastes wäre ich allerdings gespannt.
      Wart ihr eigentlich schon mal auf dem Bulli-Festival?
      Die Biiken von SPO, Schobüll und Wyk fallen aus, vermutlich noch mehr. Da bleibt nur noch der Grünkohl. ;-)

      Liebe Grüße, Elke

      1. Ja, auf dem Bullifestival waren wir. Fand ich persönlich aber eher langweilig, zu kommerziell. Kommt an das Oldtimertreffen auf Romø Ende August nicht ran. Da fahre ich lieber nach Wolfsburg ins VW-Museum:-)

        Die Hochhäuser in anderer Farbe würden schon ganz anders wirken. Beispielsweise die Logofarben von Fehmarn. Schriftfarbe an die Fassade der beiden äußeren, die Emblemfarbe an die Fassade des mittleren Hauses.

        Ich finde das Konzept in Schweden interessant. Verändert oder erweitert man ein Haus, was unter Denkmalschutz steht, muss es einen modernen Kontrast bilden, das ist gesetzlich vorgegeben.

  2. Hallo liebe Elke,

    vielen Dank für den schönen Beitrag und die damit hervorgerufenen Erinnerung an unseren letztjährigen Urlaub. Wir waren spontan über Pfingsten das erste mal auf der Insel. Nach 2 Tagen waren wir so sehr von der Insel begeistert, das wir unseren Sommerurlaub 2019 kurzfristig umgebucht haben von ursprünglich Kühlungsborn nach Fehmarn. Und es war genau die richtige Entscheidung. Eine traumhaft schöne Insel, welche unheimlich viele tolle Ecken hat. Als Hobbyfotograf zog es mich fast jeden Abend an die schönen Strände um die tollen Sonnenuntergänge zu genießen und auch fotografisch festzuhalten.

    Aber auch die vielen tollen Hofcafes haben einen tollen Rustikalen aber dennoch gemütlichen Charakter. Letztes Jahr im Sommer stand während unseres Urlaubs die Tortenbotschaft Fehmarn am Yachthafen Burgtiefe. Sowas geniales an Kuchen habe ich bisher nur auf Fehmarn gegessen. Zum krönenden Abschluss hatten wir noch einen Tag auf dem SUP Festival am Südstrand. Auch das kann man als kleine Familie sehr gut mitnehmen auf der tollen Insel.

    Liebe Grüße Andreas

    1. Lieber Andreas,

      das klingt so gut! Und dann auch noch mit Kuchen! :-) Von dem SUP-Festival hatte ich noch gar nicht gehört, war das zum Mitmachen? Ich muss ja zugeben, dass ich immer schon mal zum Bulli Festival wollte.

      Liebe Grüße, Elke

  3. Fehmarn ist immer schön für einen Kurzurlaub und trotz der Bausünden kommt der norddeutsche Charme sofort rüber. Momentan gibt es wohl tausende Hamburger und Norddeutsche, die sich bei den ersten Frühlingstemperaturen nach der Insel sehnen. Bald sitzen wir wieder am Meer und genießen den Sonnenuntergang!

  4. Ich fände es sehr gut, die 60er Jahre Architektur mit organischen Formen zu ergänzen. Ich bin auf der Insel groß geworden. Ich bin später weg gezogen und überlege nun, nach Fehmarn zurück zu kehren und eine Immobilie zu kaufen. Ich vermisse das Meer, und meine Eltern sind auch nicht mehr die Jüngsten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.